
(1933 ff. | 800 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Ich hatte zuerst nicht gemerkt, dass die Autorin eine Frau ist. Ich finde ihre China- Bücher gedanklich sehr lohnend, auch spannend, und würde gerne noch viele ihrer Werke lesen. Habe mich früher nie besonders für den Fernen Osten interessiert. Hier aber wird er zur Grundlage für eine gesunde westliche Selbstkritik. Man merkt an diesen Darstellungen, dass allein eine wirklich gründlich verstandene Orthodoxie dieser fremden Herzenskultur (mit all ihren Herzlosigkeiten) etwas entgegensetzen könnte. Die unfassbare Konzentration auf das „Gesicht-wahren“ – das eigene und das des anderen – steht ja ganz nah an unserer Konzentration auf das Heiligwerden. Beides sind Weisen der Selbst-Überhöhung, die dem wahren Menschsein gemäß sind. Es wird nur klar, dass Eigen-Überhöhung letztlich die persönliche Würde von der Anerkennung der Umwelt abhängig macht, und die ist ein viel unbarmherzigeres Jüngstes Gericht im Hier und Jetzt als das unseres Gottes. Dieser Kontrast macht diese Bücher lehrreich für Orthodoxe.
Es sind dabei auch Lehrstücke für die Psalmverse: „Setzt euer Vertrauen nicht auf Fürsten, bei denen keine Rettung ist…“ Im ersten Buch ist dieser Fürst die eigene Energie und Klugheit des Helden, im zweiten der Konzern, der von New York aus die Geschicke jedes Angestellten regelt, und dies unter dem Anschein der Fürsorge und Gegenseitigkeit von Verpflichtetheit, letztlich aber in schamloser Ausnutzung endet.
Strom Du Schicksal (River suprême) 1934
Da es sich um ein Buch aus der Erbschaft von Tante Rosel handelt, war ich misstrauisch, musste mich aber bald darein geben, gefangen nehmen lassen. Es behandelt einen Götzendienst am heroischen Selbst – hier allerdings nicht das Selbst eines Kriegers, sondern eines Vertreters des Freihandels auch gegen ethnische Widerstände. Kapitän Eben Hawley will den Jangtse Kiang bezwingen, indem er den gefährlichen Oberlauf für Dampfschiffe befahrbar macht und die dortigen Märkte für westliche Güter erschließt. Das ist seine Obsession: der Geist der amerikanischen Grenzer, der Kolonisten, lebt in ihm und treibt ihn zu diesem neuen Abenteuer im fernen Osten. Fortschrittsglaube, Gewinnsucht und ein persönliches Helden-Epos – unbekümmert um die Zerstörung überkommener Lebensgrundlagen der dortigen Bevölkerung. Seine Umgebung ist zunächst noch durch die Kultur des Mandschu Kaiserreichs mit ihren tausendjährigen Ritualen geprägt, fällt dann aber nach dem Chaos der warlords der kommunistischen Revolution zum Opfer.
Es ist dieser Zusammenstoß von Kulturen, die Psychodynamik der weißen Geschäftsleute-Minderheit, das persönliche Ehedrama eines absolut rücksichtslosen Erfolgsjägers, der durch die persönlich durchlittene Sachkenntnis der Autorin so bezwingend gestaltet wird. Sie selbst ist ja Ehefrau eines Geschäftsmannes in China gewesen, und was sie da im persönlichen Miteinander, dem traditionellen Ethos der Ehe (naja, nicht sehr christlich im orthodoxen Sinne, eher puritanisch – in Kontrast gesetzt zur selbstbewußten Gleichberechtigungs-Eileen-Schwiegertochter) und in der Begegnung mit der Schmuggelei, dem Betrug – und der persönlichen Treue der Chinesen erlebt, wirft Licht auf die Begrenztheit westlicher Mentalität. Das ist unbeschreiblich fesselnd und lehrreich.
Bei alledem ein weitgehend Gott-vergessenes Leben. Die Missionare taugen auch nichts Rechtes (obwohl sie sich ganz auf die Seite der Chinesen geschlagen haben und die gewinnsüchtigen Eindringlinge als zerstörerischen Einfluss erkennen), und selbst die Humanitäts-Nudel Maraquita, die Kinder und Mitmenschen in einen Strudel von Heiterkeit und Tüchtigkeit taucht, stirbt ab, als ihr Mann – gebrochen von Hawleys Unbarmherzigkeit nach seiner Kriegsgefangenschaft, sich auf betrügerische deals mit den Banditen einlässt und ermordet wird Am Ende eine neue Generation, eine neue Hoffnung, und die Treue des chinesischen Dieners.
Jg
Oil for the Lamps of China 1933
Da ich von Strom du Schicksal so begeistert war, lud ich mir ihren ersten Bestseller herunter und fand mich bald ebenso fasziniert. Die Ehegeschichte hier ist weniger dramatisch: die Ehefrau muss nicht durch Tiefgefrier-Phasen gehen, die Liebe der Eheleute lebt deutlicher von Gegenseitigkeit, auch wenn jeder den anderen mit Belastendem verschonen möchte. Die entscheidende Krise entsteht, weil Steve in der Nacht der ersten Geburt die chinesische Stadt vor einem von seiner Company verursachten Feuer retten muss und dadurch mitschuldig wird am Tod des Kindes. Hester muss lernen, darüber wegzukommen, und das tut beider Beziehung gut, bis am Ende ein neuer Sohn geboren werden kann. Anders als im ersten Buch, wo die Frau lediglich als Objekt des Versorgtwerdens und Reichwerdens in den Blick kommt, ist hier der Protagonist seiner Rolle als Ehemann zutiefst zugetan.
Interessant ist die Idolatrie der big corporation. Diese verzaubert ihre Angestellten durch Corporation Ideologie dergestalt, dass deren Identität und Integrität sich voll mit den – überdies stets geheim gehaltenen – Zielen der Corporation deckt. Treue zur gestellten Aufgabe gewinnt hier Vorrang vor allen anderen Verpflichtungen, auch der Familie gegenüber. Wir haben hier eine Kapitalismus-Stufe dessen, was früher der Patriotismus war – nur dass das Personal der Führungs-Parasiten, die die Moral ihrer Schutzbefohlenen ausnutzen, internationalisiert ist und seine Interessen aufs Geldhaben zusammengeschrumpft.
Es ist erschütternd zu sehen, wie Hester aus Liebe zu ihrem Mann diese Identifizierung übernimmt. Der Glaube, Licht in das Dunkel Chinas zu bringen, stärkt die Verbundenheit der Weißen untereinander im Land der Gelben. Doch auch hier gehen die aufklärerischen Menschheitsbeglückungsambitionen nahtlos in die persönliche Gewinnsucht über. Auch auf Seiten der Chinesen herrscht Korruption gegenüber den weißen Arbeitgebern, doch bleibt diese an das eigene System der Clan-Verantwortlichkeit gebunden und auf sie beschränkt. Auch hier nützt der chinesische Diener seinen Herrn aus, rettet ihn aber unter eigener Lebensgefahr, weil das zu seiner Aufgabe gehört. Die Menschheitsbeglückungs-Illusionen der Öl-Verkäufer bricht sich letztlich an der Selbstermächtigung jener Chinesen, die im Westen studiert haben und ihre eigene Aufklärung als kommunistische Ideologie durchsetzen – dabei das ganze Land seinen gewachsenen Überlebenstechniken entfremden und jeder Form von Hungersnot ausliefern.
Steve lernt, sich von solchen Illusionen zu lösen. Am Ende hat die Corporation ihre Leute mehrmals dem tödlichen Risiko von Kriegen und revolutionärem Fremdenhass ausgesetzt, um auch die geringste Hoffnung auf Gewinn noch auszunutzen. Steve, selbst ein perfekter Diener, zieht seine Würde aus seiner Leistung für dieses Gebilde – bis er am Ende so enttäuscht wird, dass er, gefangen im Dienst – sich mit Konzern-interner Demütigung zufriedengibt, weil er endlich begriffen hat, dass der berufliche Ehrgeiz hinter den Pflichten für die Familie zurücktreten muss. Immerhin lebt er in einer Welt, in der diese Kleinfamilie noch als Sinn-Resource zur Verfügung steht. Da ist Kendall, der skrupellose Machtmensch, schon drüber raus.
Auf einer anderen Ebene spielt sich ab eine Bildungsgeschichte, die es Steve erlaubt, tief in das Ethos der chinesischen Kultur, die Anerkennung von Korruption und prägende Not-Erfahrung einzutreten. Hierbei hilft ihm Ho, der große Clan-chef, der den Fremden aufgrund dessen bereits erworbenen Fähigkeit zur Geduld und Sanftmut als Freund annimmt und bei seinen geschäftlichen Beziehungen unterstützt. Wie im anderen Roman gibt es auch hier den Diener, der die Herrschaft nach Strich und Faden betrügt, um die eigenen Familienpflichten zu erledigen und sich zu bereichern, der aber zugleich sich mit voller Opferbereitschaft der Rettung seines Herrn verpflichtet fühlt. Ich habe das Buch für meinen erwachsenen Sohn gekauft – empfehle es aber auch für jeden Jugendlichen als Lehrstück aus einer Gegenwelt zur Orthodoxie
.Jg, Orth
The red Cleft
Jetzt über California. Wieder ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann. Aber am Ende künstlerisch unbefriedigend, dass JT Ward, der personifizierte Böse, einfach in der Luft hängengelassen wird, und noch dazu mit Sonya, der treuen Liebenden, die alles für den Peter opferte.
Eigentlich ist die Hauptperson Edward, ein schwacher Charakter. Allerdings hat er es auch schwer mit einem Patriarchenvater, der alles manipuliert und immer gewinnt. Er zerstört die Ehe Edwards mit Katya, die den Jungen bei seinem Versuch der Ablösung in China am Leben gehalten hat, und bringt ihn nicht nur in die gewünschte politische Laufbahn sondern dort auch gegen die menschenfreundlichen Ziele des Bruders John, der sich um den von Edward nicht anerkannten Sohn Katyas kümmert, auf Linie der Interessen der großen Landbesitzer, die die kleinen Farmer ruinieren und alle anderen proletarisieren. Es gibt am Ende einen herrlichen showdown im Kongress in Washington, denn Peter ist mit Johns Hilfe zum Vertreter der gerechten Wasserverteilung in California geworden und kann seinen Vater dort in Grund und Boden blamieren.
Edward hat es zugelassen, dass Katya aus der Familie ausgestoßen wurde; seine zweite Frau stirbt traurig vor sich hin, weil sie ihm nichts bedeutet. Am Ende seines Kampfes gegen den Vater und um Anerkennung des Vaters bleibt Edward als Wurm zurück. Im Unterschied dazu hat sein eigener Sohn, Peter, vaterlos aufgewachsen, haarscharf die Ablösung von Ward geschafft, der ihn zum Kriminellen machen wollte, und eine gute Frau gefunden, die ihm politisch „helfen“ wird.
Man ist emotional völlig mitgenommen. Aber zunächst mal: die Leute reden alle zu wenig miteinander. Katya Suwarow hat Edward nie reinen Wein eingeschenkt über ihre verzweifelten Versuche, als Hure zu überleben, nachdem sie als Bojarin von den sowjetischen Revolutionären missbraucht und vertrieben wurde bis nach China. So kann der Vater Edwards via Geheimdienst diese Vergangenheit ausgraben und Katya in Edwards Augen unglaubwürdig machen. Die Großmutter, die Katya liebt und ihr die adelige Abkunft glaubt, vererbt ihr Land, sagt davon aber niemandem was, und Edwards Vater, der das Testament eröffnet, auch nicht. Katya sagt Peter nichts über seinen Vater und setzt den Jungen in Doddstown dem Gemobbtwerden als Ausländer und der Verhinderung einer Identität aus. Überall ist Schweigen und Verschweigen. Dramaturgisch nützlich, natürlich.
Unabhängig von alledem: Es ist für mich informativ, angesichts meiner eigenen libertären Grundsätze, diese durch das Unrecht der Großgrundbesitzer gegenüber den Kleinbauern so sehr delegitimiert zu sehen. Das Buch ist sozialistisch motiviert – begreiflicherweise. Die Grundsätze der Gründung Amerikas, wonach jeder frei sein Eigentum kaufen kann, sind hier pervertiert. Die Väter der Verfassung hatten sich nicht vorstellen können, dass freie Eigentümer ihr Monopol auf die Wasser-Resourcen nutzen würden, um andere, weniger mächtige Eigentümer zu ruinieren. Die ganze Ideologie, wonach der Tüchtige es schafft, wird hier entlarvt: Ohne Chancen keine Tüchtigkeit.
Interessant die Einblicke in die russische Emigrantenszene: die Hilfsbereitschaft!
Bemerkenswert die Idolisierung der Erde und des Bauernstandes beim Chinesen Ching, beim Russen Mikhail und auch bei den Suwarows: Liebe zum Land und Sorge um seine Ressourcen. Dagegen die amerikanische Ausbeutungs-Mentalität dieser „Pioniere“.
Erwartbar die Darstellung regierungstechnischer Ineffizienz und Anfälligkeit für Korruption. Aber auch der Glaube an die Demokratie, die letztlich den Willen der Mehrheit durchsetzen wird. Es dauert halt nur sehr lang.
Aber was hinterher doch verstimmt, ist die Tendenz. Die Reichen sind allesamt Bösewichte. Jeremy Dodd‘s Patriarchismus wird durch Manipulation des Hoffnungsträgers Edward durchgesetzt: Durch kombinierten Vater- und Mutter-Druck geht der Sohn kaputt, moralisch. Der Sohn als Fortsetzer der väterlichen Leistungen, – kein Gedanke an Kinder als Gaben Gottes. Immerhin, zwei von fünfen sind ausgebrochen. Betty, die einen Journalisten mit Charakter heiratet (der wird stillgelegt) und John, der sich um delinquente Jungs kümmert. Entsetzlich jener Geldgierige Leslie. Sklavenhalter. Obwohl: auch der Russe Kuznetzov oder wie er heißt ist vom Virus des immer mehr Land kaufen Wollens angesteckt.
Und dann muss man über den Fortschritt nachdenken: Hätte die Wasserversorgung für alle funktioniert (hat sie das letztendlich?) – wäre die industrialisierte Landwirtschaft vielleicht nicht (so schnell) gekommen. Sie brachte Fortschritt, indem sie die schwere Handarbeit ersetzte – dabei aber den Wanderarbeitern den Broterwerb nahm und die Natur letztlich stärker zerstörte als dies mit der Kleinbauernwirtschaft geschehen wäre. Das ist alles so vieldeutig! Und es ist gut, darüber Anschauungsmaterial zu haben.
Jungen Leuten kann man das nur gemeinsam lesend empfehlen.
Hist (Jg)
Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | > 600 |
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| Für Jugendliche: | Gut |

Kommentar zu: Tisdale Hobart, Alice – China-Trilogie.