
Schillers Blick auf die Menschen ist an Kant geschult, so wie dessen Blick an der Bibel geschult wurde. Die ganze Miserabilität des Pöbels und die Korruption des Adels – sie sind deutlich erkannt, aber über alledem wird die höhere Berufung des Menschen niemals aus den Augen verloren.
Meinung
Der Dreißigjährige Krieg
Ich habe das ganze Werk (5 Bücher) auf unseren Spaziergängen ausschnittweise Michael erzählt, und wir haben es ungeheuer genossen. Da gibt es das Hohelied von Feldherrenkunst, Tapferkeit, Klugheit im Kriegführen, Mäßigung und Weisheit – und das brutale Draufgängertum und den Wahnsinn des Ehrgeizes (Wallenstein). Es gibt die Religion zumindest insoweit sich die Kaiser als Hüter ihres Papismus verstehen und das protestantisch erregte Volk zwar für den Glauben kämpfen und sterben will, Lutheraner und Calvinisten einander aber noch gründlicher hassen als die Habsburger Feindes-Liga. Es gibt die große Politik des österreichischen Landhungers, der französischen Laviererei zwischen Schweden und dem Kaiser, des fürstlichen Egoismus (man kann es auch Verantwortung nennen) und der schwedischen Hoffnung auf Pommern, es gibt Betrug, Vertragsbruch, Diplomatie, Verschwörungen, dann gibt es Zahlen an Soldaten, Heeren, Pferden, Munition, Offizieren, Kommandeuren, dazu die Geographie, die sich in Form von Flüssen, Gebirgspässen und Wäldern in den Weg stellt oder als Flachland auf das Blut der Geschlachteten wartet, und schließlich Wetter mit Regen und Schnee und Krankheiten und Elend überall. Da wird wundervoll spannend erzählt und ist trotz des Obergrauses eines verwüsteten Deutschlands voller Ruhmesblätter – und in der Zwischenzeit sitzen die Notare und arbeiten die Friedensbedingungen aus. Irgendwann ist es soweit, und der Krieg wird abgeblasen.
Absolut herrlich.
Hist, Jg
Abfall der Niederlande
Auch dieses historische Großwerk hat mich begeistert. Schillers Blick auf die Menschen ist an Kant geschult, so wie dessen Blick an der Bibel geschult wurde. Die ganze Miserabilität des Pöbels und die Korruption des Adels – sie sind deutlich erkannt, aber über alledem wird die höhere Berufung des Menschen niemals aus den Augen verloren. Karl V kommt noch am besten weg, weil er als Herrscher auch sein Volk liebt und mit Verständnis regiert. Er zeigt wirkliche Größe, die im Vergleich zum engstirnigen Philip II geradezu unvergleichlich wirkt. Natürlich habe ich mehr Verständnis als Schiller für die Pflicht, die Philip in der Bewahrung der vatikanischen Oberherrschaft sieht. Ich respektiere das. Aber es geht mit einer Verachtung hergebrachter Rechte und Freiheiten seiner Untertanen in den Niederlanden einher, und seine Glaubensfrömmigkeit mit einem unmenschlichen Terror, die christlich nicht mehr rechtfertigbar sind. Hier zeigt sich die Vermischung von Religion mit Machtpolitik, die den Reformatoren die Bühne öffnete. Dito für den Kardinal von Arras, Granville. Virgilius ist ein treuer Diener seiner Margarete von Parma, aber die lässt ihn, dem Schein einer Konsolidierung ihrer Herrschaft durch den Trug der Einstimmung des Adels verfallen, links liegen. Überhaupt kriegt sie gründlichst ihr Fett ab: als Frau zum Regieren nicht geeignet. Man muss Schiller recht geben, wenn er gerade ihre weiblichen Tugenden und Untugenden für das politische Desaster verantwortlich macht. Egmont ist ein Trauerspiel, weil der nette Kerl an seiner Eitelkeit zugrunde geht. Einzig der Prinz von Oranien wird respektiert. Ein großer Mann, zu Recht als Vater des Vaterlandes geehrt.
Jg, Hist
Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen 1791
Der Mensch ist von Natur auf Glückseligkeit ausgerichtet, darf das aber – Kant lässt grüßen – beim moralischen Handeln nicht anstreben. Kunst gewährt freies Vergnügen, das aber auf moralischen Bedingungen beruhen muss. Dazu braucht die Kunst höchste Freiheit, dann klappt das. (Eine Annahme, die heute fraglich geworden ist.) Die Lust am Schönen, am Rührenden und Erhabenen stärkt unsere Moral. Die Kunst produziert Lust aus Unlust, Freude am Zweckmäßigen durch Überwindung des Zweckwidrigen. Die Erfahrung der siegenden Macht des sittlichen Gesetzes – das macht Freude. Pflichten-Konflikte sind besonders interessant, – aber da herrscht immer eine klare Hierarchie.
Hier wird uns ein Maßstab gesetzt, den wir an heutige Kunst-Produktionen anlegen können. Es wird schön sein, so mit Jugendlichen ins Theater oder in Ausstellungen zu gehen. Ich muss das in den Galerien moderner Kunst mit meiner 7-Jährigen mal ausprobieren.
Jg
Über Anmut und Würde
Ein gewaltiger Klops.
Unterschied zwischen der „bewegten“ Anmut und der „statischen“ Schönheit. Anmut ist eine Eigenschaft der Person, die wirklich liebenswürdig ist. Hierzu müssen die Bewegungen Ausdruck moralischer Empfindungen sein. Das geht über Sinnliches hinaus, ist von der Person her gegründet. Und hier ist sein Person-Begriff ganz Kant-geformt: es geht um Spontaneität, Freiheit der Selbstdarstellung. Bei uns ist die Person immer die auf Gottes Anruf Antwortende.
Anmut wurzelt somit (kantisch) in Freiheit. Und soll zugleich göttliche Glorie sichtbar machen, auch da, wo die Natur die Schönheit verweigerte. Anmut verlangt willkürliche Bewegungen, die im Gemüt wurzeln. (Da ist dann kein Raum für Riten, die vom Eigenwillen absehen. Und kein Sinn für die Gefallenheit menschlicher Gemüte.) Drückt in Handlungen den Charakter einer Person aus. Seinen Charakter zeigen entspricht dem Naturzweck des Menschen. (Da ist was dran!)
Wo Anmut herrscht, entsteht Schönheit als Erscheinung des Sittlichen im Sinnlichen. So wie ein Volk unter einem guten Herrscher sich frei fühlen kann, so ein Mensch unter sittlicher Selbst-Leitung. Und dann gibt es eine ganz augustinisch-gnostische Passage, in der die Sinnlichkeit ganz unterdrückt werden muss, um der sittlichen Freiheit willen – ohne dass man versteht, warum: in der Orthodoxie wird der Leib zum Tempel des Geistes. Da passt alles zusammen.
Aber dann kritisiert er doch Kant: der musste zwar die sittliche Freiheit und die harte Pflicht gegen die gefühligen und glückseligenden Moral-Missversteher unter seinen Kollegen zur Geltung bringen, aber er schoss dabei über das Ziel hinaus und hat Neigungen an sich eher mit einer Hermeneutik des Misstrauens betrachtet. Da korrigiert Schiller: Dieses Pflicht-Ethos vertreibt alle Grazie, die die Pflicht mit der sittlich gewordenen Neigung der –„schönen Seele“ versöhnt und uns dann ästhetisch-moralisch in der Kunst beglücken kann. Dabei bleiben die Frauen, die nie zur höchsten sittlichen Reinheit gelangen, immerhin zur Anmut fähiger als die Männer.
Würde ist Ausdruck einer erhabenen Gesinnung. Der Wille erhebt den Menschen über das Tier und die Naturnotwendigkeiten; der moralische Wille vergöttlicht ihn. (Ganz ohne Gnade…). Auch der Tugendbold kann seine Begierlichkeit nicht abstellen, ihr nur den Einfluss auf den Willen verweigern. (Da haben wir noch eine weitere Sonder-Stufe: die Heiligkeit, die sich ganz in Gott versenkt hat.) Laokoon und die Würde, die sich am deutlichsten im Leiden zeigt, und im Widerstreit gegen die bloße Natur. Man fordert Anmut bei allem, was innerhalb der Menschheit bleibt, Würde in dem, was darüber hinaus geht. Anmut fordert man von dem, der fordern kann, Würde von dem, der gehorchen soll. Anmut, Würde plus Schönheit – das ist das Ideal des antiken Menschen.
Liebe strömt aus Freiheit als aus unserer göttlichen Natur. Vor dem Heiligen in seiner Majestät schlagen wir die Augen nieder (stimmt).
Alles klar? Ich finde es lohnend, hier die deutsche Klassik mit ihrem Idealismus mit unserem kirchlichen Leben zu vergleichen. Man darf sich nicht irreführen lassen von einer letztlich nicht von Gott geschenkten Vergöttlichung. Das ist der Wurm im ansonsten köstlichen Käse.
JG, Orth
Weiteres, nicht für die Zielgruppe Geeignetes:
Der Verbrecher aus verlorener Ehre
Die Absicht ist gut: wir sollen milder im Verurteilen sein. Der böse Räuber hatte eine schwere Jugend und hat danach auch keine Chance mehr gekriegt. Die lange Einleitung, dass man in der Geschichtsschreibung kühl bleiben muss, anders als im Roman, wo es um Identifizierung mit den Helden geht, und stattdessen in die Chemie der Seelenregungen reingucken – geschenkt. Dann aber wird der eigentlich edel sein wollende Räuber allzu schematisch vorgeführt.
Der Geisterseher
Ich habe keine Geduld für solchen Schmarrrn. Ich sehe ein, dass die Aufklärung die Lust am Aberglauben nährte. Aber zwischen zwei Dummheiten mag ich nicht sitzen.
Über das Pathetische
Erst dachte ich, oh nein, nicht noch ein ästhetischer Schiller. Aber jetzt hat diese Schrift mir geholfen, überhaupt zu verstehen, was ich unter „empfehlenswert“ bei literarischen Werken eigentlich meine.
Schiller unterscheidet sehr richtig von der moralischen Billigung, die wir der Bewährung der vernünftig-moralischen Freiheit des Menschen gegenüber seinen Natur-Empfindungen entgegenbringen, und dem ästhetischen Genuss, den wir schon dort empfinden, wo ein Mensch seine Befähigung zum moralischen Kampf erkennen lässt und damit für seine menschlich höhere Bestimmung Zeugnis ablegt. Letzteres passiert auch, wo jemand moralisch schuldig geworden ist und sein Leiden hinterher als Buße annimmt.
Alles gut und schön. Gut und schön auch seine Begründung der Griechenbegeisterung der Klassiker (endlich kapiere ich das mal): denn im Gegensatz zum französischen Drama, in dem immer das Gehörige, das Formvollendete im Vordergrund steht, freuten sich die Klassiker bei den Griechen an der Scham-befreiten Darstellung menschlicher Empfindungen und auch Leidenschaften samt Leidensfähigkeit, die der dagegen gesetzten überlegenen Würde der moralischen Selbstbestimmung erst das nötige Unterfutter gibt. Dass also die Griechen der Natur im Menschen ebenso viel Rechte einräumen wie der höheren Vernunft, und erst als Drittes die Forderungen des Anstandes bedenken, die bei den Franzosen an erster Stelle stand.
Aha. Was mich bei den Griechen halt stört, ist die Menschen-fresserische Grausamkeit des Schicksals. Das trieft zu sehr von Blut, sowas ist Altes Testament, at best. Was mich aber auch bei Schillers Veredelung der Griechen stört, ist der zur Transzendenz nur noch hin verweisende Finger der moralischen Bestimmung. Nämlich, dass da Würde und moralischer Sieg rein menschlich gefasst wird, dass der Mensch rein als Gott gefasst wird, zumindest potentiell.
Von daher müsste man mit Schiller auch so eine Romola von George Eliot und auch deren Middlemarch voll befriedigend finden, denn überall dort leiden edel und erhaben die moralisch Hochstehenden, und finden – wie auch in Camus Pest – darin ihre Würde. Sogar beim dem Schmuddel-Igel Pasolini scheint ja sowas Menschenwürdiges in Tommasos finalem Selbstopfer durch.
Aber das alles ist für mich immer noch ungenügend. Ich suche in der Literatur, was ich nur in der Kirche finde: das Zeugnis dafür, dass es einen erlösenden Gott gibt, dass es um Heiligkeit geht, und dass man schon im irdischen Kampf gegen die natürlichen Empfindungen alias Leidenschaften mit der Vernunft nicht durchkommt, auch nicht mit einer noumenal beweihräuchert Kantischen nicht, sondern dass man Gottes Hilfe braucht und – das ist die Hauptsache – dass Gott auf unseren Hilferuf wartet und uns beistehen will. Auch wenn dieser Beistand lange verborgen bleibt und der Mensch hart an der Verzweiflung entlang-leidet. Ich suche immer dieses Zeichen der Hoffnung.
Ich finde also Schriftwerke nicht immer schon dann wirklich empfehlenswert, wenn sie die Schiller-Kriterien erfüllen. Sicher, ich habe viele solche Schriften empfohlen, weil – immerhin, ein Sinn für die göttliche Berufung des Menschen ist schon was wert! Nur wenn der dann ohne Gott verfolgt wird, ist die Sache nicht wirklich hilfreich für orthodoxe Christen
Über die tragische Kunst 1792
Affekte an sich üben einen Reiz aus. Unangenehme sogar noch mehr. Sensationen begeistern. Kultivierte Menschen kontrollieren sowas durch Mitgefühl mit den Opfern. Und sogar die Opfer können die Angst genießen – z.B. bei Glücksspielen. Höhere Kultur erhöht das Vergnügen an sittlichen Gegenständen, gerade wenn diese mit Leiden vermischt sind und das Leiden überwunden wird. Der größte Genuss liegt in Vernunft-gemäßer Selbsttätigkeit (im Unterschied zum Unterworfensein unter Leidenschaften). Sittlich geformtes Mitleid prägt unser Vergnügen an tragischen Gegenständen.
Dann analysiert er die Tragödie als vollständige Handlung, die von mittlerern, also zwischen Idealität und Miesigkeit angesiedelten (und uns insofern nahestehenden) Personen ausgeübt werden. Bei alledem darf es nicht um bloße Aufregung und Unterhaltung gehen.
Auch hier geht es aber um die Beförderung der Sittlichkeit. Aber man kann – außerhalb von Seminar-Arbeiten oder einem Fokus auf Literaturkritik, nicht viel damit anfangen.
Der Verbrecher aus verlorener Ehre
Die Absicht ist gut: wir sollen milder im Verurteilen sein. Der böse Räuber hatte eine schwere Jugend und hat danach auch keine Chance mehr gekriegt. Die lange Einleitung, dass man in der Geschichtsschreibung kühl bleiben muss, anders als im Roman, wo es um Identifizierung mit den Helden geht, und stattdessen in die Chemie der Seelenregungen reingucken – geschenkt. Dann aber wird der eigentlich edel sein wollende Räuber allzu schematisch vorgeführt.
Der Geisterseher
Ich habe keine Geduld für solchen Schmarrrn. Ich sehe ein, dass die Aufklärung die Lust am Aberglauben nährte. Aber zwischen zwei Dummheiten mag ich nicht sitzen.
Info
| Erscheinungsjahr | 18. Jh., 2. Hälfte |
| Seiten | 300-600 |
| Autor | Schiller, Friedrich |

Kommentar zu: Schiller, Friedrich – Prosa: Der 30-jährige Krieg / Abfall der Niederlande / Der Verbrecher aus verlorener Ehre / Der Geisterseher.