Zurück      Zur Gesamtliste

Brandys, Kazimierz – Hotel Stadt Rom

(1950er | 200 S.)

In Reich Ranickis 16 polnische Erzähler

 

Meinung

Cornelia meint:

Ich-Erzähler auf Lesereise landet in Kleinstadt. Datum verwechselt – ein Tag frei! Den Kutscher wird er nicht los: immer steht er bereit, ausgedörrt von der Hitze.

Im Hotelzimmer schläft ein anderer auf der Couch. Schlafen kann der Erzähler nicht – der Fremde brummelt im Schlaf. Nebenan ein Ehepaar und man hört die Diskussionen. Und von diesem Streit – es geht um irgendwas Existentielles – ist er fasziniert. Schlaf Ade. Eine jammervolle Geschichte, die den Autor beschäftigt. Das lauernde Unglück im Leben aller Menschen. Morgens beobachtet er, wie der Fremde sich geschmeidig fertig macht und interessant aussieht. Der Fremde kommt zurück, spricht leise. Nebenan geht das Drama weiter: die Frau wünscht sich paar Tage Erholung. Viel lieber hätte der Autor mit dem Fremden die Nacht durchgeredet, aber er war abgelenkt. Nebenan Kampf. Der Kulturamtsleiter kommt zu Besuch und missversteht das aufgewühlte Bettzeug auf der couch. Der Kutscher ist beauftragt, ihn überall zu Sehenswürdigkeiten zu fahren.

Das Nebenzimmer, die Angst des Mannes, die harmlos unbekümmerte Frau. Und dann rennt er davon und sie in falscher Richtung hinterher. Kutschfahrten. Das Elend im Leben des Kutschers. Auf dem Markt hört er von einem Mann, der ein buch aus der  Stadtbibliothek geklaut hatte und erwischt wurde.

Im Hotel versucht die Bibliothekarin die Frau zu beruhigen. Wo ist der mann. Er hat ja nix Schlimmes getan, das Buch zurückgeben wollen. Kommt der mann, Frau schickt das Mädchen weg. Er soll sie nicht sehen. Er sagt nichts, sie fragt nicht, gibt ihm zu Essen. Sie planen die Rückfahrt am Abend. Er besteht darauf, der Widerstrebenden die erste Seite mit der Widmung zu zeigen. Die hat er rausgerissen. Und er nahm das Buch mit. Es geht um ein Bild eines Marschalls. Autor ist fasziniert, kann sich nicht lösen von der Tragödie nebenan.

Die Lesung, die Diskussion. ER verliert die beiden aus den Augen. In den nächsten Jahren vergisst er alles. Bis er in einer Zeitung jenen Schlafgast sieht: direktor der Zementfabrik jenes Städtchens, mit der der Fortschritt dorthin kommen soll. Eine andere Vortragsreise. Im Büro des Direktors entdeckt er ein Bild mit dem Mann aus dem Nebenzimmer. Nach vielen Schwierigkeiten kriegt er den Direktor zum Reden. Guter Mitarbeiter, 7 Jahre, kurz vor Beförderung. DA packt den plötzlich die Angst: er hatte ein Buch geschrieben und, um es gedruckt zu kriegen, dem damals herrschenden Marschall zu widmen voller Komplimente.  Und jemand muss ihn darauf aufmerksam gemacht haben, dass, wenn bekannt wird, dass er dem (der inzwischen in Ungnade fiel) geschmeichelt hatte, seine Karriere beendet sähe. Und seitdem reißt er in allen Bibliotheken diese Widmung raus. Denn im Sozialismus muss immer wieder ein Opfer gebracht werden. Nun aber war er erwischt worden. Wie die Angst die Menschen kaputt macht – so auch in der Schule die Schüler. Der Autor hat das aufgeschrieben und hofft, dass jetzt eine andere Zeit ist. Und wäre es nicht so (aber ganz klar: es ist immer noch so), dann müsste man was dagegen tun. (Was keiner tut.)

Der Sozialismus als das System der Angst! Man muss sowas heute sagen!

Jg ** Hist

Info

Erscheinungsjahr 20. Jh., 2. Hälfte
Seiten 100-300
Autor Brandys, Kazimierz
Für Jugendliche: Gut

Kommentare

Kommentar zu: Brandys, Kazimierz – Hotel Stadt Rom.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert