
(ca. 440 v. Chr. | 140 + 150 S.)
Meinung
Cornelia meint:
König Ödipus
Beim Lesen der Hölderlinschen Übersetzung kam mir der Verdacht, dass der was gedreht haben könnte – hab mich wohl geirrt. Deshalb aber das Original bei Reklam gelesen.
Alle schönen Worte des Nachworts, wonach Sophokles die Sachen von Aischylos schön vermenschlicht habe und die göttliche Ordnung nachher wieder hergstellt ist (nachdem Menschen sich gegen sie vergingen und trotz Warnungen jenen Sohn zeugten, der zum Träger des – okay, begreifbaren – Götterfluchs wird, er werde Papa umbringen und Mama heiraten) helfen nicht, die Gemeinheit zu verringern, die jenem so unglücklich verfluchten Jungen angetan wird. Und auch die Barmherzigkeit des Hirten, der das Kind nicht auf Befehl des Königs töten will, sondern an einen Kollegen übergibt, hilft nicht, denn der bringt es zum König Polybos von Korinth, wo es wie ein eigenes aufgezogen wird. Und weil irgendwann rauskommt, dass der Junge unter einem solchen Fluch steht, flieht der sein vermeintliches Elternhaus und gerät genau in die von Apollo gestellte Falle. Das Drama dient der Aufklärung: Ödipus meint sich sicher in Theben, verachtet die Weissagung des blinden Teiresias, beschuldigt Kreon des Machthungers und muss endlich der Wahrheit ins Gesicht sehen. Da hat sich Mama schon selbst umgebracht und Ödipus bleibt nichts übrig als sich die Augen auszustechen und zu weinen. Rührender Abschied von den Töchtern.
Und der Chor besingt die Tatsache, dass das Leid überall regiert.
Na, danke! Die Menschen versuchen echt (wenn auch zuweilen fehlgeleitet), den Göttern alles recht zu machen (wenn auch zuweilen ungehorsam), – aber die Strafe ist jenseits dessen, was ein Christ schlucken kann.
Hier wendet sich der Leser mit Grausen.
Müssen unsere Kinder sowas lesen? Vielleicht zwegen der Bildung, damit sie sehen, was sie am Christengott haben, und damit sie gewarnt sind vor der Antikenvergötzung durch den Griechenland-Idealismus der Romantik.
Antigone
Wiederum ist mir Hölderlins sicher viel tiefere Übersetzung zu anstrengend, und ich greife nach dem good old Reclam aus der Schule. Und während mich im Ödipus diese abscheulich kaltschnäuzigen Götter echt genervt haben, überlege ich jetzt: Sollen vielleicht diese Verhängnisse „bei denen da oben“ einen gewissen Trost für „die unten“ bedeuten, die den ganzen Tag körperlich schuften und es nie zum Genuss der schönen Dinge bringen?
Hier also tritt ein Mensch, ja, sogar eine Menschin! eigenständig und autonom im Gehorsam gegen das Gebot der Götter (Brüder müssen beerdigt werden) als Gegnerin des regierenden Onkels auf und steigert sich in der Begeisterung ihrer schwesterlichen Liebe in eine Todes-Lust hinein, die den armen Onkel Kreon ratlos lässt. Dem geht es doch nur um die Sicherung seiner Herrschaft. Wenn da die Mädels schon mit eigenen Vorstellungen anfangen, dann gibt es gleich die Revolution. Zwischen Herrscher und Volk stehen ja immer zwar die frommen Gesänge der Weisen. Die können sich aber höchst geschmeidig vom Preis des Herrschers in Ermahnungen und sogar Drohungen verwandeln. So ein Herrscher von Theben wandelt auf dünnem Eis, sozusagen.
Antigone hat sich in ihrem Opferstolz ein bisschen zu weit vorgewagt (die arme Schwester Ismene wird rüde zurückgewiesen, Antigone will allen Ruhm allein), jedenfalls ist ihr Todes-Gejammer dann schon ziemlich laut. Teiresias hat von den Göttern was mitgekriegt, sucht, Frieden zu stiften, aber Kreon hört erst dann, als es zu spät ist: Antigone hat in ihrem Felsengrab-Gefängnis nicht so recht die Geduld gehabt, erstmal die mitgeschickte Grütze zu essen, sondern sich lieber gleich aufgehängt. Da bleibt ihrem Verlobten, der zu spät hinzukommt, nichts anderes übrig (da Papa flieht), als das Schwert gegen sich selbst zur richten. Und zuhause hat sich auch Jokaste schon erdolcht.
Von Kreon bleibt nicht viel übrig. Ich verstehe auch nicht, welche Rolle Aphrodite da als Schutzherrin Thebens spielt.
Der Schönste Dialog ist zwischen Haimon, Kreons Sohn, und dem Vater. Dort geht es so genau zur Sache wie später erst wieder bei Schiller – und sparsamer mit Worten. Die Götter, die fühlenden Menschen, und die eiserne Kette der Politik – das reißt einen hin. Man soll Besinnung lernen. Ja, wäre gut.
Jg ***
Info
| Erscheinungsjahr | 400 v. Chr. |
| Seiten | 100-300 |
| Autor | Sophokles |
| Für Jugendliche: | Empfehlung |

Kommentar zu: Sophokles – König Ödipus | Antigone.