Unsere 5. DOM-Sommertagung stand unter dem Thema
„Leibhaftig“ leben – Zwischen moderner Medizin und kirchlicher Ewigkeit
Sie fand vom 5. bis 7. September wie gewohnt in der St.-Justin-Einsiedelei in Unterufhausen statt.
Zwei der Vorträge sind mittlerweile online:
Hier ein
Bericht
von Peter U. Trappe:
Die 5. öffentliche DOM-Tagung vom 5.9. (Freitag) bis 7.9. (Sonntag), wiederum in der Verkündigungs-St.Justin-Einsiedelei, zum verheißungsvollen Thema: „Leibhaftig“ leben – Zwischen moderner Medizin und kirchlicher Ewigkeit, erweckte unerwartete Resonanz. Mit 64 Teilnehmern, davon 11 Referenten und 30 Gäste, wurde durchaus eine gewisse Wirkung erzielt. Es fällt schwer, die diversen Aspekte der Themen und des Ereignisses in Kürze zusammenzufassen.
Nach der Einleitung am Freitagabend durch Gastgeber S’chi-Archimandrit Justin, der Grüße von Vr. Basilius überbrachte und ein paar Worte zum Jesus- und Herzensgebet sprach, eröffnete unser DOM-Vorsitzender, Vr. Stefan die Tagung. Gleich zu Beginn wurde von Vladyka Hiob das angerissen, was normalerweise am Ende steht, nämlich der Tod, und zwar der zwischen Medizin und Theologie. Die orthodoxe Ehrfurcht vor dem Mysterium, welche im Totengedenken Ausdruck findet, steht im Kontrast zum Schrecken des Todes, welcher säkular als unumkehrbar gilt. Der irreversible Stillstand von Atem und Herz, welcher mit Todesschein ärztlich attestiert wird, scheint nur den verwesenden Leichnam zurückzulassen. Deshalb kreisen medizinische Debatten um den Zeitpunkt des Todes, um Wiederbelebungstechniken, Messung der Hirnströme, Organentnahme schon bei Hirntod oder erst bei Herztod. Die Frage des Weiterlebens einer geistbegabten Seele wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Die Orthodoxie geht von der Trennung der Seele vom Körper aus. Schon im Sterbeprozess wird mit Psalter-, bei Priestern mit Apostellesung, nach Auszug aus dem Leib mit Kanon, Waschung und Einkleidung, bei Bestattung am 3. Tag mit sakramentaler Kraft die Seele ins Reich des Todes geleitet. Hieraus folgt die Frage: Wie stirbt man richtig?
Claudia Podasca, Ärztin an der Universitätsklinik Heidelberg, brachte theologische Überlegungen zur Organspende ein, sprach von teils schmerzhaft erlebten Erfahrungen aus der Praxis. Ausgehend von der Frage, welchen essentiellen oder nicht-essentiellen Stellenwert die Organe im auferstandenen Leib haben mögen, wird die Entnahme nach Hirn- oder Herztod zur ärztlichen Gewissensfrage. Begehen im Extremfall die Ärzte am Organspender eine Tötungshandlung, oder leisten sie Dienst am Nächsten, dem Organempfänger? Auch die Einsetzung von künstlichen Organen ist umstritten, z.B. im Verhältnis zur Verehrung von Reliquien.
Nach der Verteilung der Unterkünfte, dem Abendessen und der Vesper in der Kirche der Einsiedelei wurde die Tagung am Samstagvormittag fortgesetzt mit dem Vortrag des leider verhinderten Erzpriesters Mihail Rahr, verlesen durch DOM-Schriftführerin Cornelia Hayes. Diese sehr wichtigen Ausführungen waren betitelt: Psychologische, psychiatrische, geistliche (dämonische) Anfechtungen der seelischen Gesundheit. Statt einer sicher unzureichenden Zusammenfassung schlagen wir vor, diese Arbeit in Schriftform bei Interesse direkt vom Erzpriester oder bei Frau Hayes anzufordern.
Danach sprach Erzpriester Ilya Limberger/Stuttgart, gesättigt mit Erfahrungen aus pastoraler Arbeit, über Psychiatrie, Psychologie, kirchliche Seelsorge. DiePsychiatrie sei hoffnungslos materialistisch eingestellt. Neurotische Angst des gefallenen Menschen wird nicht ganzheitlich auf die Erkenntnis der gottesebenbildlichen Person bezogen, sondern individualistisch interpretiert bzw. behandelt. Psychologische Seelsorge bleibt oberflächlich, weil sie nur relatives Wohlergehen zum Ziel hat. Die zugrundeliegende Anthropologie fragt nicht nach dem Sinn des Lebens in Kirche und Gott, sondern argumentiert im besten Fall auf humanistische Weise mit Libido, ödipalen Symbolen oder Anleihen aus der Esoterik. Orthodoxe Psychotherapie braucht die Brücke zu Gott.
Nach dem Mittagessen hörten wir Priester Athanasie Ulea, der selbst im Bereich Psychotherapie tätig ist, zum Thema Askese, Gesundheit, Gesundheitswahn. Es geht bei Gesundheit nicht nur um bloßes Wohlbefinden, sondern um das Wachsen von Körper, Psyche und Geist bis „zum vollen Maß der Fülle Christi“ (Eph. 4, 13). Es besteht der Unterschied, einen Leib zu haben, oder ein Körper zu sein. Wenn der Leib nicht als Objekt, als Idol, sondern als geistiges Subjekt, als Partner verstanden wird, kann die Dissoziation in wahnhaften „Healthismus“ vermieden werden. Nur weltliche Askese führt zu Selbstvergöttlichung anstatt zum Selbstverständnis als „Kind Gottes“. Dieses entfaltet sich von der Mutter-Kind-Einheit zunächst versus Kind-Welt-Einheit. Dabei sind Grenzziehungen zur ggf. „bösen“ Mutter wie auch zur „Realität“ erforderlich.
Cornelia Hayes referierte am späteren Nachmittag, formulierte ihren ursprünglichen Titel Heilung versus Optimierung ein wenig um, welcher jetzt lautete: Der Leib als Mit-Knecht: Mit Maximus dem Bekenner zur „Optimierungs-Medizin“. DieSteigerung der Leistungsfähigkeit ist das Ziel der Optimierungsmedizin, nicht die Vergöttlichung, welche nur mit Mühe und Not erreicht wird. Maximus der Bekenner eröffnete uns einen noëtischen Raum, auf welchen das natürliche Sehnen nach göttlicher Einheit nur durch Unterordnung des menschlichen Willens unter den göttlichen bezogen bleibt. Heilkunst ist ein barmherziges Geschenk der Gnade Gottes, doch werden der Leib, der Mit-Knecht auf dem Weg der Vergöttlichung, und die Seele im geistlichen Sinn nicht durch kosmetische Optimierungen wie Schönheitschirurgie, Implantate, Placebo-Medizin oder gentechnische Eingriffe geheilt, sondern nur durch Umkehr (Metanoia), veranlasst durch Schicksalsschläge, Bedrängnis, erkämpft mit Schweiß und Schmerzen.
Am Sonntag, nach der Göttlichen Liturgie, gestärkt an Geist und Leib, wurden wir mit Silouan Kiefers Gedanken zum Transhumanismus konfrontiert. Die Ideologie des Transhumanismus ist der säkulare Gegenentwurf zur Gott-Ebenbildlichkeit. Es wird angestrebt die Vergöttlichung ohne Gott, die Überwindung der Menschheit an sich. Evolutionstheoretisch vorbereitet durch das Affe-Mensch-Konstrukt, unterstützt etwa durch Nietzsches Übermensch-Philosophie, wird zur technologischen Optimierung der vorgeblich defekten Natur des Menschen „fortgeschritten“. Durch Verschmelzung mit Technik wird der Mensch zum sog. Cyborg, ebenso wie die durch sog. Künstliche Intelligenz erzeugte Robotik immer mehr „vermenschlicht“ erscheint. Das endet im schlimmsten Fall im Post-Humanismus, wo die Menschheit überflüssig wird. Mit Lebensverlängerung, etwa durch Kryonik, motivieren sich die Agenten der Ideologie, bis hin zum Traum der Unsterblichkeit. Dem stehen Endlichkeit und Tod entgegen.
Fast schon logisch folgten diesen schrecklichen Prognosen die Ausführungen von Helena Nemelka zu Traumata: Spuren in Leib, Seele, geistlicher Entwicklung. Dass die gefallene Leib-Natur des Menschen nicht nur den äußeren Wahnsinn zu verkraften, sondern auch psychische Erkrankungen zu bewältigen hat, führt zu existenzíellen Krisen. Vom Geburtstrauma bis zum schlechten Träumen und Beziehungsstörungen aller Art wird die geistliche Entwicklung behindert. Hilfreich zum Verständnis ist das Eisberg-Modell, dass im Unbewussten der größere Teil der Verletzungen, des Leides verarbeitet wird. Es bleiben Narben, und Spuren der Traumata durchziehen das Leben bis zum Tod. Da der Teufel gerne im Verborgenen operiert, kann nur das Gebet zu Gott das Dunkel durchdringen. Die Kranken brauchen den Arzt, die Sünder Gott.
Inna Schleis, auch Ärztin, mit Erfahrungen in Palliativmedizin, übernahm zunächst wider Willen, aber dann doch bravourös das Genderthema: Mann und Frau – Gott-gewollt oder sozial konstruiert. Das Gender-mainstreaming geht mit Bezug auf Thesen von Judith Butler und Simone Beauvoir, ähnlich wie der Dekonstruktivismus im Postmodernismus insgesamt, davon aus, dass die Geschlechterkategorien konstruiert sind. Frauen werden gemacht, nicht geboren. Das soziale Geschlecht emanzipiert sich als Rolle vom biologischen Geschlecht. Inzwischen ist das Gendern offizielle Politik, mit Regenbogenfahne, drängt über sog. Diversität, Homo-Ehe, Ehe für alle auf allen gesellschaftlichen Ebenen voran. Das genetische Geschlecht zeigt aber unverkennbare Unterschiede bei Mann und Frau. Zwitter und Hermaphroditen sind Ausnahmen. Insofern werden geschlechtsangleichende Operationen, Hormonbehandlungen und dgl. immer fragwürdiger. Gendermedizin ist Wunschmedizin. Wenn Jugendliche sich gendereuphorisch im falschen Körper fühlen, stellt sich nach operativen Eingriffen oft Genderdysphorie ein. Aus orthodoxer Sicht ist das Verhältnis von Mann und Frau geklärt. Sie sind nicht rang-, aber wesensgleich, im Ziel der Verherrlichung Gottes. Schon die Genesis behält idealerweise der Frau die Rolle der Gefährtin, der Helferin vor, dem Mann die Rolle, die Frau zu lieben, die Familie zu versorgen. Die Orthodoxie verbietet Geschlechtsangleichung, Verstümmelungen an Körper, Seele, Geist.
Mutter Andrea aus der Einsiedelei hielt ein längeres Schlusswort. Heilung in dieser gefallenen, sündigen Welt zu erlangen, bedarf der Hilfe durch Jesus Christus und der Gabe der Verzeihung. Das sind fundamentale Voraussetzungen für Heilung. Gott, der Vater der Liebe, sandte den fleischgewordenen Sohn, ohne den wir nichts tun können, und den Heiligen Geist, den wir empfangen sollen. Gott hat in Christus die Sünden der Welt, deren Lohn der Tod ist, verziehen. So sollen auch wir in Christus Vergebung lernen, um Verzeihung zu erlangen. Die frohe Botschaft lautet: Ich lege Euch vor Leben oder Tod. Wählt das Leben! Vor jeder Entscheidung in diesem Leben steht bei Christen, ob klösterlich oder kirchlich, Beichte und Vergebung. Darum ist nicht jede Heilung ein Wunder, sondern Folge einfachen Ja-Sagens zu Gott, dem richtigen Arzt. Im Gebet erbitten wir Hilfe und Kraft, finden wir das Rezept für persönliche Probleme, aber nicht, wenn wir versäumen wie Adam, Gott um Verzeihung zu bitten.
Der Dank an den Gastgeber, an alle Mitwirkenden und Helfer darf nicht fehlen.

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