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Steinbeck, John – Früchte des Zorns

(1939 | 540 S.)

Meinung

Cornelia meint:

Dieses Buch hat mich umgehauen. Ich konnte es nicht weglegen. Tief beeindruckt von der Menschenkenntnis und Menschenliebe des Autors. Sein genaues Hinsehen auf Natur, Tier und Mensch – einen Kosmos, der eine eigene Art von Heiligkeit ausstrahlt, trotz Tod und Teufel.

Das Ganze ruht natürlich auf protestantischem Urgrund, ist aber völlig ent-christlicht. Beißend der Hohn über die „Fromme“, die vor Selbstgerechtigkeit platzt und das schwangere Mädchen, das eh schon verzweifelt ist, weil der Vater sich verdrückt hat, mit Schuldgefühlen in den Wahnsinn treibt. Und doch ist die Liebe, die dort in der Familie und in der Solidarität zwischen den Armen lebt, eine zutiefst göttliche Liebe. Klarsichtig für alle Irrungen und Schwächen.

Und hier beeindruckt in erster Linie Ma, die Mutter, die aus inneren Kraftquellen der Mütterlichkeit die ganze Familie zusammenhält und dann letztlich das Auseinanderbrechen nicht verhindern kann. Besonders eindrucksvoll ihre Schärfe, Härte und Klarheit über nötige Prioritäten und Entscheidungen, durch die sie am Ende die Herrschaft der Männer über die Familie selbst übernimmt: Männerherrschaft ist was für gute Tage; inmitten von Katastrophen bringt nur die Mutter die nötige Kraft und Einsicht auf. Schön, dass dies nicht zur feministischen Agenda wird: Wenn wir endlich Land kriegen (was nie geschehen wird), darf Pa sie wieder mit dem Stock verhauen, um Ordnung zu schaffen. Aber in der Katastrophe wird seine Kraft zur Schwäche und seine Hirn-Fokussiertheit zur  Ratlosigkeit.

Und für mich zum Vorbild wird sie durch ihre Fähigkeit zur De-Eskalation (eine Tugend, die mein Mann hat, ich aber nicht.) Diese Mutter weiß haargenau, wann sie ihre hochneurotische schwangere Tochter nur bezärtlichen und einmummeln muss, und wann harsche Befehle helfen. Ebenso für die kleineren, Ruthie und den Jungen: stets befolgt sie Paulus‘ Warnung: Eltern, provoziert eure Kinder nicht. Und sie sorgt dafür, dass Ruthie nie  einsehen muss, wie sehr ihre Impulsivität und Schwatzhaftigkeit der Familie schadet. Sie beschützt sie vor Schuldgefühlen, die ihre Widerstandskraft (in Hunger, Kälte, Lebensgefahr) schwächen würde. Und mit derselben Klarsicht provoziert sie Mann, Schwager und Sohn: Erst wenn sie die Männer richtig wütend gemacht hat, sind diese, rein aus Trotz, wieder bereit, für sich und die Familie zu kämpfen!

Eindrucksvoll auch die Hauptfigur: der Sohn Tom, der wegen Totschlags in Gegenwehr im Gefängnis saß und auf Bewährung eine prekäre Freiheit gewinnt. Durch einen zweiten Totschlag (als Rache für den Mord an Casey, dem Freund), wird er zur Gefahr für die Familie und muss sich trennen. Ende Unklar.

Bewundernswert auch jener ex-Prediger Casey, der mit der Tatsache nicht zurechtkommt, dass das, was er für Überkommensein durch den Heiligen Geist gehalten hatte, ihn immer wieder in die Sünde treibt. Als Orthodoxer versteht man das sofort: die Gefahr der dämonischen Selbsttäuschung. Casey ist aber ehrlich und verliert seinen Glauben (an ein eh schon verkehrtes Christentum). Ständig ist er nahe dran an der Lösung, die der Autor dem Leser als Botschaft ans Herz legen will: Solidarität unter den Armen und Zorn auf ihre Ausbeutung werden das Recht einer Revolution garantieren. In der Rezeption seines Romans in den dreißiger Jahren wurde Steinbeck darum als Kommunist gesehen – und man kann es ihm nicht verübeln. Tisdales Bösewichte aus ihrem Californien-Buch erscheinen hier niemals persönlich, ja sie haben vermutlich gar kein PersonSein mehr, weil sie nur noch aus Gier nach Eigentum und Zahlen auf Papier bestehen.

Eindrucksvoll auch Onkel John, der ein so tiefes Gefühl für die eigenen (eingebildeten und tatsächlichen Sünden) mit sich herumträgt, dass er darüber zum Trinker und verrückt wird. Auch hier sieht man als Orthodoxer nicht primär die Pathologie, sondern die Wahrheit seines Sündenbewußtseins – nur halt im falschen theologischen Rahmen.

Auch hier gerät mein libertäres Markt-Denken schwer unter Druck. Der ganze amerikanische mittlere Westen hat durch intensive Bebauung durch Kleinbauern die Erde erschöpft, Erträge gehen zurück, man verschuldet sich, am Ende gehört das Land, das für seine Bebauer Leben und Heimat und Identität war, den Banken, und die setzen im Interesse industrialisierter Landwirtschaft Traktoren zur Zerstörung der Bauernhäuser ein. Natürlich hätten jene Kleinbauern längst Konsequenzen ziehen müssen aus der von ihnen klar erkannten Minderung ihrer Erträge. Aber sie waren mit Leib und Seele Bauern. Ihr Blut lag im Land. So wurden sie zu Opfern und mussten zu Hunderttausenden dem Ruf der großen Landbesitzer nach California folgen, die sie alle gegeneinander ausspielte und die Löhne unter das Existenzminimum drückte. Sehr bewegend auch die Rolle der Regierung, die ein camp bereitstellt, in dem einige die Segnungen der modernen Zivilisation samt Wasser-Toiletten und Square dance am Samstag genießen und erneut zu Menschen werden, die sich überdies wirksam und human selbst verwalten. Doch auch hier verhungert man. Und am Ende kommt der Winter und sein Regen schwemmt alles weg.

Hätte es mehr proaktives Handeln der Regierung gegeben, schon bei der ursprünglichen Vertreibung der Bevölkerung, dann hätte man das Massensterben vermeiden können. Aber für sowas braucht man halt zuerst die Herausforderung durch den Kommunismus und dann die sozialdemokratische Lösung – die ihrerseits neue Versuchungen und Schäden mit sich führt.

Jg ***

Info

Erscheinungsjahr20. Jh., 1. Hälfte
Seiten300-600
AutorSteinbeck, John
Für Jugendliche:Empfehlung

Kommentare

Kommentar zu: Steinbeck, John – Früchte des Zorns.

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