
(1904 | 200 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Hier finde ich, nach ziemlich qualvoller Lektüre der frühen Werke, endlich den Hesse, der mich über die Zeit meiner jugendlichen Entfremdung von aller Welt hinweggetröstet hat.
Dies ist zunächst vordergründig ein Buch über die Heimat, hat aber nichts heimeliges an sich. Ja, die Natur, die dieser Peter in seiner Kindheit erleben darf, das ist groß und unmittelbar der Schöpfungsfrömmigkeit des Kindes zugänglich, einer Brüderlichkeit zu allen Dingen, die ihm durch Seelenverwandtschaft mit Franz von Assisi zum Bewusstsein und zur sprachlichen Gestaltung kommt. Aber neben der Natur gibt es die ganz normale menschliche Gefallenheit, personifiziert im lieblosen Vater-Trinker. Die Mutter, eine stille Lichtgestalt, stirbt früh, und der Junge ist bei ihr. Überhaupt ist es ein Buch der Tode, zu denen nachher noch die kleine Agi und dann der Krüppel Böppi dazukommt: an jedem dieser Tode wächst Peter innerlich und reift aus. Und während in der Kindheit die Sehnsucht nach draußen geht und sich bald auch neben den Brotverdienstschreibereien als Sehnsucht nach dem großen Werk gestaltet, führt jene innere Reifung dazu, dass Peter zurückkehrt zu seinen Wurzeln, zu dem Bauern-Dasein, das ihn innerlich nie verließ und ihn in der besten Gesellschaft nur ironisch, knurrig und ruppig unhöflich darstellte. Da gibt es allerdings zwei, die hinter der rauen Schale den Dichter erkennen, der die Dinge der Natur versteht und zu Sprechen bringen kann. Der eine wird zum geliebten Jugendfreund, die andere zur angebeteten Letzten in einer Reihe fruchtlos verehrter Weiblichkeiten. Doch der eine stirbt zu früh, die andere begnügt sich mit einem Menschen, der zupacken kann. Und dem Peter bleibt der lebenslange Kampf um die Bewältigung dieser Liebe.
In die Heimat kehrt er zurück, weil der Vater Pflege braucht. Und dann bittet man ihn um Hilfe nach der Not größerer Föhn-Schäden. Und endlich soll er auch das heimische Wirtshaus übernehmen als einen Ort des vertrauten Miteinander (und der alkoholischen Selbstzerstörung, auf die es aber angesichts der allgemeinen Not nicht sonderlich ankommt). Er selbst ist ja der Trunksucht seines Vaters gefolgt und davon erstaunlich unbeschädigt geblieben.
Also Heimat ist hier, was einen prägt, was durch Formung in der weiten Welt veredelt werden muss, und was einen endlich zurückruft, den Dienst am lieben Selbst durch Dienst an der örtlichen Klein-Gesellschaft zu ersetzen.
Dabei bleibt es nicht. Hesse fällt hier nicht auf die Versuchung zur Natur-Vergottung oder Heimat-Vergottung herein. Es gibt da ein durchscheinendes Christentum, angesiedelt zwischen traditionellem Katholizismus und protestantischer Herzensinnigkeit. Beides durchwebt dieses Buch wie eine verborgene Energiequelle, deren Wasser nur hier und da zu Tage tritt. Franz von Assisi ist ein solcher Sicht-Ort. Auch das Erkennen der Sehnsucht nach dem Göttlichen, das in der ganzen Natur angelegt ist, und das in seinen eigenen lebenslangen Depressionen zum Ausdruck kommt, bis er die eigene Heuchelei und Selbstbetrügerei endlich drastisch vor Augen geführt kriegt. Dann aber, und auf dieses Ziel der Heiligkeit behutsam hinführend, die Schule der Liebe, die dieser Egomane in der Familie des Schreinermeisters zunächst mit dessen Familie, dann aber stärker und entscheidender an der Begegnung mit einem Krüppel festmacht, dessen Lebens-langes Leiden zu einer Schule herrlicher Innerlichkeit geworden ist. Hier wird der in der Gesellschaft respektierte Autor zum Lernenden, der vorbereitet wird auf die tiefe Entsagung, die er mit der Fürsorge für seinen Prügel-Vater auf sich nehmen wird. Hier gibt es eine regelrechte Gottesbegegnung, die zur Umkehr führt.
Also wichtiger als Heimat ist in diesem Buch die Liebe, zunächst als Schwärmerei und spielerischer Opfer-Heroismus, dann als Freundesliebe auf Gegenseitigkeit, als Frauenliebe, die niemals die inneren in-sich-selbst-Verkrüppeltheiten überwindet, als Erfahrung eigener Armut, wenn er in Italien Herzensmenschen findet und eine Frau, die ihn gerne heiraten würde, die er aber nicht ebenso wiederlieben kann, und endlich, an der Begegnung mit einem neuen Freund im Krüppel Böppi, die Schule der Demut bis hin zur Selbstlosigkeit.
Serviert wird das alles in der Verpackung einer tiefgreifenden Kritik an der gegenwärtigen Kultur, – einer Kritik, die im Namen eines Ideals der Reinheit und der Erkenntnis der Nichtigkeit aller eigenen Wünsche und Leidenschaften geübt wird, und in der jeder Orthodoxe sich gleich daheim fühlen kann. Das Schöne liegt allerdings in der Ironie der Gesamt-Anlage: wir haben hier ein Buch, das all die Ziele verfolgt, die der Beschriebene in seinem nie vollendeten eigenen Groß-Werk hatte verfolgen wollen. Hier schreibt ein Autor sehr gelungen über das nicht-Autor-Werden seines Protagonisten. Hier wird also das Scheitern gleich mit eingepreist, und diese feine Ironie führt dazu, dass man sich nirgends belehrt oder bevormundet fühlt. Das Misslingen liegt wie ein Lichtschatten Hauch über dem Gelingen.

Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Hesse, Hermann |
| Für Jugendliche: | Empfehlung |

Kommentar zu: Hesse, Hermann – Peter Camenzind.