Fastenzeit, die Mutter der Keuschheit - Deutschsprachige Orthodoxie

Wie war denn die Zeit denn vor dem heutigen Tag? Es war eine Zeit der Irrwege. Die Seele verlor sich in allem, was ihr an Annehmlichkeiten in den Blick fiel – in Gesichtern als auch in Dingen und am allermeisten in sündigen Leidenschaften. Jeder hat seine eigene Leidenschaft, denen er es in allem recht zu machen sucht. Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Erkenne ein jeder seine Delila, die ihn bindet und an die bösen Feinde verrät, und verlasse sie.

Mehr wird dir gegeben sein als dem Samson: Nicht nur die Haare – die guten Gedanken – werden nachwachsen, und nicht nur die Kraft wird zurückkehren – die Stärke des Willens, sondern auch die Augen werden sich öffnen – deinem Geist, dem Nous, werden sich die Augen öffnen und er wird den Herrn sehen und sich selbst und was um dich herum ist im richtigen Licht.

Siehe, jetzt ist die Zeit günstig! Dies ist der Tag der Erlösung!

(Hl. Feofan der Klausner, Gedanken zu jedem Tag im Jahreskreis)

Fasten heißt zuerst einmal, auf Sinnesgenüsse bewusst zu verzichten. So kann sich die Aufmerksamkeit des Geistes dem Dialog mit Gott und mit sich selbst (dem eigenen Gewissen) zuwenden.

Es kam die Fastenzeit,
die Mutter der Keuschheit,
die Anklägerin der Sünde
und Mahnerin zur Buße,
die Lebensweise der Engel
und die Erlösung der Menschen.
Wir Gläubigen
wollen ausrufen:
O Gott, erbarme Dich
unser !

Apostich. (Ton 5) vom ersten Montag der großen Fastenzeit


Die hl. Vierzigtägige oder große Fastenzeit

Erzpriester Alexios v. Maltzew

Die Einsetzung dieser Fasten reicht bis in die apostolische Zeit, zur Erinnerung an das vierzigtägige Fasten des Moses (Ex 34), des Elias (3./1. Kön 19) und nach dem Beispiele Christi selbst; diese Zeit wird die große Fastenzeit genannt mit Rücksicht auf die Anzahl der Tage und auf die Wichtigkeit und Bedeutung derselben fiir den Christen, indem die Zeit der Fasten hauptsächlich eine Zeit der Buße, Beichte und Kommunion ist; demgemäß hat auch der Gottesdienst einen anderen Charakter als in der übrigen Zeit. So z. B. findet der feierlichste christliche Gottesdienst, die Liturgie, nur an den Sonnabenden und Sonntagen in den großen Fasten statt, mittwochs und freitags aber wird die Liturgie der „vorgeweihten Gaben“ gehalten.

Es findet das große Apodipnon statt (in der ersten Woche [Mo. – Do.] mit dem Bußkanon des hl. Andreas von Kreta), mehrfach wird das Gebet des hl. Ephraim von Syrien gelesen (bis zum Blumen-Freitag), das Lesen der Psalmen wird ebenfalls vermehrt, und überhaupt nimmt im Gottesdienste das Lesen einen größeren Raum ein als der Gesang, der mehr einen freudigen Zustand der Seele ausdrückt. Die Sonntage der großen Fastenzeit, sowie auch einige von den Wochentagen derselben haben besondere Eigentümlichkeiten. — So wird am Sonnabend der ersten Woche das Gedächtnis des hl. Groß-Martyrers Theodoros Tiron (gest. 17. Febr. 316) gefeiert, der die Christen vor dem Genusse solcher Speisen warnte, welche auf Befehl des Kaisers Julianos des Abtrünnigen durch Berührung mit dem Blute der Götzenopfer besudelt waren, und sie ermahnte, an deren Stelle mit Honig gekochtes Getreide zu essen. Zur Erinnerung hieran werden noch jetzt von der Kirche die Kolyba (mit Honig gekochte Weizenkörner) gesegnet.

Quelle: eparhia-salavat.ru

Der erste Sonntag in der großen Fastenzeit heißt der Sonntag der Orthodoxie, zum Gedächtnis des Sieges der Kirche über alle Häresien, vornehmlich über die Bilderstürmer (842).

Am zweiten Sonntag gedenkt die Kirche dankbar der Wirksamkeit des hl. Gregorios Palama, Erzbischofs von Thessaloniki (1841), betreffend die Aufdeckung der Ketzereien des Barlaam und Akyndinos (welche die Lehre der Kirche nicht anerkannten, dass es möglich ist, geistige Erleuchtung durch Gebet und Fasten zu erlangen).

Im Gottesdienst des dritten Sonntags und der ganzen vierten Woche wird das hl. Kreuz nebst den Früchten des Kreuzestodes des Erlösers gefeiert, zur Stärkung der vom Fasten Ermatteten und zur Versüßung der Bitterkeit desselben.

Am vierten Sonntag zeigt uns die Kirche als ein hohes Beispiel der Askese den hl. Joannes Klimakos (6. Jahrh.), der die Entwicklungsstufen der geistlichen Vervollkommnung in seinem Buche „Leiter zum Paradiese“ geschildert hat.

In der fünften Woche hat die hl. Kirche den Donnerstag ausgezeichnet, in dessen Morgengottesdienst der ganze „Bußkanon des heiligen Andreas von Kreta“ und nach dem Kathisma das Leben der hl. Maria von Ägypten (gest. 580) vorgeführt wird. Am Sonnabend derselben Woche findet ein Bittgottesdienst statt, bei welchem der „Akathistos“ zur hochheiligen Gottesgebärerin gesungen wird. Am folgenden Sonntag aber wird das Gedächtnis der hl. Maria von Ägypten, der großen Büßerin, begangen.

Am Freitag der sechsten Woche beendigt die Kirche die vierzigtägige Fastenzeit, und bittet den Herrn, dass er uns würdigen möge, die Woche seines heiligen Leidens zu sehen. Der Sonnabend erinnert uns an die Auferweckung des Lazaros als Beweis der göttlichen Allmacht Jesu Christi und als Unterpfand der allgemeinen Auferstehung der Toten. — Den natürlichen Übergang zur Leidenswoche bildet die Feier des Einzuges des Herrn in Jerusalem am Palmsonntag.

Maltzew, A, Erzpriester: Fasten- und Blumentriodion, Berlin 1899, II S. 29

Gebet des Hl. Ephrem des Syrers

Herr und Gebieter meines Lebens,
Gib mir nicht den Geist des Müßiggangs, des Verzagens,
der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit.

Schenke vielmehr mir, Deinem Diener,
den Geist der Keuschheit, der Demut,
der Geduld und der Liebe.

Ja, Herr, mein König, gewähre mir,
meine Sünden zu sehen
und meinen Bruder nicht zu verurteilen,
denn gesegnet bist Du in alle Ewigkeit, Amen.

Hl. Ephräm der Syrer
Hl. Ephräm der Syrer

Predigt zum Beginn der großen Fastenzeit

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