
(1891 | 340 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Ein großer Roman.
Holk ist halb. Nichts ganzes, nichts richtiges, halt alles irdisch bequem. Seine Superfrau Christine ist schön und Herrenhutherisch. Und vergrätzt ihm alle Lebensfreude mit ihrer Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit. Wobei es nicht hilft, daß sie tatsächlich immer recht hat. Was soll eine Frau da machen?
Solange sie nicht orthodox ist, versteht sie nicht, dass sie subtiler lenken müsste, um das Haupt der Familie in Form zu halten. Und dass Selbstgerechtigkeit eine große Sünde ist.
Holk wird in den Prinzessinnendienst nach Kopenhagen gerufen. Gerät dort in die Fänge einer Hofdame mit jüdischen Wurzeln, mit der er das Leben kennenlernt und dann ganz ernst auf ihre Worte hin auf ein mögliches neues Lebensglück mit ihr schließt. Brav ehrlich trennt er sich alsosich von Christine trennt – um zu erfahren, daß er für die Hofdame nur Spielerei war, aus Langeweile, und daß er eh nix wert ist. Komischerweise läßt er diese zweite Vernichtung durch eine Frau gar nicht an sich rankommen, ist wohl nicht sensibel genug. Reist dann halt rum, bis der liebe Kreis zuhause die Ehefrau aus ihrem Herrenhuther Exil herausgezogen hat. Ihre weibliche Beleidigtheit (sich als second choice zu sehen) kann sie überwinden im Geist der noch lebendigen Liebe, und sowieso will sie ja gut christlich verzeihen.
Das Schreckliche ist, daß nach der festlich erneuten Trauung alles scheitert. Sie ist so verunsichert über ihre Fähigkeit, das Richtige zu tun, daß sie verstummt, versteinert, und sich umbringt. Holk bleibt sitzen auf seiner eigenen Schuld.
Fontane scheint hier den Stab zu brechen nicht so sehr über den halbwertigen Mann, als über ein zur Grausamkeit entartetes Christentum. Ich kann mich aber (selbt fanatisch….) sehr gut in Christine einfühlen, denn ihre Unbefangenheit (die leider sehr rechthaberisch war) ist weg, und sie lebt nur formal noch.
Geistlich entscheidend ist, dass hier eine falsche Alternative aufgestellt wird zwischen dem authentisch christlichen Leben und der Fähigkeit, leben und leben zu lassen. Das Buch ist sehr interessant für orthodoxe Leser als Prüfstein für gute/schlechte Ehekultur und gutes/schlechtes Christentum. Sollte man mal eine Tagung drüber machen.
Sehr empfehlenswert, aber erst für fromme Verheiratete.
Info
| Erscheinungsjahr | 19. Jh., 2. Hälfte |
| Seiten | 300-600 |
| Autor | Fontane, Theodor |

Kommentar zu: Fontane, Theodor – Unwiederbringlich.