Hoffmann, E. T. A. - Nachtstücke - Deutschsprachige Orthodoxie

(1817 | 256 S.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtst%C3%BCcke_(Hoffmann)

 

 

Meinung

Cornelia meint:

Jesuitenkirche in G, Die

Eigentlich fängt es gut an. Endlich mal nicht die Musik, sondern die Malerei steht im Mittelpunkt behaglicher Kunst-Reflexionen. Vielleicht bleibt die Sache hier mal mehr auf dem Teppich? Von wegen!

Der reisende Erzähler besucht einen Jesuitenprofessor, der sich, indem er die Heimat des „oben“ hinter der gegenwärtigen Heimat „hier unten“ entschieden zurückstellt, als zynischer Materialist erweist. In der Kirche hat man das Geld für Marmor nicht, und darum muss ein Maler die Holzverschalung mit Farben marmorieren. Ein Bertholt ist auf dem Gerüst und seufzt ingrimmig. Nach etlichen Schwierigkeiten kriegt der Erzähler die Lebens-Hintergründe raus, die einen vielversprechenden Künstler in Italien zeigen, der zwischen diversen Lehrern und griechischen Ratgebern seine Berufung suchte, dann im Garten des Herzogs eine Prinzessin, die ihm als Vision erschien und zu frommen Altarbildern beflügelte (in denen alle anderen die Prinzessin portraitiert erkannten). Dann Revolution, Schloss brennt, Bertholt rettet die Prinzessin, die sich zu seinem Entsetzen als reale Frau erweist und gleich mit ihm nach Deutschland reist. Sie hat ihn schon lang geliebt, er ist überfordert mit Familienleben plus Söhnchen. Irgendwie hat die Realität ihm die Inspiration geplättet. Er wird einigermaßen wahnsinnig, verarmt, verlässt oder tötet die Familie – naja, und verdingt sich jetzt als Marmorierer. Ein Altarbild mit Ehefrau als Maria hatte er nicht vollenden können – jetzt plötzlich, nachdem der Reisende sich nach seinem Mord erkundigt, gelingt es dennoch, wird viel gelobt – aber er geht ins Wasser.

Uff.

Es gibt da in Italien viel Geraune über das Höhere in der Kunst durch Vertiefung in die Natur, was sich ja eigentlich sehr erhebend liest – es finden sich hier Nachklänge dessen, was Hölderlin schon 10 Jahre vorher aus dem Vollen schöpfte. Nur scheint dies Höhere (anders als bei Hölderlin) sich auf reine Geistigkeit zu kaprizieren, so dass es sich vom Eheglück gleichsam verhackstückt in Luft auflöst. Oder sowas. Und das ist einfach häretisch gedacht, und luziferisch gewürzt, und durch den Selbstmord dann nochmal bezeugt als unchristlich. Auch dies also wieder nur ein Brrr. (irgendwie erinnert mich das an Camus‘ Erzählung „Jonas“, wo der Künstler auch am Familienleben kaputtgeht.)

Dennoch: wer es schafft, sich durch Friedrich Kittelers „Mathematik der Endlichkeit“-Interpretation zu quälen, findet sich vielleicht ungemein bereichert. Ich habe die Mühe gescheut.

Kunst

Ignaz Denner

Anfangs dachte ich, nu, da haben wir mal eine kernige Räubergeschichte, die man großen Kindern (Lindgren-Kalle gestählt) ruhig zumuten kann. Es gibt den anfangs unklaren, nur ein wenig unheimlichen Heiler der todkranken Ehefrau und Wohltäter den armen Jägersleuten gegenüber, der sich dann als klarer Bösewicht outet und den unbeschreiblich aufrechten, ehrlichen Jäger in seine Bande zwingt, aber, nachdem der ihn gerettet hat, aus allen Verpflichtungen freilässt. Gut und Böse klar verteilt. Das bleibt auch so, aber nach beider Verhaftung schiebt sich das Unheimliche in den Vordergrund und erweist sich als Teufels-Kumpanerei. Andres bleibt weiter brav, wird auch noch vom Galgen runter gerettet, – aber dann kommt jener Ignaz auch wieder davon und drängt sich Andres unter der Maske des reumütigen Büßers auf. Das wäre haarscharf noch schiefgegangen. Ende gut, wenn auch ziemlich mitgenommen.

Nie klar wird mir, wie jener Denner einerseits sich am Ende als Giorginas Vater ausgibt und auf das Kind als Enkel Anspruch erhebt (nachdem er schon alle seine Kinder geschlachtet hatte), wie andererseits er der Sohn jenes Großvaters Trabacchio sein soll. Da gehen mir zwei italienische Schurken durcheinander.

Was mir aber wirklich missfällt, genau wie schon im Sandmann, ist, dass solche Geschichten die Faszination mit dem Bösen füttern. Interessanter ist es allemal als die brave Tugendbolderei in Andres‘ unbeschreiblicher Demut und Treue. Und genau deshalb möchte ich sowas – anders als z.B. Hauffs Wirtshaus im Spessart, wo auch ordentlich drauflos gemördert wird, nicht empfehlen. Hoffmanns Nachtstücke haben was übel Krankes, was Hauff nicht so hat.

Harich spricht bei Denner vom Beginn des Niedergangs von Hoffmanns Dichtung.

Gelübde, Das

Auch dies wieder literarisch höchst kunstvoll inszeniert (man nähert sich gleichsam von außen der bereits eingetretenen Katastrophe bis zu deren Schluss mit Mama-Nonne im Sarg, und kriegt dann die Vorgeschichte nachgeliefert mit dem hinzugefügten Endergebnis, dass das geraubte Baby leider erfroren ist, weil Papa Räuber nicht dran dachte, es in kalter Nacht auf Pferd bisschen einzuwickeln). Im Zentrum als Motor braucht man wieder den Wahnsinn, der dafür sorgt, dass das fromme Mädchen sich in eine Hochzeitszeremonie mit dem richtigen Bräutigam hineinträumt, während der falsche, der dessen Feuer indes unterhalten konnte, wartend danebensitzt und die sich ihm anschließend an den Busen werfende Beute fröhlich einsammeln kann. Der Rest der Familie sitzt mit einer authentisch Unschuldigen da, die sich verheiratet glaubt und immer dicker wird. Und eh sind die polnischen Frauen, besonders wenn es um den bei den Romantikern populären Freiheitskampf geht, schon speziell.

Muss man nicht haben.

Öde Haus, das

Beim besten Willen: Reiner Affenquatsch. Lauter non-sequiturs formen sich im Hirn des überkandidelten Geistersehers zu Erfahrungen von teuflischen Übersinnlichkeiten. Das Thema der Seh-Instrumente kommt wieder: Opernglas und verzauberter Taschenspiegel. Liebeszauber, untergeschobene Babies, seltsame Krankheiten, Wahnsinn, Magnetismus. Das Motiv des (wegen Überspanntheit) unzuverlässigen Erzählers, der den Lesern die Freiheit lässt, ihre eigene Wahrheit zu finden. Amusant vielleicht, aber cui bono?

Sandmann, Der

Schwarze Romantik. Da gibt es die mach-den-Kindern-Angst-Märchen. Der innere Wahnsinn, hier verursacht durch traumatische Erfahrungen, ein Wahnsinn, der die Seele auf solche Angst-Gebilde hin ausrichtet, verleiht ihnen dadurch Macht. Hinzu kommen die tatsächlich unheimlich-gefährlichen chemischen Experimente, die Advokat Coppelius (der Sandmann) mit dem von ihm abhängigen Vater anstellt, wobei letzterer den Tod findet. Dann die Verbindung von Mensch und Maschine in der Kunstfigur Olimpias, dann die Seh-„Hilfen“, die das Leblos Fabrizierte als lebendig und fühlend vortäuschen, dann die Eitelkeit des Dichterjünglings, dessen Enthusiasmus bei der Geliebten nichts weiter braucht als den schönen Anblick, Stillsitzen („Hören“), Blicke auf ihn („Sehen“ dessen, der gesehen werden will), ein gelegentliches „Ach“ – und fertig ist die ideale Geliebte. Im Hintergrund haben wir es aber ganz offensichtlich mit Dämonen zu tun, denen eine nach-christliche Kultur hilflos ausgeliefert ist. Claras Rat, Nathanael möge den bösen Kräften keine Macht über sein Inneres gewähren, hat Sinn genau dann, wenn es sich um eine feindliche Gegnerschaft handelt. Aber Nathanael theoretisiert das weg, indem er Dichtung und Wissenschaft auch von „höheren Mächten durchwebt“ und den Menschen wie ein passives Automaton in den Pfoten des Schicksals sieht.

Gruselgrausel ohne Gewinn. Vielleicht für die Geschichte der Psychiatrie.

Psych

Sanktus, Das

Zur Erholung endlich mal kein Wahnsinn. Naja, vielleicht passt des Kapellmeisters väterliche Mordlust doch ins verrückte Menschenbild: Töchterchen Bettina ,der Kinderstar, überall bewundert wegen herrlicher Stimme, auch selbst nur fürs Singen lebend, dabei aber ziemlich über-verwertet in Kirche, Konzerthaus, Teegesellschaften, kann seit einem halben Jahr nicht singen. Der Doktor resigniert, nix hilft. Papa Kapellmeister fordert von ihm schmerzfreie Euthanasie, denn wenn Bettina nicht singen kann, – wozu soll sie leben/wollen? (Da hätte er mal bei Antonie und dem Rat Krespel nachfragen können!).

Der erzählende „Enthusiast“ bekennt sich schuldig an einem Problem, das er für psychisch bedingt erkannt hat. Er selbst hat, als Bettine mal bei Gottesdienst mitten aus dem Sanctus rauslief, um noch paar andere Kantaten zu singen und Duette einzuüben, sie gewarnt: wer so ungeistlich handelt, kann bald gar nicht mehr singen. Und offenbar hat er da eine wunde Stelle getroffen (oder eine höhere Macht losgetreten).

Wie kommt man da wieder raus? Der Enthusiast hat eine Idee. Mit lauter Stimme erzählt er dem Papa (der immer nur Oper draus machen will) die Geschichte von Julia aus einem Krieg katholischer Spanier gegen Mauren, die sich in Granada festgesetzt haben. Diese, eine der eroberten Frauen, singt wunderschön, wird ziemlich schnell zum Christentum bekehrt, singt dann fromme Lieder, – aber die allzu fixe Tünche bröckelt und es kommen Stör-Töne in den benediktinischen Nonnenchor. Urplötzlich kriegt sie gerade beim Sanktus mit, wie ihr Lieblingsmohr (der sich als Wahnsinniger Gefangener zu den Spanien geschlichen hat) die Zither für sie schlägt. Von plötzlicher Liebe ergriffen, flieht sie, während dieser das hölzerne Kloster in Brand steckt.

Isabella von Aragonien lässt auf der Brandstätte eine Stadt erbauen, die Mohren erkennen enttäuscht, dass die Belagerer weiter kämpfen. Dann Zweikampf zwischen ihrem spanischen Verehrer und Hichem, dem Mohren: Der hat sie herausgeholt, als Wahnsinniger verkleidet, musste aber feststellen: sie singt nicht mehr.

Am Ende wird Granada erobert, feindliche Mohren beschießen den Triumphzug zur Kirche aus einem Steinhaus heraus, dieses wird angezündet. Und aus den Flammen kommt singend Julia mit lauter turbo-bekehrten Mohren, zieht in langer Prozession zur Kirche, zelebriert, sinkt tot um, Mohren werden getauft. Apotheose fertig.

Und natürlich hat Bettinchen, wie der Erzähler hoffte, vom Nebenzimmer aus alles mitgehört.

Drei Monate später kommt er zurück: und siehe da, Bettina singt wieder.

Endlich mal ein gutes Ende. Ich glaube, den größeren Mädchen kann man sowas schon zumuten.

GK **

Steinerne Herz, Das

Es liest sich köstlich, das Hin und Her zwischen des Hofrats traurigen Lebenserfahrungen (die geliebte Julie heiratet einen anderen, der Bruder verschleudert das Erbe, dessen Söhnlein kugelt das symbolisch aufgelagerte steinerne Herz run), seiner Selbstheilungs-Feste mit Kostümen aus der Jugendzeit in spätem Rokkoko, seiner beständigen Angreifbarkeit durch nervöse Zustände und Träume … und von all den patenten Freunden, die ihn betreuen. Wozu es da noch einen mystifizierenden Ex-Konsul aus Konstantinopel braucht, dem die Seehunde gehorchen, ist mir unklar. Das Thema der Selbstverfehlung durch narzisstische Verbohrtheit wäre genug gewesen. Am Ende kriegt der Neffe die Tochter der ex-Geliebten und der Hofrat kann sich in ihm selbst verjüngt finden, dann auch sterben. Wieso der Junge dazu nach Konstantinopel reisen musste – bunt, aber nicht schlüssig.

Halt alles sehr „Literatur“ wenn man sowas möchte. Ich sollte mal bei Arno Schmidt gucken, was der aus dem Thema gemacht hat.

Info

Erscheinungsjahr 19. Jh., 1. Hälfte
Seiten 100-300
Autor Hoffmann, E. T. A.
Für Jugendliche: Ok

Kommentare

Kommentar zu: Hoffmann, E. T. A. – Nachtstücke.

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