
(1934 | 256 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Was ist es, was mich an diesem Buch so faszinierte, dass ich am Ende gar nicht mehr davon loskam? Wie übersetzt man „kindness“? Einfühlung, vielleicht.
Die Personen sind vom Leben rauh gebürstet, und ich bin ganz froh, dass ich das englische Original las und die meisten Flüche und Schimpfworte gar nicht verstanden habe. Der Ton ist durchaus brutal. Aber es liegt in dieser Brutalität eine sympathische (nicht Opfer-jammernde) Widerständigkeit gegen die nicht-idealen Umstände, gegen die sie alle kämpfen müssen.
Anna hat nach dem Tod ihres Vaters bei dessen Arbeitgeber nicht die versprochene Geborgenheit gefunden, sondern wurde ausgenutzt. Sie reißt sich los ins Ungewisse und nimmt sich ihren Platz im Zelt von Nick, einem Künstler mit Wut auf den reichen Supervater, der ihn, als er ein Küchenmädchen geschwängert hatte, „eng moralinsauer“ zwang, das Mädchen zu heiraten. Nach der Fehlgeburt absentierte sich Nick voller Hass auf Frau und Eltern, hielt sich aber dran, erstere pflichtmäßig mit Unterhalt zu versorgen. Und rührt die ihm hereingewehte Anna nicht an. Anna ihrerseits hat ein uneheliches Kind bei einem jüdischen Geschwisterpaar geparkt und es von „Holy Moses“, der sie liebt, versorgen lassen.
Erschütternd wie dieser Fünfjährige zweimal seinen Fürsorgevater verrät, nur weil Nick ihm tolle Bilder malt. Eine Reihe mit Liebe gezeichneter Nebenfiguren bereichert diesen Kern, herausragend jene jüdische Schwester, die sich von Nicks Vater ein Leben im ersehnten Wohlstand erhofft. Das geht daneben, denn das von ihr provozierte Abenteuer mit Nick (den sie als Sohn des reichen Mannes an sich binden wollte, was misslang) hat sie geschwängert. Besonders rührend der vulgäre, fette und gierige Piggy White, der diese Rachel stets verehrte und sie, als sie aus Verzweiflung zur Prostitution greifen will, rettet. Ergreifend, wie Rachel mit voller Klarheit einsieht, dass sie ohne Freunde ist, weil sie alle Menschen nur als Trittbrett für eigene Interessen nutzte. Und in dieser Ehrlichkeit erwacht Piggys selbstlose Großmut.
Das ganze Buch ist voll von Beweisen solch rücksichtsloser Ehrlichkeit dem lieben Selbst gegenüber, der Fähigkeit zu verzeihen und der großmütigen Zuwendung zu Gescheiterten. Von daher kann man es ein Buch der wahrhaft christlichen Nächstenliebe sehen.
Das Buch macht Lust auf mehr von diesem in den 50ern sehr erfolgreichen Autor.
Doch im Rückblick frage ich mich: bin ich einfach auf einen sehr guten Trivialroman reingefallen? Ich habe seine Bilder-reiche Sprache sehr genossen. Das Buch dreht sich durchaus um allerlei Liebesbeziehungen. Aber eben nicht nur das.
Was nehme ich aber daraus mit? Ein Bild einer Zeit in Manchester, eines Milieus zwischen Pferderennen und Malerei, mit zutiefst ambivalenter Zeichnung jüdischer „Ghetto“bewohner (Bruder und Schwester als Heiliger und Schlange), Klassenunterschieden, die sich ausfransen an den Rändern, rigoroser Moraltradition und wahrer Herzensgüte, Sozialismus gegen englisches Traditionsbewusstsein. Ja, es gibt noch ein Gewissen. Ich fürchte, es ist wirklich nicht mehr als sehr gute Unterhaltung. Man kann sich auch als Christ mal eine Pause gönnen.
Aber im nochmaligen Rückblick und nach Lektüre über einen philosemisch vermischten Antisemitismus bei Heimito von Doderer wird mir klar, dass das jüdische Geschwisterpaar genau die Klischees bemüht, die im Antisemitismus allgemein vorherrschen: Der liebe „Heilige“, aber schwach und planlos, und die über Leichen gehende Aufsteigerin. Und das bringt mich dazu, dieses Buch aus der Empfehlungsliste rauszunehmen.
Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Spring, Howard |

Kommentar zu: Spring, Howard – Shabby Tiger.