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Kafka, Franz – Amerika

Meinung

Cornelia meint:

Nach der Qual mit Orwells 1984 hatte ich mich eigentlich bei Kafka als vermeintlich verwandterer Seele erholen wollen. Aber ich empfinde die Lese-Folter als noch ärger.

Kafka baut seinen Karl Rossmann als Sympathieträger auf. Man schenkt dem Autor erstmal volles Vertrauen: Hier schlüpft er in die Rolle eines sympathisch redlichen, arbeitsamen, mitfühlenden, klugen, hilfsbereiten Menschen. Man wünscht ihm alles Gute.

Nur ist dieser Gute erst fünfzehn und absolut untauglich für das Zurechtkommen in jener Fremde, in die seine Eltern ihn, um Schande (er wurde von der Köchin vergewaltigt und die hat nun das Kind) und Alimente-Forderungen loszuwerden, völlig schutzlos verbannt haben. Was für Eltern!

Und nun beginnt die Achterbahnfahrt zwischen großem Glück (reicher Onkel will den Neffen für sich großziehen) und Verderben. Ersteres fällt ihm zu, weil er sich in übertriebenem Gerechtigkeitsempfinden für einen hoffnungslos querulantigen Heizer auf dem Schiff einsetzt, letzteres sucht ihn heim, als Gold-Onkel neurotisch reagiert auf einen, wenn auch minimalen, Eigenwillen des Neffen – und der hier monierte Gehorsam erinnert mich an die Dankespflicht, die der Heilige Johannes Chrysostomos für die ersten Menschen im Paradies annahm. Jener Onkel geriert sich also als Allmächtiger, Augustinisch betrachtet als schnell beleidigbar.  Karls Hoffnung auf Gnade wird durchkreuzt durch seine leichtsinnige, allerdings durch seine Einsamkeit auch wieder begreifliche Unfähigkeit, den einmal gefassten Entschluss auch durchzuhalten. So lässt er sich von zwei Bösewichten ausplündern und ausnutzen, bis in einem Hotel eine Oberköchin die schöne Seele in ihm erkennt und ihm Arbeit als Liftboy gibt. In diesem Wahnsinnsbetrieb wird ihm auch der Trost einer Freundschaft mit Therese zuteil, die genauso verloren im Hamsterrad dreht. Aber dann schaffen es die Bösewichte, ihn aus dieser hoffnungsvollen Lage wieder herauszuzwingen.

Abgesehen von der selbstherrlichen Böswilligkeit, mit der die dortigen Vorgesetzten ihm misstrauen, und seiner Unfähigkeit, seine Sache wirksam zu vertreten befällt ihn, der doch, in jeder Hinsicht moralisch untadelig, ja sogar leidensbereit und opferwillig,  seinen guten Weg gehen könnte,  unrettbar jedes Unglück. Das liegt daran, dass seine in alle Ecken und Winkel seiner Situations-Deutungen ausgeleuchteten, jede für sich durchaus vernünftigen Überlegungen, in geradezu teuflischer Weise sich zunehmend verengen und ihn mit schrecklicher Unabwendbarkeit dazu führen, genau dann, wenn er handeln muss, mit geradezu wahnsinniger Folgerichtigkeit in die falsche Richtung abzubiegen.

Klar, es gibt kein gutes Leben im schlechten: Die Welt ist derartig absurd, gleichsam kubistisch verschoben, dass ein gerader Sinn sich in tausend Irrwege zersplittern muss.

Als Leser schwanke ich zwischen Mitleid mit dem Protagonisten, in dessen Gefühlswelt ich mich hineingezwungen fühle, und der Wut auf den Autor, der mir solche Qualen der ständig enttäuschten Hoffnungen zumutet. Der Roman lädt uns ja häufig ein, uns mit der Hauptperson zu identifizieren. Durch sie machen wir uns bereichernde Erfahrungen. Hier aber werden wir selbst, als mitfühlende Leser, in einer Weise in die Mangel genommen, gegen die ich mich wehre.

Wie konnte ich mich früher an sowas begeistern? Ich glaube, wenn man als junger Mensch sich sowieso in dieser Welt un-zuhause und entfremdet fühlt, dann identifiziert man sich mit  Karl und fühlt sich mit dessen dargestelltem Leid selbst verstanden. Als alter Mensch, und als Christ, sieht man nur den teuflischen Verrat an der Dankbarkeit für Gottes Liebe, Fürsorge und Barmherzigkeit. Nun rede ich hier als ein Privilegierter. Uns geht es gesegnet. Und ich kenne ein Leben, das real kafkaesk verläuft. Allerdings stehe ich diesem Leben nicht als neutraler Betrachter gegenüber, sondern als „Nächster“. Und so leben wir beide in der Hoffnung. Vielleicht habe ich einfach zu viel reales Unglück miterlebt, selbst und bei anderen, so dass Kafkas Waten im Schlamassel mir als unverschämte Zumutung erscheint. Oder sagen wir so: das dargestellte Elend drängt sich wie ein unverschämter Bettler über die Grenze, die ich als Literatur-Konsument halten möchte.

Was nun wiederum nicht unbedingt für mich spricht.

Info

Erscheinungsjahr 20. Jh., 1. Hälfte
Seiten 300-600
Autor Kafka, Franz

Kommentare

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