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Sonnleitner, Alois Theodor – Die Höhlenkinder (Trilogie)

(ab 1919 | 252+263+252 S.)

Alois Theodor Sonnleitner, eigentlich Alois Tlučhoř war ein tschechisch-österreichischer Pädagoge und Schriftsteller.

Meinung

In Giesas Darstellung wird er mit der Wiener Literaturtradition in Verbindung gebracht: Grillparzers Spielmann, Nestroys Lumpazivagabundus, Ebner Eschenbachs Krambambuli und Gemeindekind, aber auch mit Freitag, Dickens, Stifter und Anzengruber.

Was mich an den Höhlenkinderbänden begeistert ist die Vielschichtigkeit. Oft unterschätzen Kinderbücher die Komplexität, – oder sie nutzen sie (heute) zur Gleichmacherei aller Unterschiede. Hier wird eine ganze Lebenserfahrung, ein christliches Ethos, eingepackt mitgeliefert.

Die Höhlenkinder im heimlichen Grund: 1919

Der Autor stammt aus Böhmen, arme Bauernfamilie, von Benediktinern erzogen, war dann Lehrer in Wien und berühmt in Deutschland. Wurde früh mit einer mitteleuropäischen Robinsonade und mit Märchenliteratur verglichen. Erste Niederschrift schon 1913 begonnen. Kind als homo faber: Handwerk schafft Kultur. Und daraus ergibt sich zugleich Selbsterziehung.

Es gibt eine online audio Aufnahme, etwas mühsam von Laien vorgetragen, und gekürzt.

Ich mag in meiner 1949 Ausgabe die Bilder, die man unbedingt zum Vorlesen bei den langatmigen Beschreibungen der Werkzeug-Entwicklungen braucht. Das Buch ist was zum Vorlesen für größere Kinder, die sich für den Ursprung der Dinge interessieren: zwei Kinder landen in einer Alpen-Einsamkeit, haben allerdings schon einiges an Kenntnissen von einer als Hexe verfolgten Großmutter und einem Öhi mitgekriegt, der den Peter zum Ziegenhüten abgestellt hatte. Sie tragen Erinnerungen mit sich und auch die Idee eines höheren Wesens, das sich im Verlauf der drei Bände ziemlich römisch-katholisch darstellt – da klingt Sonnleitners eigene Erziehung in Melk durch. Ich habe das mit großem Interesse gelesen, finde es wunderbar und kann einfach nicht aufhören. Auch menschlich sehr anrührend.

Bereits in diesem ersten Band, in dem Eva für Sonntags-Frömmigkeit und Verehrung der Verstorbenen sorgt, beginnt das Auseinanderdriften der Kinder: Peter zwingt das rauhe Leben eine zunehmende Rauheit auf, die Eva Sorgen macht. Aber noch sind sie, besonders durch den Kultus, in ihrem Zusammensein gesichert. Interessant auch, wie das Abgleiten in den Aberglauben immer wieder vermieden werden kann. Der vor-christliche Glaube ist  bei diesen unschuldigen Kindern behütet.

GK ***

Die Höhlenkinder im Pfahlbau

Man kann absolut nicht aufhören zu lesen. Auch hier gilt es wieder, viele Gefahren zu überstehen und unglaubliche Entdeckungen zu machen. Was aber atemlos lässt, ist die Entfremdung der jungen Menschen voneinander. Das Ausspielen der Stärke des Jungen, die Verletztheit und Kälte des Mädchens, also die wechselseitige Verletzung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Anerkennung und Mitfreude. Hier geht das „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ seiner Abhilfe verlustig: zu zweit voneinander abhängen und nicht miteinander können ist schlimmer noch als jede Einsamkeit. Am ärgsten wird es, wenn die Goldgier dazukommt. Fesselnd, wie immer abwechselnd der eine und der andere wieder gutes Wetter machen wollen, aber an der Ablehnung des anderen zu schnell scheitern. Reden können alle beide nicht.

Interessanterweise ist die Vertiefung Evas in die Innerlichkeit des Umgangs mit den Geistern der Verstorbenen, ihre Hinneigung ans Übersinnliche, auch ein Faktor der Entfremdung: sie löst sich zunehmend von der Abhängigkeit von Peter. Hier taucht eine Ahnung der Gefahr auf, die eine starke Spiritualität für eine Ehe bedeuten kann, außer… Aber noch macht er ihr das gewünschte Sonnenbild als Symbol höherer Mächte aus Edelsteinen. Noch steht er jeden Morgen mit ihr vor dem Altar in der Höhle und vollzieht ihre Gebete mit. Noch versteht er, dass das Gelingen der Steinaxt eine Dankbarkeitsfeier erfordert: das Sonnwendfest. Dann die Überschwemmung und die eilige Flucht, bei der sie die Ahnenbilder in der Höhle vergaßen: War das weiter steigende Wasser die Strafe? Eine wahre Sintflut wird hier dargestellt, – vielleicht als Erklärung der biblischen Erzählung? Das Wasser fällt, die Flut hat die obere Höhle mit den Ahnenbildern samt Feuerkorb gar nicht erreicht. Aber in ihrer Not hatten sie ein Gelübde getan, ihr Kostbarstes den Ahnen zu opfern und dem mit ihnen verbundenen Schöpfergott. Da legt Peter das mit größter Mühe gemachte Steinbeil hin.

Er hat sich davon nicht erholt. Dieses Opfer entfremdete ihn den höheren Kräften. Eva hatte von ihm zu viel verlangt – sie selbst opferte ja nichts. Und dann geht das mit dem Goldrausch los. Dann die Schlangen im Erdhaus Evas, die sie als Strafe Gottes ansieht für die Vernachlässigung der Andachten vor den Heiligtümern. Sie hatte versäumt, Peter dazu anzuhalten, und der verwilderte wieder. Und sie selbst hat auch irgendein Gelübde nicht erfüllt und empfindet ihre Kränklichkeit als Strafe. Das ist schon ein ziemlich grausig gerechter Gott, den sie sich da gebaut hat.

Aber immer denkt Peter bei all seinen Arbeiten an Eva und sehnt sich nach Gemeinsamkeit. Und doch, gerade, als er ihr von dem ihr vorenthaltenen Goldstück plus Zusatzfunden einen Schmuck machen will, entdeckt er, dass er bestohlen wurde. Aus dem folgenden Krach flieht Eva – und er muss sie suchen gehen.

Nun, am Ende fällt Eva beinah einem Bären vor die Füße, den Peter dann mit Mühe auf sich ablenkt, bevor Eva ihn durchbohrt, den Bären! Die Pflege des sehr verletzten jungen Mannes bringt die von beiden ersehnte Versöhnung und ein gegenseitiges Gelübde der Liebe und Treue. Ich meine, das ist eher was für ältere Kinder.

Jg***

Die Höhlenkinder im Steinhaus

Lang dauert Peters Genesungszeit, und am Ende muss Evan ihn wieder an die Pflicht zur Dankbarkeit erinnern. Und selbst jetzt grollt er noch über sein früheres Opfer des Steinbeils. Aber diesmal soll es nur um das Sonnwendfest und ein Dankgebet gehen, – da macht er mit. Und es gibt von Eva ein großes Gebet, das deutlich macht, was Paulus über das Gesetz im Herzen sagt: schon vor der Offenbarung war den Menschen alles innerlich präsent. Na, und mit diesem Gottesdienst, den Eva aus ihrer Innerlichkeit schöpft (interessant, als Frau!)  sind sie offiziell ein Ehepaar.

Interessant, wie hier die Frau als Hüterin der Heiligkeit erscheint. Irgendwann muss es in einer solchen Naturgeschichte der Menschheit dann gekippt sein in die Priesterherrschaft des Mannes. Vielleicht, weil man nur mit dem Lockstoff der Vorherrschaft die wilden Kerle bändigen kann? Eine List der Vernunft, die die weibliche Gabe zum Privileg des Mannes macht – mit allen Gefahren des Missbrauchs? Stets sind die höheren Kräfte ein Risiko – so lange bis Er selbst halt Mensch wurde und zeigte, wie es richtig geht.

Es ist geschafft: ein bäuerliches Leben und ein Kind, das sich zum Alleskönner mausert. Eng an die Mutter gebunden, die vielleicht den Mann ein wenig vernachlässigt? Davon sagt der Autor nix, aber Peter, der zufällig den Met entdeckt hat, fängt an, heimlich zu trinken und verschiebt die Dachreparatur. Und wie das Dach dann einstürzt, geht das neugeborene Mädchen kaputt. Das bricht der Mutter den Lebensmut weg. Hans, der Sohn, versorgt sie, während Peter, durch ihre Ablehnung und seine Schuldgefühle selbst verletzt, weiter trinkt. Hier geht der großartige Erfinder der ersten beiden Bände, der mega-tüchtige Arbeiter und Versorger, daran kaputt, dass keine Not mehr drängt und er mit sich nichts anzufangen weiß. Und daran, dass durch seine Schuld seine Frau immer kränker wird. Die Schuldgefühle werden zum Hindernis seiner Liebe. Und er hadert mit den Göttern.

Anders als Hans, der von immer neuen Erfindungen und künstlerischen Experimenten begeistert auch noch die Mutter leibseelisch versorgt. Und am Ende kann der Sohn den Vater auch noch retten, Mama, die mit prophetischem Blick ihm die Richtung angezeigt hat, stirbt dann zur Überraschung aller doch nicht, die Alten erleben neuen Frühling und Hans kommt endlich über die Berge in die Welt und bringt die genau passende Frau (ganz wie Mama) nach Hause. Am Ende sagt Sonnleitner, seine eigene Mutter sei eine entfernte Nachkommin jener Ähne, und genauso wie jene immer drauf aus gewesen, lieber selbst zu leiden, als andere leiden zu lassen. Das ist schon sehr schön.

Jg***

Info

Erscheinungsjahr 20. Jh., 1. Hälfte
Seiten > 600
Autor Sonnleitner, Alois Theodor
Für Jugendliche: Empfehlung

Kommentare

Kommentar zu: Sonnleitner, Alois Theodor – Die Höhlenkinder (Trilogie).

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