
(1940. Neuausgabe 1963 | 238 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Das Vorwort Friedrich Beissners hielt ich für einen Qualitäts-Ausweis: Arrivierter Professor hebt einen Schatz eines relativ unbekannten Schriftstellers zur erneuten Auflage. Ein bisschen völkisch klang das schon, aber man lässt sowas ja durchgehen. Ich hatte Beissner in Tübingen gehört, über Kafka, glaube ich, und fand ihn seriös langweilig. Jetzt lese ich, er war ein ordentlicher Nazi und wurde rübergerettet in das BRD Wissenschaftsleben, weil er sich um Hölderlin hatte verdient machen können. Den mochten die Nazis nämlich.
Michel, andererseits, denkt schon ein bissel völkisch, aber immerhin hat er gegen den Antisemitismus ordentlich Stellung bezogen – Hesse hatte das gelobt.
Das „Leben“ des Titels ist eine starke Untertreibung. Alles, was man jemals von der Geistesgeschichte des 18. Und 19. Jahrhunderts mochte wissen gewollt haben (oder mochte im Nachhinein als wissenswert erkennen) – alles ist da, und mitten drin Hölderlin, dessen Alpen-Höhe an Prophetie und Tiefempfinden Orientierung bietet. Hier wird gezeigt, woran die Welt genesen sollte. Immerhin war ein Sohn Michels später KPD Aktivist, 1933 im KZ und später britischer Spion. Und nach der Scheidung von seiner ersten Frau wurde dieselbe auch im KZ ermordet, weil sie sich von ihrem nächsten (jüdischen) Mann nicht trennen wollte. Michel, treu im evangelischen Glauben, hat also ziemlich nah das Regime erlebt, bevor er 1942 starb.
Hölderlin also. Was erfahren wir über ihn? Bei Theologiestudium geht ihm über all der dogmatischen Pfennigfuchserei der Glaube verloren. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Widerstand gegen die arg frömmige Mama, die ihn endlich auf der Kanzel sehen will. Michel führt dieses Zwangs-system auf den weiterhin präsenten Absolutismus jener Zeit zurück. Die Durchbruchschlacht des deutschen Idealismus musste erst noch geschlagen werden.
Viel gelesen wurde mit Freunden die Schrift über die Lehre Spinozas in Briefen an Mendelssohn. Man las gemeinsam mit Hegel, und hier bahnt sich schon die spätere Abkehr vom Rationalismus Kants und Fichtes an. Darin folgte Hölderlin Jacobi, den ich wirklich mal lesen muss, denn er sah deutlich, dass die Wahl des Nichts den Menschen zur selbst-Vergottung treibt und allein die Wahl Gottes Heil bringt. Diese Darstellung von Hölderlins Sicht des Christentums ist sehr anregend für uns Orthodoxe.
Michel leitet Hölderlins Götterbilder in den Gedichten aus der Sehnsucht nach einer gegen den Idealismus gerichteten Naturfrömmigkeit. Der Kritizismus zerschlug die Natur, Fichte setzt sie durch das Ich-Handeln wieder zusammen, aber für ihn bleibt sie roh und wild, und da machte Hölderlin nicht mehr mit. Er versucht, die griechische Naturvergöttlichung samt Göttern (deren Fiesheit er an Sophokles studiert hatte: Hybris und Rache, das ist die Spielregel) doch wieder via Kunst-Schönheit mit einem Christus zu verbinden, der allerdings entschieden nicht-kirchlich blieb. Viele Wurzeln an der Kulturalisierung des Christentums im 19. Jh lassen sich hier aufspüren. Empedokles als Zeitdiagnose: dürres Volk. Und die längste Zeit dachte Hölderlin tatsächlich, den Götterhimmel einfach durch Christus zu erweitern: Inklusion! Grunderfahrung mit den Göttern der Antike: Sehnsucht – und dann verbrannt werden vom verzehrenden Blitz.
Wunderbar die Darstellung all dessen, was in Hölderlins Geist weiterhin präsent blieb, während der 30 Jahre seines terminalen Wahnsinns. Mit welcher Liebe der Pfleger und die Freunde ihn betreuten! Schöner geht’s nicht. Die wussten, dass in der Kruste der Verrücktheit noch das alte göttlich-poetische Feuer brannte.
Nachwirkung wurde deutlich erst seit Nietzsche in Rede verwandelt hat, was Hölderlin lebte.
Wenn man Hölderlins Gedichte genießen will, – am besten mit Michel an der Seite.
Hist.
Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 1. Hälfte |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Michel, Wilhelm |
| Für Jugendliche: | Ok |

Kommentar zu: Michel, Wilhelm – Das Leben Friedrich Hölderlins.