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Balzac, Honoré de – Verlorene Illusionen

(1837 | 960 S.)

Meinung

Cornelia meint:

Uff!Ein Panorama von Gesellschaft (Aristokratie, Bürgertum, Intellektuellen) Handwerk, Wirtschaft, Geschäftemacherei, technologischem Fortschritt), Rechtspflege, Politik, Finanzwesen in der Bourbonen-Restaurationszeit. Und eine satanische Komödie. Der junge Dichter, ein Schönling, wird durch aristokratisch-erotische Fürsorge zum Provinz-Genie aufgebaut, das süße Gift der Eitelkeit durchdringt seine Organe, bei der gemeinsamen Flucht mit der Dame nach Paris geht einiges schief, denn erst dort sieht Louise die Unmöglichkeit, diesen Kleinbürger in die bessere Gesellschaft einzuführen, und sieht zugleich, wie Lucien sich in ihre gräfliche Cousine verliebt. Bums aus.

Nach vielversprechenden Anfängen auf dem Weg der Arbeit und moralischen Integrität fällt er, den Weg der Bequemlichkeit wählend, den Verführungen der Journalisten-Meute anheim, lässt sich von einer Schauspielerin verwöhnen, verschafft sich nun doch wieder Zugang zur Aristokratie, wird aber dort aufs Glatteis eines Parteienwechsels gelockt, der ihm die Liberalen Presse zum Feindbild macht und am Ende bei allen unten durch. Und weil er vor lauter Festen keine Arbeit mehr geschafft hat, endet das Ganze mit Pfändung und Coralies Tod. Reumütige Heimkehr.

Dort haben eine allzu große Liebe seiner Mutter/Schwester/Jugendfreundes finanzielle Opfer für seine Ausrüstung sowie von Lucien gefälschte Wechsel dazu geführt, dass die Druckerei, die vom Jugendfreund-Vater mit Würgegriff finanzieller Entschädigungsforderungen nicht mehr funktionsfähig ist, und auch durch Davids Erfindergeist vernachlässigt wird, kaputt geht, was durch reiche und erfolgreiche Konkurrenten mitsamt einer ganzen Heerschar von betrügerischen Hilfskräften gefördert wird. Am Ende kommt David ins Schuldgefängnis, aus dem ihn nur der Verkauf seines Patents für seine Erfindung erlöst, und kann schließlich einen ruhigen, und als der alte Geizkragen endlich stirbt, gut gepolsterten Lebensabend auf dem Land genießen.

Den Lucien aber bewahrt ein durchreisender Jesuit vor dem Selbstmord und macht ihn – erneut in Paris – zu seinem Geschöpf.

Unfassbar das Ausmaß an strategischer Bosheit unter dem entfesselten Drang nach Geld und Einfluss in der Regierung. In dieser Frühzeit des Bürgertums ist die französische Gesellschaft ein Haifischteich. Aber von Anfang an nimmt Balzac seinen Leser an die Hand und weist jede kleine Verlockung, jede winzige Verräterei und Verführung auf, die Lucien in die Hand des Teufels liefert. Insofern ist das ein hoch-moralisches, ja sogar spirituelles Buch, denn wir haben es in der überwältigenden Mehrheit mit leibhaftigen Teufeln zu tun – wenn auch diese nicht Böses an sich wollen, sondern immer nur das Gute für sich. Aber das reicht ja, um aus dem Leben eine Hölle zu machen.

Oder andersrum: Die Eigenliebe in der gefallenen Welt ist wie ein verzehrendes Feuer, das die Seele genau dann in Grund und Boden der Sünde verbrennt, wenn sich in dieser kein Gegenfeuer der Gottesliebe entzündet hat. Und alles, was so harmlos bei Lucien aussieht – und Balzac ist ein großartiger Analytiker – führt unweigerlich zum Verrat, zur Bosheit, zum Parasitentum. Da hilft die beste Ehrlichkeit letztlich auch nichts mehr, und was da an Reue empfunden und geäußert wird (im Gespräch mit jenem rettenden Jesuiten, der ja nur neue Teufeleien auf die alten draufsetzen wird) ist nicht echt, weil es keine Umkehr, kein Umdenken sichert. Also hier endlich wird mir klar, dass man sich die kleinen Laster der Nachlässigkeit nicht leisten kann: der Teufel facht sie an zur Feuersbrunst.

Hist, Jg***

Info

Erscheinungsjahr 19. Jh., 1. Hälfte
Seiten > 600
Autor Balzac, Honoré de
Für Jugendliche: Empfehlung

Kommentare

Kommentar zu: Balzac, Honoré de – Verlorene Illusionen.

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