
Meinung
Cornelia meint:
Die Messe des Gottlosen
Der begnadete Arzt, ein wahrer Herrgott in Weiß und Spötter gegen alle Religion, geht dennoch vier Mal im Jahr in die Kirche, um auf Knien einer Messe beizuwohnen. Befragt, erzählt er die Geschichte seines schweren Aufstiegs aus absoluter Armut. Damals hat ein ebenfalls bitterarmer Wasserträger unter größten persönlichen Opfern und mit aller Liebe ihm geholfen. Bei seinem Tod bat er um Messen. Und obwohl der Arzt nichts glaubt, hat ihn doch die Größe dieser Liebe dazu veranlasst, diese vier Messen jährlich zu stiften und zu begehen. Auch schenkt er allen Wasserträgern nicht nur besondere ärztlich Hilfe, sondern überdies Mittel, um ihre Lage zu verbessern.
So, und das ist einfach alles wunderschön und eine Freude zu lesen: Die so Gestalt gewordene Liebe steckt an. Der einzige Grund, warum ich das noch nicht für 12-jährige große Kinder empfehle, ist die Weitschweifigkeit, die sie überfordern könnte.
El Verdugo (auch in Contes bruns)
Besiegt durch Napoleons Truppen erduldet der spanische Graf von (Biskaya) französische Besatzung, die unter dem Kommando des französischen Kommandanten Victor Marchand (schon dem Namen nach nicht adelig!) eine Verschwörung mit von See her zur Hilfe eilenden englischen Truppen verhindern soll. Allerdings verwöhnt der Graf seine Besatzer mit Festen und Bällen. Allein Viktor, verwirrt durch das Mitleid Klaras, der schönen Grafentochter, auch in sie verliebt, hat sich mit einem Gefühl des Unbehagens dem Fest entzogen und entdeckt den Verrat, den die liebenswürdige Verwöhnung hatte verbergen sollen. Während im Schloss die gesamten französischen Offiziere hingemetzelt werden, entkommt Viktor, durch Klara gewarnt, erreicht seinen General, der mit Truppen Strafjustiz androht. Der Ort wird verschont, weil die Schuldigen sich stellen. Doch die Grafenfamilie soll gehenkt werden. Durch Vermittlung Victors reduziert der General die Strafe auf Enthauptung und gewährt die Bitte um das Überleben des ältesten Sohnes unter der Bedingung, dass dieser selbst seine Familie hinrichtet. So bleibt wenigstens der berühmte Name erhalten.
Der Barbarismus dieser „Begnadigung“ ist schockierend. Entsetzlich auch, dass Klaras Mitleid die Tragödie auf ihre Familie herabgerufen hat: Wäre Victor nicht entkommen, hätten die Engländer landen und das französische Heer überfallen können. Klaras liebende Fürsorge für den Feind richtet ihre Familie zugrunde. Grausig!
Die Börse
Erfolgreicher Maler-Muttersohn verliebt sich in Adelaide, muss aber zugleich gegen das Misstrauen kämpfen, das ihm die Besucher einflößen und die Tatsache, dass diese jeden Abend etliche Franken im Spiel mit Mama und Tochter gewinnen. Was geht da ab. Als die beiden Frauen den Geldbeutel behalten, den er bei ihnen vergessen hat und mithin offensichtlich Diebinnen sind, öffnet er sich für die üble Nachrede seiner Künstlerkollegen. Endlich aber sieht er ihr Leid, kommt zurück, und wird beschenkt mit einer selbstgestickten Geldbörse, mit allen Talern drin. Man hatte das Ding einbehalten, um ihn zu beschenken. Auch hat seine Mama, Erkundigungen einbeziehend, die Tadellosigkeit jener Glücksspielerei als Rettung der alten Baronin aus der Armut der Restaurationszeit erkannt: Ende gut, Hochzeit
Naja, mir ist das breit ausgeführte Liebesglück und Liebesleid zu konstruiert. Wer klaut denn einen vollen Geldbeutel, um ihn zu ersetzen! Das ist mir etwas zu viel der Liebesprobe.
Info
| Erscheinungsjahr | 19. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Balzac, Honoré de |

Kommentar zu: Balzac, Honoré de – Die Messe des Gottlosen | El Verdugo | Die Börse.