
(19. Jh. | 928 S.) Hölderlin lebte 1770 bis 1843. Besonders die Briefe sind empfehlenswert.
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Meinung
Cornelia meint:
Hyperion
Ja, das war mal so ein Sehnsuchtsbuch für mich, und ich gab es auch zu Beginn unserer Ehe meinem Mann, weil ich darin zu finden meinte, was er in Deutschland zu suchen hoffte.
Ich bin dankbar für Thomas Klinkerts Kapitel, die dieses seltsame Werk mir historisch und literarisch einordnen. Im Grunde geht es nach der Zerstörung der gewohnten Welt um das Bemühen einer säkularen Eschatologie, die in der Antike Platons festgemacht wird.
Es würde lohnen, dieses Werk mit den Schriften Maximos des Bekenners abzugleichen, – die Ähnlichkeiten sind frappierend. Bloß fehlt halt der Gott mit Seiner nachgehenden, personalen Liebe. Und so bleibt die Liebe Utopie.
Beim Lesen, jetzt als alte Frau, ertappe ich mich auf dem Gedanken, dass dem jungen Friederich ein bisschen Arbeit gut getan hätte. Dem scheinen die gebratenen Hühner stets von selbst ins Maul geflogen sein, – ich sehe jedenfalls keinen Ansatz zum Kartoffelernten oder Gemüse-Setzen. Nur dass Diotima entzückend in der Küche wirkt.
Ich kann beim Lesen den Schmerz über die Abwesenheit Gottes in einer Seele, die von Gott so reich beschenkt wurde, nicht überwinden. Am Ende ärgere ich mich sogar.
Gedichte
An die Deutschen
Ist historisch interessant zur Zeit um 1800
Hist
An die Parzen
Das ist als Gedicht so berückend, das muss man lieben und sich vorsingen
Jg
Das Ahnenbild
Ein schönes Lied des Danks an den Vater
GK
Die Eichbäume
Über den Gegensatz zwischen häuslich gezähmter Kultur und der kühnen Wildheit der Bergnatur
Jg
Ich weiß nicht, ob mich hier einfach die Geduld mit dem durchweg hohen (und als solchem durchaus genießbaren) Ton verlassen hat, oder ob ich vom Weiteren nichts mehr vermittelbar fand.
Aufsätze
Vielleicht bin ich zu ungeduldig, vielleicht ist er zu verrückt. Ich komm da nicht rein. Nur aus dem Anhang fiel mir der Entwurf auf, das „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus.“. Da geht es gegen den Staat und um Untergang und Neuschöpfung – alles sicher irgendwie historisch bedingt und zum Nachdenken einladend.
Hist
Der Tod des Empedokles
Dies Buch (erste Fassung) hat mich gleich gepackt, einfach wegen der wunderbaren Sprache, und weil mich auch die von allen so verehrte Gestalt gefesselt hat, mitsamt ihrer Liebe zur Schönheit der Natur. Empedokles war ein Liebling der Götter, und dann hat er mal nicht aufgepasst und sich überhoben. Sofort fallen alle Neider (besonders der kalte Priester) über ihn her und vertreiben ihn. Pausanias der Liebling – tja, da wird griechische Jünglingsliebe gefeiert, das scheint nu mal nicht anders zu gehen) hält getreulich zu ihm, plötzlich gereut es das Volk, man kommt, will ihn wiederhaben, aber Empdedokles hält die vorherige Demütigung nicht aus und geht dann mal in den Ätna.
Wie gesagt, man kann sich in die Sprache begeistert reinlegen. Am Ende ist es aber doch ein alter Mann, der seine eigene Göttlichkeit feiert, und das ohne persönliches Gegenüber. Ich bin einfach nicht mehr für Götter empfänglich, die bloß Ersatz sind.
Jg – wer’s aushält
Briefe
Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Die Briefe haben mich tief berührt. Hier fand ich endlich Zugang zu diesem wahrhaft wunderbaren Menschen. Ich sage immer, dass ich Autoren zu Freunden haben muss, um ihre Werke zu genießen. Naja, nicht immer, gute Sachen kann auch ein Langweiler schreiben oder jemand, den ich nicht so ganz wertschätzen kann (die Pest von Camus ist ein Beispiel). Aber wie sehr freue ich mich, wenn ich doch einen neuen Freund gewinne. Und die Briefe Hölderlins sind wunderschön.
So an die Mutter (1785-93) gegen die rationalen Gottesbeweise und für den Glauben des Herzens, an den Bruder die Schönheit seines Bekenntnisses zur Aufklärung als moralische Vervollkommung des versklavten Menschengeschlechts .
Ich habe dann aber die Lebensumstände kennenlernen wollen, aus denen diese Briefe entstanden, und mir den Michel als Biographen dazugeholt. Dazu weiter unten. Da kriegt man so viel Hölderlin auf dem Tablett präsentiert, von einem der ihn sein Leben lang wissenschaftlich liebte und in ihm lebte, dass man auf die Dokumente verzichten kann: das Wichtige wird alles zitiert.
Aber heute habe ich nochmal reingeguckt und Sophie Gontards (Diotimas) Briefe an Hölderlin gelesen. Und das wirft mich um. Eine edle Seele wie keine edlere vorstellbar, und eine Tiefe der Liebesleidenschaft und Opferbereitschaft und Leidenskraft – man stirbt all ihre Tode mit. Hölderlin war im Haus Gontard Hauslehrer, und in ihm hat sich Sophie plötzlich eine Welt erschlossen – und in ihr ein Ideal weiblicher Wunderbarkeit. Die beiden voll Verzichtbereitschaft waren nur froh, miteinander zu reden und Gedanken zu teilen. Was für eine wunderbare Muse, und was für ein Genie, sie zu belohnen. Der Hyperion ist ja ihr Buch. Und dann das schäbige Misstrauen des Ehemanns, der sich die ideale Verzichtbereitschaft nicht vorstellen kann und nicht erträgt, der geliebten Frau das, was er selbst ihr nicht geben kann, ihr von anderer Seite zu gönnen. Und dabei wissen die beiden, dass jeder Versuch, diese Liebe leben zu wollen, sich an deren Idealität brechen würde. Am Ende stirbt Sophie an den Röteln, und man kann nicht anders, als darin ihr brechendes Herz als Ursache zu sehen. Im Hyperion hat Hölderlin das nachgezeichnet.
Also große Ehrfurcht vor dem Heldenhaften Anstand dieser beiden.
Jg ***
Info
| Erscheinungsjahr | 19. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | > 600 |
| Autor | Hölderlin, Friedrich |
| Für Jugendliche: | Empfehlung |

Kommentar zu: Hölderlin, Friedrich – Hyperion. Gedichte. Aufsätze. Empedokles. Briefe.