Heine, Heinrich – Prosa: Harzreise; Die Nordsee, Ideen. Das Buch Le Grand

Meinung

Cornelia meint:

Harzreise

Normalerweise langweilen mich Reisebilder, wenn ich nicht selbst reise und welche aufschreibe. Aber dies ist die reinste ironischste herrlich absurdeste schrägste Romantik, und man kann eintauchen und sich mit-verzaubern lassen und diese boshafte Ironie genießen. Gibt es über den Genuss hinaus einen „Nutzen“? Kann ich dieses Werklein „empfehlen“? Nun, als Erholung vielleicht, zum rein literarischen Vergnügen. Sowas muss es doch auch mal geben.

Die Nordsee

Das beginnt mit einer Darstellung des Gemeinschaftslebens unterhalb der diskursiven Ebene. Das stille Einverständnis, die Harmonie im gemeinsamen Kampf gegen die See und für das Leben. Das vergleicht der Aufklärer dann aber sofort mit dem Katholizismus, der eben solche gemeinschaftliche Seelenharmonie geschaffen habe, dabei aber stets dem Machtstreben gedient und auf Lüge beruht. Heine setzt protestantischen Furor dagegen. Hier wird triumphiert über die Zerstörung der katholischen Vorherrschaft, so wie Engelhardt in After God 150 Jahre später sein Klagelied über den finalen Untergang der katholischen Welt singt. Heine sieht im Romantizismus noch Eierschalen einer vergangenen Zeit und hofft auf Licht.

Dann das Badeleben und sein schlechter Einfluss auf die Zufriedenheit der arm bleibenden Eingeborenen, der hannöversche Adel. Zwischendurch Seelenleben und alte Märchen am Strand. Dann geht es über Beschreibungen Napoleons, dessen Größe, überhaupt die vielen Helden Frankreichs, wo Deutsche nur was von träumen können, über Walter Scott und dessen Feier der alten nationalen Besonderheiten, die durch die Moderne (auch durch Napoleon) bedroht sind, und die in allen Herzen Deutschlands neues Leben erwecken und viele Nachahmer finden, denn an den nationalen Eigenheiten hängt doch jeder, über Byron, den Verteidiger dieser Moderne, und über den Russlandfeldzug ein bisschen.

Man kann sowas mit auf eine Insel nehmen als Strandkorb-Unterhaltung.

Ideen, Das Buch Le Grand

1826

Ja, es ist wild und durcheinander, und ja es lästert das Christentum. Aber das kann man Heine hier wirklich verzeihen: er spricht halt als Aufklärer und als ein peinsam assimilierter Jude, der nichts kapiert hat. Wie soll er anders urteilen können!

Abgesehen davon ist dieses Buch ein Hochgenuss, eine Perle der Romantik, die an Tieck erinnert und auch sogar an Bettina Brentano. Sonst ist mir die Literatur egal, aber diese Romantik mit ihrer vielfach humorvollen Gebrochenheit und verschämten Posie – das ist so großartig, dass man es allen Leuten nur ans Herz legen kann. Und da mir als vertretbarer Grund für eine orthodoxe Großmutter nur die Historie einfällt, so seien diese Jugenderinnerungen an die Kinderzeit in Düsseldorf samt Liebesgeschichte den Jugendlichen ans Herz gelegt, die etwas über Napoleon wissen wollen, und wie er die Herzen rührte.

Jg Hist

Englische Zustände

Hier haben wir wieder den brillianten Beobachter politischer und gesellschaftlicher Zustände. Sein Mitgefühl mit dem Elend der Armen erweist ihn als Bruder von Dickens. Seine Darstellung der englischen, französischen und deutschen Vorstellungen über Freiheit ist großartig. Auch bewundere ich seine Analyse der Verlegenheit, in die das „Erkaufen“ von Siegen über die Heere der französischen Revolution die englische Wirtschaft gebracht hat, sehr. Hätte ich sowas im Schul-Unterricht zu Lesen gekriegt, wie viel verständnisvoller hätte ich mich im 19. Jahrhundert bewegen können. Überhaupt finde ich, man sollte Geschichte immer parteiisch behandeln, so dass die zugrundegelegten Werte entweder übernommen oder bekriegt werden können. Das weckt den schlafenden Schüler und verlangt Stellungnahme.

Hist

Info

Erscheinungsjahr19. Jh., 1. Hälfte
Seiten> 600
AutorHeine, Heinrich

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