
(1956 | 1051 S.)
Meinung
Cornelia meint:
Dieses Buch hat mich ohne Ende fasziniert. Plötzlich wird die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis zum Ende des zweiten für mich lebendig. Salomon lebt wie ein Spiegel dieser Zeit, und seine Wünsche und Hoffnungen und Sehnsüchte gestalten seine Handlungen und Reaktionen: Die Teilnahme an nationalrevolutionären Initiativen gegen die Erfüllung der Versailler Verträge, das Gefängnis für seine Beteiligung am Mord an Rathenau, dann die Sehnsucht nach nationaler Vereinigung und Bewahrung, die frühe Wahrnehmung der Gefährlichkeit Hitlers, der aber durch die Legalität seiner Machtübernahme und durch die Stimme des Volkes unwiderstehbar wirkte, die Tapferkeit im Zusammenleben mit seiner jüdischen Frau, und immer wieder die moralische Frage nach dem Mitlaufen und Profitieren von all dem, was im Namen des eigenen Volkes an Grauen angerichtet wurde:
Zuerst – Frage 1 – der Lobgesang auf die emanzipierten Frauen aus dem 19. Jh, von denen eine, als Psychiatrin, ihn zu seiner Berufung als Schriftsteller, als Zeitzeuge, weckt, dann zur Frage 19-23 ein Bild der erloschenen Religiosität seiner Umwelt, festgemacht an der Verbindung zur Politik, dann zur Frage 24 über die chaotische Entscheidungsfindung beim Mord an Rathenau, zu Abschnitt B über Schulzeit: Die Beziehung der Kadettenerziehung zum Prozentsatz der Gefallenen im ersten Weltkrieg, der Generäle in der NS Armee und der Beteiligten am 20. Juli: Eine Elite auf allen Ebenen. Über den Verlust der Allgemeinbildung und der Ersetzung von Wahrheit durch Aufrichtigkeit und von Zucht durch den Willen. Dabei auch wieder über Schuld, bei der Frage 25 über die deutschen Studenten von 1848 bis zur Zwischenkriegszeit: ihre landsmännische, nicht politische Einstellung, in Abschnitt E zu Mitgliedschaften und Frage 41-98 über die Greuel des Nazi-Terrors auf den Straßen, gegen die Juden,, und immer wieder die Schuld, die darin liegt, das alles geschehen zu lassen, zur Frage 116 ein bewegendes Gespräch mit Schulze-Boysen, der gegen Nichtstun und Fatalismus auf den einzig verfügbaren Adressaten von Konspiration und Sabotage setzt, die Kommunisten, und hinterher, verraten, auf grausige Weise erdrosselt wurde.
Und im Internierungslager die Verteilung von aktiven Kriegsverbrechern und feigen Mitläufern und KZ-Bewachern und Militär und vor den Russen Geflohenen: das absolute Durcheinander von anständigen Leuten und Feiglingen. In den Bemerkungen zu 131 die Begegnung mit den Fotos aus Auschwitz: Da gibt es zwischen Ernst und Ille einen Rückblick darauf, dass es beiden besser ging als den meisten anderen, und die Frau spricht aus: es ging ihr nicht gut: Das Gefühl, die Würde verloren zu haben und die Zugehörigkeit zu Deutschland, als Jüdin (wenn auch un-entdeckt), daran hat auch sie gelitten, und das hat sie von Ernst entfremdet. Nun meint sie, durch die Amerikaner würde sie ihre Würde zurückerhalten. Da weiß sie noch nicht, was ihr im Lager wird angetan werden. Am Bewegendsten gegen Ende Salomons Versuch, den Vertreter des Nazi-Reichs in der Tschechei vor dem Stranguliertwerden zu retten: Jener hat begriffen, dass er Schuld auf sich geladen hat, nicht persönlich, sondern weil er ein Unrechts-System repräsentierte. Und so wird er seine 6 Kinder im Badischen nicht aufwachsen sehen . Er lehnt das Opfer Salomons und die chance zur Flucht ab.
Aufgehängt das alles am Entnazifizierungs-Fragebogen der amerikanischen Sieger, die sich berechtigt fühlen, ein Volk, das die KZs zugelassen hat, KZ-mäßig in Internierungslagern zu behandeln. Damit verspielen sie das ihnen vorab entgegengebrachte Vertrauen und handeln sich den tiefen Anti-Amerikanismus ein, den ich in meiner Kindheit kennenlernte und erst in den USA ablegen lernte. Dass ich einen Amerikaner heiratete, war für meine Mutter noch eine Wunde obendrauf.
Faszinierend auch für mich als Blick in die Welt meiner Großeltern mütterlicherseits. Ich habe viel zu wenig nachgefragt, erinnere mich aber, dass mein Großvater, nach der Revolution der Matrosen in der kaiserlichen Marine, zu der er als Offizier gehörte, nach dem Krieg irgendwie die damals 3-4 Kinder durchbringen musste und wohl an jener Brigade Ehrhardt beteiligt war, die auch für Salomon eine so große Rolle spielte. Auch gibt es Anmerkungen am Rand, in denen meine Mutter ihre Berührung mit den Geschehnissen markiert. Sie kannte Harro Schulze-Boysen und die ganzen Film-Milieus durch Enke, den Freund meines Vaters, der Produzent war.
Das Buch genoss nach dem Krieg gewaltige Popularität: Es vermeidet jedes schnelle Urteilen. Es stellt die moralischen Komplexitäten unvermindert dar. Es bot den Betroffenen mit ihren eigenen Schuldgefühlen die Gefährtenschaft eines Mannes, der großen Anstand besaß.
Man möchte das Buch wieder und wieder lesen. Unbedingt aber muss man gleichzeitig Notizen machen, denn die Erzählungen springt immer auf verschiedene Zeit-Ebenen.
Hist, Jg, 3 Sterne
Info
| Erscheinungsjahr | 20. Jh., 2. Hälfte |
| Seiten | > 600 |
| Autor | Salomon, Ernst von |
| Für Jugendliche: | Empfehlung |

Kommentar zu: Salomon, Ernst von – Der Fragebogen.