Unsere erste DOM-Tagung sollte unter dem Thema

„Warum Orthodoxes Christentum? Warum in deutscher Sprache?“

stehen und am 20./21. November 2020 in der St.-Justin-Einsiedelei in Unterufhausen stattfinden.

Aber dann kam alles anders … Unter verschärften Hygienebedingungen aufgrund der Corona-Epidemie fand die Veranstaltung schließlich als DOM-Feier des Erzengelwunders im September 2021 in einem kleineren Kreise statt.

Intention

(Peter U. Trappe, 2020)   

Die Frage „Warum orthodoxes Christentum?“ ist für orthodoxe Christen eigentlich überflüssig. Sie wurden entweder in den Horizont der Einen, Heiligen, Katholischen, Apostolischen Kirche wegen ethnisch-kultureller Zugehörigkeit hineingeboren oder haben sich irgendwann als Konvertiten mit Herz und Seele der Orthodoxie angeschlossen. Das heißt nun nicht, dass Orthodoxe sich über ihre geistige Herkunft, Umgebung, Zukunft keine Gedanken machen. Aber für sie ist gewöhnlich der Glaube und die hieraus resultierende kirchliche Praxis so selbstverständlich wie etwa das Jesus-Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14, 6). Also wendet sich die erste Frage unserer 1. DOM-Herbsttagung, es sei denn als Selbstvergewisserung, missionarisch gesinnt mehr nach außen.

In Deutschland, „auf dem kanonischen Territorium des Patriarchates von Alt-Rom“, wie ein Referent formuliert, haben wir es seit bald 1.000 Jahren statt mit Orthodoxie mit „Christentum“ heterodoxer Prägung zu tun. Die kirchliche Praxis der sog. Konfessionen weicht von altkirchlicher Tradition und biblischem Zeugnis immer mehr ab, derart, dass die „ökumenisch“ seit Jahrzehnten beschworene, christlich-eucharistische Einheit statt greifbar eher undenkbarer wird. Der säkulare, moderne, unterdessen teilweise offen antichristliche Zeitgeist treibt die Konfessionsführer vor sich her, lässt sie vor Gender, Islam, Esoterik, Klima, Corona und dgl. kapitulieren. Umso wichtiger wird ein lebendiges, unverzagtes, unverfälschtes Bekenntnis zur Wahrheit der Allerheiligsten Dreiheit, erscheinend als Kirche Christi.

Nun sind die im deutschen Sprachraum meist kriegsbedingt als russische, rumänische, serbische, bulgarische, georgische, griechische, antiochenische Diaspora wirkenden orthodoxen Gemeinden mitsamt Bischöfen sowie Klerus per Jurisdiktion, kalenderbezogen, kulturell, auch durch gewisse neueste Konflikte unterschiedlich geprägt. Darum mag es, trotz kanonischer und praktizierter eucharistischer Einheit nach außen scheinen, als hätten unsere Wünsche nach Implantierung deutschsprachig-orthodoxer Belange in die Migranten-Kirchen oder Gemeinde-Gründungsabsichten wenig Perspektive. Doch wachsen nicht hieraus gerade den deutschsprachigen Wegbereitern – insofern auch der DOM-Gesellschaft – spezielle Verantwortung und eigene Chancen zu? Kirchengeschichte von Grund auf überdenken – im jeweiligen kirchlichen Umfeld die Möglichkeiten orthodoxer Einheit erkennen und nutzen – persönlich als Vorbild der Liebe, des Glaubens, der Hoffnung wirken, um diese unsere Lande ganz neu zu heiligen?                                                 

Bild der Sankt-Justin-Einsiedelei in Unterufhausen
St.-Justin-Einsiedelei in Unterufhausen

Tagungsband (2021)

Bericht von der Veranstaltung im September 2021

Von der Tagung zum Gebetstreffen

von Cornelia Hayes

Schon lange war der Plan einer ersten Öffnung für nicht-Mitglieder, nicht-Orthodoxe, nicht-Christen und sogar nicht-Gläubige bei uns im Gespräch. Eine für Herbst 2020 geplante Tagung über das von DOM-Mitgliedern zuvor beschlossenen Thema „Warum christliche Orthodoxie?“ und „Warum in deutscher Sprache?“ fiel den strengen Covid-Regeln zum Opfer. Da für den Herbst weiterhin Restriktionen zu erwarten waren, beschlossen wir, unser Treffen in den Rahmen einer Feier zum Gedächtnis des Wunders des Erzengels Michael in Chone zu stellen.

Das war offensichtlich eine glückliche Fügung, denn trotz hochgradig beschränkter Organisations-Ressourcen wurde es ein wahrhaft gesegnetes Treffen, bei dem sogar – durch die Mithilfe vieler – alle Besucher satt und zufrieden an den schönen Gottesdiensten teilnehmen konnten. 

Das Treffen begann am Samstag, dem 18. September um 14.00 Uhr mit einem Gebet vor der Ikone des Heiligen Erzengels im Konferenzraum unter der Kirche. S’chi-Archimandrit Justin hieß die Versammlung im Namen von Vater Basilius willkommen. Zum missionarischen Anliegen unserer Gesellschaft erinnerte Vater Justin an den Altvater Ammon: Mit Tadel im Herzen kann man nicht missionieren. Die Notwendigkeit der orthodoxen Kirche hier im Westen machte er daran fest, dass der „Weltgeist“ sich seit dem Ende des letzten Weltkriegs radikal verändert hat: Die Zentralität der Kirche und ihres Gottesdienstes wird in den Konfessionen nicht mehr verstanden, und das gilt zu großen Teilen auch für orthodoxe Christen. Gegen diese Einflüsse müssen wir wieder lernen, die Einsamkeit zu pflegen und die Kunst, uns selbst zu verachten. Nur dann tritt der Widersacher, der sich sonst im Verborgenen hält, klar zu Tage und kann in uns selbst bekämpft werden. Solange wir unseren Trost in der hiesigen Welt suchen, können wir auf die Gnade, derer unser Mühen bedarf, nicht hoffen.

Auch Gregor der Theologe hat betont, dass nur die Einsamkeit der Wüste jene wahre Philosophie eröffnet, auf die wir zur Bereinigung unseres inneren Menschen angewiesen sind. Nur wenn wir uns in uns selbst immer wieder zurückziehen, gewinnen wir – wenigstens im bescheidenen Rahmen – jenes Maß an Geistkraft, das uns erlaubt, uns von den trügerischen Dingen zu lösen und zu Zeugen Christi zu werden. Was dies für den Gottesdienst bedeutet, legte Vater Justin im Einzelnen aus: Anhand der Vita des Heiligen Niphon vom Berg Athos erinnerte er daran, wie man sich in der Kirche richtig verhält, d.h. als Teilnehmer am Gottesdienst, nicht als bloßer Zuschauer. Wie der Heilige Makarios der Ägypter in der Homilie 25 zum Leben im Heiligen Geist klar macht, müssen wir selbst geradezu Feuer werden, um unsere notwendige Selbst-Mission zu vollbringen. Nur dann können wir hoffen, dass Gott unsere Bemühungen um andere nicht mit den Worten zunichte macht: „Ich habe euch nicht gesandt, und nichts aufgetragen.“

Die darauffolgende Betrachtung von Erzdiakon Martin Lissmann bezog jenen Ruf zur Selbstmission auf die strukturelle Ebene. Unter dem Titel Warum orthodoxes Christentum auch im kirchlichen Westen? legte er den Finger auf eine Wunde in der orthodoxen Kirchengeschichte: den heutigen Jurisdiktions-Pluralismus. Zwar hatte es seit der Gründung der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland erste Versuche gegeben, dieses Problem zu lösen. Doch der Fortschritt solcher Bemühungen wurde durch den Rückzug der russischen Kirche aus diesem Gremium wieder zunichte gemacht. In seinem Rückblick auf die Entwicklung orthodoxer Verwaltungsstrukturen seit dem 4. Ökumenischen Konzil (451) machte Vater Martin das Ausmaß der Regelwidrigkeit klar, die sich aus dem Fehlen einer konziliaren Klärung der orthodoxen Status Alt-Roms für das Territorium der Kirche im Westen ergeben hat. Diese fehlende Klärung hat mit der Entstehung zahlreicher Parallel-Jurisdiktionen auch die Unglaubwürdigkeit des orthodoxen Selbstverständnisses (als kanonisch gegründet) begünstigt.

Als nächstes ging der orthodoxe Übersetzer und Herausgeber Johannes Wolf in seinen Gedanken zum Verlust des Heiligen Geistes in den Zivilisationen des Abendlandes auf die Bedingungen ein, die eine neuerliche orthodoxe Mission in den deutschsprachigen Ländern überhaupt nötig gemacht haben. Warum hat sich denn die Christenheit des Westens im zweiten Jahrtausend ganz anders entwickelt hat als jene in der Orthodoxie? Der Blick auf Symptome und Hauptursachen für diese Auseinanderentwicklung führte Wolf zur These, dass sich der Heilige Geist aus den Zivilisationen des gesamten Abendlands zurückgezogen, bzw. Seine Energien zurückgenommen hat.

Um diese These plausibel zu machen, bot Wolf zunächst einen Überblick über das christliche orthodoxe Europa im ersten Jahrtausend. Anhand von Zitaten aus der Heiligen Schrift stellte er dar, wer der Heilige Geist ist und wie Er in der Kirche, die damals noch die ganze bekannte Welt umfasste, wirkt. Es war der Zusatz des „Filioque“ zum Glaubensbekenntnis der Kirche, den Wolf als ein „Virus“ für die Zerstörung der Integrität dieser universal einen Kirche im Westen, und somit der gesamten Geist-Bezogenheit und Geistesgeschichte des Abendlandes verantwortlich machte. Als Häresie gegen den Heiligen Geist stellte er somit das „Filioque“ dem Arianismus als Häresie gegen die Person Christi zur Seite.

Für die orthodoxe Mission in Deutschland bedeutet dies, dass zuallererst ein Bewusstsein dafür geweckt werden müsste, wie bedeutsam sich hier die machtpolitischen Interessen der fränkischen Herrscher auswirkten. Wolf folgte hier dem bedeutenden griechischen Theologen Joannes Romanides in seinem Anliegen, das historische Bewusstsein im heutigen Deutschland für die Tatsache zu wecken, dass die anti-orthodoxe Entwicklung des Abendlands weitgehend von deutschem Territorium ausging. Allein die Verbreitung dieser im Westen verdrängten Wahrheit, wenn sie im Geist christlicher Liebe vertreten wird, kann die Bereitschaft zum grundsätzlichen Umdenken, und zur christlichen Neu-Orientierung fördern.

Der Abend war der Vigil gewidmet, die zur Göttlichen Liturgie am Sonntag, dem 19. September hinführte. Nach dem Mittagessen beleuchtete Cornelia Hayes die Lehren, die sich für DOMs missionarisches Anliegen aus dem Scheitern eines historischen Bemühens ziehen lassen, im Anknüpfen an den dogmatischen Stand des ersten Jahrtausends eine eigenständige „westliche“ Orthodoxie „aus dem Boden zu stampfen.“ Dieses Bemühen war von Julian Joseph Overbeck mit Berufung auf eine spezifisch abendländische, dabei national ausdifferenzierte Mentalität verfolgt worden und lebt noch heute in verschiedenen Ansätzen zu einer Orthodoxie des westlichen Ritus weiter.

Wie Hayes jedoch im Blick auf den Vortrag von Johannes Wolf betonte, hat diese Mentalität (wie immer man diese angesichts der vielfachen Wanderungsbewegungen der letzten Jahrhunderte überhaupt noch definieren könnte) durch Jahrhunderte-lange Prägung durch eine fehlgeleitete christliche Kultur jede Fähigkeit zu solchem Anknüpfen verloren. Von daher ist die jurisdiktionelle Unordnung, die Vater Martin mit Recht als unkanonisch moniert, für das Entstehen einer westlichen Orthodoxie zumindest bedingt zu begrüßen: Sie ermutigt hiesige Konvertiten, von Einwanderern aus Ländern mit (trotz aller Verfolgungen) ungebrochener orthodoxer Tradition im miteinander-Beten und -Leben das Orthodox-Werden allererst zu lernen. DOMs Bemühen um die Förderung der deutschen Sprache in Gottesdienst, Katechese und Seelsorge geht darum gerade nicht auf deutsche Einsprachigkeit, sondern auf ein für Migranten wie Konvertiten gedeihliches sprachliches Nebeneinander.

Den Abschluss unserer Feier bildete Pfarrer Wolfgang Wünschs Beschreibung eines Altarbildes in einer deutsch-protestantischen Kirche in seiner rumänischen Heimat. Ihm ging es für seine evangelischen Gemeinde-Mitglieder um den Nachweis, wie präsent heute längst vergessene oder verleugnete Glaubens-Wahrheiten der ungeteilten Kirche der ersten Jahrhunderte auch in der kirchlichen Kunst der Reformation zumindest im Südosten Europas noch lebendig waren. Sein Vortrag bot ein Beispiel dafür, wie auch die DOM-Gesellschaft ihr missionarisches Anliegen unter heterodoxen Nachbarn durch den Aufweis solcher Rest-Bestände gemeinsamer christlicher Anliegen und Vorstellungen befördern könnte. Allerdings wurde hierbei deutlich, dass der Blick auf solche Bestände ein Interesse an der Orthodoxie nur dann wecken kann, wenn überdies die Unverzichtbarkeit einer Einbettung in die Fülle kirchlicher Erfahrung plausibel gemacht wird.

Das Besondere an diesem ersten DOM Feier-Treffen, so kann man im Rückblick sagen, lag darin, dass die geladenen Referenten – ohne sich je miteinander ausgetauscht zu haben – in einer Weise auf das gestellte Thema Bezug nahmen, die Einmütigkeit mit gegenseitiger Ergänzung aufs Glücklichste sichtbar werden ließ. Insofern hatte Erzpriester Stefan Anghel, der als Vorsitzender der DOM-Gesellschaft die Betrachtungen moderierte, recht mit seinem Hinweis auf den „gleichsam kirchlichen“ Charakter unserer Gesellschaft.

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