Am 23. November 2019 fand in der Offenbacher rumänischen Nikolauskirche das
29. Treffen des Forum für orthodoxe Spiritualität in Kultur und Bioethik
statt. Thema war die „Glaubens-Erziehung in der Familie“.
Nachfolgend ein Bericht unseres DOM-Mitglieds Cornelia, die diese halbjährlichen Treffen immer wieder mit interessanten Gästen und Beiträgen organisiert.
Vater Stefan, unser Gastgeber, legte zur Begrüßung gleich die wesentliche Grundlage: Er verwies nämlich – im Kreis der „wirklichen Gastgeber“, die als Fresken ringsum an den Wänden bereitstanden – insbesondere auf den Heiligen Fürsten Constantin Brânceanu. Dieser bezahlte sein Bekenntnis zu Christus gegenüber den Unterdrückern der Kirche nicht nur selbst mit dem Leben, sondern ermunterte zugleich seine vier Söhne sowie deren Lehrer zur Annahme desselben Martyriums. Für uns bildete diese Erzählung dem Hintergrund, der unsere eigenen (deutlich harmloseren) Nöte in ein angemessenes Licht rückte.
Den Anfang machte Katerinas Darstellung der Schwierigkeiten beim Bemühen, sich als Mutter in die Nachfolge Christi zu stellen.
Fragestellungen
- Was bedeutet es, wenn heute Eltern und
Großeltern oft nicht mehr als Vorbild geachtet werden? - Geht es nur darum, allerlei psychologisch
Unterdrückendes beiseitezuräumen? Oder existiert noch irgendwo die ungebrochene
Tradition: so wie Oma es machte, finden auch die Enkel noch richtig? Andere
Gesprächsteilnehmer bejahten das. - Was bedeutet es (und ist es wirklich
erstrebenswert) „bedingungslos zu lieben“? - Wie gehen Erziehende mit eigenen seelischen
Verletztheiten um? Behindert unsere eigene strenge Erziehung unseren Weg zu
Christus? - Was ist „sündhafte Natur“, was
entwicklungsbedingte Unreife? - Ist die Erfahrung von Angst bei Kindern immer
nur negativ zu werten? - Wie sorgen wir für äußeres Wohlverhalten, ohne
die innere Authentizität des Kindes zu gefährden? - Wie gehen wir mit unserem eigenen Mangel an
Glauben um? Erfahren wir uns manchmal als „Pharisäer“? - Ab wann und wie sollten Kinder Verantwortung
übernehmen für das, was sie unbedingt wollten? - Wo müssen wir als Eltern auf unsere Bedürfnisse
achten und wo „den anderen an die erste Stelle setzen“?
Vor diesem Horizont der Fragen und Zweifel konnten die Gäste ihre eigenen Erfahrungen mit Trotz bei Kleinkindern und Mediennutzung bei größeren Kindern zur Diskussion stellen.
Familie zwischen Kirche und Gesellschaft
Nach dem Mittagessen gab Vater Alexej Tereschenko aus Hannover einen Überblick über seine Dissertation über religiöse Erziehung in der Familie. Er stellte die Familie als Zwischenglied zwischen Kirche und Gesellschaft in einen Freiraum, der durch keine traditionalen Vorgaben gefüllt werden kann:
Wir alle waren selbst keine orthodoxen Kinder. Und trotzdem sollen wir unseren Kindern beibringen, wie man ein orthodoxes Kind ist.
Seine Haupt-These: wir können nicht Glauben oder Religion „beibringen“, sondern nur Gläubigkeit, Religiosität. Neben Werten oder Normen geht es hierbei um Handlungen und Beziehungen. So wie die Liturgie ihre eigene Ordnung hat, müssen auch Familien als kleine Kirchen sich ihre eigene Ordnung unter geistlicher Anleitung selbst erarbeiten: wann wird gebetet, gefastet, der Haushalt gemeinsam bewältigt, wie werden die Feste im Jahresrhythmus mitgestaltet? Entscheidend hierbei, daß jede Familie eine gemeinsame „Sache“ verfolgt – nicht eine Familien-Datscha wie vielleicht bei weltlichen Familien, sondern ein kirchliches Leben.
Inna S. ergänzte diesen Vortrag durch eine Zusammenfassung der neurologischen Hintergründe. Sie betonte die Schwierigkeiten, psychologische Erkenntnisse angemessen in die Pflege eines geistlichen Familienlebens einzubeziehen. Psychologie kann einerseits Ideologie sein. Sie vergöttlicht dann bloß vorgegebene persönlich empfundene „Bedürfnisse“. Andererseits bietet Psychologie ein Instrumentarium für Selbsterkenntnis und bedachteren Umgang mit sich selbst und miteinander. Sie dient dann dem Bemühen, die richtigen Bedürfnisse (nach einem Leben in Christus) in sich und den Kindern wachsen zu lassen.
Als Abschluss gab es für Gäste, die noch nicht gleich nach Hause reisen mussten, noch eine gemeinsame deutschsprachige Vesper in der Kirche.