
(um 1880 | 600 S., je nach Ausgabe) „Die Biographie im Goldmann-Band „Sonntage eines Pariser Bourgeois“ von Ernst Sander ist hilfreich. Wir sehen den jungen Mann, den Flaubert in die Schule nahm, offenbar eine Art Seeelenverwandtschaft zwischen Männern, die niemals eine wahre Liebe kennnengelernt haben. Dafür wird dann die Kunst zur Göttin, und man handwerkelt an frommer Kompromisslosigkeit. „
Meinung
Cornelia meint:
Die Biographie im Goldmann-Band „Sonntage eines Pariser Bourgeois“ von Ernst Sander ist hilfreich. Wir sehen den jungen Mann, den Flaubert in die Schule nahm, offenbar eine Art Seeelenverwandtschaft zwischen Männern, die niemals eine wahre Liebe kennnengelernt haben. Dafür wird dann die Kunst zur Göttin, und man handwerkelt an frommer Kompromisslosigkeit. Dass einige Novellen große Meisterwerke sind, finde ich ja ganz schön. Aber das einzige, was mich an Literatur interessiert sind Zeichen der Barmherzigket, die unsere Fähigkeit, uns in ganz fremde und gleichgültige Leute einzufühlen, schult. Das Antlitz Christi im Gesicht des Dargestellten. Da ist er wie der ebenfalls ungläubige, aber doch irgendwie menschenfreundliche Chechov.
Die schönsten Novellen (Goldmann-Ausgabe)
Las diese schon früher, und einige haben sich fest in mein Hirn eingegraben. Nicht unbedingt, was ich empfehlen kann. Trotzdem: Eindrucksvoll ist er in jedem Stück. Und was mich heute besonders berührt (nach dem Theodizee-Focs Treffen mit Vladyka Hiob) ist: überall geht es um Gerechtigkeit. Seltsam! Ganz ohne Gott. Trotzdem.
Die Probe
Eine gute alte Ehe. Manchmal Streit und Versöhnung. Neue Nachbarn. Blondel mag den Mann, die Frau verachtet ihn als Nachbarschafts-beredeten Hahnrei. Er findet: vielleicht ist es unwahr, und sowieso ist das kein Grund für Verachtung, eher für Mitleid. Stattdessen sollte man die ehebrecherische Frau verurteilen. Madame Blondel gerät in Wut und verallgemeinert ihre Verachtung auf alle Männer. Blondel wird stutzig und „begeht die Dummheit“ zu behaupten, er selbst hätte sowas natürlich gemerkt und sie durchgeprügelt. Da schreit sie ihm seine eigene Dummheit ins Gesicht. Jetzt erwacht der Verdacht. Der Nachbar, so stellt sich raus, weiß es tatsächlich, ist aber in seiner Liebe zu schwach. Blondel erinnert sich an einen Hausfreund, den seine Frau schließlich rauswarf. Er lädt diesen ein zum Essen. Bei der unerwarteten Begegnung beider wird klar: die haben sich all die Jahre geliebt. Und Blondel wird es eisig.
Viele Fragen. War es richtig, die Wahrheit zu suchen und so den status quo zu stören? Aber der war sowieso durch seinen Zweifel schon hin. Und wie sollte es weitergehen? Hat er die Kraft, sich scheiden zu lassen? Wäre das für den Nebenbuhler Sieg oder Schrecken? Und wer wird ihn selbst dann versorgen? Soll er die Augen schließen wie der verachtete Hahnrei nebenan?
Man muss aber bei dem Thema auch die andere Seite sehen. Was macht eine Frau zur Ehebrecherin? Hat er nicht nur für ihren Betrug, sondern schon für ihre Wünsche und Bedürfnisse keine Augen gehabt? War schon dieser Betrug eine Rache? Sollte er einen Teil der Schuld bei sich suchen?
Ignorieren wäre Schwachheit. Er muss sie stellen, alle beide. Und dann? In einer orthodoxen Ehe hätten beide die Gelegenheit, ihre Fehler zu erkennen, jeder dem anderen gerecht zu werden und um Verzeihung zu bitten. Hausfreund raus, wir starten nochmal neu. Und wenn ihr der Hausfreund wichtiger ist? Dann muss Blondel sich scheiden lassen, – auch Jesus hat das erlaubt.
Jg
Fräulein Perle
Am Dreikönigstag besucht der junge Autor (wie schon sein Vater) immer die Chantals. Erfährt endlich die Geschichte der Wirtschafterin, die nicht ganz wie eine Angestellte behandelt wird, aber auch nicht ganz zur Familie gehört. Diese, Perle, wurde an einem Dreikönigstag bei den Eltern des jetzigen Familienvaters im Schnee an die Tür gelegt, mit großzügigem Geld ausgestattet. Offenbar ein illegitimes Kind. Sie wurde adoptiert, aber durchaus in Kenntnis gesetzt, dass sie nur adoptiert ist, kein Kind des Hauses. Und plötzlich erkennt der Autor die Wahrheit und sagt zu seinem väterlichen Freund: Und darum hast du 10 Jahre gezögert, die Base, die auf dich wartete, zu heiraten. Der Freund sieht sein tiefstes Geheimnis durch diese Intuition („das sieht man doch“) nicht nur vor jenem offenbart, sondern auch vor sich selbst, der es seit Jahren in „bösen Augenblicken“ mit sich trägt. Er bricht in Tränen aus – offenbar zum ersten Mal. Draußen ruft seine Frau, und mit viel Mühe verbirgt er die Spuren seiner Erschütterung.
Der Autor erschrickt über seine Tat. Dann blickt er „mit brennender Neugier“ auf die Vierzigjährige und erkennt ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit. Er will jetzt wissen, ob auch sie heimlich gelitten hat, all die Jahre. Er verrät ihr von Chantals Tränen. Und vom Grund dieser Tränen. Sie wird ohnmächtig. Autor flieht, mit Gewissensbissen und Reue. Und doch sieht er sich als etwas „Löbliches und Notwendiges“ getan habend. Denn vielleicht können die beiden mal zusammensitzen und sich die Hand geben, indem sie in den Garten hinaussehen, und eine ferne Erinnerung an ein Glück erleben.
Da ist also Uneigentlichkeit und Verdrängung durchbrochen für die Wahrheit. Möge es beiden helfen. Für mich ist der Gerechtigkeits-Aspekt interessant: Chantals Mutter hatte sein Verhalten dem Findelkind gegenüber am Prinzip der Familien-Integrität (Blutsbande) orientiert, nicht an den Bedürfnissen des Kindes. So lernte das Mädchen, dass man Liebe verdienen muss durch Leistung. Sie wurde zur Perle der Familie. Sicherlich hätte sie heiraten können mit ihrer Mitgift. Aber vermutlich hat ihre Liebe zu Chantal es nicht zugelassen. So wählte sie ein Leben der Entsagung und Demut, die keinen Weg zum Trost bei Christus lässt.
Jg
Die Martin
Bauernjunge Benoit verliebt sich in Nachbarstochter. Geheime Treffen, Küsse, Verlobung. Aber er macht nicht vorwärts, und da heiratet sie den reichsten Bauern im Dorf. Schmerz im Herz. Er meidet ihre Wege. Endlich kommt er mal beim Haus vorbei, hört sie schreien. Rein – da kriegt sie grad ein Kind. Er weiß von den Kälbern her, was da zu tun ist, hilft und richtet alles. Wie der Papa heimkommt, ist er platt. Benoit präsentiert ihm die Prachtstochter. Durch die Geburtshilfe ist er von seiner Liebe erlöst. Und nun werden auch die Männer wieder dicke Freunde, wie früher.
Eine schöne Geschichte.
Das Nachfolgende ist für die Zielgruppe nicht zu empfehlen:
Hautot Vater und Hautot Sohn
Vater tüchtig, kräftig, aber verwitwet. Sohn schwach, brav, abhängig. Jagdunfall. Vater beichtet seinem Sohn die Geliebte in der Stadt. Er soll großzügig für sie sorgen, genug Geld gibt es. Nicht vergessen! Der Sterbende will also, dass dieser braven Frau, die ihn getröstet hat als Witwer, Gerechtigkeit geschieht durch Lohn.
Und das Schicksal belohnt die gute Tat. Denn zugleich mit der Versorgung der Frau und – des kleinen Sohnes, den der Sohn als Bruder erkennt – wird nun auch der Sohn eine liebevolle Freundin an seiner Seite haben, die aus Dankbarkeit besser für ihn sorgen wird als jede Ehefrau, die ob seiner Schwäche bald die Herrschaft übernehmen würde (müsste).
Natürlich geschieht all das im Rahmen einer sündhaften Beziehung, die das Chaos einer nicht-legalen patchwork-Familie hinterlässt. Der Sohn kann auf Vaters Platz bei ihr sitzen, Vater Pfeife rauchen – aber er kann nicht zum Vater des kleinen Bruders werden.
Die Fliege
Fünf Ruderfreunde teilen sich ein leichtes Mädchen, das schwanger wird, aber getröstet: alle fünf wollen Väter sein. Durch Unbedachtheit stürzt sie – Totgeburt. Ihre Verzweiflung (ich habe mein Kind getötet) trösten sie: wir machen dir ein neues.
Schön diese Jungs mit ihrem Sinn für Verantwortung und Barmherzigkeit. Trotzdem – der Kontext nicht gerade korrekt.
Reue
Herr Saval ist alt geworden und hat sich nie zu irgendwas aufgeschwungen. Ein Leben voller Leere. Endlich erinnert er sich an einen Moment, in dem eine Liebe möglich gewesen wäre. Der Ehemann und Freund war eingeschlafen. Die Frau wäre vielleicht bereit gewesen…
Kurz entschlossen sucht er sie auf, inzwischen Witwe, und fragt: wäre sie damals bereit gewesen? Na klar, sagt sie und flieht zu ihrem Eingemachten in die Küche. Und er geht an die Stelle von damals am Fluss und weint – im Regen.
Naja, das verlorene Lebensglück hätte also im Ehebruch gelegen. Mehr hat so ein bürgerliches Leben nicht zu bieten.
Vorm Zubettgehen
Ein Mann hat seine Frau betrogen und, zur Rede gestellt, die Ehe als bloße Konvention erklärt. Und ist dann eine Reihe leichter Frauen durchgegangen. Nun aber erfasst ihn die Eifersucht, weil jemand ihr den Hof macht. Sie zahlt ihm seine „Ehe als Konvention“ heim und will dieselben Rechte. Und wie er nicht nachlässt, rechnet sie ihm vor, was seine Kokotten ihn monatlich kosten und verlangt dasselbe Honorar, und versichert, dass sie demnächst eine Gehaltserhöhung verlangen wird.
Das ist eine lustige Umkehrung der männlichen Privilegien zur Untreue. Es sichert Gleichberechtigung der Ehefrau, – wunderbar. Der Mann hat die Ehe bereits zerstört, nun nutzt sie die Reste für ihren Profit. Eine schlimme Art der Gerechtigkeit – aber bei Menschen ohne Gewissen und Moral vermutlich unvermeidlich (und das ist das setting, in dem der Feminismus wuchs….)
Die kleine Roque
Der Dorfvorsteher Renardet hat ein Kind vergewaltigt und ermordet. Er entwindet sich den Untersuchungen, aber das Bild der Toten verfolgt ihn. Er beichtet im Brief an den Richter und bringt sich um.
Ein Gegenbeispiel gegen Hume’s These in den Dialogues, dass das schlechte Gewissen bei bösen Menschen durchaus zum Schweigen zu bringen sei. Hier setzt sich in schöner weltlicher Weise durch, was der weltliche Mensch als Gerechtigkeit einfordert.
Man kann diese Geschichte keinem Jugendlichen empfehlen: das Bild der Toten ist zu gräßlich.
Überflüssige Schönheit
Die Gräfin hat nach 7 Geburten die Nase voll und möchte endlich das Leben genießen, das ihr eifersüchtiger (liebloser, untreuer Ekel-) Mann, den sie zu heiraten gezwungen war, ihr stets durch neue Schwangerschaften verdirbt. Um ihn auf Abstand zu halten, behauptet und beschwört sie, dass eines seiner geliebten Kinder nicht von ihm ist. Nun kann er keines mehr lieben, und auch sie will nichts mehr von ihm wissen. Nach 6 Jahren des Leidens bittet er sie, ihm endlich das Kind zu nennen, damit er die anderen alle wieder lieben kann. Endlich bekennt sie: sie hat gelogen, um ihn zu bestrafen und sich zu schützen. Allgemeine Versöhnung.
Erst hinterher wird mir klar: Ihr Gebärstreik wird nur mit ihrer Schönheit begründet, die in die Gesellschaft hineinwirken soll. Und mit den Mühen und der Langeweile der Schwangerschaft. Schwach! Und ihre Lüge hat nicht nur den Vater (gerecht) bestraft, sondern auch den Kindern 6 Jahre lang die Liebe des Vaters genommen. Davon keine Spur. Dafür kein Gefühl.
Das Testament
René verspottet alles, besonders die bürgerliche Moral. Einmal fragt sein Freund, der Autor, nach dem Grund seines von dem seiner Brüder abweichenden Namens. Die Frau war schändlich von ihrem adeligen Mann und den älteren Söhnen behandelt worden. Ein Hausfreund voller Rousseau glaubte an die freie Liebe, und rettete die arme Ehefrau durch wahre Liebe, aus der Kind #3, René, hervorgeht. Die Frau stirbt, und ihr Testament (ein kluger Notar bewahrte ihr Vermögen in ihrer Hand) vermacht alles samt Sohn dem Hausfreund. Der wütende Ehemann wird im Duell getötet, René hat es gut beim Vater.
Ein sehr sensibles Argument für die freie Liebe und gegen die bürgerlichen Konventionen, die eine solche Liebe nicht erlauben und inhuman die Frauen schlechter Männer ihrem Martyrium ausliefern. Schöne Gründe für falsche Folgerungen. Wie immer. Auch die Geschichten, die man für die Legalisierung der Abtreibung und der Geschlechtsumwandlung erzählt, sind ja immer tief empfunden. Die „besseren Menschen“ sind immer jene, die sich gegen die bürgerliche und zugleich göttliche Ordnung auflehnen.
Das Wrack
Inspektor landet zur Besichtigung auf einem Wrack, zu dem sich auch Engländer einfinden. Entzücken über die älteste Tochter. Da kommt die Flut. In der Nacht Sturm. Alle fallen um, der Inspektor, in seiner Verzweiflung und Sehnsucht, küsst das Mädchen. Dann rappeln sich alle zusammen, sie werden gerettet, und reisen wieder auseinander. 10 Jahr später schreibt sie ihm aus New York. Nie von ihrem Mann. Aber jedes Jahr. Die einzige Frau, die er hätte lieben können.
Bemerkenswert diese Geschichten von Menschen, die einfach ihr Leben nicht zusammenkriegen und an irgendeiner Traumvision hängenbleiben. Gab es damals wirklich diese keuschen, in sich gekehrten Männer? Sowas ist heute ausgestorben.
Der Teufel
Sterbebegleiterin, um den Lohn betrogen, rächt sich, indem sie der Sterbenden durch Teufelsspuk Beine macht. Brr.
Die Furcht
Gruseldusel
Ein Scheidungsgrund
Absurde Eifersucht und verquere Keuschheit. Dieses Bild eines die ideale und die geschlechtliche Seite der Liebe nicht zusammen bringen Könnenden – erinnert an eine Figur in The green Hat. Was die Sache nicht interessanter macht.
Pathologie Augustinus-verzerrter westlicher Sexualität.
Wahnsinn?
Gegenbild zu jener verqueren Keuschheits-Idolatrie: aus Liebe wird sexuelle Hörigkeit und Eifersucht und Rache am Pferd, das seiner Frau Freude macht. Und dann dreht er ganz durch.
Ziemlich unheimliche Sache, wenn man bedenkt, dass Maupassant später tatsächlich geisteskrank wurde. Das scheint hier schon durch.
Die Schmucksachen
Liebender und unendlich glücklicher Ehemann entdeckt nach dem Tod seiner wundervollen und liebevollen Schönen, dass sie ihn betrog. Nimmt sich eine brave Frau, die ihm böse Tage macht.
Irrfahrten einer Dirne
Traurige Geschichte eines Mädchens, das völlig wehrlos durch Armut und Pech und jugendlichen Leichtsinn in die Prostitution geraten ist. Unrettbares Elend. Immerhin, der Erzähler „ist verheiratet“ und lässt sich nur erzählen.
Das Fenster
Zu schlüpfrig.
Insgesamt: von 18 Geschichten nur 3 zu gebrauchen. Vermutlich brauche ich keinen Maupassant mehr zu lesen.
Info
Erscheinungsjahr | 19. Jh., 2. Hälfte |
Seiten | 300-600 |
Autor | Maupassant, Guy de |
Kommentar zu: Maupassant, Guy de – Die schönsten Novellen (Goldmann-Ausgabe).