
(1814 | 290 S.)
Meinung
Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten
Cornelia meint:
Magnetiseur, Der – 1813
Der alte Baron ist überzeugt, dass Träume Schäume sind, erzählt jedoch dann – gegen den Sohn Ottmar, der zwischen Materie und Geist an Schaum-artige Zwischenbereiche glaubt – die Geschichte seiner Gefolgschaft als junger Offizier gegenüber einem – nun, psychisch instabilen – Major, der ihn geistig in Besitz nahm und irgendwann nach einem Traum entsetzlicher Besitznahme (durch spitze Nadel im Gehirn) den Major davonspazieren sah, während man ihn sogleich tot in seinem Bett fand. Gegen Ottmars Enthusiasmus jener Zwischenwelten wird es hier diabolisch ungemütlich. Während die 16-jährige Tochter Marie vor Schrecken aufschreit, lindert der alte Maler Franz den Eindruck, indem er seine Träume als gut vorbereitete Theater-Inszenierungen beschreibt und deren gelegentliche Entsetzlichkeiten mit einer Nadel in der Bettdecke oder auch dem Schrecken, ohne Hose beim Tee der Prinzessin X zu erscheinen auffängt. Ottmar besteht aber weiterhin auf Strahlen des Weltgeistes und verteidigt den von ihm bewunderten Studienfreund und Arzt Alban, den er mit ins Schloss gebracht hat, – zum Missfallen des Vaters. Da geht es um ein riesiges Bauwerk der Anti-Aufklärung mit ihrer materialistischen Grundlage, um psychisch wirkende Naturkräfte (also Psychopharmaka), um Mesmerismus als Priestertum einer Naturreligion, und beschreibt, wie wohltätig sich die entsprechenden Therapien auf die Verlobte eines Seelen-Freundes auswirkten, die von einem Italiener berückt worden war.
Bums, fällt Marie in Ohnmacht und, Schwupp, erscheint besagter Alban,, – und zwar durch (nota bene) verschlossene Türen eintretend -, der sie schon früher von einem schweren Nervenleiden (zweifellos durch seine Hypnose-Kräfte verursacht) geheilt hatte und nun Trost und Tröpfchen verteilt.- Und der Kerl ähnelt doch so vertrackt dem Major-Dämon des Barons.
Ein Brief Mariens an die Freundin verrät, wie tiefgreifend sie schon in psychische Abhängigkeit von Alban geraten ist. Ein Fragment von Albans Brief an den Seelenfreund wehrt sich gegen die Unterstellung von Unmoral (der löscht das Bild des Verlobten in Maries Seele), betont die Ungültigkeit bürgerlicher Moral für jene, die in der Natur den Glanz Christi erkennen, innere Kräfte entwickeln (als Berufung der Selbstvergöttlichung), unsichtbare Kirche, König der Geister, Streben nach Herrschaft und Macht.
Und dann die Lehre, wonach das Weib als passives Prinzip zum Aufnehmen und Hineintreten in den Geist des Meisters geschaffen wurde. (Na, der hätte mich mal treffen sollen!, aber, fatal, dieselbe Theorie haben wir auch zwischen Hölderlin und Diotima-Sophie Gontard, zumindest, was die Biographie von Michel angeht. In der Dichtung ist die Sache ganz anders, da wird Diotima zur Wegweiserin…). Das kommt alles – spätestens – von Aristoteles, Schande über ihn.
Wir erfahren dann nur noch expost: Marie fiel vor dem Traualtar mit ihrem Hippolyt tot um. Hippolyt duelliert sich mit Ottmar als dem Schuldigen, da dieser Alban ins Schloss brachte, und stirbt. Ottmar stirbt seinen Heldentod, der alte Baron stirbt auch, und nur Maler Franz hat noch drei Jahre lang gotische Fresken gemalt: Teufel mit Mädchen. Beerdigt.
Für die Geschichte der Psychiatrie zweifellos interessant, auch für die Wissenschaftsgeschichte der Gegenaufklärung. Im Nachklang von Schellings Naturphilosophie (sagt Harich) wurde das Unbewusste salonfähig (also längst vor Freud!). Aber jungen Gläubigen möchte ich solches Gequase nicht vorsetzen.
Hist
Goldene Topf, Der
Siehe Einzelrezension
Ritter Gluck
In Berlin, in einem Musik-Café trifft der Erzähler auf einen rätselhaften Mann, mit dem er in Sachen Musikkritik erstaunlich tiefgreifend übereinstimmt. Dieser lässt die Musiker die Iphigenie-Ouvertüre spielen und benimmt sich dabei dirigentisch. Unter schwierigsten Umständen bringt der Erzähler den Mann zum Reden und staunt über dessen genialische Aussagen. Das Ende findet in der Wohnung statt, der Fremde spielt Klavier und outet sich schließlich als Ritter Gluck höchstselbst. Oder halt, das bleibt offen, ein Wahnsinniger.
Okay, Kunst und Wahnsinn in der Musik.
Dabei möchte ich über die Sache mit dem Wahnsinn nicht einfach lästern. Ich war zwar selbst von sowas noch nie betroffen. Aber gewisse Anwandlungen sind auch mir vertraut: meine Mutter hat sich bei meinen „Überkandideleien“ immer gesorgt, ich würde nochmal überschnappen. Und tatsächlich, in Zeiten großer seelischer Not beim Erwachsenwerden habe ich die Verführung kennengelernt, die von der Absage an Vernunft und Mittelwege ausgeht. Da lässt sich neurologisch aus-agieren, was man seelisch nicht verdaut. (Heute flüchten sich die Kinder in Drogen oder Selbstverletzung). Alles nicht schön, aber vermutlich unvermeidlich, wenn man im Korsett des „Erwartungenerfüllens“ erstickt.
Dennoch: Früher, als die Kunst für mich Religions-Ersatz war, hätte ich mich in sowas voll frommer Ehrfurcht vertieft. Jetzt eher nicht mehr.
Kunst
Don Juan – 1812
Den biographischen Hintergrund bildet ein Konflikt, der sich aus Hoffmanns unerbetenem Versuch ergab, die angebetete Julia vor ihrem Oberscheusal von Verlobten zu retten.
Eindrucksvolle literarische Schöpfung im Zwischenreich zwischen Opernfantasie und dem stumpfdummfrechen Bürgerpublikum. Ein Versuch, dem Genie Mozarts, das damals noch längst nicht allgemein anerkannt war, Geltung zu verschaffen. Leidenschaft galore, auch ein bisschen Transzendenz, denn Juan hat die Gott-Berufenheit des Menschen durchaus begriffen, aber da er sie gottlos verfolgt, will ihm die Herrschaft über die sinnlichen Genüsse letztlich nur noch auf teuflische Weise genügen. Donna Annas heilige Unschuld der Liebe siegt, obwohl sie dem Kerl verfiel, aber dieser Sieg der Reinheit verhindert nicht, dass die Sängerin, die den beglückten Autor in der Loge besucht hat, gegen Mitternacht halt stirbt. Höchste Kunst als lebensgefährlich – eine deutliche Absage an die Klassik.
Kunst, romantik
Kreisleriana No 1-6 – ca. 1810
Das alles spiegelt die selbst erfahrene Zwischenstellung zwischen bürgerlichem Beruf und künstlerischer Berufung.
Nochmal Kunst und Wahnsinn, nochmal Musik. Und dann seine Aufzeichnungen. Gegensatz zwischen göttlicher Kunst-Mission und der fatalen Bürgerlichkeit der Rezipienten und Unterstützer. Das Entsetzen dilettantischer Musikkultur. Okay, Romantik in Reinkultur. Früher war ich auch mal so gesinnt. Inzwischen stößt mich die Boshaftigkeit der Ironie ab. Wer allerdings die Musik liebt und drüber nachdenken möchte, wird gut bedient.
Musik
Kreisleriana (die zweite Ladung)
Brief des Barons Wallborn
Wallborn empfindet genau wie ich angesichts der Schimpferei Kreislers über die schlechten Musikanten. Er verteidigt auch die Unfähigen: überall erblickt er das göttliche Fünklein der Liebe. Wallborn teilt das Leiden an den Banausen, urteilt jedoch milder. Und lustig ist es auch.
Jg
Brief des Kapellmeisters Kreisler
Ein berührendes Werben um Freundschaft mit dem Seelenverwandten
Jg
Kreislers musikalisch-poetischer Klub
Wieder der krasse Gegensatz zwischen dem zutiefst von der Musik Ergriffenen und seinen bieder-dummen Klubfreunden.
Jg
Nachricht von einem gebildeten jungen Mann
Es handelt sich um den Affen Milo, der an seine Affenfreundin Pippa in Amerika schreibt. Das Bild eines zivilisierten Wilden, eine Persiflage auf die Sozialisation.
1826 hat auch Hauff einen „Der Affe als Mensch“ mit derselben sozialkritischen Intention verfasst. Allerdings mehr als 10 Jahre später. Abhängig?
Freude machen mir solche Scherze nicht. Ich bin nämlich durchaus für gute Manieren. Aber darum geht es nicht, sagt Harich: sondern um jenen Gegensatz zwischen Künsstlichkeit und Wirklichkeit, der auch in allen Automatengeschichten aufscheint. Und damit auch um die tiefe Realität der Liebenswürdigkeit der geliebten Mädchen: An seiner Julia ist Hoffmann verzweifelt, und im Goldenen Topf landet das Veronikachen in einer Konvenienzehe, die sie in der Folge selbst zur bürgerlichen Spielpuppe macht.
Päd.
Der Musikfeind
In der Gesellschaft des Pomps und der Angeberei ist er verschrien als Banause, weil ihn wahre, melodische Musik so sehr ergreift, dass er nicht viel davon auf einmal verkraften kann.
Musik
Über einen Ausspruch Sacchinis und über den sogenannten Effekt in der Musik
Sehr interessant über den italienischen versus deutschen Zugang zum Unterschied zwischen Kirchen- und Opernmusik. Auch Hoffmanns eigene Vorstellung von Kirchenmusik weicht von der Orthodoxen ab, weil dem Wort keine gleichwertige Bedeutung zugestanden wird.
Musik **
Johannes Kreislers Lehrbrief
Eine Geschichte von Mord und Liebe und Melodie, die dem Hörer das Herz zerreißt, dabei ein wenig unheimlich auch, kombiniert die Nachtigall mit kunstloser Melodie auf Kosten von Kontrapunkt und schulmäßiger Modulation. Dieses besondere Faszinosum der Musik habe ich als junger Mensch bei Schuberts Der Tod und das Mädchen erlebt. Ich weiß, was da abgeht und halte mich zurück.
Abenteuer der Silvester Nacht, Die
Spiel mit Höllenmächten, eine wilde Parallelgeschichte zu Chamissos Schlemihl. Volle Pulle Romantische Ironie- und Schreckens-Hopserei. Wer mal so richtig reingreifen will in diese Fantasie-Welten wird bedient. Darüber hinaus wenig Mehrwert.
Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza – 1813
Seinen Reiz erhält diese nächtliche Unterhaltung des Erzählers aus der Tatsache, dass ein Cervantes-Hund zwecks Auferstehung nach Deutschland geschickt wurde, und nun eine musikalische Außenwahrnehmung auf die deutsche Musik mit großem Ekel auf die bürgerliche Umwelt dieser Musik bietet. Lustig ist das Hund-mäßige dieses Kenners, der sich lange bei Kreisler geschult hat. Kenntnisse der Theater- und Musik-Geschichte jener Zeit zu Beginn des 19. Jh. würden sicherlich den Lesegenuss erhöhen. Also für Experten sicher delikat!
Beigefügt sind Reflexionen über die Schwierigkeit, den Wahnsinn vom Vernunftsinn zu unterscheiden und dann irgendwie auch vom Göttlichen. In der Kritik an der moralischen Nutzbarmachung des Theaters kann man eine Schiller-Schelte sehen und das heilige der Blauen Blume als ästhetische Ersatzreligion. Am Ende bleiben nur Shakespeare und Calderon unverschmäht. Und der wahre Kunstgenuss als Weg der Vergöttlichung.
Beklemmend bei alledem der Menschenhass und insbesondere der Frauen-Hass, der sich auf den vermeintlichen Kunstsinn gebildeter Damen konzentriert, aber auch drüber rausgreift.
Aber wir kennen ja diese Figur, dass sich die Menschenliebe in den Hass gegen die Mehrzahl der Unmenschen verkleidet, von Cechov, Gorki und all den russischen Menschenliebhabern.
Kunst
Info
| Erscheinungsjahr | 19. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Hoffmann, E. T. A. |
| Für Jugendliche: | Ok |

Kommentar zu: Hoffmann, E. T. A. – Fantasiestücke in Callots Manier.