
(ca. 1837-875)
„Ich hatte ihn in ganz schlechter Erinnerung, weil er ein kleines Mädchen erfrieren ließ, nur damit die Kinder es sich im warmen Weihnachtszimmer gemütlich machen können. Aber nun bin ich von den allermeisten seiner Märchen ganz entzückt.“
Meinung
Cornelia meint:
Ich hatte ihn in ganz schlechter Erinnerung, weil er ein kleines Mädchen erfrieren ließ, nur damit die Kinder es sich im warmen Weihnachtszimmer gemütlich machen können. Aber nun bin ich von den allermeisten seiner Märchen ganz entzückt. Und was bei uns als Romantiker durchgeht, das macht Andersen tausendmal schöner. Ich habe die Ausgabe vom Factory Verlag in Wiesbaden mit besonders schönen Bildern.
Däumelinchen
Das zarte Blütenkind hat allerlei üble Verheiratungspläne (Kröte, Maikäfer, Maulwurf) zu überstehen, rettet gutherzig eine verletze Schwalbe, die sie mit in den Süden nimmt, wo der Blumenkönig sie heiratet. Ende gut, alles bestens. Wunderschön. Mit einer gut bebilderten Ausgabe (ich habe Zwergel!) kann man das schon kleinen Mädchen zumuten.
KK *** Mädchen
Entlein, das hässliche
Hier haben wir Anderson at his worst: das arme Schwanenkind wird durch solche Orgien an Quälerei, Gemeinheit und Kummer geschleust, dass zumindest ich mich am guten Ende als schönster Schwan unter guten Schwänen nicht mehr freuen kann. Dieses Baden in Grausamkeiet finde ich pervers.
Erbse, Die Prinzessin auf der
Habe ich in einer unbeschreiblich schön illustrierten Ausgabe.
KK Mädchen
Feuerzeug, Das
Eigentlich eine ganz tolle Geschichte. Aber der Soldat, dem die Hexe das viele Geld verschafft, und der ihr ein Zauber-Feuerzeug aus der Unterwelt mitbringen soll, erschlägt sie, um es selbst zu behalten. Da geht mir alle Freude an der geheirateten Prinzessin flöten.
Galoschen des Glücks
Die Freude-Fee meint, man könne die Menschen glücklich machen, indem man ihnen ermöglicht, jeden Wunsch nach irgendwo-anders-Sein sofort zu erfüllen. Die Trauer-Fee weiß es besser. Und nun wandern die Galoschen von einem Fuß zum anderen und bestätigen die Problematik der Wunsch-Erfüllung. Da landet dann der Justizrat im geliebten Mittelalter und verzweifelt an Kommunikationsproblemen, der Wächter findet sich als dichtender Leutnant, der sich allerdings sogleich in den Wächter mit Familie zurückwünscht, der dann unbedingt auf den Mond wollte, während sein lebloser Leib in der Morgue landete, wo man ihm die Galoschen abnahm und so seine Seele zurückzwang. Uff. Grad nochmal gut gegangen. Ein Hospitalwächter schnappt sich die Galoschen und hängt mit dem Kopf im Gitter fest – bei Regen. Später wünscht er sich ins Theater und möchte dort den Menschen in die Herzen sehen, wird dabei verrückt und wünscht sich ins Dampfbad. Die Galoschen muss er ins Hospital zurückgebracht haben, von wo der Wächter sie zur Polizei brachte, wo ein Polizist sie anzieht und zum Dichter, dann zur Lerche wird, bis er sich wieder zum Menschen zurückwünscht. Dann leiht sich ein Theologe die Galoschen aus, der die erhoffte Italienreise als Höllentour erlebt, sich tot wünscht und – zum Glück – von den Feen aus dem Sarg befreit wird. Das ist eine sehr lustige-tiefe-philosophisch-komische Geschichte, ein wirklich romantischer Parforce-Ritt.
GK ***
Hirtin und der Schornsteinfeger
Das Leben in geschnitzten und Porzellanfiguren. Und der alte Chinese will die Hirtin an den grässlichen Kerl verheiraten, wo sie doch mit dem Schornsteinfeger schon verlobt ist. Die beiden wollen fliehen und schaffen es auch durch den Schornstein nach oben, – aber die Welt, die sie dort zu sehen kriegt, ist für die Hirtin zu groß. Sie verliert den Mut und fordert die Rückkehr. Unten kriegt sie Schuldgefühle, weil doch der Chinese kaputt gegangen ist bei ihrer Verfolgung. Der aber wird gekittet und kann nicht mehr nicken. Darum kann er die Hirtin auch dem grässlichen Kerl nicht mehr zusprechen und die Verlobten sind frei. Fein!
KK*
Klaus, Der große und der Kleine
Der arme Kleine kann das Angeben nicht lassen, der Große ist wütend, ehrenkäsig und gewalttätig. Aber jedes Unrecht, das er dem Kleinen rachsüchtig antun will, verwandelt sich durch dessen geschickte Lügereien in einen Gewinn, den wiederum der Neid des Großen für diesen zum Verlustgeschäft macht. Am Ende geht es dem großen Dummkopf zur Strafe an den Kragen.
GK* Jungs
Kleider, Des Kaisers neue
Die Geschichte ist ja schon zum Sprichwort geworden, und ihre Moral durchaus nützlich auch schon für die Kleinen. – Soweit dachte ich, bevor ich sie Tata (5) vorlas: da wurde mir klar: diesem aufs nicht-Lügen hin erzogenen Kind ist die Vorstellung zweier Betrüger einfach nicht zugänglich. Den Spaß konnte sie nicht nachvollziehen.
KK*
Koffer, Der fliegende
Da erbt ein verarmter Jüngling einen fliegenden Koffer und bringt es mit seinem Erzähltalent dazu, dass er die Türken-Prinzessin heiraten darf, der er sich als Türkengott präsentiert hat. Dann aber wird er übermütig und macht Feuerwerk, das seinen Koffer verbrennt. Und aus ists mit den großen Plänen.
GK *
Mädchen, das kleine, mit den Schwefelhölzern
Dies ist die Geschichte, die mich früher so sehr skandalisiert hatte. Heute lese ich sie milder: Dieses Kind ist dem Tod geweiht, und durch die schönen Bilder, die das Leuchten der ihr verbliebenen Hölzchen hervorrufen, wird sie getröstet und kann friedlich einschlafen. Und doch: vorlesen werde ich das nicht. Es ist eine Romantisierung des Todes, die ich nicht riskieren möchte.
Nachtigall, Die
Wunderschön. Und es endet auch mal gut, was bei Anderson nicht immer passiert. Wunderbar die Darstellung der chinesischen Hofschranzen und der Verrücktheit nach Technik. Und wie die Nachtigall dem Kaiser liebevolle Heilung schenkt. Natürlich bestelle ich für Tata die von Zwergel bebilderte Ausgabe
GK ***
Reisekamerad, der
Um einer einzigen guten Tat, eines einzigen persönlichen Opfers zum Wohl eines anderen willen, darf jener, von den Toten aufgewacht, dem jungen und von aller Welt verlassenen und unfassbar gutherzigen Johannes das große Glück bescheren. Ein christlicher Geist der Dankbarkeit und des unbedingten Gottvertrauens in allem. Ein wunderschönes Märchen. Wegen der unheimlichen Hexensachen aber nur für Größere
GK ***
Sandman, Der
Eine ganze Woche voller wunderbarer Sandmannträume. Aber am Ende zeigt er seinen Bruder, den Tod, und wie wichtig es ist, ein gutes Zeugnis mit hinüber zu nehmen. Das ist theologisch ganz richtig, auch wenn es keiner heute mehr hören will. Die Geschichten sind für die kleinen Kinder – und so muss man ihnen halt auch den Tod zumuten, das geht nicht anders. Und wenn die Leute „schwarze Pädagogik“ schreien, muss man sie schreien lassen.
KK***
Schatten, Der
Die Geschichte von einem Knecht, dem Schatten, der in die Selbständigkeit geschickt wird, weil sein Besitzer neugierig ist, der sich dann aber emanzipiert und am Ende seinen Herrn zum Knecht macht, der letztlich, als er das böse Spiel, das der vermenschte Schatten betrügerisch spielt, nicht weiter mitmachen will, umgebracht wird. Ein Kommentar zum Thema Herrschaft und Knechtschaft: sehr eindrucksvoll und nachdenkenswert.
GK ***
Schneekönigin, Die
Eine bewegende Darstellung darüber, wie das Böse in die Welt der einander in Liebe verbundenen Kinder gelangt. Es ist eine Welt, in der alles Schöne durch den Verstand lächerlich und hässlich wird, und in der auch die Großen sich aus Egoismus Kinder klauen: Das gilt zuerst für die Schneekönigin, dann aber auch für die alte Frau, bei der die kleine Gerda auf der Suche nach ihrem Kay gelandet ist. Es gibt aber auch Leute, die ihr helfen wollen, so die Krähe,und der kleine Prinz, sogar das Räubermädchen, das bedrohlich mit dem Messer fuchtelt, die Lappin und die Finnin, die die große Macht im Herzen des Mädchens erkennt. Und diese Macht kommt aus ihrem christlichen Glauben, das ist schön. Und damit kann sie Kay erlösen.
Dabei ist das Ganze mit subtilem Humor versetzt, so dass keine Sentimentalität aufsteigt. Ein wirklich großes Vergnügen.
KK ***
Schneemann, Der
Alles Sache der Perspektive: Der Schneemann, aus seiner Perspektive, ergeht sich in allerlei Träumen und Hoffnungen, der Kettenhund, der die Welt schon aus verschiedenen Blickwinkeln kennengelernt hat, vertritt das Realitätsprinzip. In völliger Verkennung der Konsequenzen verliebt sich Schneemann in den Kachelofen hinterm Fenster, beglückt über den roten Schein, den das Feuer auf ihn wirft. Und dann nimmt ihn das Tauwetter mit. Eine Geschichte einer unmöglichen Liebe. Das Ganze ist aber so traurig, dass ich es nur größeren Kindern zumuten würde.
GK*
Schuhe, die roten
Früher war mir das selbst sogar zu viel schwarze Pädagogik, denn das Mädchen ist einfach nur schwach gegenüber den roten Schuhen und erregt durch diese Eitelkeit Anstoß. Aber es geht ja weiter: sie kann im Gottesdienst ihr Herz nicht für Gott öffnen, und wird dadurch verführbar für die einzige wahre Untat: ihre sterbende Gönnerin allein zu lassen um tanzen zu gehen. Die Buße ist dann gewaltig: Sie muss sich die Füße abhacken und Holzfüße anfertigen lassen, sie darf nicht in die Kirche, ein Engel verwehrt es ihr. Das fand ich früher unterträglich, aber es zeigt einfach, dass sie noch nicht wirklich ihr Herz gereinigt hatte. Sie war immer noch dabei, sich selbst zu rechtfertigen. Erst als sie gelernt hat, um Erbarmen zu bitten, bringt derselbe Engel ihr die Kirche ins Haus.
GK*
Schwäne, die wilden
Wieder mal eine garstige Schwiegermutter, und nur das Schwesterchen bleibt, um durch ungezählte Leiden die Brüder erretten zu dürfen. Also eine Christusnachfolge verschärfter Art. Ganz knapp vor dem Aufgehängtwerden kann sie die Brüder in Menschen rückverwandeln und am Leben bleiben – als Königin. Der Erzbischof spielt bei alledem eine üble Rolle, obwohl man ihm zugestehen muss, dass eine Braut des Prinzen, die nicht redet und nachts auf Friedhöfen zwischen Hexen nach Brennnesseln sucht, füglich Misstrauen weckt. Warum muss man nur die Mädels immer so quälen? Trotzdem eine schöne Geschichte.
GK*
Schweinehirt, der
Wieder mal eine bescheuerte Prinzessin, diesmal von französischem savoir vivre angeknabbert. Sie verachtet die herrlichen Geschenke des armen Prinzen, die die Natur gestaltet hat, schätzt nur Künstliches. Mit dieser Leidenschaft kann der als Schweinehirt verkleidete und handwerklich wundersam begabte Prinz ihr so viele Küsse abluchsen, dass der erboste Papa Kaiser beide des Landes verweist. Wie sie dann bedauert, den schönen Prinzen nicht genommen zu haben, lüftet der sein inkognito und schickt sie weg. Er selbst bleibt dann halt Junggeselle.
Ich mag keine Rach-Geschichten, und die Kinder sollen das auch nicht mögen.
Seejungfrau, die kleine
Tatsächlich ist dies die aller-ergreifendste Geschichte von der Liebe der Seejungfrau, die aber die für ein Erdenleben als Mensch, mit der Hoffnung auf eine unsterbliche Seele, nötigen Beine nur durch Verlust ihrer Stimme und unter Opfern an großen Schmerzen erlangen kann. So kann sie dem geliebten Königsohn nicht sagen, dass sie sein Leben vorm Ertrinken gerettet hat, und dieser spricht jene Liebestat einer schönen Königstochter zu, die er heiraten soll. Doch die Schwestern der Seejungfrau haben ihrerseits ihre langen Haare geopfert, so dass die Kleine doch nicht zu schleimigem Schaum werden muss, als ihr Prinz jene andere heiratet. Stattdessen wird die verschmähte Seejungfrau von den Luftgeistern aufgenommen. Und diese können durch gute Taten ebenfalls ein ewiges Leben erringen, und sie können die 300 Jahre, die es braucht, dadurch verkürzen, dass sie bei Nacht den braven Kindern frische Luft zufächeln. Leider – bei den nicht braven Kindern verlängert sich die Frist. Da wünscht sich doch jedes Kind, ein braves zu sein und so der lieben Ex-Meerjungfrau zu schnellerer Seligkeit zu verhelfen.
GK ***
Tannenbaum, der
Eine Lehrgeschichte darüber, dass man den Moment wertschätzen soll, statt ihn zu verachten, weil man mit seinen Träumen immer schon drüber raus ist. Selbst die Erfüllung dieser Träume – beim Weihnachtsfest ist große Herrlichkeit – ist von kurzer Dauer und mit Kosten langer Verlustschmerzen bezahlt. Diese kluge Lehre mag man größeren Kindern durchaus zumuten.
GK*
Tölpelhans
Nun, wenn eine Prinzessin rumspinnt und nur jemanden heiraten will, der absolut nicht langweilig sein darf, dann ist der dümmste der Bauernsöhne mit seinen bescheuerten Einfällen gerade der richtige. Köstlich für die Kleinen.
KK*
Vater, Was er tut, ist immer gut
Das Hohelied der liebevollen Frau, die jeden Blödsinn, den ihr hochgradig einfältiger Mann anstellt, mit Liebe und freundlichen Ideen begrüßt. Weil zwei Engländer sowas für unwahrscheinlich hielten und eine Wette eingingen, endet das Ganze auch noch mit reichem Geldsegen. Sehr lustig.
KK***
Wichtelmännchen, Das, beim Speckhöker
Der alte Konflikt zwischen Poesie und den leiblichen Bedürfnissen. Lustig.
KK *
Zinnsoldat, der standhafte
Das Ding ist berühmt, und die Tapferkeit samt guten Manieren des einbeinigen Zinnsoldaten zutiefst rührend, und auch seine Schicksale bemerkenswert. Und er liebt die kleine Papier-Tänzerin, die auch auf einem Bein steht, Spitze, klar. Nach allerlei Unfällen landet er wiederum auf dem Tisch seiner Familie, und Tänzerin und er sehen sich an voll Glück. Doch dann nimmt tatsächlich der kleine Junge den Soldaten, dessen Farbe abgeblättert ist und wirft ihn in den Ofen – aber ein Windzug weht die Tänzerin hinterher. Liebestod – und das soll der Kobold gemacht haben. Man muss das bei den größeren Kindern probieren, ob sie die Würde der Tapferkeit gegen die odds der Umstände, und ob sie das Lebensopfer der Tänzerin verknusen können. Allerdings hat unser fünfjähriger Silvan diese Geschichte geliebt und Zinnsoldaten gesammelt. Der fünfjährigen Theodora könnte ich sowas nicht antun.
GK
Info
| Erscheinungsjahr | 19. Jh., 2. Hälfte |
| Seiten | > 600 |
| Autor | Andersen, Hans Christian |
| Für Jugendliche: | Gut |

Kommentar zu: Andersen, Hans Christian – Märchen.