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Daudet, Alphonse – Erzählungen

(1866 | 170 S.)

Alphonse Daudet war ein französischer Schriftsteller, der sich zunächst als Lyriker, dann als Dramatiker und vor allem Erzähler betätigte. Zu Lebzeiten mit fast seinem gesamten Schaffen erfolgreich, ist er heute noch eine feste Größe in der französischen Literaturgeschichte. Wikipedia

Meinung

Cornelia meint:

L’Oillet Blanc

Ein Drama der nach-Revolutionszeit in Frankreich. Ganz Gott-verlassene Welt, aber trotzdem wertvoll, weil ein 16-jähriger Exil-Aristokrat sich in Portsmouth in der Leere des rückwärts gewandten Lebens langweilt, auch im Krieg nicht mit Hilfe der Feinde Frankreichs die Restauration erkämpfen mag. Da wird er Zeuge, wie die Autoritäten im Club neben dem Untergang ihres Abendlandes auch den Untergang des Heldentums im Minnedienst beklagen. Diese Tradition wahrhafter Größe, bei der todesmutig im Dienst einer verehrten Dame irgendeine Großtat verrichtet wird, und die als einziger Beweis für eine die Menschenwürde-sichernde Selbsthingabe allgemeine Anerkennung und Bewunderung findet, soll vorbei sein. Der Junge stellt sich nun hin und protestiert im Namen der Liebe. Er wird das Gegenteil beweisen. Worauf eine hübsche Komtesse ihn bittet, ihr doch aus ihrem verlorenen Schloss in der Normandie eine jener dort berühmten Blumen zu bringen, nach denen sie sich in der Fremde sehnt. Gesagt getan, unter Schiffbruchrisiken, stinkendem Fisch und feindlicher Verfolgung schafft der kleine Graf es in das bezeichnete Schloss, findet auch noch genau eine jener Blumen im inzwischen angelegten, revolutionären Kartoffelbeet, wird aber entdeckt. Leider von der revolutionären Besatzung. Die Tochter des Besatzers, 21 und streng revolutionäre Bürgerliche, fragt ihn aus und kann die Bosheit jener jungen Aristokratin nicht fassen, die das Leben ihres kindlichen Verehrers so leichtfertig in Gefahr bringt. Denn seine Entdeckung hat nach dem Gesetz die Todesstrafe zur Folge. Und endlich, gerührt über die Nobilität seines Wagnisses, bekennt sie ihm, dass es ihr Verlobter ist, der ihr diese Blume anvertraut hat, sie soll sie für ihn bewahren. Und doch – sie schenkt ihm die Trophäe. Und nun geschieht das Wunderbare: Der Junge entdeckt schlagartig, dass wahre Liebe auch von der anderen Seite her durch Opfer bewiesen wird. Wird durch ihre Fürsprache gerettet und schafft es heim. Mit einer neuen großen Liebe im Herzen.

Das Ganze ist sehr romantisch, hat aber eine eigene schöne Wahrheit, die man Jugendlichen mit historischem Interesse an den wechselnden Modellen menschlicher Größe ruhig zumuten kann.

JG

Geheimnis des Herrn Cournille

Der nach Verlust seiner Kunden an die Dampf-Mühle weiter den Anschein eines funktionierenden Betriebs aufrechterhält, bis schließlich die Dörfler seine Not und Verzweiflung verstehen und bis zu seinem Tod ihn mit Weizen versorgen.

GK

La chevre de M. Seguin

Sklaverei des Broterwerbs für Künstler – und die Geschichte von all den Ziegen, die frei sein wollen und dann in den Bergen vom Wolf gefressen werden. Aber wenigstens tapfer kämpfen. Man kann diese Erzählung heute, angesichts des Freiheitskampfs der Ukrainer, nur mit Erschütterung lesen. Der Trost für die Zerstörung ihres Landes: sie werden einen großen Kampf gekämpft haben.

Jg

La Mule du Pape

Anhand einer netten Legende über das Maultier eines der Avignon-Päpste findet man hier eine Persiflage auf papistischen Pomp.

Le sous préfect sur Champs

Ein Beamter repräsentiert den Staat und soll mit einer Rede in die Provinz. Es ist heiß, er hat keine Ideen. Endlich lockt ihn ein Wäldchen, wo Blumen, Bächlein, Vögel ihn bezirzen. Am Ende schreibt er dort Gedichte, und die Würde hat er abgelegt.

GK

La Légende de l‘homme à cervell d’or

Alle Heiterkeit seines Mühlenlebens ruht auf dem Grausen, das ihn aus Paris vertrieben hat. Der Junge mit dem Goldkopf erfährt endlich sein Geheimnis, und dann verschleudert er sein Gold vom Kopf, bis die Sache Blutig endet. Und das Ganze ist eine Allegorie auf das Dichterdasein. Was ja einleuchtet.

Und wieder hat man einen Blick in die Raben-schwarze Trauer getan, die Daudets leichten Geschichten unterliegt.

L’elixir du Réverent Paul Gaucher

Geldnot in einem Kloster, Rettung durch einen Kräuteralkohol, der sehr gut sich verkauft. Aber der Erfinder Laienbruder wird zum Alkoholiker, während die Brüder ihnjeden Abend rausbeten…

 

Nostalgies de Caserne

Ein Tambour Spieler in der Nachbarschaft träumt von seiner alten Kaserne in Paris, und Daudet,  der von Paris in die Provence geflohen war, leidet unter derselben Nostalgie. Es nicht aushalten können in Paris – es nicht aushalten können im provencalischen Paradies. Das ist emblematisch.  Ist es das aber nicht auch für den geistlichen Menschen in seiner Schwäche? Er fliegt aus den hoch anspruchsvollen geistlichen Büchern und kann doch nicht bei der Trivialliteratur bleiben.

Orth

Info

Erscheinungsjahr19. Jh., 2. Hälfte
Seiten100-300
AutorDaudet, Alphonse

Kommentare

Kommentar zu: Daudet, Alphonse – Erzählungen.

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