
(1973 | 478 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Dieses Buch las ich bis zur Mitte mit Enthusiasmus: Ich habe einen Freund gefunden! Alles, was ich in der Literatur suche, sind Menschen, die mir zu Freunden werden, Autoren, die mir aus dem Herzen sprechen und mich weiterbringen. Woher diese Begeisterung?
Nun, er beschreibt einen Kosmos, Newport, ein Nebeneinander von Millionären (amerikanische Oberklasse, absurd viel Geld, aber keine Erziehung, um Führung zu übernehmen, sondern, in den Generationen, die auf die Vulgarität des Raffens folgen, Ermüdung und Neid, – aber zugleich auch eindrucksvoll im Ausland erworbene Bildung und Hochkultur der Verwandten-Liebe), ihrer Dienerschaft und einem weiteren Kreis darum herumgelegter Bürgerlichkeit. Das Zentrum aber stets das große Geld, die herrlichen Häuser und Gärten.
Der Autor beschreibt sich selbst als jungen Mann, beruflich angekommen als Lehrer, aber in einer existentiellen Krise, in der er sich selbst ausprobieren und entdecken möchte. In Newport hat er seine militärische Ausbildung erhalten, dies scheint ihm ein guter Ort für Selbstfindungs-Ferien. Natürlich braucht er Geld und bietet seine Dienste an: als Vorleser und Lehrer. So gerät er nacheinander in eine Reihe der großen Häuser und ihrer Umfelde, unterstützt allerdings von Menschen, die mit Liebe die häufig ausgebeutete Dienerschaft unterstützt.
Und jedesmal gerät er in ein Elend (er soll – Diana Bell – eine unkluge Entführung vereiteln, er möchte einer alten Dame helfen, den auf ihr Haus – Wykoff Place – geschwätzten Fluch zu lüften, dem überbehüteten Erbopa – Nine Gables –gegen erbsüchtige Verwandte die Eigeninitiative zurückgeben), aus dem er errettet. Und dies einerseits, indem er die Unverschämtheit, mit der manche Mitglieder jener Oberklasse ihre Hilfsgeister behandeln, in die Schranken weist und dem Geistes-Adel der Gebildeten Respekt verschafft (er steht seinen Mann in Weisen, die ich nur bewundern kann), andererseits mit Hilfe von Flunkereien, die er als „Weiße Gegen-Magie“ gegen die schwarze Bosheit der Verleumder setzt, wobei diese Lügen zugleich zu einer Art von Heilung durch Literatur werden und man sich lebhaft vorstellen kann, wie dieser junge Selbstfinder seine Begabung als Schriftsteller entdeckt. Natürlich wird letztere Fiktion gleich wieder aufgegeben, denn der Junge hat immer schon Tagebuch geführt und von jedem Mitmenschen gleich ein Portrait angefertigt. Der weiß also schon, wo es hinwill mit seinen gleichsam archäologischen Forschungen, die nicht auf Steine gehen, sondern auf die Lebens-zerstörerischen Übel, die fest unter Verschluss gehalten werden und so das Weiterleben zum ausgedehnten Sterben machen.
Allerdings kommt es dann – in Rip – ein wenig dicke, wenn Teddy der ausbeuterischen Ehefrau eines alten Schulkollegen so einheizt, dass die ihm die Reise nach Berlin spendiert und er gestärkt wird, sich gegen sie und sich selbst durchzusetzen: ohne Arbeit geht jeder kaputt. Aber immer noch fand ich die moralische Botschaft und die mitmenschliche Hilfsbereitschaft in Teddys Handeln „bildend“. Als nächstes – At Mrs. Keefe’s – rettet er einen anderen Jüngling, höchst umsichtig deren Rache vermeidend, aus den Händen einer Verbrecherbande, gut, lustig. Dann noch einmal ein Höhepunkt in The Fenwicks, wo ein verklemmter Jüngling mit Hilfe von Französisch-Stunden (und Unterstützung des Familien-Priesters) einerseits seine wachsende Männlichkeit angstfreier akzeptieren, andererseits seinen verqueren Elitismus an Zeugnissen französischer Noblesse korrigieren lernt. All diese Lehrstücke sind auch für mich als Leser bereichernd – ich wusste nicht, dass die bubenhafte Vulgär-Kultur der Bewältigung von Ängsten gilt, die sie auf dem Weg zum Mann-Werden überwinden müssen. Soso. In dieser Erzählung lernen wir das Himmelskind Eloise (14!) kennen, die im Hintergrund die Fäden zieht und ins Kloster will. Hier zeigt Wilder den gut katholischen Hintergrund seiner vorbildlichen Tugendübung, und das erfreut mein Herz.
Doch danach geht es abwärts: in Myra wird eine unglückliche Ehefrau mit Hilfe Shakespearischer Mädchen ans Kämpfen gebracht und ihr Ehemann etwas holterdipolter dazu veranlasst, vor ihrer Liebe nicht wegzulaufen, in Mino lernt ein italienischer Krüppel seine Sehnsucht nach einer Frau vernünftig erstmal auf die Pflege von Freundschaften hin zu gestalten, und die Auserwählte wird vom schwarzen Schatten über dem Tod ihres Ex-Mannes geheilt (letzteres Modell wird dann nochmal durchgespielt in Bodo and Persis). Und zu guter letzt inszeniert sich mein lieber Autor dann auch noch als großer Heiler: einerseits, indem er der im Navy-Milieu eingesperrten Alice das Kind „macht“, das ihr Mann nicht hinkriegt, andererseits, nachdem er in The Deer Park die Seelen-kranke Elsbeth vor einer Gehirn-OP bewahrt und sich zugleich als schamanischer Hände-Heiler outet. Beim Kind-Machen muss die fromme Frau von ihrer Höllenangst durch ein paar Jesusworte – auch frei erfundene – beruhigt werden, – und da kann ich nicht mehr mit. Und beim Heilen, obwohl er selbst diese Gabe verleugnet und nur im Notfall einsetzt, wird mir die Sache zu esoterisch. Und ich gerate in heftiges Fremdschämen, wenn ich hier einen Autor sehe, der sich, wie es in den Besprechungen heißt, als „Heiliger wider Willen“ outet. Vielleicht sollte helfen, dass er offenbar ein imaginiertes Leben für seinen bei der Geburt verstorbenen Zwillingsbruder verfassen wollte.
Versöhnt wird man auch durch die Beschreibung von Menschen, die in größter Armut unter ungünstigsten Bedingungen aufwuchsen, und doch ihr Leben in Heiterkeit dankbar annehmen lernten und zu Wohltätern für andere wurden. In vielen Hinsichten fühlte auch ich mich „erbaut“. Aber dann lese ich in einem Blog, dass dies ein „Wohlfühlbuch“ sei, und das muss ich zugeben. Und dann erinnere ich mich daran, dass alles „Gute“, was nicht für Christus getan wird, nicht gut ist. Was auch hier stimmt, außer für Eloise den Fenwicks.
So hinterlässt das Ganze gemischte Gefühle. Ich suchte nach Entschuldigungen, indem ich es als ein Jugendwerk einsortierte. Aber nein, es ist sein letztes. Und die Tricks, die da eingesetzt werden, kommen aus der Routine eines Erfolgs-verwöhnten Drama-Autors. So bleibt mir nur das Sittenbild eines schönen, von Hoffnung auf Mitmenschlichkeit geprägten Amerika. Mit Jugendlichen muss man die problematischen Seiten gut beleuchten.
Jg **
Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 2. Hälfte |
| Seiten | 300-600 |
| Autor | Wilder, Thornton |
| Für Jugendliche: | Gut |

Kommentar zu: Wilder, Thornton – Theophlus North.