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Wolfe, Thomas – Look homeward Angel

(1929 | 784 S.)

Meinung

Cornelia meint:

Diese Schwarte macht mich ratlos. Das pure Entsetzen. Eigentlich wissen wir ja, dass die Menschen von Gott gut und schön gemacht wurden. Und Spuren davon lassen sich in dieser von Mitgefühl geprägten Darstellung der entsetzlichen Familiendramen überall finden. Jeder ist Täter und Opfer zugleich, und das baut sich auf zu Verhältnissen, die wie in einem Geröllgebirge überall Hindernisse, Schmerzen, Enttäuschungen aufstapeln. Manchmal gibt der Autor den Blick frei von den Höhen der Berge um Altamont, wo die Tuberkulosekranken aus den Südstaaten Erleichterung finden. Aber unten in der Stadt braut sich Elend aller Arten, das umso schmerzlicher ist, weil immer wieder auch die Schönheit der göttlichen Schöpfung in diesen Menschen hervorleuchtet, – nur fast ganz erstickt unter Eitelkeit, Gier, Neid, Egoismus. Es gibt den Raum für Träume, und besonders der jüngste Sohn, Eugene, darf noch lange weiterträumen, wenn es den anderen längst im Alkohol oder in der Küchenarbeit vergangen ist. Es gibt auch Liebe und Barmherzigkeit, aber auch diese so überschattet, dass sie nutzlos im Boden versickern.

Der englische Text ist schwer für mich: es fehlen so viele Vokabeln wie sonst nur bei Shakespeare, und dann auch noch der Süd-Staaten slang. Mein Buch hat schöne Zeichnungen, die im Wörterwust Erholung schaffen. Bei alledem frage ich mich: wer, außer mir jetzt, sollte sich sowas zumuten? Natürlich, das ist auch ein Bild von Amerika, und vom ersten Weltkrieg, wie er dort sein Echo fand. Und überhaupt vom amerikanischen Leben – immer mit der Sehnsucht nach den alten Erdteilen. Aber was soll das mir?

Und dann kriege ich die Antwort: Wolfe hält uns hier einen Spiegel vors Gesicht. Der Graus, dessen Zeuge wir werden, berührt uns so schmerzlich, weil wir ihn kennen. Auch wir richten solche Giftsuppen in unseren Familien an. Und das nackte Grauen, was die beschriebene Sippe manchmal ergreift – wir kennen auch das. Am Gelesenen sind wir persönlich nicht beteiligt, sondern nur als Betrachter. Aber wir durchschauen von dieser Position aus die Not, die im Hintergrund aller einander angetanen Greuel liegt. Und es ist diese Erkenntnis, die uns vielleicht trainieren kann, hinter jene Verfehlungen unserer Mitmenschen zu blicken, die uns wehtun, aber denen wir gerecht werden können nur dann, wenn wir die Zentralperspektive des eigenen Leids überwinden. So wie Eugene ab und zu gar nicht anders kann, als seiner fürchterlich un-mütterlichen Mutter zum Trost zu werden.

Und dann kann man sogar noch einen draufsetzen und sagen: Wir blicken hier in einem fremden Land unter fremden Menschen auf den Maschinenraum der Hölle. Wir können die Dämonen sehen, wie sie ihre Hebel und Räder bedienen, die uns zu Unmenschen machen. Und die Engel? Tja, da muss jeder selbst ran und nach der Barmherzigkeit Gottes suchen, von der Wolfe insgeheim doch überzeugt ist.

Jg***

Info

Erscheinungsjahr20. Jh., 1. Hälfte
Seiten> 600
AutorWolfe, Thomas
Für Jugendliche:Empfehlung

Kommentare

Kommentar zu: Wolfe, Thomas – Look homeward Angel.

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