Wie sind orthodoxe Traditionen heute noch lebbar?

von Cornelia Delkeskamp-Hayes

Dieser Vortrag wurde gehalten am 1. November bei der zweiten Konferenz der orthodoxen Jugend der Berliner Diözese (Moskauer Patriarchat) über das Thema „Eine moderne orthodoxe Familie gründen und bewahren“. Er bietet die überarbeitete Fassung eines Aufsatzes „Er schuf sie als Mann und Frau“ in „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins:“ Mann und Frau aus orthodoxer Sicht. (Hg. C. Hayes, Edition Hagia Sophia) und eines Vortrags in Krefeld dar.

(Broschüre bei Edition Hagia Sophia)

Den Kern der Familie bildet das Ehepaar. Von der Qualität seiner Zweier-Beziehung lebt das Ganze. Mit dieser Zweisamkeit steht es nicht gut: Viele Ehen scheitern.

Ich möchte in diesem Aufsatz für einige Aspekte der orthodoxen Tradition des Ehelebens werben. Dazu muss ich zuerst (1.) das feindliche Umfeld skizzieren, das sich in der allzu enggeführten Alternative zwischen Unterdrückung und Gleichberechtigung festgefahren hat, danach (2.) werde ich orthodoxen den Ausweg aus dieser üblen Alternative beschreiben und schließlich (3.) den Sinn darlegen, in dem unsere Tradition die eheliche Liebe als Gottesgeschenk versteht.

1.  Der im Westen herrschende Zeitgeist

Da geht es einerseits (a) um Gleichberechtigung, andererseits (b)um unsere nach-christliche Welt.

a) Der Fokus auf Gleichberechtigung

Seit der Aufklärung, aus der sich die Moderne entwickelte, wird „gelingendes Leben,“ oder das von jedem Menschen erhoffte Glück, nicht mehr im Blick auf göttliche Transzendenz betrachtet. Mit der Säkularisation hat sich dieses Glück in ein rein diesseitiges Wohlgefühl an erreichter Selbstverwirklichung verwandelt. Die Würde des Menschen beruht nicht mehr auf seiner Gottesebenbildlichkeit und göttlichen Berufung. Sie begründet vielmehr einen zwischenmenschlichen Anspruch auf Respekt für bestimmte Grundrechte. Und diese kommen dem Menschen nicht mehr im Rahmen der von ihm ausgefüllten sozialen Rollen zu. Vielmehr verweisen sie auf Wertschätzung seiner individuellen Einzigartigkeit.

Im Horizont einer derart individualisierten, rein immanenten Glückssuche muss es als Skandal erscheinen, dass bis heute die Möglichkeiten eigener Selbstentfaltung für Frauen hinter denen der Männer zurückbleiben.[1] Was früher Gegenstand ihres Stolzes als Frauen darstellte, ihre Fruchtbarkeit und Erziehung der Kinder, erscheint heute als Behinderung in der sexuellen Selbstbestimmung und im Wettstreit mit Männern um Führungspositionen. [2]

Mit der Anerkennung individueller Menschenrechte verknüpft sich die Forderung, jeder Träger dieser Rechte müsse diese auch in sich selbst respektieren. Darum können Ehen heute zwar vertraglich frei gestaltet werden. Sie dürfen jedoch jenen für beide Teile gleich verpflichtenden Respekt nicht verletzen. Moderne Ehen sind auf Gleichberechtigung angelegt. Eine explizit traditionelle Ehe (mit Unterordnung der Frau unter den Mann) gilt heute als sittenwidrig.

Na wunderbar, werden manche von Ihnen sagen. Glauben denn nicht auch wir Orthodoxen an die unantastbare Würde jedes Menschen, und ist uns nicht auch die gleichberechtigte Anerkennung dieser Würde in Männern wie Frauen wichtig? Jahrhunderte der Herabsetzung von Frauen (deren Menschsein im Westen noch zu Ende des 18. Jhs diskutiert wurde), ihre Unterdrückung (Entzug ihrer Kinder bei Scheidungen, mangelnde Glaubwürdigkeit vor Gericht, wirtschaftliche Entmündigung, sozialer Zwang zur Akzeptanz männlicher Untreue, vorenthaltene Bildungschancen) – all das ist eine Schande; die rücksichtslose Ausnützung ihrer Rechtlosigkeit (und physischen Unterlegenheit) durch Ehemänner gestern und heute ein bleibendes Unrecht. Und wie überhaupt sollte wahre Liebe möglich sein ohne Gleichheit „auf Augenhöhe“ zwischen den Liebenden? Anders als die Liebe zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Vorgesetzten und Untergebenden gehört zur ehelichen Liebe eine Intimität, die keine Vormachtstellung des einen über die andere verträgt! Hat also die säkulare Sichtweise auf die Ehe hier nicht recht?

Auch die westlichen „Volkskirchen“ erkennen doch die Gleichberechtigung der Geschlechter an. Sie verweisen hierzu gern auf Jesus und Seine weitgehende, für die Zeitgenossen schockierende Gleichbehandlung beider Geschlechter. Dass Er Frauen nicht zur Verkündigung berief, wird von vielen als nicht mehr zeitgemäß angesehen: Die Mehrzahl christlich gesinnter Zeitgenosssen bejahen Chancengleichheit auch bei der Weihe

b) Der nach-christliche Charakter dieses Zeitgeists

Problematisch ist für uns Orthodoxe hier in den nicht-orthodoxen Ländern des Westens, dass die Sprache hiesiger Christen in vielem genau so klingt wie die Sprache unserer Tradition. Nur verbinden sich hier mit den frommen Worten andere Bedeutungen. Konfessionschristen sehen in der aufgeklärten Moderne eine „zeitgemäße Neufassung“ jener Moral, auf die sie selbst ihren Glauben reduziert haben. In „rational gereinigter“ Form (so der große Aufklärer Immanuel Kant) soll diese Moral für die Menschheit als Ganze gelten, also auch für Ungläubige. Aufgeklärte Westchristen sehen über die Kirchen-Feindlichkeit jener Moderne hinweg. Sie haben durch Moralisierung, Politisierung, Säkularisierung, Kulturalisierung, Ritualisierung, und Historisierung ihres Glaubens den in der Kirche lebendig wirkenden Gott in eine leer gefegte Transzendenz verfrachtet. Die Deco frommer Gebäude steht noch. Aber die „Gotteshäuser“ sind auch Sonntags leer. Das „prophetische Wächteramt“ wird weiter medial bespielt. Doch die Verkündigung hält sich im Rahmen sozialer Diesweltlichkeit.

Und da meint man, Abhilfe für das Übel der Unterdrückung von Frauen schon durch anerkannte Gleichberechtigung sichern zu können. Nun, tatsächlich hat die als Staatsziel durchgesetzte Gleichberechtigung die rechtliche und berufliche Lage von Frauen verbessert. Doch zugleich hat der Anspruch auf sexuelle Gleichberechtigung die sexuelle Ausbeutung von Frauen, hat Abtreibungen und vaterlos aufwachsende Kinder gefördert. Weibliches Karrieredenken hat die Chancen für ein gelingendes Familienleben vermindert. Das Einfordern gleicher Rechte in der Ehe hat die Konflikte beim Aushandeln „fairer“ Arbeitsteilung vervielfacht und so die Stabilität vieler Ehen zerstört.[3] Der rein innerweltliche Griff nach dem Guten landet – das wissen wir seit Adam und Eva – beim nur scheinbar Guten.

Als orthodoxe Christen leben wir unter der Herrschaft eines Zeitgeistes, bei dem, Orgelklang hin, Weihrauch her, der „Geist raus“ ist. Sicherlich geht es uns besser als damals im Kommunismus, oder heute in islamischen Ländern. Doch unsere scheinbare Nähe zur nach-christlichen Kultur des Westens ist für die Integrität unseres Glaubens gefährlicher. Wir leben inmitten eines Wildwuchses von scheinbar christlichen, dabei aber oft häretischen oder gar heidnischen Werten, Normen, Konventionen und Intuitionen zu Themen der Freiheit, der Selbstfindung, Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung, Sinnkonstruktion, Toleranz, Solidarität, Gleichberechtigung, Inklusion, Integration, die allesamt im Echoraum unserer Tradition „haarscharf daneben“ widerhallen.

2.  Was also lehrt diese Tradition über ein gelingendes Eheleben?

Sie vermeidet die verengte Alternative zwischen männlicher Unterdrückung und weiblicher Rechthaberei. Sie bindet gelingendes Leben an Vergöttlichung durch Gnade. Sie bindet Empfänglichkeit für diese Gnade an die Nachfolge Christi. Diese besteht in der Annahme der Heilmittel von Not und Tod, durch die – wie der Heilige Maximus der Bekenner lehrt[4] – Gott uns Gefallene zur Umkehr einlädt. Diese Umkehr verlangt die Kreuzigung unserer leidenschaftlichen Selbstvergottung, den Verzicht auf Eigenmächtigkeit und Unterstellung unter den göttlichen Willen. Unsere in der Gottes-Ebenbildlichkeit angelegte Freiheit verwirklicht sich gerade nicht im Eigensinn menschlicher Autonomie, sondern in solchem Gehorsam. Darum hat die Kirche nicht nur die Einschränkung, sondern gar den vollständigen Verlust weltlicher Handlungsfreiheit (z.B. in der Sklaverei) nie als Hindernis auf dem Heilsweg eines Menschen angesehen,[5] den Verlust geistlicher Freiheit in der Sklaverei unter den eigenen Leidenschaften dagegen schon. Vor diesem Hintergrund stellt die politische Forderung nach Gleichberechtigung (z.B. zwischen den Geschlechtern) eine Ablenkung vom Wesentlichen dar.

Aber worin besteht denn nun das „Heilsame“ des nur allein den Frauen angebotenen (häufig aufgezwungenen) Kreuzes ihrer „Unterwürfigkeit“ (Eph 5,22)? [6]

Der vor kurzem als Heiliger anerkannte Theologe Dumitru Staniloae beschreibt in seiner Dogmatik alle mitmenschliche Liebe als irdisches Abbild der inner-trinitarischen Liebe.[7] Nun vereint die göttliche Liebe, anders als bei Menschen, Personen, die alle von Natur aus dasselbe wollen. Von „Unterwürfigkeit“ kann da keine Rede sein. Dennoch herrscht hier keine Gleichheit: Allein der Vater ist ja Ursprung, Urbild, Zeugender, Sendender. Der Heilige Basilius von Caesarea beschreibt ihn darum[8] als als „arche:“ „Wenn wir ‚Gott aus Gott‘ verehren, bekennen wir sowohl die Eigentümlichkeit der Personen, als auch halten wir an der Mon-archie fest“ (XVIII:38a, 1967, S. 73, 187.)[9]

In entfernt analoger Weise wie Sohn und Geist „aus“ dem Vater sind, wird auch das „Rohmaterial“ für die Frau, die Rippe, „aus“ dem Mann „genommen“ (Gen 2,21). Auch der Mann ist somit „arche“ der Frau. Nun gilt im ersten Schöpfungsbericht zwar Gleichzeitigkeit: „Gott schuf den Menschen, als Mann und Weib schuf Er ihn“ (Gen.1,27). Auch werden hier beide in gleicher Weise mit Gottes Ebenbildlichkeit und Herrschaft über die irdische Schöpfung beschenkt. Dennoch setzt der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,7) ein bedeutsames Nacheinander: Allein dem Mann wird das Verbot des Baums der Erkenntnis mitgeteilt. Er erscheint somit als primärer Ansprechpartner Gottes.[10] Und allein der Mann wird zunächst geformt, die Frau erst danach zur Abhilfe eines Mangels,[11] „Es ist nicht gut dass der Mensch allein sei“ (Gen 2,18).[12] Als Nachbesserung seiner Lebensqualität soll sie für Adam zur Helferin werden.[13]

Hegelianisch gesprochen ist er das „an sich“ und sie das „für ihn“.[14]

Nun wird diese einsinnige Zuordnung sogleich dadurch gemildert, dass Adam ein Anhängen des Mannes an der Frau voraussagt. Da soll er sogar seine Pflicht den alten Eltern gegenüber vernachlässigen (Gen 2,24).[15] Dennoch hat er anfangs Eva einen Namen gegeben, ganz so, wie er dies auch bei Kühen, Schafen und Kamelen tat: Namengeben signalisiert Autorität. Immerhin zeichnet er Eva dabei besonders aus als „Fleisch von seinem Fleisch.“

Evas grundlegende Zuordnung auf Adam prägt auch des Heiligen Johannes Chrysostomos‘ Auslegung der Vorbedingungen zum Sündenfall: Der wäre nie passiert, so der Heilige, wenn beide Menschen in ihrer Treue gegenüber der göttlichen Schöpfungsordnung, und damit im Liebeseifer ihrer Dankbarkeit, nicht schon ein wenig nachlässig geworden wären: Evas Rolle als Helferin hätte sie an Adams Seite halten sollen, dann hätte Adam gewiss verhindert, dass sie sich mit einem beider Königsherrschaft unterstellten Tier auf riskantes Theologisieren einließ.[16]

Erst in der Vertreibung aus dem Paradies wird jene zunächst durchaus herzenseinige Zuordnung der Frau auf den ihr anhangenden Mann zum Fluch krasser Unterordnung.[17] Eva darf zwar auf einen Nachkommen hoffen, der die Schlange, ihren Verführer, zermalmen wird (Gen. 3,15). Doch diese Tröstung wird durch ihr auferlegte Gebärschmerzen schon gleich beeinträchtigt. Noch auch bleibt ihr die Ausflucht in den Gebär-Streik: Ein „Verlangen“ nach dem Mann soll sie hindern. Dieses Ausgeliefertsein ans eheliche Begehren schwächt ihre Position als nunmehr Untergebene noch zusätzlich.[18]

Paulus‘ Bestehen auf dem Gehorsam der Frau gegenüber ihrem Mann greift diesen VertreibungsFluch auf.[19] Seine Zusatz-Warnung, die Frau solle in der Kirche schweigen[20] und theologische Fragen mit ihrem Mann besprechen, erinnert an ihren Reinfall mit der Schlange.

Alles einsehbar. Aber was ist eigentlich mit Adam? Der kriegt Arbeit im Schweiße seines Angesichts aufgebrummt, okay, doch Chef bleibt er trotzdem! Allerdings wird dieses Privileg mit gewissen Widerhaken versehen. Um sie zu erkennen, müssen wir noch einmal auf den göttlichen Heilsplan blicken.

Die Abkehr des Menschen von Gott geschah durch den Stolz, mit dem der Mensch sein „Gutes“ unabhängig vom liebenden Gehorsam Gott gegenüber greifen wollte. Der Preis dieser Abkehr war der Tod. Den hat Christus besiegt. Eine Rückkehr zu Gott ist nun wieder möglich. Der Gott-Mensch hat jenen Gehorsam vorgelebt, durch den wir Sünder erneut für die Leben-schaffende Gnade Gottes empfänglich werden. Auch in der Ehe ist dieser Gottes-Gehorsam für beide, Männer wie Frauen, verpflichtend. Evas Unterordnung unter Adam wird in den Rahmen einer gegenseitigen Unterordnung gestellt, und zwar „in gemeinsamer Ehrfurcht vor Christus“ (Ep. 5,21).[21]

Wie ist das zu verstehen? Nun, bereits zu Lebzeiten hatte Christus den Fluch der Demütigung Evas gemildert und an den ursprünglichen Schöpfungsplan rückgebunden: Vor Seinem Kommen konnten Männer die Ehebrecherinnen zum Tode verurteilen, ohne mit männlichen Mittätern (Verführern, Vergewaltigern) ebenso zu verfahren;[22] jetzt muss schweigen, wer selbst in Sünde steckt (Joh. 8,7). Vorher konnte man Ehefrauen durch einen Scheidebrief loswerden, jetzt ist die Verbindung zwischen Mann und Helferin wieder unauflöslich. Vorher gab es Vielweiberei, jetzt gilt erneut die exklusiv personale Bezogenheit aufeinander. Nichts von alledem bezeugt eine von Frauen durchgesetzte Gleichberechtigung, alles die vom Gott-Menschen erneuerte Gleichverantwortung.

Doch es kommt noch ärger: der durch Christus erneuerte Gottesgehorsam trifft auch den Chef: Der soll seine Frau lieben, verlangt Paulus. Und Petrus sekundiert: er soll ihr beiwohnen in Rücksichtnahme auf ein zwar schwächeres, aber derselben Ehre und Erbschaft würdiges Gefäß.[23]

Nun lässt sich Rücksichtnahme gebieten, Liebe eher nicht.[24] Sicherlich geht es hier zumindest nicht nur ums Gefühl.[25] Für die eheliche Liebe gilt das Vorbild der Beziehung zwischen Christus und Seiner Kirche: Und hier bedeutet Liebe (Eph. 5,25) nichts weniger als Selbsthingabe. Das in der Schöpfung bereits vorausgesagte „Anhangen“ des Mannes an seine Frau wird hier (Eph. 5,31) auf das leibliche Einswerden von Haupt und Gliedern der Kirche bezogen.[26] Als leiblich mit ihr vereint soll der Mann seine Frau „wie sich selbst“ lieben,“

und versorgen. Damit wird aus seiner schönen Herrschaft … ein das Selbst-Opfer einfordernder Dienst.

Eheliches Therapie-Programm

Hinter dieser Neuerung steckt eine göttliche Therapie. Eine solche hat ja der Heilige Maximus der Bekenner schon in jenen Übeln von Mühen, Not, Unterdrückung, Schmerzen, und Sterblichkeit erkannt, die mit der Trennung von Gott einhergingen: Das krachende Scheitern des Projekts menschliche Selbstvergottung sollte die Sehnsucht nach Gottes Fürsorge und Unsterblichkeit erneut wecken. In der Ehe antwortet dieses differenzierte Heilungs-Angebot (Unterwürfigkeit/Liebe) auf die Verschiedenheit der Beteiligten.

Wie das?

Eva

Eva ist als um Adams willen Geschaffene, schon von vorneherein Beziehungs-fähig. Das muss ihr nicht mehr auferlegt werden. Ihre primäre Versuchung mag sich hingegen bereits im Paradies gerade aus dieser Helferrolle ergeben. Im „Helfen“ verbindet sich ja häufig Dienstbarkeit mit Überlegenheit. Der Helfende „weiß es besser“, kann bevormunden, gerade- zu entmündigen. Das Risiko hilfsbereiter Besserwisserei zeigte sich ja schon im Paradies: Als

Gewitztere und (am falschen Ort) Unternehmungslustigere setzte Eva einen vermeintlichen Erkenntnisfortschritt durch, der die gute Schöpfung in den Abgrund riss. Die ihr bei der Vertreibung auferlegte Unterordnung sollte wohl ihrem gutgemeint hilfreichen Vorwitz die nötige Grenze setzen. [27]

Adam

Der Mann, andererseits, trat – nach dem zweiten Schöpfungsbericht – zunächst ganz für sich ins Leben. In Beziehung setzen konnte er sich nur als Herrscher zu der ihm unterstellten Welt. Das war sein Ding, da hatte er viel im Kopf. Von dieser primären Anlage her mochte ihm die Versuchung zu selbstbezogener Unabhängigkeit naheliegen, vielleicht sogar als das „nicht Gute“ seines Alleinseins. Das Auftauchen einer Frau „vom eigenen Fleisch“ war sicher zunächst erfreulich. Doch mag die anhaltend personale Beziehungspflege (samt hilfreich gemeinter Dauer-Beschallung) zuweilen lästig erschienen sein. Daher Evas Alleingänge!

Nach der Vertreibung verschärfte sich Adams Versuchung zu Herrschsucht und Eigensinn. Seine Verpflichtung zur liebenden Einbeziehung einer (überdies manchmal schwer „beherrsch- baren“) Partnerin, und die damit verbundene Steigerung des Dienst-Charakters seiner Herrschaft, wird somit auch als Therapie begreifbar, die Admas eigene Schwachstelle kompensieren soll.[28]

So gelten für Mann und Frau, trotz gemeinsamer Berufung, grundverschiedene Wege zur Vergöttlichung. Unter Bedingungen der Gefallenheit schneidet in den (von Gott getrennten) Eigenwillen der Frau deren Nachrangigkeit nicht weniger schmerzlich ein, als in den (ebenso Gott-verlassenen) Vorrang des Mannes die Verpflichtung auf Beziehungspflege seine Herrschsucht einengt. Wo sich Eheleute immer noch über den Dienstcharakter männlicher Herrschaft oder über weibliche Unterordnung beklagen, enthüllen sie nur das Ausmaß ihrer Befangenheit im „fleischlichen“ (d. h. gefallenen) Eigensinn.[29]

Nun stellt der Apostel Paulus die monarchische Struktur der ehelichen Liebe nicht nur unter das Vorbild der Kirche, sondern auch unter das der Beziehung zwischen Gott-Vater und Sohn:

„Ich will aber, dass ihr wisset, dass der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, des Weibes Haupt aber der Mann, des Christus Haupt aber Gott.“ (1 Kor 11,3) Damit ist eine (wie immer auch weit entfernte) Analogie zwischen inner-trinitarischer und ehelicher Liebe bezeichnet. Nur aufgrund einer solchen Analogie wird ja auch vorstellbar, wie die auf Seiten beider Ehepartner differenziert herausgeforderte eheliche Liebe zugleich ein göttliches Gnadengeschenk darstellen kann.

Wie also sieht sowas aus?

3.  Die eheliche Liebe als Gottesgeschenk

Das Vorbild der inner-trinitarischen Liebe

Vergleicht man die inner-trinitarische mit der ehelichen Liebe, so stellt sich zunächst die Frage, wie Personen einander überhaupt lieben können, wenn sie sowieso immer genau dasselbe wollen. Wird das nicht langweilig? Klingt das nicht wie allzu gut erzogene Kinder?

Nicht für den Heiligen Basilius! Er beschreibt jene göttliche Liebe als ein Wechselspiel kenotischeucharistischer Zugewandtheiten, oder zwischen Herablassung und Darbringung.

Kenotisch ist die Weise, wie der Vater als Ursprung Sohn und Geist an Seinem Wirken beteiligt:

„Der Vater, der durch Seinen alleinigen Willen erschafft, konnte des Sohnes hierzu nicht bedürfen, aber trotzdem verwirklicht Er Seinen Willen durch den Sohn; noch auch konnte der Sohn, der nach dem Bild des Vaters wirkt, einer weiteren Mitwirkung bedürfen, aber auch der Sohn will die Vollkommenheit durch den Geist verwirklichen.“ So auch:

„Denn durch das Wort Gottes wurden die Himmel gemacht, und all seine Heer- scharen durch den Atem [den Geist] Seines Mundes“. Das Wort ist demnach nicht ein bloß bedeutungstragender Druck auf die Luft, ausgeführt durch das Organ des Sprechens, noch auch ist der Geist Seines Mundes ein Hauch der von einem Atemorgan ausgeht; sondern das Wort ist Er Der „bei Gott war von Anfang an“ und „Gott war“, und der Geist des Mundes Gottes ist „der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht“ (XVI, S. 38).

Indem der Vater Sein Schöpfungswerk durch den Sohn, das Wort, vollbringen will, verzichtet er (wie wir übersetzen können) darauf, Seinen Vorrang gegen Sohn (ebenso wie gegen den Geist) „auszuspielen“. Er erweist Seine Liebe als eine sich entäußernde Herablassung: Der Ursprung aller tut nichts, ohne es durch den Sohn (oder den Geist) zu tun. In der göttlichen Dreiheit hebt somit die sich zu Sohn und Geist herablassende Liebe des Vaters dessen eigenen monarchischen Vorrang immer wieder auf.

Eucharistisch vollzieht sich diese Liebe in der Gegenrichtung. Ungeachtet nämlich der Gott-väterlichen Herablassung haben all jene, die das Wort (d.h. Christus) empfangen haben und in der Wahrheit des Heiligen Geistes sprechen, Gott-Vater weiterhin sowohl als „Schöpfer[30] als auch als „heilig“[31] bekannt. Sie haben dieses Bekenntnis als vom Sohn und Geist Belehrte abgelegt. So wird denkbar, dass sich die Liebe von Sohn und Geist zum Vater komplementär zu der Ihnen geschenkten Vater-Liebe erweist: Was immer der Vater durch Sohn und Geist vollbringt, beanspruchen Diese nicht als „ihr Eigenes. Sie bringen es vielmehr (durch das Bekenntnis der von ihnen belehrten Menschen) wiederum Ihm als das Seine dar. So bezeugt es auch der Gott-Mensch durch den Mund Seines Schülers (Joh 5,19-36):

 „Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was irgend er tut, das tut auch der Sohn gleicherweise. …Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat. […] Ich kann nichts von mir selbst tun; so wie ich höre, richte ich, und mein Gericht ist gerecht, denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“

Nimmt man diese Einstellung als repräsentativ auch für den Heiligen Geist, so erschließt das immer neu von oben nach unten zunichte-Machen, ebenso wie auch das von unten nach oben antwortende Anerkennen und Bekräftigen der Sonderstellung des Vaters die liebende Gegenseitigkeit in der monarchischen Hierarchie der drei göttlichen Personen. Eine solche Liebe vermeidet jede Dominanz von oben nach unten, wie auch jede Unterwürfigkeit von unten nach oben. Sie kommt in differenziert gelebter gegenseitiger Hingabe und Entsagung zum Ausdruck.

Wie kann sich dieses Vorbild nun für Menschen auswirken?

Als Schüler der göttlichen Liebe (wenn auch auf der Ebene der Geschöpflichkeit) soll Adam die ihm zugeordnete Person gleicher Natur fürsorglich lieben. Dabei muss er sich allerdings, anders als die heilige Dreiheit, mit der eigenständigen Willensfreiheit der Geliebten herumschlagen. Das kompliziert die Sache. Unter dem Vorbild Gott-väterlicher Herablassung kann er jedoch Evas eigene Wünsche in die Gestaltung seiner Fürsorge für sie einbeziehen. Dies hilft nicht nur beim gelingenden Schenken. Es gilt auch für sein nach dem Vorbild der Liebe Christi verlangtes Ganzopfer im Dienst seiner Familien-Fürsorge. Ebenso wie Evas Versuche hilfreicher Zuwendung steht ja auch Adams Bemühen um liebende Selbsthingabe unter Bedingungen der Gefallenheit. Da zielt man leicht mal durch frommen Selbstbetrug an der Ziel-Beglückung vorbei. Unter dem Anschein opfer- bereiter Zuwendung bedient sich dann doch wieder nur das liebe Selbst. Die eheliche Liebe sucht aber einen nicht nur „allgemein frommen,“ sondern in gegenseitiger Rücksichtnahme einfühlsamen Gottesgehorsam.

Solches Bemühen um Einvernehmen entspricht nun auch der im ersten Schöpfungsbericht angelegten gemeinsamen Herrschaft. Würde der Mann es versäumen, in der Liebe zur Frau dem Vorbild der göttlichen Herablassung zu folgen, so entzöge er sich dem Angebot göttlicher Anverwandlung. Er würde Verrat begehen an seiner Berufung zur Ähnlichkeit mit dem Urbild. Wo ein Mann seinen Vorrang also nicht dazu benützt, um ihn durch Beteiligung seiner Frau immer neu außer Kraft zu setzen, erweist er sich dieses Vorrangs unwürdig.

Ebenso kann auch die Liebe der Frau zu dem ihr übergeordneten Mann die göttliche DarbringungsAntwort von Sohn und Geist abbilden. Sie tut dies in dem Maße, in dem sie die ihr gewährte, den männlichen Vorrang aussetzende „Mitbestimmung“ und Mitherrschaft im Sinne ihres Mannes wahrnimmt. So gestaltet sie auch das ihr zur Entscheidung Anvertraute nach seinem Wunsch, schreibt alles von ihr in seinem Auftrag Erreichte ihm als das Seine zu.[32] So kann sie den von ihrem Mann immer wieder ausgesetzten Vorrang ihm immer neu wieder einsetzen.

Nur gemeinsam können ehelich Liebende darum (wenn auch im Modus der Geschöpflichkeit) die inner-trinitarische Liebe abbilden. Hierzu müssen sie der unablässigen Gegenbewegung folgen, durch die der Ranghöhere auf seinen Vorrang immerzu verzichtet, der Rangniedrigere diesen Vorrang stets wieder neu bekräftigt. So wird auch begreiflich, wie das asketische, den Eigensinn kreuzigende Bemühen um solche Nachbildung beide Ehepartner empfänglich für das Gnadengeschenk der göttlichen Liebe macht, die jene Askese dann ihrerseits fördert und erleichtert.

Nun sind wir allerdings als gefallene Menschen auf das Vorab-Geschenk dieser wahrhaft göttlichen Liebe bereits bei unseren ersten Bemühungen um Nachahmung angewiesen. Letzten Endes kann darum die Beziehung zwischen Mann und Frau nur im Rahmen einer beiderseits höchst persönlich gepflegten Gottesbeziehung gelingen, die sich für beide am Vorbild Christi orientiert: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,29). In dem Maße, in dem sie jenem Ruf folgen, gelangt die eheliche Ungleichheit tatsächlich in einem höheren Sinne zum Miteinander gegenseitiger Ergänzung.

Schlussbemerkungen

Fassen wir zusammen: Die moderne Annahme, wahrhafte Liebe sei nur unter Gleichen, Gleich- gestellten und Gleichberechtigten möglich, ist falsch. Diese Vorstellung bricht sich schon an unserem Bekenntnis zur Liebe Gottes. Auf die Ehe angewandt können wir einräumen: Gewiss gibt es Unterschiede der Stärke, des Geldes, der Klugheit und der Bildung, die das eheliche Zusammensein belasten können. Doch stellt das Streben nach Gleichheit nicht den einzigen Ausweg dar: Die von der Tradition der Kirche festgehaltenen Rangunterschiede zwischen Mann und Frau bieten einen Raum, in dem sich der monarchischen Struktur der göttlichen Liebe nacheifern lässt. Doch was erfordert solches Nacheifern in den säkularisierten Gesellschaften des Westens?

1. Priorität des Christusgehorsams

Hier müssen sich junge Familien ohne kirchlich stützende Nachbarschaften allein durchschlagen. Gegenüber einer feindlichen Umwelt muss der Gehorsam gegen Christus dem eine Grenze setzen, was ein Mann aus Rücksicht auf die schwächere Frau, und was eine Frau aus Gehorsam ihrem Manne gegenüber tun oder lassen darf: Weder seine Herablassung und Rücksichtnahme noch ihre Einstimmung mit ihm sollte zum Deckmantel geistlicher Nachlässigkeit werden. Der im Glauben Schwächere sollte nicht den Maßstab ehelicher Harmonie setzen. [33]

2. Vermeidung säkularer Eindimensionalität

Immerhin sichert der primäre Gottesgehorsam beider Partner eine Konflikt-reduzierende Außen- Instanz. Nur so lassen sich Einheit und Gleichwertigkeit im Wesen von Mann und Frau durch die beide Eheleute umfassende Rangordnung sichern. Das säkulare Verständnis bleibt demgegenüber eindimensional: Bejaht es („konservativ“) die Rangordnung, so fehlen ihm Maßstäbe gegen den Missbrauch von Macht. Verlegt es sich auf Gleichstellung der Geschlechter, so fehlt ihm der Maßstab für beider Wesensdifferenz. Diese bleibt dann im Sinne eines gender-constructivism dem subjektiven Belieben anheimgestellt. Damit stehen nicht nur bei Konflikten über gemeinsames Handeln, sondern bereits bei der Festlegung ehelicher Rollen keine beidseitig anerkannten Lösungswege bereit. Als Alternative zum Geschlechter- Despotismus bleibt hier nur der Geschlechter-Nihilismus: die Vermännlichung der Frau, die Verweiblichung des Mannes.

3. Warnung vor mütterlicher Berufstätigkeit

Die Ideologie der Gleichberechtigung setzt die Helferrolle der Frau unter Druck. Wie lässt sich diese durchhalten, wenn beide Partner berufstätig sind? Wenn überdies Kinder und ältere Verwandte versorgt werden müssen? Dieser Doppelbelastung der Frau kann sie kräftemäßig (körperlich, psychisch und geistlich) nicht gerecht werden. Da bleibt keine Ruhe für ihre Haupt-Aufgabe: die Kinder im Glauben zu erziehen.

4. Korrektur von Werthaltungen

Zwar verdienen Frauen im Schnitt immer noch weniger als Männer. Doch neigt die wissenschaftsgläubige Moderne zur Überbewertung akademischer Bildung. Das staatliche Schul- und Ausbildungssystem begünstigt Mädchen und Frauen. Anders als im Mittelalter werden solche Unterschiede nicht durch rechtliche Unterordnung der Frauen ausgeglichen. Höhere intellektuelle Qualifizierung und Redegewandtheit behindern die Partner-Suche von Frauen: Beide Eigenschaften erschweren ja dem Mann seine Rolle als Haupt der Familie.[34].

Nun war es niemals und nirgends leicht, ein christliches Leben zu führen. Nicht nur Krankheit, Unfälle und andere Schicksalsschläge können das traditionale Modell ehelicher Beziehungen belasten. Auch die je unterschiedlichen persönlichen Stärken und Schwächen der Ehepartner stehen nicht immer mit der göttlichen Ordnung der Geschlechter in Einklang. In der gefallenen Welt belasten nicht nur äußere Umstände, sondern auch psychische Anlagen, liebgewordene Lebenspläne, gefühlte und wahre Begabungen und Charismen die eheliche Monarchie.

Christus ist gekommen, um Sünder zu retten. Diese Rettung, wie der kürzlich als Heiliger anerkannte Sophrony von Essex betont, bedarf der Reue. Nun kann man bereuen nur dort, wo man um sein Zurückbleiben weiß. Darum müssen wir, Eheleute wie alle anderen, unsere je besondere Berufung erkennen und, entgegen dem herrschenden Zeitgeist, an ihrer Wahrheit festhalten.

Literatur

Basilius von Caesarea. 1993. Über den Heiligen Geist. Freiburg: Herder.

Ephraim der Syrer. 1990. The Commentary on Genesis. Crestwood, N.Y.: St. Vladimir’s Seminary Press.

Johannes Chrysostomos. 1913. Homilien über die Genesis oder das erste Buch Mosis. Bd.1. Paderborn: Schöningh.

Johannes Chrysostomos. 1936. „Kommentar zu den Briefen des Heiligen Paulus an die Epheser.“ In: Des heiligen Kirchenlehrers Johannes Chrysostomus Erzbischofs von Konstantinopel Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater und Epheser. (übers. W. Stoderl. (= Des heiligen Kirchenlehrers Johannes Chrysostomus ausgewählte Schriften. Bd. 8; Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 15) Kempten: Kösel & Pustet. https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-4431/versions/kommentar-zu-den-briefen-des-hl-paulus-an-die-epheser-bkv.

Johannes Chrysostomos. 1998. Commentary on the Psalms. Bd. 2. (übers. Robert Charles Hill). Boston, Mass.: Holy Cross Orthodox Press.

Maximus der Bekenner. 2004. Verschiedene Kapitel über die Theologie und das Heilswirken Gottes. In: Philokalie der heiligen Väter der Nüchternheit. Bd.2.  Würzburg: Der christliche Osten

Mysterium der Ehekrönung. (Hg. Erzpriester Sergius Heitz, übers. Susanne Hausammann und Sergius Heitz). www. Orthodoxie in Deutschland.de: https://www.orthodoxiein-deutschland.de/04_liturgische_texte/sergius_heitz/kroenung/kroenung.pdf.

Rahr, Erzpriester Mikhail. 2026. Sexualität außerhalb der

Ehe: Ein orthodoxer Standpunkt. In: Cornelia Hayes (Hg.) Sexualität und Kirche. Vorträge und Diskussionen der 4.

DOM-Sommertagung, 25-27 Oktober 2024. Wachtendonk: Edition DOM.

Staniloae, Dumitru. 1995. Orthodoxe Dogmatik. Bd. III.

(übers. Hermann Pitters). Solothurn: Benzinger.


[1] Während in den gesellschaftlichen Eliten vergangener Jahrhunderte Frauen immer schon vereinzelt persönliche Fähigkeiten ein- und Wünsche durchsetzen konnten, erzwangen erst die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ein Umdenken: Hier hatten die Frauen an Stelle der abwesenden, verletzten oder gefallenen Männer ihren „Mann gestanden.“ Ihre weitere Einschränkung auf Kinder-Küche-Kirche erschien nicht mehr plausibel. Frauen hatten bewiesen, dass sie „mehr konnten;“ auch förderte die technologische Erleichterung der Hausarbeit ihre Bereitschaft, mehr für sich zu wollen. So gewannen die seit Beginn des 20. Jahrhunderts wachsenden Forderungen nach zunächst politischer Gleichberechtigung allgemeine Unterstützung. Doch auch über die Erlangung ihres aktiven und passiven Wahlrechts hinaus ließ sich die rechtliche Ungleichstellung von Frauen zunächst außerhalb, dann auch innerhalb der Ehe mit dem Menschenbild der Aufklärung nicht mehr vereinbaren: Deren Grundlage für Menschenwürde und Menschenrechte bezog sich ja auf eine Fähigkeit zur moralischen Vernunft, die man den Frauen trotz des nachhallenden Erbes von Aristoteles und Thomas von Aquin nicht mehr gut absprechen konnte.

[2] Die Postmoderne toleriert zwar in ihrer Offenheit für Diversität zumindest theoretisch sehr verschiedene Geschlechter-Ordnungen in ethnischen Kulturen und moralischen Gemeinschaften. Auch sie bekennt sich aber zum Prinzip der individuellen Menschenwürde, mitsamt dem dieser Würde entsprechenden Anspruch auf Schutz vor Gewalt. Sie würde also für individuelle Mitglieder „zurückgebliebener“ ethnischer oder kultureller Gruppen bei intern nicht lösbaren Konflikten für rechtlich durchsetzbare exit-Optionen sorgen. Eine auf Unauflöslichkeit hin angelegte (und nur durch die oikonomia eines Priesters auch beschränkbare) Ehe ist mithin auch hier nicht zu haben.

[3] Wo das Ideal der Gleichheit undifferenziert vertreten und mit dem der Gleichberechtigung verknüpft wird, geraten die unter gefallenen Menschen unvermeidlichen Meinungsunterschiede leicht zur Rechthaberei. Wo persönliche Konflikte überdies als einander widerstreitende Rechtsansprüche wahrgenommen werden, liegt der Rekurs auf psychotherapeutische, sozialpädagogische, bürokratische und letztlich sogar familiengerichtliche Instanzen nahe. Damit werden Familien an Autoritäten ausgeliefert, die für die Heiligkeit der Ehe kein Verständnis haben.

[4] 2004, Vierte Centurie ## 33-35, S. 312f, siehe auch Erste Centurie, ## 18-19, 86, 91.

[5] So enthält Paulus‘ Bitte, Philemon möge den entlaufenen Sklaven Onesimus brüderlich aufnehmen, keinerlei Forderung, den getauften Sklaven schon darum zum gleichberechtigten Freien zu machen, weil er getauft ist.

[6] Ebenso vertritt der Apostel Petrus diese Unterordnung der ebenso wie der Mann zum Heil berufenen (1 Petr 3,7) Frau: „Gleicherdweise ihr Weiber, seid euren eigenen Männern unterwürfig, […] Denn also schmückten sich auch einst die heiligen Weiber, die ihre Hoffnung auf Gott setzten, indem sie ihren eigenen Männern unterwürfig waren: wie Sara dem Abraham gehorchte und ihn Herr nannte, deren Kinder ihr geworden seid“ (1 Petr 3,1;5,6)
Wie er haben auch später die herausragenden Lehrer der Kirche, wie etwa der Heilige Basilius der Große (330–379) und der Heilige Johannes Chrysostomos, eine „Unterordnung“ als bereits in der Schöpfungsordnung angelegt (und durch den Sündenfall nur verschärfte) Selbstverständlichkeit betrachtet. So argumentiert der Heilige Johannes zum ersten Schöpfungsbericht: „weil es im Blick auf die Herrschaft war, dass die Gottesebenbildlichkeit empfangen wurde, nicht im Blick auf die Natur, darum herrscht der Mann über alles, die Frau aber ist ihm untergeordnet“ (Predigten zu Genesis 8,10:). Siehe auch: „Die Frau besitzt eine Autorität zweiter Ordnung; lass sie darum nicht nach Gleichheit streben, denn sie steht unter dem Haupt“ (zwanzigste Epheserpredigt, S. 422, siehe auch S. 426, wo die gleiche Würde beider mit der Vorherrschaft des Mannes zusammengedacht wird. [Zitat aus dem Griech. übersetzt, BKV ist etwas ungenauer])
Die beiden Kirchenväter beziehen sich hier auf frühe Beispiele weiblichen Strebens nach Gleichberechtigung, Darum interpretieren sie die in der Schöpfung tatsächlich angelegte Zuordnung der Frau auf den Mann bereits als jene Unterordnung, ihr erst bei der Vertreibung aus dem Paradies auferlegt wurde.

[7] Obwohl er dies auch für die eheliche Liebe bejaht, betrachtet er diese – ähnlich wie die an den Zeitgeist angepassten römischen Katholiken – nur im Blick auf Komplementarität der Eigenschaften, also im Rahmen einer Gleichrangigkeit, die das trinitarische Vorbild, wie dieses von Basilius dem Großen gefasst wurde, geradezu verdunkelt. Er gleicht mithin wie die säkulare Umwelt die eheliche Liebe der Freundesliebe unter Gleichgestellten an, S. 153, 160, 162, 166.

[8] In seiner Schrift Über den Heiligen Geist.

[9] Eine ähnliche Deutung wird zum Beispiel auch (der herrschenden Interpretation zufolge) in der berühmten Ikone Andrej Rubeljews von den drei Engeln bei Abraham anschaulich: Die in der Mitte und rechts sitzenden Engel (bildlich für Sohn und Geist) neigen Ihre Häupter dem links sitzenden Engel (bildlich dem Vater) zu, Der sich wiederum Ihnen zuneigt. Dabei nimmt er jenen Platz ein, der bei horizontalem Lesen den Anfang bezeichnet.

[10] Er muss es also später seiner Mitherrscherin mitgeteilt haben, wie sich in deren Gespräch mit der Schlange (Gen. 3,2-3) zeigt. Das macht deutlich, dass Adam diese Mit-Herrschaft ernstnahm.

[11] Vgl. Paulus: „denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva“ (1 Tim 2,12-3). Vgl. auch Gen. 3,9: Beide Menschen haben sich vor Gott versteckt, aber es ist Adam, nach dem Gott ruft.

[12] Ist so etwas vorstellbar? Der göttliche Schöpfer, der jeden Schöpfungsschritt als „sehr gut“ bewertete (Gen 1,31), soll Adam zunächst als „nicht gut“ geschaffen haben? Oder doch als „nicht gut genug“? Hat der Allweise es sich „plötzlich anders überlegt“? Wir können uns dieses „nicht gut“ nur als Zeichen göttlicher Herablassung vorstellen, d.h. als Fingerzeig darüber, wie das Verhältnis der Geschlechter anzuordnen sei.

[13] Selbst die ‚frommen Kaiserinnen,‘ die unsere Kirche als Heilige verehrt, hatten ja entweder bloß an der Herrschaft ihrer Ehemänner teil oder dienten für einen Sohn oder abwesenden Herrscher als Statthalterinnen. Sie unterzeichneten Regierungsdokumente stets „im Namen des (künftigen) Herrschers“, regierten also nicht ‚auf eigene Rechnung‘.

[14] Dies wird auch von Paulus reflektiert: „Denn der Mann ist nicht vom (εκ) Weibe, sondern das Weib vom (εκ) Manne; denn der Mann wurde auch nicht um des Weibes willen (δια) geschaffen, sondern das Weib um des Mannes willen (δια). Ebenso erinnert Paulus daran, dass Eva um Adams willen, als seine Helferin geschaffen wurde (1 Kor 11,9). Darum ist auch der Mann „Bild und Herrlichkeit Gottes, aber die Frau die Herrlichkeit des Mannes“ (1 Kor 11,7).

 Vgl. Johannes Chrysostomos Predigten zur Genesis: „Der menschenfreundliche Gott sagt […] Ich habe dich zwar von Anbeginn an in gleicher Ehre mit dem Mann erschaffen und habe gewollt, dass du in allem der gleichen Würde teilhaftig seiest […] (1913, S. 207 f.), Auch spricht er zu Eva in Bezug auf Adam als: „gleicher Ehre mit dir und gleicher Natur mit dir und um dessentwillen du geschaffen bist“ (S. 183)

 Entsprechend hat die Kirche im abschließenden Priestergebet ihrer Ordnung der Verlobung die Zuordnung der Frau auf den Mann betont: „Du machtest sie als Mann und Frau, und durch Dich wurde die Frau dem Mann als Helferin zugeordnet und für die Fortführung des Menschengeschlechts“

[15] Adam setzt hiermit also eine Grenze gegenüber einem Gebot, das später von Moses als einziges mit dem Versprechen irdischen Wohlseins verbunden wird. Der Vorrang der Ehe wird hier deutlich. Er selbst gibt allerdings ein unglückliches Beispiel für die Tiefe solchen Anhangens, indem er bei Evas Übertretung des göttlichen Verbots mitmacht. Zu spät begreift er, dass der Vorrang der Ehe nicht für den Gehorsam gegenüber dem himmlischen Vater gilt.

[16] Wie kam es denn zu ihrem fatalen Alleingang? Wir wissen nicht, ob Adam sie weckschickte, weil sie zu viel redete und (Helfersyndrom) alles besser wusste, oder ob Eva „mal ein bisschen me-time brauchte.“ In jedem Fall haben beide die ihnen zugedachte Zuordnung Evas auf Adam hin nicht ernst genommen. Nach dem Heiligen Johannes (1913, S. 108] geht Evas Sündenfall mithin auf ein nicht mit ihrem Mann „abgesprochenes“ sich-Einlassen mit einem Wesen zurück (Gen 3,3-4), das der gemeinsamen Herrschaft unterstellt war,  – mithin auf eine angesichts ihrer Helferrolle unpassende Eigenmächtigkeit. Ihr Ungehorsam gegen das göttliche Gebot wurzelt also genauer in der Verletzung ihrer durch die Schöpfungsordnung angewiesenen Zweitrangigkeit. Entsprechend gilt auch für Adam, dass sein Ungehorsam zunächst auf sein Versagen gegenüber seiner Führungsverantwortung zurückgeht, als er es versäumte, der Frau ihren Ungehorsam zu verweisen. Später, bei der göttlichen Befragung, verrät er die Verantwortung, die mit seiner Führungsrolle hätte einhergehen sollen: Anstatt die Schuld auf sich zu nehmen, schiebt er sie der Frau (und überdies Gott, als dem Schöpfer der Frau) in die Schuhe (Gen 3,12). Hierdurch verlor er, wie Ephraim der Syrer (ca. 306–373) lehrt (1990, S. 214 f.) die Chance, durch rechtzeitige Reue Gottes väterliche Verzeihung zu erlangen.

[17] Johannes Chrysostomos Predigten zur Genesis: „Aber, weil du von der Gleichheit der Ehre keinen rechten Gebrauch gemacht hast, darum ordne ich dich dem Manne unter. […] „Warum hast du nun also so sehr dich selber geschändet, den Mann verlassen um dessentwillen du geschaffen warst?“ (op.cit. S. 183).  In der Ordnung der Heiligen Krönung wird in den dabei eingesetzten Lesungen (u. a. Eph 5,20-33) jene Unterordnung stets bekräftigt: Es heißt dort zudem im zweiten Priestergebet: „und gib, dass diese Deine Dienerin ihrem Mann in allen Dingen untertan sein möge, und dass dieser Dein Diener das Haupt seiner Frau sein möge, damit sie nach Deinem Willen leben.“

[18] Mit der Wahl eines eigenen Gottes-Volks wurde die dem Ver treibungs-Fluch beigefügte Hoffnung erneuert: Ein Retter wird aus diesem Volk hervorgehen. Hierzu wurde die weitgehende Rechtlosigkeit der Frauen gemildert: Kinderlose Witwen haben Anspruch auf Nachkommen durch einen Verwandten ihres Mannes, auch wenn es (Tamar) beim Gehorsam gegen dieses Gebot ein wenig rumpelt; fremdstämmigen super-Frauen (Rahab, Ruth) steht die Aufnahme in jenes Volk offen (auch wenn die eine hierzu lügen, die andere den schrägen Heiratsvermittlungs-Taktiken ihrer Schwiegermama folgen muss). In der Tat fungieren sie dann sogar alle drei (nicht Judith, nicht Esther!) als Vorfahren der Familie von Josef und Maria.

[19] „…und Adam wurde nicht betrogen, das Weib aber wurde betrogen und fiel in Übertretung“ (1 Tim 2,14).

[20] „ [Eure] Weiber sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern unterwürfig zu sein, wie auch das Gesetz sagt“ (1 Kor 14,34). Aus Sorge um die Ordnung in der Kirche (die offenbar wiederum von aufmüpfigen Frauen herrührte) wies Paulus sie sogar an, ihre theologischen Fragen zuhause an die Ehemänner zu richten (1 Kor 14,35). Auch hiermit stimmte z.B. der Heilige Johannes Chrysostomos überein, wenn er seine Psalmen-Katechese (1998) für ein ausschließlich männliches Publikum (mit hochgradigem Stehvermögen) entwarf. Der große Kirchenlehrer bemühte sich offenbar, die Männer auf ihre katechetische Aufgabe angemessen vorzubereiten.

[21] Darum auch deutet der Heilige Johannes Chrysostomos das „‘ως» in Eph 5,22 («Ihr Weiber, seid unterwürfig euren eigenen Männern als dem Herrn“) im Sinne von: gehorcht dem Gebot Gottes, das euch euren Männern unterordnet: „ Er [d.h. Paulus] meint jenes ‚als‘ entweder im Sinne von ‚im Bewusstsein dass ihr Diener Gottes seid‘ (was er übrigens auch anderswo sagt, nämlich dass, selbst wenn sie [die Frauen] es nicht primär für den Mann tun [d.h. gehorchen], sie es doch primär für den Herrn tun müssen). Oder er meint ‚wenn du dem Mann gehorchst, so tu es im Sinne von dem Herrn gehorchen‘“ (1936, S. 413. Zitiert nach Übers. aus dem Griech.). In demselben Sinne, so scheint mir, sollte man auch jene „Furcht“ verstehen, die Paulus den Frauen ihren Männern gegenüber anempfiehlt (Eph 5,33): Sie sollen ihren Männern gehorchen in der Furcht Gottes, Der ihnen diesen Gehorsam auferlegt

[22] So stellte sich die Sache zu Jesu Zeit dar. Die ursprünglichen Gesetze waren gerechter, vgl. Erzpriester Mikhail Rahr, 2026 (im Druck).

[23] „Ihr Männer […] wohnet bei ihnen nach Erkenntnis, als bei einem schwächeren Gefäße, dem weiblichen, ihnen Ehre gebend, als die auch Miterben der Gnade des Lebens sind“ (1 Petr 3,7).

[24] Das von Adam vorausgesagte „Anhangen“ des Mannes an seine Frau mochte zunächst eine rein natürliche, und im Rahmen des Vermehrungsauftrags auch unverzichtbare Neigung darstellen. Die hier verlangte Liebe des Ehemannes wird jedoch nicht auf die Zeit weiblicher Gebärfähigkeit begrenzt. Sie gilt so unbedingt wie die weibliche Unterordnung.

[25] Dass es zumindest auch um die Kultivierung von Gefühl geht, erhellt aus dem Kommentar des Heiligen Johannes Chrysostomos: In seinem Kommentar zum Epheserbrief betont er, dass der Mann mit Liebe und Geduld seinen ehelichen Vorrang wahrnehmen soll: Mit einer Frau, die vor ihrem Mann ‚erzittert,‘ ist keine wahre Einheit möglich (vgl. 1936, S. 414). Mit solcher Furcht ist (anders als mit wahrer Gottesfurcht, die im „tima“-Imperativ aber als Ehrfurcht mitschwingt) die eheliche Liebe (und hier meint er sicherlich auch eine beiderseits beglückende fleischliche Vereinigung) unvereinbar (op.cit. S. 422).

[26] Ich habe mich in jungen Jahren oft gefragt, was diese kirchliche Analogie für das „rein und heilig machen“ im Blick auf Flecken-, Falten- und Fehlerlosigkeit für irdisches Eheleben bedeuten könnte. Wieso sollten nur Frauen solcher Optimierung bedürfen? Je älter ich wurde, umso häufiger beobachtete ich, wie manche Ehemänner (bei aller Brummelei) ihre ebenfalls alternden Frauen weiterhin „herrlich vor sich erscheinen lassen“ konnten. Mir wurde klar, dass diese Fähigkeit in einer Liebe gründet, die jenen Falten und Speckringen nicht den grausamen Spiegel vorhält, sondern sie verwandelnd“ schön-umarmt.“

[27] Vgl. Joh. Chrysostomus, Predigten zu Genesis (1913, S. 208): „Gott sagt […] es ist immer noch besser für dich, dass du unter diesem stehest und unter dessen Herrschaft bestellt seist, als dass du freies und eigenes Herrschaftsrecht genießest und in den Abgrund hinabstürzest […] Indem ich also auf deinen Nutzen schaue, will ich, dass du deine Hinwendung zum Manne habest, dass du als der Leib deinem Haupte folgest und sein Herrschaftsrecht mit Freuden anerkennst.“ Zumindest können Frauen an Paulus’ Erinnerung lernen, ihre stets besten Absichten mit ihrem Mann vorher abzusprechen.

[28] In derart balancierendem Sinne lässt sich vielleicht auch des Heiligen Petrus‘ Aufforderung zur Rücksicht auf das „schwächere Gefäß“ verstehen. Ganz unabhängig von biologischen Gegebenheiten liegt ja eine „Schwäche“ der Frau darin, dass sie nicht für sich, sondern für den Mann ins Leben trat. Sie definiert sich wesensmäßig nicht durch sich selbst, sondern ist auf Anerkennung durch den Partner angewiesen. Zur Helferin berufen, kann sie gelingendes Dasein nicht auf eigene Faust sichern; sie hängt von der Akzeptanz ihrer Zuwendung durch den Mann ab. Versteht man des Mannes in-Pflicht-Nahme im Blick auf diese „Schwäche“, dann geht es nicht mehr um psychische oder intellektuelle Herabsetzung. Vielmehr geht es um die Aufforderung zur Einstimmung in die göttliche Schöpfungsordnung, die dem Mann, auch wenn ihn das zwischendurch mal nervt, eine Frau zur Seite stellt.

[29] Die Krone, mit der Eheleute von der Kirche gekrönt werden, verspricht als Königskrone das ihnen wieder eröffnete Paradies. Sie müssen allerdings vorher die Krone ihres Martyriums annehmen. Jene wahrhaft göttliche Liebe, die Ehe und Familie zum Paradies macht, lässt sich nur auf dem Weg der für jeden der Partner eigentümlich gestalteten Kreuzigung ihres Eigenwillens gewinnen.

[30] So etwa im nicäischen Glaubensbekenntnis: Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Schöpfer Himmels und der Erden …

[31] So etwa in Lev 11,44: „ Denn ich bin Jahwe, euer Gott; so heiliget euch und seid heilig, denn ich bin heilig“, oder 1. Petr 1,16: „denn es steht geschrieben: „Seid heilig, denn ich bin heilig“, vgl. auch der in der Chrysostomos-Liturgie zitierte Gesang der Engel:

„Heilig, heilig, heilig, ist der Herr Zebaoth“.

[32] (Gelegentlich muss sie dazu ihr wirkliches oder vermeintliches Besserwissen im Geist einer Liebe, die „nicht das ihre sucht“ [1 Kor 13,5] als „seinen Willen“ ausgeben.)

[33] Gewiss setzt, so scheint mir aus den angestellten Überlegungen zu folgen, der Vorrang des Mannes hierbei wiederum einen Unterschied: Seine nur im Blick auf die Vervollkommnung seiner Liebe gebotene Rücksichtnahme auf die Frau sollte den Mann nicht daran hindern, dem von Gott in anderen Hinsichten (positiv) Gebotenen zu folgen. Hingegen sollte ihr von Gott selbst gebotener ehelicher Gehorsam erst dort seine Grenze finden, wo dieser ihr die (negative) Übertretung eines göttlichen Verbots zumutet. Mit anderen Worten: Kein Mann macht es seiner Frau unmöglich, dem göttlichen Vorbild zu folgen, nur weil er sie daran hindert, zum Beispiel die Kirche zu besuchen und ein liturgisches Leben zu führen. Für ihre Heiligung reicht es, sich im Gehorsam zu Gott dem Willen des Mannes unterzuordnen. Wenn er von ihr allerdings verlangt, was den göttlichen Geboten widerspricht, wird sie „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

[34] Wenn Paulus lehrt, dass Frauen ihre theologischen Fragen an ihre Männer richten sollen, dann wird zumindest für wissenschaftsgläubige (nicht Gott-gläubige) Menschen unvorstellbar, wie akademisch weniger versierte Männer ihre theologische Lehrrolle noch sollten wahrnehmen können.

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