
(1920 | 30 S.)
Ganz große Literatur. Ein exquisites Lesevergnügen. Schafft Welten in drei Sätzen.
Und nirgends ein Schimmer der alles überwindenden göttlichen Liebe. Brr.
Meinung
Cornelia meint:
Ganz große Literatur. Ein exquisites Lesevergnügen. Schafft Welten in drei Sätzen.
Und eine moralische Erzählung, oder genauer: eine mythologisch-moralische. Da ist Evelyn, die rücksichtslos sich selbst lebt. Als sie einem Verehrer erklärt, dass sie sich am nächsten Tag verloben wird, verspricht er ihr ein Geschenk, das genauso schön, hart und kalt ist wie sie selbst. Eine Kristallbowle. Sie betrügt ihren Mann und nimmt ihm so die Kraftquelle der Liebe. Sie konzentriert all ihre Liebe auf die Kinder. Das Mädchen verliert durch Blutvergiftung (Kristallsplitter – hint hint) die Hand, wird Krüppel und lässt sich für kein sinnvolles Leben mehr umprogrammieren. Beim dinner für den neuen business partner besteht ihr Mann, inzwischen Alkoholiker und auf diese Partnerschaft angewiesen, gegen ihren Widerstand auf jener riesigen Bowle. Im resultierenden Besäufnis kommt es zum Streit: Die Partnerschaft platzt. Abstieg. Dann fällt – und die Todesanzeige liegt in dieser Bowle – der Sohn im Krieg. In ihrem Schrecken hört Evelyn die Bowle sprechen: als Fatum, das alle schönen Pläne, Wünsche, Träume zerstören wird. Die Strafe, die den Sohn wegnahm. Beim Versuch, sich an der Bowle zu rächen und sie die Steintreppen hinunterzuwerfen, verunglückt Evelyn und ist tot.
Man nennt den Autor des Jazz Age einen „religiösen“ Autor, und Tris liebte ihn sehr. Gewiß, er zeigt auf die Hybris, die in der eitlen Selbstbezogenheit der Menschen verborgen liegt. Und was wäre da die Alternative? Furcht vor dem rächenden Schicksal? Und deshalb bissel pflichtbewusster werden? Und sich in den lieben Nächsten (besonders die Liebhaber) einfühlen? Und mit Dienstboten und den uneleganten Aufsteigern bissel barmherziger sein? Bissel weniger Gesellschaftslöwin und bissel mehr Ehefrau? An den Kindern wird sie bestraft.
Eine entsetzliche Endgültigkeit, mit der ihre Untreue, der sie doch eigentlich schon brav entsagt hatte, in Harold den Lebensfaden zerschneidet. Da gibt es kein wahres Zusammenkommen mehr außer einmal, und dann das Kind. Damit ist das auch eine Geschichte über den Mann, der zwar das Geld schaufeln kann, aber auf Treu und Liebe auch dort angewiesen ist, wo er sich zu wenig kümmert. Also eine Geschichte über die Geldgier, die das Wichtigste vergessen lässt.
Und nirgends ein Schimmer der alles überwindenden göttlichen Liebe. Brr.
Info
Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
Seiten | < 100 |
Autor | Fitzgerald, F.Scott |
Kommentar zu: Fitzgerald, F.Scott – The cut-glass bowl.