(1808 | 300 S.)
Faust. Eine Tragödie (auch Faust. Der Tragödie erster Teil oder kurz Faust I) von Johann Wolfgang von Goethe gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der deutschen Literatur. Die 1808 veröffentlichte Tragödie greift die Geschichte des historischen Doktor Faustus auf und wird in Faust II zu einer Menschheitsparabel ausgeweitet.(Wikipedia)
Meinung
Cornelia meint:
Ich habe dieses Drama immer voll Ehrfurcht betrachtet – wie jeder Deutsche, ja jeder zivilisierte Mensch. Vor Kurzem las ich in einem Bericht über Friedrich Engels, dass dessen pietistischer Vater nicht einverstanden war, als der junge Friedrich diesen „gottlosen Goethe“ las. Nicht schlecht, diese Pietisten.
Also erneut gelesen und dabei die Wonne der Aufführungen, des Films (Gründgens und Quadflieg) auszublenden versucht (obwohl das bei einem Drama natürlich unfair ist). Natürlich habe ich das immer begeistert gesehen und auf Platten gehört. Aber das Lesen erlaubt die kritische Nachfrage: was hat mich so begeistert?
Da ist zunächst die Zueignung, die den vergangenen Bildern, der eigenen Erinnerung gilt und der Frage, ob der Dichter sie nochmal zu fassen kriegt, und ob er ihr Lied für lauter unbekannte, künftige Hörer begreiflich machen kann. Das ist ein höchst subjektiver Zugang. Aber nein, denn das subjektive Erleben soll ja seinerseits einem Geisterreich Zugang verschaffen. Der Dichter als Offenbarer einer höheren Wirklichkeit. Nun gut.
Das Vorspiel auf dem Theater teilt den Verfasser höchst selbstironisch in das Dreigestirn von Direktor, Theaterdichter und Lustige Person. Wir werden hier wieder auf die Erde geholt und verstehen, dass so ein Drama eine Unterhaltungsfunktion hat und auch den Tauben und Blinden gefallen muss: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“
Das ist einerseits vielversprechend (wir sollen was über uns selbst lernen), andererseits ein bisschen demütigend für den Leser: das bloß „Interessante“ ist schon ganz nah an der Suche nach „Abwechslung“ bei Fontane. Ein „moderner“ Kulturbegriff zu Beginn des 19. Jahrhunderts… Und doch noch mit ein wenig – 18. Jahrhundert – Erkenntnisprofit.
Dann der – frei nach dem Buch Hiob verfassten – Prolog im Himmel, bei dem Mephisto Gott eindeutig die Schau stiehlt (auch wenn er am Ende als Verlierer dastehen wird). Und wie bei Hiob ist es nicht leicht, mit einem derart wett-freudigen Gott seinen Frieden zu machen.
Dann geht es los: Faust möchte erkennen, was die Welt zusammenhält. Die Schau! Aber alles ziemlich trocken, was die Gelehrsamkeit dazu angesammelt hat. Da fehlt die lebendige Natur, die ihre Kräfte mittelst Geister-Hilfe enthüllen soll. Das Treffen mit den herbeigerufenen Geistern geht aber enttäuschend aus: Faust findet sich „zu leicht befunden“. Und so zappelt er zwischen empfundener göttlicher Berufung und Selbsterkenntnis als „Wurm“ auf die Selbstvernichtung zu (Ich grüße dich, du einzige Phiole), weil er seine „Manneswürde“ in Konkurrenz zur Götterhöhe setzt. Aber ein rechtzeitig einsetzender Engelschor (ganz ähnlich dem Fortunato in Eichendorffs Marmorbild) bringt Jugenderinnerungen eines Kinderglaubens auf und rettet. Das war knapp.
Dann das köstliche Pfingstfest-Sittenbild wie ein zeitversetzter Breughel, Mephisto als Hund mit allerlei Teufelsdrolligkeiten (riskant! Weghören!), der Faust bei erneuter Todessehnsucht packt und ins Bündnis lockt. Kein Wissensdurst mehr, sondern Selbstgenuss. Dann der Ulk in Auerbachs Keller und in der Hexenküche, wo ihm Gretchen erscheint und er in erneute Jugend gehext wird. Als nächstes die Verführung, Mord an der Mutter und Totschlag des Bruders, – die beiden verduften und lassen das arme Kind allein. Walpurgisnacht – und mittendrin wird dem Faust (wieder mal eine Intervention von oben) die Vision von Gretchen in Not zuteil. Wozu dann noch eine Oberon-Hochzeit sein muss, ist mir schleierhaft. Wollte Goethe den Shakespeare auch gleich mitnehmen? Voll rein in die Theaterkiste greifen? Und dann setzt Faust endlich gegen Mephisto den Besuch bei Gretchen im Kerker durch. Die aber ist durch einen heilsamen Wahnsinn von ihm getrennt, spürt genau, dass Rettung ihr Verderben wäre und weiß sich vor dem Gericht Christi besser aufgehoben. Klug ist, dass jenes Gericht, das Mephisto nur als Verurteilung wahrnehmen kann, von einer Stimme „von oben“ als rettend erklärt wird. Sie hat ja gebüßt, in Ordnung. Und klug ist auch, wie ihr Ruf nach Heinrich schon den zweiten Teil ankündigt, in dem ihr Gebet den Unglücksraben am Ende erlösen wird.
Abgesehen davon – ein fürchterlicher Schmarrn. Man hat das Gefühl, allerlei Bedeutsamkeits-Gerümpel werde einfach hier und da aufgelesen und bespielt, dann in den großen Gemüsetopf und ungerührt, – tatsächlich so, dass jeder – wie das Theatervorspiel ankündigte -sich raussuchen kann, was er im Kopf und Herzen für sich vertiefen mag. Alles Staffagen, alles auseinandergerissen und nur in der vergöttlichten dichterischen Fantasie (mit gutem Händchen für die „likes“ der Konsumenten) wieder zum Eintopf verrührt. Brr.
Das Werk gehört zum Kanon, und vielleicht müssen es die jungen Leute darum auch lesen. Aber empfehlen möchte ich daran nichts.
Info
| Erscheinungsjahr | 18. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Goethe, Johann Wolfgang von |

Kommentar zu: Goethe, Johann Wolfgang von – Faust I.