Über Rod Drehers "Benedikt-Option" - Deutschsprachige Orthodoxie

Eine Rezension von DOM-Mitglied Dr. Wolfgang Lindemann

mit einem Kommentar von Cornelia Hayes. DOM freut sich auf weitere Wortmeldungen!


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Zeit zu erwachen

Jede Generation kann mit einigem Recht sagen, jetzt sei es schlimmer als früher: unsere Großeltern in den Weltkriegen und Christenverfolgungen in „roten“ oder „braunen“ Diktaturen. Das 19. Jahrhundert mit den Folgekriegen der französischen Revolution und der Verelendung der Arbeiterschaft durch die industrielle Revolution – aber diesmal ist es wirklich NOCH schlimmer: Diesmal trifft es nicht die Gesamtgesellschaft, sondern die Christenheit und gerade in den freien „liberalen“ Demokratien. Und es kommt zu keinen starken geistlichen Erweckungsbewegungen wie im 20. und 19. Jahrhundert, weil das westliche Christentum eben durch diese liberalen Gesellschaften von außen UND von innen vernichtet wird: Seit fast 2 Generationen sind alle beobachtbaren Parameter christlichen Lebens (wie Gottesdienstbesuch) im freien Fall und entweder wie in Frankreich nahezu verschwunden oder wie in Deutschland kurz davor[1]. DAS gab es noch nie, und wir haben es noch nicht mal gemerkt – und wo wir es gemerkt haben, begreifen wir weder, wie es dazu kam noch was wir tun könnten, obwohl doch der Grund offenbar ist: die unermessliche Verführung durch die „Welt“ – die Massenmedien tragen überallhin alles, nur nicht die Botschaft Jesu, sondern ein „Evangelium von Spaß haben und/durch Konsum“, sagt Dreher: dessen „christliche“ Version er „Moralistisch-Therapeutischen Deismus“ nennt, verkürzt „Gute Menschen kommen in den Himmel, gut ist wer freundlich, gut und fair mit anderen umgeht, das Lebensziel ist glücklich zu sein – ohne dass Gott eine besondere Rolle spielt außer wenn man Hilfe braucht“. Und, fügt Rezensent hinzu, weil dieselbe liberale Gesellschaft, gerade weil sie liberal ist, für sie ganz natürlich auch theologische Ausbildungsstätten finanziert und wir uns gerne helfen lassen … bekommt sie damit zugleich Einfluss auf deren Lehrpersonal, das dann zwangsläufig auch nach „liberalen“ Kriterien ausgewählt wird. Und dann der neuen (Theologen)Generation Bibelkritik, Relativismus und Schlimmeres beibringt.

Darum ist es Zeit, zu „Erwachen“, wie der Untertitel der Einleitung des Buches „Die Benedikt-Option“ von Rod Dreher lautet, in den USA ein Verkaufsschlager, der derzeit in diverse Sprachen übersetzt wird und dessen deutsche Auflage auch im deutschsprachigen orthodoxen Buchverlag „Hagia Sophia“ vertrieben wird  – ist doch Rod Dreher einer von uns. Jahrgang 1967, aufgewachsen in einer liberalen post-reformatorischen evangelischen Großkirche, hat er sich in seinen 20ern zum Katholizismus bekehrt, ein Erwachsenenleben als konservativer katholischer Intellektueller verbracht und etwa zeitgleich wie die Hagia Sophia-Gründer um 2005 zur Orthodoxie gefunden.

Diskriminierung des Christentums ist Realität

Im Einzelnen sei erläutert –  trotz Langversion doch mit der gebotenen Kürze -, was der Buchtitel in einem Satz sagt: Zunächst: Wir Christen prägen nicht mehr die Gesellschaft – auch nicht mehr in den USA wo das noch vor kurzer Zeit anders war – im Gegenteil, wir sind gerade im ehedem freien Westen am Rande der offenen Verfolgung. Stichwort „Antidiskrimination“. Seit 2005 wird z.B. in Frankreich bestraft, wer öffentlich Homosexualität als der Heterosexualität moralisch unterlegen bezeichnet. Oder wenn ich in meiner Allgemeinmedizinpraxis eine „ungewollt Schwangere“ überzeugen möchte, nicht abzutreiben, gar Hilfsadressen von Lebensschutzorganisationen gebe und die meldet das, dann bin ich vielleicht beim ersten Mal noch nicht meinen Beruf los, aber bekomme mindestens ein Jahr Berufsverbot. Und es wird schlimmer – in den USA ist es schon schlimmer, durch die Macht der 5 „GAFAM“ – Großkonzerne, die weltweit mit ihren riesigen finanziellen Mitteln massiv z.B. die LGBT Bewegung fördern, großen Politik- und Medieneinfluss haben … so dass gesellschaftlich akzeptierte Verfolgungsmaßnahmen gegen Christen entstehen[2] : „Antidiskriminierung“ heißt konkret, dass es entsprechende schwarze Listen für Großunternehmen gibt, wieweit sie innerhalb ihrer Firmen die LGBT-Ideologie fördern = u.a. wieviele ihrer Angestellten unterschreiben, die Ziele der LGBT-Bewegung zu fördern. Welchen insbesondere christlichen Schulen und vor allem Universitäten die Zulassung zu entziehen ist oder deren Absolventen nicht einzustellen sind, weil sie derart „diskriminieren“. Diese Listen werden auch Grundlage für die Vergabe von Regierungsaufträgen und Fördergeldern sein. Der säkulare Pseudomessias Barack Obama (Meinung des Rezensenten), mittlerweile längst Multimillionär durch Vorträge und Memoiren, hatte schon damit begonnen: Seine Administration strich Schulen, die sich weigerten, einen Jungen, der „entdeckt“ hatte, er sei ein Mädchen, sich auch in der Mädchenumkleide umziehen zu lassen, alle staatlichen Fördergelder. Eine Maßnahme, die Trump wie viele andere ähnlicher Art wieder rückgängig gemacht hat; Trump ist sicher nicht erkennbar ein Christ – und seine hübsche Tochter deren Physis, die so wie die der ihr fast gleichaltrigen x-ten Ehefrau ihres Vaters vollständig im Internet zu bewundern ist – trat unter Einfluss ihres Mannes aus der East-Coast jewish „nobility“, zum Judentum über und setzt ein brutal zionistisches Programm durch (auf Kosten christlicher wie mohammedanischer Palästinenser). Der Grund für den blanken Hass der linksliberalen Mainstreammedien liegt m.E. hier, in Trumps „Vererdung“ im (noch) „normalen“, schweigenden, nicht linksliberal-akademischen, körperlich hart arbeitenden Amerika und nicht in unakzeptablen Äußerungen etwa über Frauen (dieselben Medien verschwiegen so lange wie möglich bei linken Spitzenpolitikern weit schlimmere Entgleisungen – sexueller Missbrauch von Untergebenen und Teilnahme an in Frankreich verbotenen Parties mit Prostituierten bei Dominique Strauss-Kahn, der um Haaresbreite französischer Präsident geworden wäre, um ein Beispiel zu nennen).

Überlebensstrategien

Jedenfalls müssen wir also unbedingt Strategien entwickeln, als Subkultur und Minderheit in einer feindlichen Mehrheitsgesellschaft zu überleben (womit ja gerade die Orthodoxie reichlich Erfahrung hat, von Nordafrika über Kleinasien bis zum Balkan …), und zugleich den „Trend“ umzukehren, denn schicksalhaft-unabwendbar ist der Niedergang nicht[3].

Wir sollen unsere Kräfte nicht (mehr) zuerst in den politischen Kampf z.B. gegen Abtreibung stecken (Dreher schreibt für USA-Verhältnisse), stattdessen den Reichtum unserer christlichen Tradition nicht nur wiederentdecken, sondern effizient weitergeben – durch christliche Schulen. Wir sollen möglichst enge Gemeinschaften bilden, über unsere Gemeinden – in „Ghettos“ werden wir nie abrutschen, dazu ist die Gesellschaft viel zu offen –, geistig, moralisch und selbst physisch: Zusammengehörigkeitsgefühl, gemeinsam beten, Bibel und Kirchenväter lesen…, aber auch bevorzugt bei christlichen Unternehmern einkaufen und vor allem, wenn irgend möglich, physisch nahe der Gemeindekirche wohnen. Man geht in eine Kirche nicht „nur“ zum Beten, sondern neutestamentliche Gemeinden sind (Über)lebensgemeinschaften, wie es die Synagogengemeinden im und seit dem jüdischen Exil waren – wir Christen sind theologisch die wahren Juden. Je mehr wir so zusammen sind, desto einfacher ist es für uns, einfach, weil es guttut, Gleichgesinnte zu sehen und mit ihnen ein Schwätzchen zu halten. Und man sich, wenn man sich kennt und sieht, auch beisteht, wenn’s nötig ist, gerade Familien untereinander. Dreher beschreibt da seine eigene Erfahrung, und zeigt, dass diese typisch war[4] . Weiter: Unsere Gemeindepriester sollen nicht nach dem Prinzip verfahren „Reizthemen meiden um so viele wie möglich noch zu halten“ sondern wie die Apostelbriefe und der Herr selber in den 7 Briefen an die Kirchen Kleinasiens das Gute loben, lehren was unbekannt ist oder vergessen wurde und öffentliche Sünde tadeln. Ganz besonders im Bereich „Sexualität“. Enthaltsamkeit und Keuschheit bis zur und in der heiligen Ehe, und nicht nur wegen der massenhaften Trennungen und Alleinerziehenden als Armutsrisiko Nr. 1. Ich teile die Meinung Drehers – 10% des Buches widmet er diesem Thema – dass die 68er mit ihrer Enthemmung aller Triebe im Allgemeinen und der Sexualität im Besonderen eine zentrale Rolle bei der Entchristlichung spielen.

Familie und Kinder

Wenn die Prediger nicht mehr sagen, dass und warum wir bis zur Ehe enthaltsam und vor wie in der Ehe keusch leben sollen (und dass Gott ALLES vergibt, wenn wir Ihn nur darum bitten), woher sollen wir Überzeugung und Mut zum Anderssein nehmen?? Was ist der tiefere Grund für diese zentrale Rolle der „sexuellen Revolution“? Zunächst gewöhnte sie die Gesamtgesellschaft daran, dass intimes Beisammensein ein Konsumgut zum Spaß haben ist und mit dem „Sexualpartner“, der ja notwendig ist, als Person wenig zu tun haben kann, und mit Familie oder gar Kindern schon gar nicht. Wenn intimes Beisammensein – leider verwendet Dreher wie auch die deutsche Übersetzung den modernen, bereits von dieser Mentalität geprägten Ausdruck „Sex“ –   nichts mit Familie zu tun hat, dann ist es nur folgerichtig, dass auch gleichgeschlechtliche Paare das RECHT auf Heirat erhalten (was ihnen dieselben Rechte auf Steuererleichterungen gibt, die Ehepaaren zustehen weil diese normalerweise kostspielige Kinder haben werden, was für die Gesamtgesellschaft notwendig ist). Und das geschah 2015, für Dreher war das der Wendepunkt. Weiterhin wünschen sich viele Menschen, gleich welcher „sexuellen Orientierung“, Kinder zu haben, Kinder sind ein Reichtum, und da das „Homopaare“ naturgemäß nicht selber können, gab ihnen schon die Obama-Administration das Recht zur Adoption und schloss obendrein alle insbesondere christlichen Adoptionsorganisationen, die grundsätzlich nur an „klassische“ (biblische) Ehepaare vermitteln. Unter dem Stichwort „(Anti-)Diskrimination“. (Trump hat das vor kurzem rückgängig gemacht). In Wahrheit ist die Zeugung neuen menschlichen Lebens eine Verbindung von zwei Personen – Adam „erkannte“ seine Frau, der Mensch ist das EINZIGE Lebewesen bei dem die Partner sich bei der Lebensweitergabe ins Gesicht sehen. Und sich mit allen Fasern aneinanderbinden. Als Assistenzarzt in der Psychiatrie habe ich viele Patienten nach Selbstmordversuch gesehen, und immer war ein Element „rupture sentimentale“ dabei, als Faustregel war es umso dominierender, je jünger und je intimer der „Verlassene“ mit dem anderen gewesen war. Als Christen sind wir einmal durch die Taufe und bei jeder Kommunion wieder Glied am Leib Christi – in einem physischen Sinne, wie wir ja eben keine körperlosen Engel sind. Es ist ein Unterschied, zu sagen „Jesus mein Herr“ oder bei der großen Metanie vor Ihm niederzufallen, wie schon Menschen zu Seinen Lebzeiten. Da wir der Leib sind, dessen Haupt Jesus ist, nimmt Er an unseren Handlungen teil – auch am Missbrauch der Sexualität. In der ganzen Bibel aber ist die Liebe zwischen Mann und Frau Abbild der Liebe zwischen Gott und Seinem Volk, Jesus und der Kirche – DAS ist der „geistliche“ Grund, weswegen intimes Beisammensein nur in der Ehe sein soll. Dass es meine langjährige Beobachtung ist, dass sobald Christen voreheliche Intimbeziehungen haben, sie für den Glauben meist rasch verlorengehen, und umgekehrt, die sich bekehren, fast immer solche sind, die einen „natürlichen“ Sinn für die Keuschheit haben, ist für mich eine sichtbare Bestätigung dieses tiefen kosmischen – sagt Dreher – Zusammenhanges zwischen Geschlechtlichkeit und Gotteserkenntnis.

Die Regel des heiligen Benedikt

   Didaktisch geschickt und geistlich angemessen – Ziel ist ein Leben in engster Verbindung mit dem Herrn Jesus – macht er sein „Maßnahmenpaket“ an der Klosterregel unseres orthodoxen Heiligen Benedikt fest – geordneter Wechsel von Arbeit, Gebet, Studium in stabilen kleinen Gemeinschaften, die sowohl Askese wie Gastfreundschaft üben, mit Bibliothek und Klosterschule. Und auf die Umgebung eine Strahlkraft hatten und immer haben werden. So wurde schon einmal das heutige Abendland christianisiert, mag auch die Benediktregel kein Idealtypos des echten orthodoxen (athonitischen) Klosterlebens sein (Stichwort: „Jesusgebet“ – fehlt der Regel). Für unsere Zwecke – wie ÜBERLEBEN wir als (orthodoxe) Christenheit = wie bleibt die nächste Generation Christen – genügt es, und überhaupt schreibt Dreher so, dass er Christen aller vier „Konfessionen“ (katholisch, evangelisch-großkirchlich, evangelisch-freikirchlich und orthodox) anspricht. Dadurch die Hundertausende verkauften Bücher mit der entsprechenden Breitenwirkung – die wir brauchen um die Verfolgung, die beginnt, vielleicht noch abzuwenden und vielleicht sogar den Trend umzukehren, derart ist das Programm der LGBT-Bewegung gegen die menschliche Natur. In 30 Jahren werden uns die Kinder, die von „Homopaaren“ aufgezogen werden, uns unsere heutige „Liberalität“ bitter vorwerfen.

Defizite

Aber daher auch manche Kompromisse, darunter einige unglückliche (welche, sprengt selbst diese Langversion) und zwei grundsätzliche Probleme des Buches: Drehers Erklärung, wie die Krise entstanden ist, halte ich für falsch und sein Konzept für „klassische christliche (Schul)bildung für schwer defizitär. Tieferer Grund für beides ist nach meiner bescheidenen Meinung, dass er nicht wirklich so denkt, wie ein „erweckter“ oder „wiedergeborener“ Christ, um einen freikirchlichen Ausdruck zu nehmen., „gotttragend“ entspricht dem in etwa in der Orthodoxie – er war vielleicht zu lange Katholik („Glaube ist alles für wahr halten, was die Kirche zu glauben vorlegt“ war die falsche klassische vatikan-katholische Katechismusdefinition seit dem Tridentinum). Er redet von „small-o-orthodox christians“ = „rechtgläubigen“ Christen, weil er wohl gesehen hat, dass es in allen Konfessionen über so zentrale Dinge wie Ehe und Familie eine Einheit geben kann – aber ihm fehlt das Verständnis und damit auch das richtige Wort, dass diese Einheit in der grundsätzlichen Bereitschaft zur Nachfolge Jesu besteht, mag man sich auch über den Inhalt von Jesu Botschaft täuschen. „Orthodox“ im Sinne von „rechtgläubig“ ist jedenfalls gänzlich ungeeignet, um den gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen Konfessionen zu beschreiben.

Für Dreher ist Glaube nicht zentral ALLES, die ganze Existenz, Jesus anzuvertrauen, zu Jesus zu sagen „Mein Herr und Gott“ statt ungläubig zu sein (z.B. Joh. 20, 27f.). Und auch darum versteht er nicht wirklich DIE zentrale Bedeutung von Bibelstudium, der GANZEN Bibel (Gesetz und Propheten, die Geschichte Gottes mit uns), weil und dass und warum die Bibel ein grundsätzlich anderes Buch ist als jedes andere Buch: wegen der Erhabenheit ihrer Botschaft, wegen ihrer inhaltlichen Einheit – trotz Dutzenden Autoren über 1500 Jahre. Wegen der Exaktheit ihrer historischen und archäologischen Informationen – und wegen der alleine in Jesus hunderten erfüllten Prophetien. Und weil diese Beweise für den göttlichen Ursprung der Bibel in ihr selber enthalten sind, ist bibeltreues Christentum unzerstörbar und die Orthodoxie – die Kirchenväter waren, was die liberale Gesellschaft heute höflich „unkritische Bibelfundamentalisten“ nennt – ist ebenso unzerstörbar, weil es wegen  ihrer echten kollegialen Struktur einfach niemanden gibt und schon gar keinen „Stellvertreter Christi“, der die Orthodoxie von innen zerstören kann. Und weil die Bischöfe aus dem Mönchtum kommen, mögen auch einige realiter vorher eher gewesen sein, was die römisch-katholische Kirche einen zölibatären Weltpriester nennt. Unsere Bischöfe kommen normalerweise eben nicht aus den Reihen der liberal geprägten Theologieprofessoren und haben obendrein eine andere Funktion als ihre katholischen und evangelisch-großkirchlichen Homologe: mehr segnen und predigen als lehren und leiten (evangelisch-freikirchliche Christen kennen kein Bischofsamt). Es wird immer wieder und immer mehr Schismen geben, ja, aber bibeltreues = orthodoxes Christentum ist von Gott selbst so abgesichert, dass es nicht zerstört werden kann, nicht insgesamt. Aber alleine schon weil biblische Texte kurz und dicht sind, über 2000 Jahre und ein Dutzend Hochkulturen umfassen, uns die Lebensweise der vorindustriellen Gesellschaft fremd geworden ist, kann die Bibel nur wirklich verstehen, wer weiß, was die Weisheit Ägyptens war, wer die Sumerer, Akkader, Hethiter, Kreter, Assyrer, Babylonier, Perser und erst ganz am Ende die Römer und Griechen waren – auf die Dreher sich als guter (Ex-)Katholik beschränkt, auch in seinem defizitären Entwurf für christliche Schulen. Und weil Dreher die zentrale Bedeutung des Bibelstudiums nicht versteht[5], versteht er auch nicht – erwähnt nicht einmal- die zentrale destruktive Wirkung von Bibelkritik (anders als z.B. Tribbelhorn, siehe Anmerkung [1])

„Klassische“ Bildung als Heilmittel?

Und unvermeidliche Folge ist seine falsche Erklärung der Ursachen der Krise – und sein defizitärer Entwurf für eine „klassisch christliche Bildung“, wie er es nennt (die die eines Katholiken ist):  Zunächst lässt Dreher die „Große Flut“ wie das zweite Kapitel heißt, in der Renaissance beginnen – und nicht im Schisma des Patriarchen von Rom Jahrhunderte früher; überhaupt hat er die Orthodoxie, der er doch selber angehört, in seiner Analyse überhaupt nicht im Blick (siehe erneut [5]). Insgesamt sucht er die Wurzeln der Krise an den Universitäten, beginnend mit dem Nominalismus der Spätscholastik, der Reformation, den darauffolgenden Religionskriegen und der „Aufklärung“ (im Bereich des Patriarchen von Rom!) und schließlich – da fängt es an, weniger falsch zu werden – in den Erschütterungen durch die französische und dann die industrielle Revolution und schließlich die Weltkriege bis zur sogenannten sexuellen Revolution. Tatsache ist, dass gerade im Mittelalter bis noch in die frühe Neuzeit die Universitäten nur winzige Teile der Bevölkerung erreichten. Das eigentliche Problem war, dass der schismatische Patriarch von Rom sich erst selber überhöhte und dann damit Missbrauch trieb. Nicht nur Ablasshandel, sondern dass der einfache Gläubige – die „Aufklärung“ stellt uns noch heute das Mittelalter als „finster“ und barbarisch dar, aber das ist historisch falsch – aktiv von der Lebensquelle der Heiligen Schrift ferngehalten wurde und natürlich prompt von Gott wegkam – bzw. Erweckungsbewegungen, wo sie nicht durch die beiden westlichen Großkirchen verhindert wurden, immer genau das als Basis und Ziel hatten. Dass es auch im „finsteren Mittelalter“ möglich gewesen wäre, dass jeder Erwachsene gut genug lesen lernen konnte, um die Bibel selber zu studieren (unbeschwert von Bibelkritik, die es noch nicht gab in jener paradiesischen Zeit!), beweist das Judentum und das allgemeine Bildungs- und Kulturniveau sowieso.

Analog ist meine Kritik seines Modelles einer klassisch-christlichen Bildung: Sicherlich ist das klassische Trivium Grammatik – Logik – Rhetorik den Entwicklungsstufen des Kindes und Jugendlichen angepasst. Aber die gelehrten Inhalte sollten nicht, neben ein bisschen Bibel und Katechismus, die heidnischen griechischen und römischen Klassiker sein, sondern zuerst die Bibel selber, und die Kulturen, in denen sie entstand und was noch dazu gehört, um ihren Text verstehen zu können. Angefangen bei Sumerern und Ägyptern und dazu, in der heutigen Zeit, die Antworten auf Bibelkritik, die die Glaubwürdigkeit der Bibel zerstört (siehe Tribbelhorn[1]). Das Judentum hat seit den Zeiten des Exils eine Kultur des Unterrichts hervorgebracht, der auf Fragen und Antworten, in-Frage-stellen und Antworten finden beruht und bis heute erhalten, die in der schismatischen Kirche des Patriarchen von Rom und deren Abspaltungen verlorengegangen ist. Aber in Freikirchlichen Kreisen lebendig ist: (siehe wiederTribbelhorn[1])[6].Übrigens sagt Dreher, dass nach soziologischen Untersuchungen nur jene Christen, die ihren Glauben auch begründen können, auch noch nach der Collegeausbildung weiter gläubig sind, aber diese zentrale Einsicht erscheint doch nur am Rande.

Fazit

Das Buch wirkt insgesamt – man möge dem Rezensenten das harte Urteil verzeihen, er hofft sich zu irren – als das eines nicht-wiedergeborenen oder nicht-gotttragenden Katholiken, der seit 1 ½ Jahrzehnten aus Überzeugung aber ohne echte innere Umgeistung zu unserer Orthodoxen Kirche gehört. Aber seine eigentliche Botschaft „Wie überleben wir und lassen sogar vielleicht bald wieder die antichristliche Flut sinken“ ist gut, erprobt (die Orthodoxie hat Jahrhunderte nach diesen Rezepten unter mohammedanischer Herrschaft überlebt) und so zu empfehlen wie, mit den genannten Einschränkungen, insgesamt das ganze Buch es doch ist, jedenfalls solange es das einzige bedeutende Werk seiner Art ist.


Anmerkungen

[1] Wie sich das in den USA für die Orthodoxie darstellt siehe hier . Dieselben Beobachtungen machen auch freikirchlichen Kreise z.B. Thomas B. Tribbelhorn. Die Bibel ist ein Mythos – muss ich das glauben? SCM-Verlag-Hänssler Holzgerlingen 2016 (Originalausgabe Hevel Media International USA 2010, 2012)

[2] Vgl. einen aktuellen Artikel in der FAZ – mit seinem negativen Unterton – über Papst Benedikt XVI zu seiner Autobiographie: Das Buch des zur orthodoxen Kirche „abgefallenen“ Ex-Katholiken Dreher hat nicht zufällig ein Vorwort von Benedikts engstem Vertrauten und jahrzehntelangem Privatsekretärs …

[3] Mönche und Klöster leiten die Wende ein: Siehe diese Dokumentation über Ephraim von Arizona auf Youtube

[4] Originär sind nicht so sehr seine Gedanken, als ihre summierte geschickte Darstellung als Buch. Vergleiche z.B. hier.

[5] Ein wundervolles Beispiel, welche Kraft im Wort Gottes liegt, wenn man es so nimmt, wie die Kirchenväter es genommen haben ist Mijnders-van Woerden. Gladys Aylward. Die Frau mit dem Buch. CLV e.V. Bielefeld 5. Auflage 2018. Und das obwohl für Gladys Aylward die historische Kirche mit dem Ende der Offenbarung an Johannes aufgehört hatte und immer wieder neu „nur“ auf Basis der Bibel „erfunden“ werden musste. 

[6] In romanhafter und sicherlich mit Projektion von späteren Verhältnissen in eine Zeit, über die wir wenig wissen, aber doch z.B. nach Quellen wie dem Talmud plausibler und vor allem eingängiger Form lässt sich diese Art des Unterrichtens nachlesen in Lynn Austin. Hüter des Erbes. Die Geschichte von Esra. Francke-Buchhandlung  Marburg an der Lahn 2. Auflage 2016 (Originalausgabe Bethany House USA, 2014)

… und ein Kommentar dazu von Cornelia:

Bemerkungen zu Wolfgang Lindemanns Rezension

Lieber Wolfgang!

Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Tenor der Wertschätzung wie auch Kritik einverstanden. Aber  unsere Webesite spricht nicht nur orthodoxe Christen an, die sich dort, wo es „knirscht,“ schon ihren richtigen Reim machen werden, sondern auch nicht-Orthodoxe. Darum hier einige Anmerkungen.

  1.  Terminologie.

Sie vermuten, und ich meine, zu Recht, an Dreher einen Mangel an geistlicher Verankerung. Aber Begriffe wie „fehlende Wiedergeborenheit“ oder „Erwecktheit“ stammen der freikirchlichen Traditionen. Nun kann man sowas auch als Orthodoxer mal gebrauchen. Dann sollte man aber, um falsche Eindrücke beim nicht-orthodoxen Leser zu vermeiden, Klärendes hinzufügen. Auch sollte man einen orthodoxen Ausdruck wie „Gott-tragend“ nicht verwenden, um das gemeinte Defizit bei Dreher zu beschreiben: Wenn nur Gott-tragende Christen Bücher schreiben dürften, würden unsere orthodoxen Verlage bald eingehen: die wirklichen Gott-Träger schweigen nämlich meistens.

2. Bezugnahmen auf biblische Texte.

  • Sicherlich haben die Liebesbeziehungen (neben Essen und Schlafen ein Hauptgebiet „inkarnierter“ Askese) für das Glaubensleben zentrale Bedeutung. Ihre Aussage: „Da wir der Leib sind, dessen Haupt Jesus ist, nimmt Er an unseren Handlungen teil – auch am Mißbrauch der Sexualität“ wird jedoch durch die Tradition nicht gestützt. Leib Christi sind wir Christen genau insoweit, als wir Ihm nachfolgen. Gewiß trägt die Kirche als dieser Leib die Wundmale unserer Sünden. Aber das erlaubt uns noch lange nicht, Christus zum Beteiligten dieser Sünden zu machen. Es erlaubt lediglich, unsere Sünden als erneute Wunden zu verstehen, die wir Christus zufügen. Die Sonderstellung der Unkeuschheit besteht darin, daß wir uns selbst als den Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor. 6:19) verunreinigen.
  • Auch bei der „echten kollegialen Struktur“ der Orthodoxie muß man das Mißverständnis einer bloß demokratischen Verfaßtheit (Marke „Wir sind Kirche“) abwehren. Gerade diese „kollegiale Struktur“ steht ja – durchaus biblisch – unter dem Proviso: „So erschien es dem Heiligen Geist und uns“ (Apg. 15:28).

3. Zur Bedeutung des Bibelstudiums.

  • Sie sehen bei Dreher eine Vernachlässigung des Bibelstudiums, das den gesamten Corpus umfassen sollte. Tatsächlich erschließt ja gerade diese Gesamtheit dem Leser die Geschichte Gottes mit Seinen Menschen. Warum dann aber auch noch Weisheiten der Ägypter, Sumerer, Akkader, Hethiter, Kreter, Assyrer, Babylonier und Perser einbeziehen? Darüber habe ich bei orthodoxen Theologen nichts gefunden. Viel wichtiger ist es, bei den gottesdienstlichen Lesungen anzusetzen. Sie sollten wir im Kontext kirchlicher Feste als Schlüssel für eine rechte Bibel-Lektüre verwenden.
  • Gewiß ist die Bibel ein Buch eigener Art. Das liegt aber nicht zentral an der Erhabenheit der Botschaft, inhaltlichen Einheit und (kühn versichert!) Exaktheit historischer und archäologischer Informationen. Entscheidend ist der Offenbarungs-Charakter der Heiligen Schrift. Hier spricht der Heilige Geist durch die Propheten (2. Petr. 1:21), und Christus Selbst ist das Wort, das über Ihn gesagt wird.
  • Zu Recht weisen Sie auf die Unzerstörbarkeit bibeltreuen Christentums hin. Aber diese liegt nicht darin, daß die Bibel „Beweise für ihren göttlichen Ursprung“ enthält: Viele haben die Bibel gelesen (und kritisiert!), ohne sich von ihrem göttlichen Ursprung überzeugen zu lassen. Es bedarf zum richtigen Verständnis biblischer Texte einer „Umgeistung“ seitens des Lesers, d.h. unter anderem seines reuigen Herzens.
  • Der Ausdruck „bibeltreues Christentum“ ist gefährlich. Er deckt sämtliche Protestantismen mit ab, die doch die biblischen Texte vielfach falsch verstanden haben. Von der „Bibeltreue der Orthodoxie“ sollte man nur reden, wenn man hinzufügt, daß der biblische Kanon eine Funktion der lebendigen Kirche ist, und daß allein die Tradition dieser Kirche in ihrer Gesamtheit und Stimmigkeit den richtigen Zugang zum Verständnis biblischer Texte gewährt.

4. Zur christlichen Bildung

  • Im Blick auf die Bedeutung der Bibel-Lektüre werfen Sie dem Katholizismus vor, er habe die private Bibel-Lektüre nicht gefördert. Doch auch orthodoxe Kulturen haben ein solches Studium nicht uneingeschränkt befürwortet. Wer ohne gründliche kirchliche Einbettung „auf eigene Faust“ die Bibel liest, landet häufig (wie die Geschichte zeigt) Häresien. Darum kann ich auch Ihrer Empfehlung, man solle Kinder „zuerst“ die Bibel lesen lassen, nicht unbedingt zustimmen. In seinem Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der heidnischen Literatur hat der Heilige Basilius ausdrücklich die Unfähigkeit der Jugend hervorgehoben, ohne Vorbildung die biblischen Texte mit ihren hohen Anforderungen angemessen zu „verdauen.“
  • Ich teile durchaus Ihre Bewunderung für die jüdische Kultur ernsthaften Studiums der Schrift. Ein „in Frage Stellen und Antworten finden“ hat seine Berechtigung auch für Menschen, die sich der Orthodoxie nähern. Wie schön wäre es, wenn sie immer theologisch Gebildete fänden, die auf ihre Fragen antworten wollen und können! Aber die Methode hat Grenzen: Sie macht zugänglich nur, was dem Lernenden selbst bereits fraglich erscheint. Das eigentliche und entscheidende geistliche Wachstum, und damit dann auch das vertiefte, „noetische“ Verständnis des Glaubens, erschließt sich für uns durch den Gehorsam gegenüber dem Wort und das Vorbild eines geistlichen Vaters.
  • Darum bleibt mir auch Ihre Zustimmung zu Drehers Bezugnahme auf „soziologische Untersuchungen problematisch. Da heißt es, nur jene Christen, die ihren Glauben auch begründen können, blieben auch noch nach der Collegeausbildung gläubig.“ Sowas gilt vermutlich für heterodoxe Christen. Ein begründen-Können ist zwar auch für orthodoxe Christen durchaus wünschenswert (besonders in nicht-orthodoxen Milieus, wo wir nach außen wirken und Rechenschaft ablegen müssen über unseren Glauben). Aber für unser Verbleiben im Glauben sind solch eher rationale Fähigkeiten nicht zentral. (Orthodoxe Großmütter unter sowjetischer Herrschaft hätten keine Gründe für ihren Glauben angeben können. Sie wußten mit Leib und Seele, was richtig ist, und schleppten ihre Enkel heimlich zur Taufe in irgendeiner Untergrund-Kirche.)
  • Ihre Überbewertung einer rationalen Begründbarkeit zeigt sich auch in Ihrer (meiner Ansicht nach nicht ganz berechtigten) Kritik an Drehers Betonung der mittelalterlichen Universitäten als Ursprüngen der „Aufklärung“. Sicherlich haben Sie recht zu betonen, daß entscheidend auch der Machtanspruch der Päpste war, und daß die universitäre Bildung im Mittelalter nur wenige erreichte. Aber die Verlagerung des Zentrums der Theologie vom Kloster (mit seiner Betonung des Gebets) in die Universität (mit ihrer Betonung rationaler Stringenz) hat eine tiefgreifende Bedeutung für den Wandel des Verständnisses von Theologie gehabt. Die Priester haben diesen Wandel in ihre Seelsorge, die Mönche in ihre Schulen eingehen lassen. Das alles prägte dann auch die gebildeten und kulturell dominanten Laien.

Lieber Wolfgang, aus vollem Herzen stimme ich zu, wenn Sie feststellen, daß Drehers Buch wichtige Inspirationen enthält. Unsere DOM-Mitglieder können sich auf Ihren Vortrag bei der Herbsttagung freuen, bei dem Sie diese Kostbarkeiten ausbreiten wollen. Aber Ihr Schlußwort, es sei das „einzige bedeutende Werk dieser Art“ wird hoffentlich demnächst auch für deutsche Leser überprüfbar werden, wenn die Übersetzung von Engelhardts „After God“ abgeschlossen sein wird, an der Julian Dettling im Moment arbeitet.

Herzlichen Gruß, Cornelia