
(1961 | 240 S.)
Solaris ist ein Science-Fiction-Roman des polnischen Autors Stanisław Lem aus dem Jahr 1961. Er gilt als ein Meisterwerk des Genres, wurde dreimal verfilmt und oft für die Bühne adaptiert. Wikipedia
Meinung
Cornelia meint:
Ein seltsames Buch, und ein ernstzunehmendes. Lem kommt aus einer jüdischen Familie in Polen. Seine Bücher werden als science fiction eingeordnet, aber das wird ihnen nicht gerecht. Das ist ein Gott-Sucher. Nach 170 Seiten atemberaubender Spannung und viel technisch-wissenschaftlicher Details (was für Männer!) wird dann endlich die Frage nach dem Sinn der merkwürdigen Schöpfungen des belebten Ozeans auf diesem fernen Stern gestellt. Der nämlich schafft es, in die Hirne seiner Besucher einzudringen und verkarstete Eiweißstrukturen (Traumata, oder verdrängte Verbrechen, Wünsche, Verfehlungen) nachzubilden. Es wird hier das Problem gestellt, inwieweit Menschen für das von ihnen Verdrängte moralisch verantwortlich sind.
Allerdings wird dieses Problem nicht verfolgt. Die Erzählung wendet sich vielmehr den „Besuchern“ der die irdischen Gäste zu, die mit ihnen irgendwie interagieren und ihnen wegen ihrer Menschen-Ähnlichkeit den Wahnsinn einjagen. Nur Kelvin, der Erzähler, hat kein Kind des Grauens bekommen sondern eine Geliebte, die seine Lieblosigkeit in den Selbstmord trieb. Und mit ihr tritt er in eine Interaktion ein, die dieses Kunstgebilde immer mehr zum Menschen macht. Das ist ein Thema, das Lem nicht behandelt, aber für mich faszinierend: Das Kunstgebilde wird durch personales Ansprechen zur Person, fragt nach seinem Woher und Wohin, nach seinem Sinn, nach der Folter, die seine Anwesenheit für den Geliebten bedeutet, und lässt sich am Ende vom wohlmeinenden Kollegen, der um Kelvin bangt, überreden, sich vom Vernichtungsapparat des dritten Partners vernichten zu lassen. Bringt also ein Selbstopfer der Liebe.
Im Gegenzug kommt Kelvin am Ende dahin, dass er die Sinnlosigkeit des belebten Ozean-Gottes als Spiegelung der Sinnlosigkeit einer irdischen Kultur ansieht, die so vom Fortschritt besessen ist, dass sie dieses Ziel immer höherer Entwicklung irgendwann in ein Un-Ziel verwandelt, nämlich dann, wenn am Ende dieses Fortschritts (Solaristik als Ersatzreligion) nur Zerstörung steht. Und in dieser Erkenntnis wächst dann sein wahrhaft moralischer (im weiten Sinne, klar) Entschluss, im Angesicht einer möglichen Sinnlosigkeit des wissenschaftlichen Bemühens um Kontaktaufnahme mit jenem ozeanischen Tier, am Überleben seiner Liebe festzuhalten und gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Erwartung der Wieder-Vereinigung aufrecht zu halten.
All das als ein merkwürdiger Zerrspiegel eines vom Skeptizismus zerfressenen christlichen Glaubens, im Horizont der Hypothese, dass der Wahre Gott, der den Menschen geschaffen hat, ein gebrechlicher ist, also einer, der seine Möglichkeiten ausschöpfte und überschätzte, so dass am Ende nur noch Zerstörung übrig bleibt. Solaris mit seinem Ozean stellt dabei eine Kleinkind-Version eines solchen Gottes dar, der erst noch ausprobiert, was alles geht oder nicht geht, und dies ziemlich täppisch und grundlegend außer-moralisch.
Da ist viel an Tiefenproblematik angetippt und wird in der Schwebe gelassen. Sympathisch die Keuschheit der Liebesgeschichte. Alles Sexuelle bleibt draußen – wo es meiner Meinung nach auch hingehört.
Dies ist ein Buch aus der Mitte einer des-orientierten Kultur. Es ist sympathisch im ernsthaften Versuch, dieser Des-Orientierung gerecht zu werden. Aber das reicht nicht, um es jemandem zu empfehlen.
Und wo ich schon beim Nicht-Empfehlen bin, packe ich
Die vollkommene Leere
Auch gleich mit drunter, denn das ist eine Sammlung von Rezensionen über nicht-existierende Bücher, und für solche Super-artifizielles Zeug sollte – trotz hochgradig interessanter philosophischer Spekulationen – jeder Christ seine Zeit zu schade finden..
Info
Erscheinungsjahr | 20. Jh., 2. Hälfte |
Seiten | 100-300 |
Autor | Lem, Stanislaw |
Kommentar zu: Lem, Stanislaw – Solaris.