Orthodoxes Gemeindeleben in Deutschland -

Ein Gespräch mit Priester Alexej Veselov

Das nachfolgende Interview wurde kürzlich auf einem großen russischen orthodoxen Internet-Portal veröffentlicht und berührt viele Seiten des Lebens orthodoxer Gemeinden, die auch dem deutschsprachigen Leser einen interessanten Einblick in die Freuden und Sorgen orthodoxer Christen bieten. Wir veröffentlichen den Text mit dem Segen von Vr. Alexej in einer leicht gekürzten Fassung.

von Vladimir Basenkov – www.pravoslavie.ru

Priester Alexej Veselov

Vater Alexej, wie sind Sie nach Deutschland gekommen, sind Sie hier geboren oder aus Russland zugereist?

Ich wurde in St. Petersburg geboren. Als ich 3 Jahre alt war, zogen wir nach Riga und als ich 11 war – nach Deutschland. Meine Mutter und meine Großmutter besuchten eine Kirche in Riga und nahmen mich mit zu den Gottesdiensten in die Kirche Aller Heiligen mit. Dort habe ich sogar ein paar Mal am Altar gedient. Ich erinnere mich auch sehr gut, wie wir manchmal mit der Straßenbahn zum Dreifaltigkeits-Sergius-Frauenkloster fuhren. Die Gebetsatmosphäre in der kleinen hölzernen Klosterkirche hat mich tief beeindruckt.

In einem Video über ein orthodoxes Kinderlager in der Stadt Krefeld sagten Sie einmal, Sie seien gerade dadurch zum Glauben gekommen, als Sie selbst vor vielen Jahren einmal als Teil einer solchen Gruppe unter gläubigen Kindern waren. Wie kam es dazu? Und wie beeinflussten diese Ereignisse Ihre Entscheidung für das Priesteramt?

Nachdem ich nach Deutschland gezogen war, wandte ich mich recht schnell von Gott und der Kirche ab. Doch das war weniger wegen des Umzugs, sondern weil ich im Übergangsalter war. Einmal (ich war 16 gewesen) beschloss meine Mutter, in ein orthodoxes Lager auf der Krim zu fahren und nahm mich mit. Ich hatte sogleich die Befürchtung: drei Wochen in einer Sekte! Mama versuchte mich damit aufzumuntern, dass es dort auch Jugendliche in meinem Alter gäbe, aber ich war mir sicher, dass sie alle Fanatiker sein würden. Ich hatte sogar ein Bild vor den Augen: Eine Gruppe von Teenagern ging eine Straße entlang, offene Bibeln in der Hand, die sie unterwegs lasen. Damals wollte ich Programmierer werden und beschloss, die ganzen drei Wochen in meinem Zimmer zu verbringen, um ein C++ Kompendium zu studieren. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich vor Ort ganz normale Leute traf. Aber dort auf der Krim fand ich nicht nur viele Freunde, sondern auch den Glauben an Gott. Nur wenige Wochen später änderte ich meine Berufswahl und beschloss, Priester zu werden. Es war jugendlicher Maximalismus. Ich dachte: Jede Arbeit trägt nur vorübergehende Früchte. Ein Computerprogramm wird morgen veraltet sein, sogar ein gebautes Haus wird früher oder später einstürzen. Der priesterliche Dienst ist jedoch eine Investition in die Ewigkeit. Wenn es mir gelingt, wenigstens einer Person zu helfen, gerettet zu werden, ist dies eine Frucht auf ewig.

„Orthodoxe Lager sind die effektivste Form der Jugendarbeit“

Nehmen an den Kinder- und Jugendcamps, die Sie organisieren, nur Kinder und Jugendliche aus Deutschland teil oder kommen sie aus anderen Ländern?

Meistens kommen sie aus Deutschland, aber es gibt auch Gäste aus anderen Ländern.

Erzählen Sie uns ausführlicher über die Idee selbst und über die Organisation der Camps. Welche Besonderheiten gibt es?

Die Idee entstand schon vor langer Zeit in der Diaspora und verbreitete sich in unserer Diözese in den 1990er Jahren, als eine massive Auswanderungswelle und die Rückkehr der Spätaussiedler einsetzten. Camps sind meiner Meinung nach die effektivste Form der Jugendarbeit. Im Camp leben Erwachsene, Jugendliche und Kinder eine ganze Woche in einer christlichen Gemeinschaft zusammen, haben einen gemeinsamem Tagesablauf. Wir kochen zusammen, wir essen zusammen, wir lernen zusammen.

Wer in ein orthodoxes Jugendlager kommt, befindet sich die ganze Woche über in einer orthodoxen Umgebung. Er taucht in die Gemeinschaft gleichgesinnter ein und sieht, dass es viele Orthodoxe gibt.

Während in einer Schulklasse in der Regel nur 1–2 Klassenkameraden kirchlich sind, sind es im Lager alle. So fühlt sich das Kind unter seinesgleichen. Diese Woche verwandelt Kinder, sie spüren die Güte christlicher Menschen, sehen, dass sie von weltlichen Menschen unterscheiden. Häufig rufen mich erstaunte Eltern an und erzählen, wie sich nach dem Camp die Haltung ihrer Kinder gegenüber ihren Verwandten und gegenüber ihrem Glauben geändert hat.

Hier liegt die Frage nach den Leuten nahe, mit deren Kräften diese Camps organisiert werden. Sind das Priester, Lehrer, fürsorgliche Eltern, wahrscheinlich auch aktive Jugendliche? Bitte erzählen Sie uns davon.

Dies sind hauptsächlich Eltern, denen das geistliche Leben ihrer Kinder nicht gleichgültig ist. In den Jugendlagern gibt es nur Freiwillige. Die meisten von ihnen sind Menschen mit Job, die Urlaub nehmen, um die Camps zu begleiten. Es gibt zum Beispiel Ärzte, die Vollzeit arbeiten und in den Ferien als Köche ins Lager mitkommen, um die ganze Woche 10 Stunden am Tag am Herd zu stehen. Wenn ins Lager 100 Teilnehmer kommen, brauchen wir etwa 20 Erwachsene (Organisatoren, Lehrer, Köche) und die gleiche Anzahl Jugendlicher als Gruppenleiter, um das zu schultern. Und überraschenderweise finden sich immer Menschen, die bereit sind zu helfen!

Nehmen wir die Gruppenleiter im Lager: In der Regel sind dies junge Leute, die in unseren Camps „großgeworden“ sind. Das heißt, sie haben vor einigen Jahren als Kinder angefangen, an den Jugendlagern teilzunehmen. Hier darf angemerkt werden, dass die Zusammensetzung der Gruppen recht stabil ist: 90 Prozent der Teilnehmer eines Durchgangs waren bereits zuvor in unserem Lager. So kennt im Camp fast jeder jeden, es entsteht eine familiäre, vertrauensvolle Atmosphäre. Dies ist ein sehr wichtiger Teil unseres Konzepts. Es richtet sich an ein Kind, das im Alter von etwa sieben Jahren zum ersten Mal kommt, dann mehrere Jahre zweimal im Jahr unsere Camps besucht, mit 15 Jahren Gruppenleiter wird und in dieser Funktion mehrere Jahre im Lager hilft. Außerdem beobachte ich, dass die ehemaligen Camper nach Jahren, nachdem sie ihre eigenen Familien gegründet haben, Freiwillige und Organisatoren werden.

Die wichtigste Schlussfolgerung, die Sie im Laufe der Jahre der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gezogen haben?

Man muss mit ihnen arbeiten! Verschiedene Menschen in Schule, Universität, Internet und Gesellschaft beeinflussen Tag für Tag junge Menschen und bieten ihnen ihre Ansichten und Werte an. Wenn wir ihnen keine alternative Sichtweise bieten, wie können sie sich dann in der Zukunft für die Kirche entscheiden? Sie können nur wählen, was Sie selbst kennen. Dies ist den Menschen der älteren Generation nicht ganz klar, da sie in einer völlig anderen Umgebung zur Kirche kamen. Vor 20 bis 30 Jahren kamen junge Menschen in Russland ohne irgendwelche Jugendarbeit in die Kirche. Aber dies war die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eine Zeit der Suche nach Selbstidentität, Spiritualität. Einfach nur der Wunsch, besser zu leben. Moderne junge Menschen wachsen im Überfluss auf, und die Welt diktiert ihnen ihre Werte. In Bezug auf sie ist eine aktive aufklärende Position erforderlich.

„Gesichter der Gemeinde“

Ein wenig über Ihre Gemeinde. Wo befindet es sich, nach welchem ​​Heiligen ist sie benannt, wie groß ist die Gemeinde? Sind die Gemeindemitglieder Aussiedler aus Russland und dem postsowjetischen Raum, Nachkommen von Auswanderern, oder gibt es Deutsche, die zur Orthodoxie konvertiert sind?

Unsere Gemeinde steht unter dem Schutz der der Heiligen Großmärtyrerin Barbara. Die heilige Barbara ist die Patronin der Bergleute, da sie vor dem plötzlichen Tod schützt. Am Niederrhein, in der Region, wo sich unsere Stadt befindet, gab es einen entwickelten Kohlebergbau. Und am Eingang zu jeder Mine konnte man ein Bild der heiligen Barbara finden. Bevor sie in die Tiefe hinabstiegen, beteten die Bergleute zu der Heiligen darum, an diesem Tag nach Hause zurückzukehren. Daher fiel unsere Wahl auf diese hier besonders verehrte Heilige.

Die Gemeindemitglieder sind hauptsächlich Russlandddeutsche. Es gibt aber auch gebürtige Russen, Ukrainer, Moldawier und Gemeindemitglieder aus verschiedenen anderen Ländern. In unserer Kirche gibt es auch relativ viele Deutsche, die zur Orthodoxie konvertiert sind und sich in letzter Zeit zunehmend für unseren Glauben interessieren.

Woher kommt dieses Interesse?

Die Deutschen sehen in der orthodoxen Kirche die Bewahrerin der Überlieferung der heiligen Väter. Ohne Übertreibung. Sie sehen, dass wir ein gottgefälliges Leben anstreben und die Bibel ernst nehmen. Wir fasten, wir beten, wir folgen nicht dem Beispiel der Moderne. Es ist nicht verschwommen, es hat Substanz.

Es ist nicht leicht für einen Deutschen, orthodox zu werden, sowohl in emotionaler als auch praktischer Hinsicht. Schließlich muss er nicht nur den Glauben seiner Eltern aufgeben, sondern auch Mitglied einer fremden Gemeinschaft werden, die eine andere Mentalität und Sprache hat. Der Wunsch, die Wahrheit zu finden, ist jedoch so groß, dass immer mehr Deutsche diese Last auf sich nehmen.

Wie ist die Idee zum Projekt „Gesichter der Gemeinde“ entstanden? Was ist das für ein Projekt? Und welche anderen Initiativen gelingt es Ihnen zusammen mit Ihren Gemeindemitgliedern abgesehen von den Gottesdiensten zu organisieren?

Das Projekt ist zufällig entstanden. Wir beschlossen, einen Film über die Gemeinde zu drehen und überlegten, welches Konzept wir wählen sollten. Während der Suche haben wir uns gefragt: Was ist eine Gemeinde? Und wir erkannten, dass eine Gemeinde die Menschen sind, die Gemeindemitglieder selbst. Nicht Veranstaltungen, nicht die Sonntagsschule, nicht der Priester, sondern Gläubige, die in die Kirche kommen. Und dann beschlossen wir, ihre Gesichter im Film zu zeigen, und zeichneten eine Reihe von Interviews auf. Die Aufnahmen erwiesen sich jedoch als so gut und tiefgreifend, dass wir beschlossen, jedes Interview einzeln zu veröffentlichen, um den Gemeindemitgliedern selbst und den an unserer Gemeinde Interessierten die Möglichkeit zu geben, die Menschen kennenzulernen, die in unsere Kirche kommen.

Können Sie anhand Ihrer reichen Erfahrungen etwas dazu sagen, wie die richtige Erziehung von Kindern heute aussehen sollte?

Oh, das ist eine sehr breite, komplexe Frage. Ich weiß nicht einmal, wie ich eine kurze Antwort geben soll … am ehesten wohl: bewusst. Wie soll Elternschaft sein? Zuallererst – bewusst!

Heutige Eltern müssen viel wissen und sich ständig weiterentwickeln. Sie müssen Literatur über Bildung lesen, sich unvoreingenommen selbst analysieren. Lernen, Beziehungen zu Kindern aufzubauen. Sie müssen Ihren Glauben tiefgründig verstehen, damit Sie Ihren Kindern ernsthafte Antworten geben können.

Bitte erzählen Sie uns etwas über die Eltern- Und Familienschule der Gemeinde.

Die Idee einer solchen Schule entstand aus der Not heraus. Viele verheiratete Paare haben zwei Schwierigkeiten: wie man Kinder großzieht und wie man als Ehemann und Ehefrau zusammenlebt. Die Scheidung wird mittlerweile so einfach auf sich genommen und als alltäglich angesehen, dass es nur wenige Bemühungen gibt, die Familie zu erhalten. Ehepaare sind oft nicht in der Lage, ihre Beziehungen untereinander und zu den Kindern von außen zu betrachten, drehen sie sich in einem Teufelskreis von Problemen. Die Logik ist ungefähr diese: Fünf Jahre hintereinander sage ich meinem Sohn jeden Tag, er solle keine Socken auf den Boden werfen; ich muss es ihm wahrscheinlich noch einmal sagen, dann wird er es endlich verstehen und tun. Aber nein, die Socken landen wieder nicht in der schmutzigen Wäsche. Das führt zu Gereiztheit. Und auch zwischen Ehemann und Ehefrau fehlt es oft an Verständnis.

Solche Probleme sind nur natürlich, denn niemand hat uns beigebracht, wie man Ehepartner oder Eltern ist. Das Einzige, woran wir uns orientieren können, ist das Beispiel unserer eigenen Eltern. Dieses Beispiel ist jedoch nicht immer perfekt und auch in unserer eigenen Lebenssituation nicht immer passend. Daher ist die Arbeit mit Ehepaaren zu einem wichtigen Bestandteil unseres Gemeindelebens geworden. Einmal im Monat treffen wir uns in einer Eltern-und-Familien-Schule, besprechen Probleme, versuchen, sie von außen zu betrachten, überdenken Ehe und Elternschaft. Wir lesen zusammen Bücher, diskutieren sie.

Die meisten verheirateten Paare sagen, dass sich ihr Leben nach den Gesprächen verbessert hat. Es gab Fälle, in denen die Schule den Menschen geholfen hat, ihre Familien zu erhalten.

Was zeichnet das Gemeindeleben in Deutschland aus?

Gemeinden sind normalerweise klein, aber sehr eng verbunden. Jeder kennt jeden, man hilft und unterstützt sich gegenseitig. Letztes Ostern sind 200 Leute zur Kommunion gegangen, und ich kannte fast jeden mit Namen. Der Priester hat eine sehr enge Beziehung zu den Gemeindemitgliedern, jeder kann mich anrufen, reden, etwas fragen. Für mich ist diese Nähe zu Menschen sehr wertvoll.

Eine weitere Besonderheit ist die Aktivität der Gemeindemitglieder in der Pfarrei. Da wir keine Kirchensteuern beziehen und auch keinerlei Zuwendungen von außerhalb bekommen, haben die Gemeinden haben nicht genug Geld für Angestellte. Daher werden alle notwendigen Arbeiten von Gemeindemitgliedern ausgeführt -natürlich auf freiwilliger Basis. Putzen, Mahlzeiten zubereiten, renovieren, der Gesang und die Lesungen im Gottesdienst, der Unterricht in der Sonntagsschule und so weiter – all dies erledigen die Gemeindemitglieder selbst. Sie begreifen, dass es ihr eigenes Gotteshaus ist, ihre eigene Gemeinde.

Als unsere Gemeinde wuchs, wurde es notwendig, die Freiwilligenarbeit unserer Gemeindemitglieder zu ordnen, und wir gründeten Arbeitsgruppen. Jede Gruppe wird von einem Koordinator geleitet, der mit mir aufkommende Fragen bespricht und die Arbeit der Gruppe leitet. Wir haben jetzt 24 solcher Arbeitsgruppen. Letztes Jahr besuchte uns Erzbischof Panteleimon (Shatov) beim Ehrenamtlichen Tag der orthodoxen Diakonie in Deutschland. Als er an der Wandtafel mit den Fotos, Namen und Aufgaben der Koordinatoren vorbeiging, gefiel ihm die Idee so sehr, dass es mehrmals stehen blieb und Fotos machte.

Putzen, Renovieren, Singen und Lesen in der Kirche, Unterrichten in der Sonntagsschule… – all das erledigen die Gemeindemitglieder selbst.

Manchmal fragen man mich: „Vater Alexej, Sie haben eine so aktive Gemeinde, so viele Dinge geschehen. Wie machen Sie das?“ Tatsächlich gibt es hier kein Geheimnis. Ich stehe den Leuten einfach nicht im Weg. Jemand kommt auf mich zu und fragt: „Vater Alexej, kann ich dies oder jenes tun?“ Ich antworte: „Natürlich, der Herr stehe Ihnen bei.“ Natürlich unterstütze ich die Menschen, diskutiere die Projekte mit ihnen aus und leite sie an. Aber in den Gemeinden gibt es viele Laien, die etwas tun wollen, die helfen wollen. Dies ist ein riesiges Potenzial.

Die Gemeindemitglieder verstehen, dass das Gotteshaus ihr Gotteshaus ist, dass alles, was sie darin tun, sie für sich selbst tun, ebenso wie für ihre Kinder und für ihre Nächsten.

Welche Probleme bestehen im Verhältnis zum Staat? Und wie entwickeln sich die Beziehungen zu Vertretern anderer Konfessionen, insbesondere den Protestanten? Und wie steht es mit den anderen Ortskirchen?

Regierungsbehörden in Deutschland behandeln Kirchengemeinden traditionell mit Respekt und Vertrauen. Auch orthodoxe Gemeinschaften genießen dieses Privileg. Aber um ehrlich zu sein, haben gewöhnliche Pfarreien keine besondere Beziehung zu Stadtverwaltungen und Vertretern anderer Glaubensrichtungen. Nicht dass dem eine negative Einstellung zugrunde läge – es gibt einfach kaum Interaktionsbereiche.

Protestanten, vor allem aber Katholiken, vermieten uns oft Räumlichkeiten für den Gottesdienst, manchmal verkaufen sie auch Kirchen. Wir haben z. B. eine Kirche von der örtlichen katholischen Gemeinde gekauft. Manchmal halten wir Gottesdienste in katholischen Kirchen an den Reliquien gemeinsamer christlicher Heiliger ab – aber ohne die Teilnahme von Geistlichen anderer Bekenntnisse.

Was die anderen Ortskirchen angeht, so gehen wir respektvoll miteinander um. Aber auch hier haben wir praktisch keine Interessensgebiete, wo wir gemeinsame Bestrebungen entwickeln. Jeder kümmert sich um seine eigene Herde.

Wie hat sich die COVID-19-Pandemie auf das Gemeindeleben, Ihr persönliches Leben und Ihre Planungsperspektiven im Allgemeinen ausgewirkt? Sind die zuvor auferlegten Einschränkungen vorbei oder bleiben sie ein Teil des Lebens? Wie bewerten Sie persönlich diese schwierige und zweideutige Situation?

Stephen R. Coveys Buch „Die sieben Wege zur Effektivität“ enthält ein Kapitel über das Win-Win-Denken. Man kann im Schema „gewinnen-verlieren“ denken. Kein Covid  – „gewonnen“,  Pandemie – „verloren“. Natürlich ist es für viele Menschen finanziell inzwischen extrem schwierig geworden. Aber für mich und für die Gemeinde habe ich ein Ziel gesetzt: so viel Nutzen wie möglich aus der Situation zu ziehen. Persönlich bekam ich mehr Freizeit, und habe angefangen Artikel über Bildung zu schreiben, sowie Lehrvideos auf Deutsch aufzunehmen. Projekte, die aus Zeitgründen mehrere Jahre lang nicht abgeschlossen werden konnten, wurden endlich fertig. Nun, und so wie die meisten Leute habe ich angefangen, das Haus zu renovieren.

In der Kirche wurde das Gemeindeleben mit Ausnahme der Gottesdienste praktisch eingestellt. Aber jetzt haben wir mehr Gottesdienste, das heißt, wir können mehr Zeit für das Gebet verwenden. Es sind weniger Leute bei den Gottesdiensten, so gibt es kaum Hektik, und ich kann mehr Zeit für das Abnehmen der Beichte aufbringen. Ich versuche auch, mehr außerhalb der Kirchenzeiten mit den Gemeindemitgliedern zu kommunizieren.

Pilgerfahrt zum heiligen Lubentius

Wenn ein orthodoxer Pilger nach Deutschland kommt, welche Orte sollte er Ihrer Meinung nach auf jeden Fall besuchen und warum?

In Deutschland gibt es eine große Zahl gemeinsamer christlicher Heiligtümer. Die Schwierigkeit besteht darin, dass es nicht immer möglich ist, davon zu erfahren, da unter Katholiken die Verehrung der Heiligen und insbesondere ihrer Reliquien praktisch verschwunden ist. Auf der Website einer katholischen Kirche erfährt man, wann und in welchem ​​Baustil sie gebaut wurde, in welchem ​​Ton die Glocken läuten, wann welche Arbeitsgruppen und AGs stattfinden. Aber welche Reliquien sich im Gotteshaus befinden – darüber werden Sie dort kaum etwas finden. Wenn jemand nach Deutschland reist, würde ich ihm daher raten, sich an die örtliche orthodoxe Gemeinde zu wenden und zu fragen, welche Reliquienschreine es in der Stadt gibt. Ich arbeite an einer Karte der orthodoxen Heiligtümer Deutschlands, aber leider sind dort bisher nicht viele Orte markiert.

Eine traditionelle Frage, die wir jedem unserer Interviewgäste stellen: Welche Worte aus der Heiligen Schrift inspirieren und unterstützen Sie stets in schwierigen Zeiten?

Die Worte des wichtigsten Gebots überhaupt:

Liebe den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand (Matthäus 22,37).

Bei allem, was wir in der Kirche oder in unserem Leben tun, dürfen wir nicht vergessen, unser wichtigstes Ziel der Herr ist.

Mit Priester Alexej Veselov sprach Vladimir Basenkov

14. Oktober 2020

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