
(266 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Allerentsetzlichste Seelentortur, noch schlimmer als die anderen. Susanne wurde von Oma versklavt, jetzt aber hat sie geerbt und beschenkt all jene, denen es nicht gut geht. Ihr Weihnachten besteht darin, sich die Freude auszumalen, die sie allen gemacht hat. Und da kommt doch tatsächlich der kleine Toni vom Nachbarn und schenkt ihr was von den Winzigkeiten, die er geschenkt bekommen hat. Damit sie auch was zum Freuen hat. Welche Seligkeit, das erste Geschenk, das sie überhaupt je erhielt. Tränendrüse lass nach! Zugleich freut sie sich auf den Besuch des reichen Vetters mit schöner Frau und Kindern, der immer so herablassend sie gegrüßt hat, als sie noch in der Not kaum ihre kalten Glieder bedecken konnte (und der nie auf die Idee kam, ihr einen Mantel zu spendieren…). Stattdessen aber kommt bloß ein Bote – bringt allerdings von ihm einen entzückenden Weihnachtsbaum glitzertithzer, und sie ist völlig weg und will ihn unter Glas auf dem Sterbebett bei sich haben. Und entdeckt dann Widmung und kostbaren Ring – und da kommt auch schon der Bote betrunken mit dem Adress-Zettel zurück: Die Lieferung war für die andere Frau Reiner, die mit ei statt ai, im Nachbarhaus, Sängerin… Da ist nun also der hochwürdige Hofrat-Vetter vom Sockel gestürzt, und sie versucht, damit zurecht zu kommen –betet, was sie kann. Und dann fällt ihr der Toni ein, und sie geht rüber zu den Armen Leuten, wo grad Nr. 6 ankam, und bittet, ob sie den Jungen, den sie eh liebhatte und der als einziger ihr gedankt hat, adoptieren kann. Hurra Ende gut.
Pu. Ihre Freude am den-anderen-Freude-Machen hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Nach dem Fall des Vetters wird ihr auch klar: all jene, denen sie half, sehen in ihr nur die reiche Frau, die ihnen die je eigene Not erleichtert hat. Aber da ist kein Dank, kein Drandenken. Endlich gehen ihr da die Augen auf, sie sieht die Realität und macht die richtige Entscheidung. Immerhin.
Also eine Geschichte über kluges und unkluges Guttun.
GK
Info
Erscheinungsjahr | 19. Jh., 2. Hälfte |
Seiten | 100-300 |
Autor | Ebner-Eschenbach, Marie von |
Kommentar zu: Ebner-Eschenbach, Marie von – Susannes Weihnachtsfest.