
(um 1900 | 2000 S.)
Man ordnet ihn dem Naturalismus zu – also im Unterschied zum Realismus (etwa bei Hebbel) einer nicht sehr liebevollen Neigung, alles auf das brutal Naturgemäße (Leidenschaftliche) zu reduzieren – samt Seelensehnsucht, die nicht mehr gefüttert wird.
Ich hab die ganze frühe Werkausgabe gelesen, dann Sprengels riesige Biographie, die wirklich vollständig ist. Sie bestätigt aber meinen Eindruck: das ganze Werk Hauptmanns ist autobiographisch. Es ist immer sein Leben, seine Erfahrungen, die er dramatisiert oder episiert. Ist ja okay.
Schlimm ist in der frühen Phase der Weber (abgesehen von der bewundernswerten Empathie des Autors), dass er Die Willensfreiheit leugnet und nur die Massen als die wahren Akteure wahrnimmt.
Er war immer irgendwie human, aber kein Christ, sondern verluderte in Pseudo-Religiösem. Darum (sag ich mal) blieb für ihn auch immer das Ich und seine Stellung das Zentrale, und dem opferte er seine durchaus vorhandene Einsicht in die Unmenschlichkeit der Nazis. Vieles, der Geniekult und das Völkische, kann man nachvollziehen. Und ja, sein Haus gehörte zu den Orten, wo freie Rede möglich blieb. Mit den Emigranten hatte er nix gemein, Thomas Mann war ihm ein Ekel. Er bemühte sich um Gradheit und Wahrheit – nicht ganz mit Erfolg.
Beklemmend bleibt, wie mich seine Werke immer wieder bewegten und als wahrhaft groß beeindruckten. Es bleibt die Irritation. Auch über Hauptmann als Beispiel für die charakterlichen Verformungen, die zum Erfolg gehören.
Cornelia
Gerhart Johann Robert Hauptmann war ein deutscher Dramatiker und Schriftsteller. Er gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus, hat aber auch andere Stilrichtungen in sein Schaffen integriert. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Wikipedia
Meinung
Cornelia meint:
Vor Sonnenaufgang
Revolutionäre der sozialen Frage kontra Angepasste, und zugleich die Verderbtheit, moralisch und genetisch, des Volks, für das man sich eigentlich einsetzen will
Loth kommt als Idealist (das ist Hauptmann selbst). Helene, Stieftochter des Hauses, ist einsam und edel. Man findet sich. Aber wie Loth erfährt, dass der Vater säuft, verrät er seine Liebe um der Prinzipien willen und lässt Helene als Beute ihres Schwagers.
Der soziale Idealist, und tritt die Liebe mit Füßen.
JG-
Friedensfest
(soll Ibsens Gespenster reflektieren und auch wieder die Vererbungslehre)
Können Ida und Mama, die Lichtgestalten, die verkorxte Familie Wilhelms aus Schuld und Nerverei erlösen? Gegen all the odds schafft es Mama, den Vater Wilhelms zu erreichen. So gibt es den Moment der Allversöhnung, auch mit Wilhelms Bruder.
Das Ganze bricht nachher zusammen, weil der Bruder zwar durch Vaters Verwandlung einen Moment lang selbst zum Mitmenschen wurde, dann aber, weil er Idas rettende Liebe nicht gewinnen kann, wieder versinkt im unrettbaren Zynismus.
Ein retardierendes Moment, als Mama diesen Reinfall zur Selbsterniedrigung ihrer philanthropischen Hybris veranlasst, wobei sie aber zugleich Wilhelm in die Hoffnungslosigkeit zurückstößt. Aber Ida kann hier erlösen.
Bewegend ist, wie diese Mama erkennt, dass sie sich zu viel zugetraut hat. Fast verdirbt sie alles. Dies ist realistisch: ohne Gott geht das eben nicht. Dass Idas Liebe rettet, ist romantisch schön.
OR
Einsame Menschen
Eltern fromm – und wirklich ganz wunderschön – Kinder nicht mehr. Diese Frömmigkeit passt nicht mehr in die moderne naturwissenschaftliche Zeit (wie auch Hauptmann meinte).
Es geht um das Ideal einer Mann und angereiste Freundin verbindenden geistigen Geschwisterlichkeit neben der Ehe, die die Ehefrau Käthe, überdies mit Baby belastet, total überfordert: An der Besuchs-Muse Anna sieht sie, vom eigenen Ehemann der Bestätigung beraubt, immer nur den eigenen Mangel. Aber die von ihr ebenso idealistisch zugrundegelegte totale Ehevereinigung ist ebenso unrealistisch. Auf sowas kann man nur kommen, wenn man den Primärkontakt zu Gott verloren hat.
Grundübel ist die „bahnbrechende“ Arbeit des Johannes, zu der Anna ihn beflügelt. So wird jene Eindringlingin unersetzbar für seine „große Mission“. (Da mag Hauptmanns Ehe-Erfahrung mit drinstecken: dass man neben der Frau mit ihren Gefühlen und Ansprüchen noch zusätzlich eine Muse braucht.) Auslöser der Katastrophe wird das Gebet des alten Vaters: lieber soll unser Kind (d.h. der verheiratete Johannes) sterben, als in Sünde fallen. Denn (erst) beim Abschiedskuss an Anna, die endlich abreist, wird Johannes jenes Begehren klar, das der Vater schon längst in ihm diagnostiziert hat, als Sünde. So wendet sich dieses väterliche Gebet für den Sohn in die Rechtfertigung seines Selbstmords (im See, – die können alle nicht schwimmen…)
All dies überträgt sich in eine Anklage gegen das Christentum, da dieses bei tauben Ohren nur schadet.
Unbegreiflich ist diese Anna – nur mit sich und Johannes beschäftigt, ohne Blick auf Käthes Verkümmern. Aber ich war ja auch mal so.
Für uns wird klar: die Gott-gewollte Zweisamkeit klappt nur als Dreisamkeit, bei der man eigene Bedürfnisse, die unerfüllt bleiben, auf Gott wirft. Die Vorstellung einer Ehe als gegenseitige Erfüllung (und wenn das nicht klappt, muss die Muse her) ist einfach heidnisch. Für uns bedeutet Ehe, dass man sich kreuzigt am anderen. Da bleibt kein Platz für Musen.
Wichtig ist dieses Stück auch als Warnung vor der Emanzipation: Sobald emanzipierte Frauen sich als geistliche Musen-Partnerinnen empfehlen, bieten sie eine Herausforderung für die Hausfrau, die sich nicht mehr gewürdigt fühlt. So werden die verführt, ihren eigenen Dienst zu verachten, weil die Männer ihn allzu selbstverständlich genommen haben. Und dann wollen die sich auch emanzipieren. Und Kinder in die Kita.
Beklemmend in diesem Stück, dass jedes Gefühl des Autors für das Versagen des Ehemannes fehlt – oder wird das nur vorgeführt (wie der Loth in Sonnenaufgang?)?
OR
Versunkene Glocke i.e. Rautendelein
Ebenso wie Einsame Herzen behandelt auch dies den Verrat an der guten, der bürgerlichen Liebe, an Frau und Kindern, weil da eine andere Frau den Dichter versteht und ihm als Rautendelein eine andere Zauberwelt eröffnet. Und den Weg für das große Werk frei macht. Allerdings wird hier die Hybris dieses Werks deutlicher, und auch, wie der Wirkende sich es mit allen verdirbt durch seinen künstlerischen Hochmut. Unklar ist mir, warum sein Rautendelein nachher sich dem Wasserfrosch ausliefern muss.
Für mich sind beide Dramen eine Erinnerung daran, wie tatsächlich die Welt voller Dämonen ist, und wenn man nicht Wache hält und sich Engel herbeiruft, man unweigerlich in die Versuchung versinkt-. Sowieso, wenn das Herz nicht von der Liebe Gottes sprüht…..
OR
Die Weber
Not – Grausamkeit – Zynismus – Resignation.
Moritz kommt als Soldat von außen rein. Mit dem Rebellen Bäcker und mit Wittlich dem Schmied, den Führern vor Ort, ergreift er die entscheidende Initiative.
Die wahrhaft christlichen Weber, Hirsels, die sich am Jenseits festhalten, haben ihre Kinder schon verloren, besonders weil der Schwiegertochter immer die Babies verrecken. Da kommt das mit dem Jenseits nicht so gut.
Die Freundschaft des Pfarrers mit dem Fabrikanten macht klar: Christentum versagt total. Und für mich: all das, worüber wir uns aufregen, Sozialismus, Demokratie, Gleichheitsstreben, soziale Gerechtigkeit, das sind alles Ersatzreligionen, die aufkommen können, weil wir Christen nicht als Christen gehandelt haben, als Arbeitgeber nicht uns gekümmert um die Not. Persönlich.
OR
Der Biberpelz
Vor lauter Demokratenjagd wird versäumt, zwei Diebstähle von Mutter Wolff zu ahnden, die mit Frechheit sich durchsetzt und die Familie „weiterbringt“. Ganz a-moralisch. Man muss Demokrat sein wollen, um sowas zu goutieren. Allerdings stimmt auch: wer reich ist, wird nicht zur Rechenschaft gezogen für seine unlauteren Methoden – der Arme immer. Dagegen stemmt sich diese Heldin, – und da muss man ihr ja auch recht geben.
Hauptmanns Mitleid. Mit dem Elend, das er wahrnahm und wahrnehmen wollte. Mit diesem Hinsehen und Mitleiden beschämt er mich.
In Elga und Henschel wird der Mann von der bösen Frau betrogen. Dagegen ist die Wolfin im Biberpelz noch harmlos und voller family spirit. Schlimmer ist es nachher in Der rote Hahn, wo dieser selbe Family spirit auf Kosten dritter geht und den Tod der bösen Frau bringt.
JG-
Elga
Vanitas Schauerdrama. Da hat Marina noch die chance, als Mutter des allzu leidenschaftlich Liebenden und später Rächenden, und im Wissen über all den Betrug, sich als Christin zu bewähren.
Biograph meint, dass Hauptmann in Elga die Sorgen, die ihm seine neue junge Frau machte, ihm, dem 40-Jährigen, darin abarbeitete
Der rote Hahn
Bisschen wie Biberpelz: wenn man arm ist, kann man als Braver sein Auskommen haben. Aber höher hinaus geht es nur mit Frechheit und Verbrechen.
Nur wird hier der Ex-Wachtmeister zum Opfer der Trickserei, denn seinem blöden Sohn wird die Brandstiftung angelastet. Und er hält es nicht aus, dass sowas auf seiner Familie sitzen bleibt. Rührend seine Liebe zum oft verprügelten Sohn, von dem er aber auch überall verkündet, er wäre ihn gerne los, aber das sei unmöglich, denn er sei ja harmlos. Jetzt wird er ihn los, als vermeintlichen Brandstifter – und das hält er nu auch wieder nicht aus. Auch weil es die Unwahrheit ist. Plötzlich ist bei ihm die Liebe stärker geworden als die Bequemlichkeit.
Und die Trickserin wird so sehr in stress gebracht durch die Drohungen aus dem ganzen Dorf, die das alle durchschauen, was sie tat, und die Drohungen des Ex-Wachmeisterns, – dass sie ganz von selbst stirbt. Womit ihr Mann, Fietzig, dem das neue Haus (gekauft mit dem Geld der Feuer-Versicherung) zu Kopf gestiegen ist, mit dem neuen Schuhladen wohl reinfallen wird. Es hat sich also noch nicht mal gelohnt. Schlimmer noch, Leontine, die Tochter Fietzigs, wird den Schmied heiraten müssen, sobald dessen Frau endlich tot ist, denn der kann sie mit der gefundenen Zündschnur erpressen.
Die Anständigen, Jude-Schmied-Arzt Dr. Boxer – gehen still weg.
Rolle der Fama, der Reputation.
Und natürlich die Idiotie des Herrn von sowieso, der die Gerichtsverhandlungen und Untersuchungen führt, und – von seiner Interessenlage her begreiflich – mehr auf Sozialistenvertreibung aus ist als auf Versicherungsbetrug.
HS. JG-
Der arme Heinrich von Aue
Zu viel Koran drin! Der wird zum Erlösungsbuch.
Heiligkeit wird mit Eros verquickt. Brrr.
Synkretistischer Schrott -verquaste Christusverfälschung.
Schluck und Jau
Dazu sagt der Biograph, daß Hauptmann hier den Gegensatz oben-unten, den er im Hotel des Vaters erlebte, humorvoll und ästhetisch ansehen konnte.
Gut beobachtet, wie die eingebildete Fürstenherrschaft sich in ein Schreckensregiment verwandelt. Plebs und Terrorismus – als Warnung an die Fürsten.
Ich sage: im manchem ist dies ein Gegenstück zum Armen Heinrich: Wie dort der Fürst zum Bettler, so wird hier der Bettler zum Fürsten. Ein Lehrstück für einen blasierten Adeligen und seine absurde Elfenfrau. Karl arrangiert den Spaß, Jau zum Fürsten zu machen. Karl ist die Idealgestalt des von Gütern unbelasteten Schmarotzern bei anderen – und insofern selbst so einer wie Schluck und Jau, nur eleganter.
Ergreifend aber die Liebe und Demut des Schluck, ein Heiliger des Kümmerns.
JG-
Michael Kramer
Künstler und Vater, Sohn mit Talent, aber sex-süchtig und begeht aus Scham Selbstmord, die brave Tochter sorgt für den Vater – wie in Kollege Crampton. Aber hier geht am Sohn auch der Vater kaputt, der auf ihn gehofft hatte. Dort retten Tochter und Schüler den Vater.
Thema Liebe als erlösend, ganz romantisch überall – und unrealistische Ersatzreligion für die Chirstus-Vergessenden.
OR
Rose Bernd
Erschütternd das Verhängnis dieser armen Frau.
Vater Bernd und August Keil – zwei Modelle der Christlichkeit. Der Vater hat seine Christlichkeit an seine Reputation als Kirchenvorsteher und Kassenverwalter gehängt, August ist bereit, sehr barmherzig zu sein.
Rose schlägt aus Scham (wie der Sohn von Krüger) die Hilfe von Frau Flamm aus, auch als diese, im Rollstuhl unverfügbar, Rose als Geliebte ihres Mannes durchschaut (und ähnlich schlägt Arnd Kramer die Hilfe des Vaters aus).
Geholfen hätte in beiden Fällen allein: Erzählungen von Menschen, denen es ebenso ging, die sich verfehlten, und die gerettet wurden, – um die Sünder in die Gemeinschaft zurückzuholen. Ohne eigene Kenosis kriegste keinen gerettet.
Grundübel ist die Moralisierung der Sünde, denn daran zerbrechen die Guten. Nur im Kontext der Liebe kann man die Reue wagen.
OR. JG-
Jungfern vom Bischofsberg
Läppische Fingerübung
Das Nachfolgende ist für die Enkel nicht so geeignet:
Kollege Crampton
Genie, wird durch persönliches Umfeld ruiniert. Aber die Liebe der Tochter plus alter Schüler reißt es raus. Ein erstaunlich freundliches Stück, in dem der von der Liebe begünstigte Künstler am schlechtesten wegkommt.
Florian Geyer
Bauernkrieg, Reformation, Gottes Wille im Krieg.
Immerhin ist Geyer eine Lichtgestalt der deutschen Freiheit. Da ist eine politische und völkische Vision, gegen Ultramontane. Aber auch er nimmt französisches Geld – weil man das Schiff nur mit zickzack-Kreuzen zum Ziel kriegt.
Störend, daß Wolf von Hanstein, der gegen die Bischöflichen auf die Berechtigung der Wünsche der Bauern hinweist, nicht mehr vorkommt. Das wäre ein guter Zeuge gewesen, dem man glauben kann.
Hanneles Himmelfahrt
Einfach rührend. Aber das Christentum ist hier bloß pubertär-kindlich traumverwoben. Äußerste Not des äußerst gequälten Kindes – da folgt natürlich alles.
Fuhrmann Henschel
Das böse Weib, der unbedarfte Mann, die böse Fama, die in ihm das Gewissen weckt dafür, dass er seiner sterbenden Frau versprochen hatte, die Magd Hanne nicht zu heiraten. Nachher tut er das doch, aus lauter Utilitäts-Erwägungen, und findet sich in der Verbannung allgemeiner Feindschaft und übler Nachrede. Ich glaube, die Sterbende war irrational in ihrem Misstrauen und in ihrer Eifersucht. Die Magd hatte sie nicht wirklich umbringen wollen, sondern war einfach normal böse. Der Ehemann war leider normal lieblos und mit seinem Fuhrwerk beschäftigt. Die Frau hätte positive Liebe gebraucht, ebenso wie das Kind, das ihr unter Hannes magerer Fürsorge bald hinterherstarb. Die üble Nachrede, die Magd hätte beide auf dem Gewissen, ist sicher so nicht gültig. In einem tieferen Sinne, in dem wir zur Liebe verpflichtet sind, aber doch.
Man muß allerdings bedenken, daß auch Hanne unter der Fama leidet, weil sie das eigene Kind aus einem früheren Verhältnis verschwiegen hat. Die Fama bringt alle um.
Wie in Einsame Menschen leidet die kranke Ehefrau unbegründet unter Eifersucht, weil sie verhungert durch Mangel an Zuwendung. In der versunkenen Glocke leidet die Mutter begründet (oder auch unbegründet, wenn vielleicht die ganze Rautendelei ihre Phantasie ist…?)
Scheint, daß Hauptmann hier Erinnerungen aus dem Hotel seiner Eltern verarbeitete, die ihr Heim auch verlassen mußten.
Und Pippa tanzt
Unerträgliches Spiel mit der Erotik alter Männer gegenüber dem Mädchen. Der Retter ist eh verrückt, der mythische Obergreis seltsam – unverdaulich.
Info
Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
Seiten | > 600 |
Autor | Hauptmann, Gerhart |
Kommentar zu: Hauptmann, Gerhart – Dramen.