(1933 | 1024 S.)

Meinung

The autobiography of Alice B. Toklas

Die gut betuchte Amerikanerin Gertrude Stein, die es schafft, eine Löwin der Pariser Kunstszene zu werden, deren Wärme, Witz und Ideenreichtum sie zur Mäzenin der Kubisten und überhaupt der bildenden Kunst – Moderne macht, bringt es fertig, ihre Lebenspartnerin und entsagungsvolle Sklavin Alice auch noch in deren eigen gelebter Hingabe zu übertreffen, indem sie die Biographie, die Alice über sie schreiben soll (oder die Autobiographie, die sie schreiben soll, damit über Gertrude geschrieben wird), und die sie nicht schaffen kann (denn sie macht ja den Haushalt und organisiert alles…) – indem sie den Namen der Freundin kapernd diese ganz auf Gertrude, das geliebte alter ego, also auf Gertrude, die Autorin selbst hin, schreibt.

Eigentlich sind wir – zumindest in der Literatur – über den dermaleinstigen Geniekult im 20. Jahrhundert doch weg. Aber hier wird Genie gekultet – völlig Scham-befreit. Hier wird ästhetische Selbstvergöttlichung getrieben. Was wird Gott dazu sagen?

Nun, sie war offenbar ein großzügiger, mitfühlender Mensch – dort, wo sie jemand interessierte. Sie förderte viele. Sie kaufte die Bilder unbekannter Maler und freute sich, als die arrivierten. Und im Krieg haben die beiden Frauen für die Krankenhäuser gesorgt, unermüdlich, ohne je zu klagen oder zu protestieren. Selbstverständliche Pflichterfüllung der Nächstenliebe – und das alles auch noch mit persönlicher Zuwendung und Zuneigung. Also – den geringsten Seiner Brüder ist da viel Gutes geschehen.

Aber ansonsten: Es geht um Ruhm und Anerkennung ihrer besonderen, die Worte gleichsam zu Dingen verwandelnden Kunst. Diese Autobiographie – das ist ein „leichter“ Text, und ich bin froh darum. Ich habe ihn als Einschlaf-Lektüre verwendet, und er eignet sich dafür hervorragend: Er amüsiert, unterhält, und weckt keinen einzigen Gedanken, der einen umtreiben und um den Schlaf bringen könnte.

Es geht um schöpferische Sellbstverwirklichung, Selbstgestaltung, um ein Seinkönnen, was man will, und immer wieder was anderes. Das würde mich nervös machen, so wie mich Leute nervös machen, die ständig andere Frisuren tragen. Für mich ist das Ziel des Lebens, das zu werden, wofür Gott mich an diese Stelle hier und jetzt in Zeit und Raum gestellt hat: Kind meiner Vorfahren, Vorfahrin meiner Enkel, und ein Glied meiner Kirche, das alles einbringen will, was ihm an Gutem mitgegeben wurde. So ein herum-Schöpfen ist mir fremd. Ich sehe immer den Schöpfer Selbst, Der so viel interessanter ist.

Und diese Rücksichtslosigkeit. Alice sitzt in Spanien unter einem Baum und weint: es ist zu heiß. Aber Gertrude wandert weiter – sie mag die Hitze. Na toll.

Ein besonders merkwürdiger Aspekt dieser untergeschobenen Biographie liegt in den „likes“: so wie heute (sagt man) social media von den „likes“ leben, so wird hier die Welt sortiert nach Personen, die Gertrude mag und nicht mag, interessant findet oder nicht findet. Stets geht es nicht um den anderen als anderen, sondern als Gelegenheit für angenehme oder nicht angenehme Stunden des Zusammenseins. Hedonistische Sozialität.

Sicherlich bin ich nicht die Richtige, um die Poetologie Steins zu beurteilen. Ich kann Gedichte eigentlich nur als Lieder vertragen, und anders als Stein sind mir dabei die Gefühle wichtig. Aber natürlich sehe ich sie vor dem Hintergrund der Psalmen. Die sind mir oft einfach rätselhaft, aber es tut gut, sie zu beten. Mehr brauche ich nicht.

Vielleicht kann ich ihre entscheidende Leistung in ihrem Einsatz für die Moderne sehen – falls man die Moderne mag. Es geht um die Entdeckung und uneigennützige Förderung neuer Sichtweisen. Es geht um Wagnis der Investition in neue Künstler. Das ist ja alles sehr schön.

Wenn man dieses Buch liest und nebenher immer gleich im internet die Bilder nachschlägt, dann kann man sicher viel über die Moderne in der bildenden Kunst lernen. Und das auf höchst amusante (und Schlaf-erleichternde) Weise. Dafür ein Stern.

Für Kunst-Interessierte – ein Stern.

The winner loses – a picture of occupied France

Man kann das lesen, es ist hinreichend unterhaltsam zu sehen, wie diese Amerikanerinnen mit den Franzosen im Dorf sich blendend vertragen, und wie man die deutsche Besatzung erträgt/ignoriert. Aber das Thema ist so viel gründlicher von Salomon im Fragebogen behandelt worden, dass es sich nicht lohnt, hier diesen schwächeren Aufguss zu lesen.

The gradual making of The Making of Americans

Dies ist eine Vorlesung, die sie lange nach dem Buch selbst verfasste, und ich verstehe sie absolut nicht. Gar nicht. Und ich bin zu ungeduldig, um mich dem hinreichend hinzugeben.

The Making of Americans

Auch dieses Buch rätselt mich an – wie jeden anderen auch. Auch hier geht es darum, Menschen und ihre Beziehungen zu einander und zum Selbst zu erkennen, und dies mit einer Art wissenschaftlichem Anspruch, der aber, weil es keine nachvollziehbaren Beobachtungen oder Experimente gibt, zugleich hermetisch ist. Entweder man begibt sich rein und folgt der Autorin, dann findet man sich ebenso versklavt wie die Objekte ihrer psychologischen Erforschung/Selbsterforschung. Erkennen des Anderen ist hier kognitive Aneignung, und insofern folgt es dem Macht-gestus der Naturwissenschaft.

Und das ist natürlich schrecklich für Leser, die sich als Person und von ihrem Schöpfer angesprochen und eben genau nicht vereinnahmt und überwältigt wissen, sondern freigesetzt für die wahre, die göttliche Liebe, die den anderen als Anderen liebt und bei aller vergöttlichenden Einbeziehung doch als je besonders und herrlich Geschaffen besthen lässt.

In gewisser Hinsicht lösen die Menschen sich im Analysiertwerden durch Gertrude auf so wie die mystischen Seelen im Nirwana. Aber es hat was Kannibalistisches.

Warum das alles?

Melanchta

Das Buch ist sehr gefeiert worden, weil hier mal eine Weiße in 1909 ganz modern über verschiedene Farbige schreibt. Und tatsächlich war ich anfangs absolut fasziniert von dieser fremden Welt. Und ich konnte mich in die seelischen Nöte dieser von den Eltern nie geliebten jungen Frau gut hineinversetzen. Mich interessierte auch der liebe Mulatto-Arzt, mit dem sie sich auf eine Reise in die Liebe begibt, quasi Millimeter um Millimeter. Aber dann schafft der Junge es nicht, ihr wirklich (schlechter Ruf!) zu vertrauen, und dann wird sie auch wieder zu der, die sie früher war,  irgendwo habe ich die Geduld verloren, mir diese grausigen Leid-Erfahrungen ohne Sinn und Verstand masochistisch weiterhin zu Gemüte führen zu lassen. Ich habe nun -außer von der Autobiographie von Alice Toklas – die Nase restlos voll von Gertrude Stein und werde sie entsorgen.

In meiner Ausgabe der Selected Writings, Vechtem ed, Vintage 1945, S 290 stolpere ich plötzlich über bekanntes Terrain: da geht es um moralische Bestrebungen und unmoralische Begierden und unmoralische Weise, sie zu verfolgen. Da wird das Moralische durch seinen Untergrund eines stark egoistischen sinnlichen Natur seiner Geltungsansprüche enthoben. Dann gibt es (291) das Thema des Non-Konformismus: die Kraft, die es kostet, und das Glück, was es bedeutet, wenn man eine Uhr oder ein Taschentuch liebt und kauft, das alle anderen scheußlich finden. Also das Bekenntnis zur Abweichung. Dann 293 das Bekenntnis zum Prinzip der Moderne: jeder hat das Recht, sein eigenes inneres Sein zu leben. Auf 298 geht es um die religiöse, tugendhafte, moralische oder reformerische Leidenschaft, und nichts davon wird eigentlich begrüßt. In einem neuen Abschnitt S. 301 geht es um die Desillusionierung, die darin besteht dass keiner je völlig mit dir übereinstimmt (d.h. sich völlig auffressen lässt -). Vielleicht war Alice Toklas so eine Übereinstimmende, und sie wurde dann auch doppelt gefressen: indem ihr die Aufgabe gestellt wurde, eine Autobiographie zu schreiben, bei der von vorneherein klar war, dass sie von Gertrude handeln würde, und indem Gertrude das dann eh selbst erledigt hat.

Die Fotos von Gertrude Stein berühren mich durch die Freudlosigkeit eines von ihr selbst als dem Vergnügen gewidmeten Lebens. Die Augen sind ganz tot. Und dann die Rolle des jung Seins und alt Gewordenseins – da ist eine Furcht vor dem Tod, die uns Leser schmerzt.

Auf 304 kommt heraus, dass diese Desillusionierung vom Mangel an Anerkennung herrührt, und tatsächlich war schon die Autobiographie voll Gier nach Anerkennung – für Künstler natürlich das Wichtigste, verstehe schon. Aber für Christen eben nur im Blick auf Gott, und da will man auch kein Schulterklopfen für erbrachte Leistungen – außer, wenn man Pharisäer ist, und Gertrude ist Jüdin, –  sondern Gnade für den Schrott, den man angerichtet hat.

Das Heldentum, das darin liegt, etwas als allererster zu tun. Auch das wesentlich für moderne Künstler, okay.

Wenn ich das überblicke, dann wird mir die Rolle ihrer lesbischen Neigungen klar. In der Autobiographie konnte ich das vernachlässigen: Ihre Privatsache, da musste ich mich nicht drum kümmern. Ich dachte wirklich, es spielt keine Rolle für die Art dieser Lebensform als Kunst-Salon.  Aber hier geht alles auf die Rechtfertigung des Traditionsbruchs hinaus, selbst der hermetische Stil – er verlangt Gefolgschaft, er ist Verführung zur Nachfolge, zum sich Einlassen auf ein Lebensverständnis, das völlig losgelöst ist von objektiven, d.h. göttlichen Normen. Und das ist eigentlich ziemlich unerträglich.

Info

Erscheinungsjahr 20. Jh., 1. Hälfte
Seiten > 600
Autor Stein, Gertrude

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