Kästner, Erich - Erzählungen: Emil, Anton, Pünktchen, Lottchen und andere - Deutschsprachige Orthodoxie

(Mitte 20. Jh.)

Meinung

Cornelia meint:

Trotz allem, was ich an Kästner gut finde: sein leidenschaftliches Plädoyer für die Kinder und die Art, wie er sich bei denen als moralische Instanz inszeniert, – all das bricht sich an der Tatsache, dass der Sohn Thomas aus einer Verbindung niemals einen Vater hatte, und von der späteren Partnerin Kästners unlieb behandelt wurde, was Kästner nie bemerkte oder bemerken wollte. Diese letztere hätte auch gern ein Kind von ihm gehabt, kriegte aber keins. Da tun sich Abgründe auf.

Als ich ein kleiner Junge war

Ich habe von Kästner das doppelte Lottchen und Emil und die drei Zwillinge verworfen. Da war ich ziemlich streng.

Die hier vorliegende Autobiographie hat mich beeindruckt. Natürlich ist da was schief: Sie gibt sich als ein Kinderbuch, aber ich bezweifle, dass diese Anbiederungsliteratur bei Kindern ankommt. Werde es ausprobieren. Aber wenn Erwachsene sich über dieses „wäre gern Kinderbuch“ beugen, sehen sie ein Zeugnis der Liebe, der Humanität, der Toleranz. Auch das größte Ekel, der Lehrer mit den Rohrstöcken, verwandelt sich in einen fehlbesetzten Menschen. Nirgends die von oben runter ironische Herablassung gegenüber den schlichten Dienstboten, die mich in den Kinderbüchern Kästners so verärgert. Auch wenn die allgemeinen Lebensweisheiten für uns heutige abgegriffen wirken: sie stimmen. Auch berühren mich viele Beschreibungen, die manchmal an wirkliche Dichtung heranreichen.

Seine größte Tugend ist das Lücken-Lassen. Er deutet an, dass die drei geschäftstüchtigen und reichen Söhne des Großvaters, die Brüder der Mutter, den verarmten und kranken Vater gedankenlos im Elend verkommen lassen, denn er ist zu stolz, um Hilfe zu bitten. Kein Wort der Verurteilung, nur das stille Grauen. Aber man versteht nicht, warum diese Mutter den Brüdern nicht die Meinung gegeigt hat.

Ziemlich entsetzlich die Selbstmord-Attacken der Mutter und die Angst des Kindes. Das macht die ganze Mutter-Sohn-Pathologie in den Kinderbüchern begreiflich. Auch die ausschließliche Leidenschaft der Mutter für den Sohn. Was für eine Bürde!

GK?

Die Konferenz der Tiere

Hinreißend komisch. Sinnvoll wäre, vor dieser Lektüre das Spiel „die Weltreise“ präsent zu haben oder einen Globus, damit man die Reiserouten nachvollziehen kann. Aber sowieso ist dieses Buch märchenhaft lustig.

Natürlich: die Lösung aller Probleme, die die Tiere durchsetzen, besteht in einer Aufhebung von Staatsgrenzen – und das ist angesichts der staatlich verfassten Sozialsysteme heute nicht mehr so ganz plausibel. Aber egal, für die Kleinen ist das ein Kapitalvergnügen

Nachtrag: Ich habe das Buch bei meiner 7-Jährigen probiert, und es hat nicht funktioniert. Der Humor ist zu „erwachsen.“ Man muss wohl warten, bis die Kinder 10 sind oder 12.

GK 2 Sterne

Emil und die Detektive

Flott, humorvoll, lustig, spannend und voller guter moralischer Zusatznahrung. Kann man unbedingt empfehlen. Spaß und Nutzen – so soll es sein. Silvan hatte das schon mit 4 verdaut, – aber der hat auch einen hervorragenden Vorlese-Vater als Trainer..

3 Sterne für kleine GK

Pünktchen und Anton

Endlich mal ein Kästner, von dem ich HELL begeistert sein kann. Die Mutterbindung ist nicht pathologisch, das Dienstpersonal hat Persönlichkeit, Papa Spazierstockhersteller macht sich, Mama kann man vergessen, dafür kommt am Ende die arme Anton-Mutter mit ins Haus: Das mit den Kinderfräuleins hatte sich nämlich nicht bewährt. Wunderschön die leichte Hand, mit der Kästner seine moralischen Reflexionen einstreut. Spannend, witzig und gar nicht penetrant – das muss man behalten! Unser Fünfjähriger hat das prima verkraftet, aber auch die GK werden es genießen.

3 Sterne für KK und GK

Der 35. Mai

Das ist ein Herrlicher Dauerquatsch. Und als solcher gelungen. Ulkig, wie Kästner im Onkel Ringelhuth eine Art narzisstisches Abbild seiner selbst zeichnet, und, peinlich für mich, damit meinen Blick auf meinen eigenen Narzissmus richtet: Als Großmutter wollte ich, sehr zum Missfallen meiner Kinder, immer das noch wildere Kind sein. Als hätte ich da Nachholbedarf, den ich bei den eigenen Kindern noch nicht hinreichend habe austoben können. Was den Bedarf angeht: stimmt. Ich musste ein fürchterlich braves Kind sein. Das war  schon kriminell. 

Trotzdem: schadet ja nix, aber was bringts?

1 Stern für kleine GK

Emil und die drei Zwillinge

Das Buch beginnt und endet mit Emils Leiden an der Tatsache, dass seine Mutter wieder heiraten will. Er weiß nicht, dass sie es als Opfer für ihn tut (um ihm den Weg ins eigene Leben zu ebnen) und verbirgt vor ihr, dass er entsetzlich eifersüchtig ist, aber bereit, ihrem (vermeintlichen) Lebensglück das seine aufzuopfern. Allerdings, wie die Großmama erkennt, ist er nicht imstande, dieses eigene Opfer mit Freude zu verbinden (Kunststück, der Junge ist ca 14!). Behutsam weist sie ihn auf den Weg zur richtigen Entscheidung, zu der er sich mannhaft durchringt. Da wird diesem Jungen schon eine schwere Bürde der inneren Reifung auferlegt. Mir ist das einen Tick zu viel.  Sowieso finde ich diese Mutterbindung Emils zwar nachvollziehbar (Papa starb halt früh), aber schwer erträglich. 

Hauptsächlich aber geht es um die Jungengruppe, deren Geschichte (aus „Emil und die Dedektive“) grad als Film herauskommt, und die während gemeinsamer Sommerferien eine Hundsgemeinheit (Kindesaussetzung) verhindern und dem verlassenen Akrobatenkind einen guten Start sichert. Den hätte dieser lebenstüchtige Kerl zwar gar nicht gebraucht, aber, wie die Großmama klar macht: gute Taten haben einen inneren Wert.

Ansonsten viel Kitsch, und die Art, wie die Hausangestellte von den Jungs behandelt wird, wie dieselbe überhaupt als „gutes Tier“ erscheint, legt sich mir bös auf den Magen. Auch das perfekte Justizrat-Elternpaar erinnert mich peinlich an Tönis unsägliche Conni-CDs, wo auch die Eltern immer alles richtig machen, während Töchterchen rummault. Da schleift Kästner gegen all die falschen Erzieher eine eigene Axt.

Das doppelte Lottchen

Die Eltern ließen sich scheiden, aus egoistischen Motiven (wobei besonders der Künstlervater schlecht wegkommt), und die Kinder – verteilt auf Papa und Mama – müssen es ausbaden. Ein Zufallstreffen bei einer Ferienfreizeit, und sie merken, was ihnen alles vorenthalten wurde. Ein Vater – eine Mutter  – die Schwester. Mit großer Kühnheit und Klugheit tauschen sie bei der Rückreise die Rollen, jede kann dem fremden Elternteil wertvolle Erkenntnisse vermitteln. Am Ende hilft aber nur die schwere Erkrankung eines der Kinder gegen die Gefahr einer neuen Heirat des Vaters, und die Eltern finden wieder zusammen.

Das ist großartig, wenn auch wieder einiger Kitsch (die Mutti wird immer als „junge Frau“ vermarktet und kann somit gerade noch die teuflische Nebenbuhlerin ausstechen, die – wie alle Nebenfiguren, ziemlich schematisch daherschaut.) Das ist wie das Krokodil im Puppenspiel, – also Literatur ist das nicht. Auch die Angestellte Resi beim Vater in Wien ist so eine Staffagepuppe, und ich entdecke in mir eine wirkliche Intoleranz gegen das von oben herunter lächerlich-Machen einer schlichten bäuerlichen Seele. Gewiss, sie hat Geld geklaut und geheuchelt, und man hält ihr die mangelnde Aufsicht zugute. Aber irgendwas an Kästners Ton missfällt mir. Bin ich bei diesen alten Büchern empfindlicher als bei den neuen? Ich muss da mal aufpassen.

Bewegend, wie wenig die Kinder früher ein Gefühl für ihre Grundrechte hatten. Und wie Kästner für solche Grundrechte kämpft. Das Blöde ist nur, sobald man den Kindern beibringt, für ihre Rechte zu kämpfen, fliegen die zugehörigen Pflichten zum Fenster hinaus.

Info

Erscheinungsjahr 20. Jh., 1. Hälfte
Seiten 100-300
Autor Kästner, Erich
Für Jugendliche: Empfehlung

Kommentare

Kommentar zu: Kästner, Erich – Erzählungen: Emil, Anton, Pünktchen, Lottchen und andere.

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