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Fontane, Theodor – L’Adultera

(1880 | 160 S.)

L’Adultera ist der erste in der Reihe der Gesellschaftsromane Theodor Fontanes und leitet somit sein Spätwerk ein. Die Erzählung entstand zwischen Dezember 1879 und April 1880. Wikipedia

Meinung

Cornelia meint:

Eigentlich ein Buch was niemand braucht. Ein reicher Mann heiratet ein verarmtes Mädchen (Melanie) und liebt auf eine Weise, die völlig an der Selbstachtung der Frau vorbeitgeht. Sie lebt mit ihm ca 15 Jahre, und antwortet immer gut und fröhlich, weil sie gelernt hat sich zu zwingen. Aber immer konfrontiert er sie scherzhaft mit seiner eigenen Obsession, daß sie ihn verlassen wird. Dann bringt er den Hausfreund  (Rubehn) ins Haus, und erst jetzt schämt sie sich für ihren Mann, und für die verletzende Art, mit der er im Vollbewusstsein seines Reichtums und seiner Unangreifbarkeit den Hausfreund verspottet. Die beiden werden ein heimliches Paar, sie wird schwanger und sehnt sich nach Ehrlichkeit und Herzenswahrheit. Verläßt ihren trotz seiner Bitten, und auch ihre beiden Töchter, die beim Vater bleiben.

Das Glück mit Rubehn ist groß, aber bei der Rückkehr aus Rom müssen die beiden erleben, daß die Gesellschaft nicht verzeiht. Ihre Töchter lehnen sie ab. Das Bankgeschäft des Neuen Mannes, – aber gegen seine Erwartungen erweist sich das jahrelang verwöhnte Herzenskind als praktisch und fähig, für beiden mit Stunden-Geben den Unterhalt zu verdienen. Die Gesellschaft honoriert beider Armut und Tüchtigkeit und öffnet sich erneut.

Also – hier siegt mal das Herz über die Konvention, und der Gegenschlag des Herkommens wird pariert mit Tugend.

Das ist alles sehr schön, aber moralisch inakzeptabel, denn letztlich hat sie ihre beiden Kinder verraten.

Auch klar wird mir aber, wie wichtig es tatsächlich in einer Welt des Überflusses ist, Kindern beizubringen zu erkennen, was sie wirklich brauchen, und sie zu befähigen, es durchzusetzen. Denn wenn Melanie so vorbereitet als 17-jährige in die Ehe gegangen wäre, so hätte sie trotz des Altersunterschieds und unterschiedlichem sozialen Status an ihrem durch Reichtum korrumpierten Mann arbeiten müssen, d.h. ihre vielen Verletztheiten mit ihm besprechen. Sie hätte ihn erziehen müssen dazu, dass er nicht unter dem Deckmantel amusanter causerie auf ihrem Herzen ständig so rumtrampelt, dass ihr seine Liebe zur Qual wird.

Was für ein paradoxes Lehrstück wäre das, und eines (schau was du brauchst und besorg es dir!), das ich sonst überhaupt nicht akzeptiere. Hier aber ist es unvermeidlich, denn es bedeutet eine wichtige Demutsübung zu wissen, wie schwach man ist, und dafür zu sorgen, daß man nicht über Kraft in Versuchung gebracht wird.

Hätte es geholfen? Das ist eine schwere Frage.

Denn gleich am Anfang, wo der Ezechiel von Tintoretto die l’Adultera gekauft hat, ist sie der Meinung, daß diese weint, nicht weil sie ihre Schuld einsieht, sondern weil andere ihr diese eingeredet haben. Sie hat also Mitleid. Und Melanie wie Rubehn lieben Wagner. Pu.

Interessant auch für mich die Fremdheit zwischen der größeren Tocher Lydia und der Mutter, deren Ebenbild sie ist, als Lydia von vorneherein den Besucher Rubehn ablehnt. Das wird von der Mutter alles abgetan. Auch beim Wiedersehen mit den Kindern findet Melanie da keinen Zugang. Seltsam.

Man sagt daß Melanie die einzige Frauenfigur Fontanes ist, die sich emanzipiert und ihrem Herzen folgt. Ja, genau, und das ist das Miese bei der Sache. Man sollte lieber darüber nachdenken, wie eine Frau, die auf ihren Ehemann hin bezogen leben sollte, ihm helfen könnte, dieses Hin-Leben für sie erträglicher zu machen.

Versöhnlich stimmt mich allerdings Melanies klares Bekenntnis, daß sie für die Schuld, die sich durch ihr Handeln auf sich gezogen hat, vor der Gesellschaft, büßen, also ausgleichen muß. Und dies gelingt. Das ist doch nett.

Interessant ist diese Melanie als eine Huldigung an weibliche Geradlinigkeit in den höheren Gesellschaftsschichten, die es in Irrungen nur bei Frauen aus dem Volk gibt.

Es gibt einen Brief in dem Fontane sagt, als Schriftsteller sei er verpflichtet, die Objektivität, wie sie ist, abzubilden. Dazu sagt er: Dieser Satz lautet: ‚ Ehebruch ist Sünde, gewiß, aber unter Umständen (wobei jeder Einzelfall zu prüfen) eine läßliche Sünde.‘ Diesen Satz unterschreibe ich de tout mon coeur. Er ist stillschweigend Sitte geworden, und wenigstens ihm gegenüber (denn ich beuge mich nicht jeder Sitte) fühl ich keinen Beruf besser zu sein als meine Zeit. Im Gegentheil, es ist ein Glück aus dem todten Katechismus-Satz heraus zu sein. Respekt vor dem Gesetz, aber nicht vorm Rigorismus.

Das ist es, was mich an Fontane stört, denn ich sehe, was aus dieser Einstellung geworden ist, indem die eheliche Treue überhaupt allen Wert – jenseits eines frommen Wunsches – verloren hat. Was Fontane als Realität anerkennt, sehe ich als eine schleichende Krankheit.

Darum ist dieses Buch nicht für junge Menschen zu empfehlen, oder doch erst, wenn sie gefestigt sind in der Askese.

Info

Erscheinungsjahr19. Jh., 2. Hälfte
Seiten100-300
AutorFontane, Theodor

Kommentare

Kommentar zu: Fontane, Theodor – L’Adultera.

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