//Fasten - Deutschsprachige Orthodoxie

Der Große Kanon des hl. Andreas von Kreta (griechisch Ἁγίου Ἀνδρέου Κρήτης Μέγας Κανών) ist ein orthodoxes hymnographisches Werk. Der Text des Kanons ist im Triodion der Fastenzeit enthalten und besteht aus 250 Troparien (Strophen). Damit dürfte es sich um den umfangreichsten Kanontext überhaupt handeln.

Der Große Kanon auf DOM-Hl-Michael.de

Auf unserer Website finden Sie die Leseordnungen für die erste und fünfte Fastenwoche, ergänzt durch kurze Kommentare zu Übersetzungsvarianten und die jeweiligen Stellen aus dem Alten und Neuen Testament, auf die sich der hl. Bischof Andreas bezieht.

Hier geht es zum Text, der nun auch durch passende Youtube-Mitschnitte ergänzt worden ist:

Der Große Kanon: Text in drei Sprachen

Ein zentraler liturgischer Text der Fastenzeit. Nur hier bei DOM:
dreisprachig, kommentiert und mit Schriftstellen.

Die Entstehungsgeschichte

Das Synaxarion verbindet die Zusammenstellung des Großen Kanons mit dem Leben der heiligen Maria von Ägypten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Große Kanon autobiografischer Natur ist[1] und ursprünglich weder für die Große Fastenzeit noch auf einen Feiertag hin verfasst wurde. Es sei vielmehr das persönliche Bußgebet eines reifen Menschen, der seine verbleibende Zeit der Umkehr widmen möchte.

Der liturgische Gebrauch des Großen Kanons ist erstmals in den Quellen der Studion-Tradition überliefert, in der Hypotyposis (dem Regelwerk des Studionklosters, erstellt vom hl. Theodor dem Bekenner) und in anderen Dokumenten. Der Kanon selbst ist bereits in den ältesten Triodien der Fastenzeit enthalten, die uns aus dem 10./11. Jahrhundert überliefert sind. Laut diesen Quellen war sein Gesang in der fünften Woche der Großen Fastenzeit vorgeschrieben; bezüglich des Wochentags differieren diese Quellen.[2]

Struktur

Der Große Kanon ist einer der frühesten vollständigen Kanons und zeichnet sich daher durch einige Besonderheiten aus: Er bildet eine Sammlung von Kehrversen bzw. Troparien zu biblischen Liedern. Die Hirmen sind Verse aus biblischen Liedern, die nur selten vom Kanonverfasser noch ergänzt wurden. Der Große Kanon enthält neun Oden und ist damit einer der wenigen Kanons, bei denen bis in unsere Zeit auch die zweite Ode erhalten ist.[1]

In fast jeder Ode des Kanons können zwei Teile unterschieden werden: Der erste ist ein Gespräch mit der eigenen Seele über die eigenen Sünden und die Mittel, sie zu korrigieren; der zweite ist ein Gebetsschrei zu Gott um Gnade. Für die Schau der eigenen Sünden betrachtet der hl. Andreas die biblische Geschichte: in den ersten acht Oden überwiegend das Alte Testament, das Neue Testament dann am Ende der achten und ganz besonders in der neunten Ode. Er weist auf die dort geschilderten Sünden und Sünder beispielhaft hin und macht seiner Seele den Vorwurf, sie habe jenen nachgeahmt; die biblischen Rechtschaffenen führt er ihr dagegen als positive Vorbilder an. Der Heilige betrachtet sich selbst als einen zutiefst sündigen Menschen, der andere in seiner Sünde weit übertroffen hat.

Nach der Regel müssen zu jedem Troparion des Kanons drei große Metanien verrichtet werden. Bei gewissenhaftester Befolgung bedeutet dies einen siebenstündigen ununterbrochenen Gottesdienst mit etwa tausend Niederwerfungen.

Liturgischer Vollzug

Gemäß dem Jerusalemer Typikon wird der Große Kanon nur während der Großen Fastenzeit gelesen:

  •    Beim Großen Apodeipnon (Komplet) am Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag der ersten Woche der Großen Fastenzeit wird er in Teilen gesungen und gelesen.
  •    Am Donnerstagmorgen der fünften Woche der Großen Fastenzeit erfolgt die Lesung in voller Länge. Der Gottesdienst des Orthros am Donnerstag der fünften Woche der Großen Fastenzeit erhielt im Russischen die Bezeichnung Mariino Stojanie (Marien-Stehen), weil in ihm die Vita der heiligen Maria von Ägypten gelesen wird, unterbrochen vom Gesang des Großen Kanons. Am Ende jeder Ode des Großen Kanons werden Troparien aus der entsprechenden Ode des Kanons der heiligen Maria hinzugefügt (wie übrigens auch am Mittwoch und Donnerstag der ersten Woche der Großen Fastenzeit), zusammen mit Troparien, die dem hl. Andreas von Kreta gewidmet sind. Diese finden sich als Ergänzung zum Großen Kanon erstmals nach dem 11. Jahrhundert in einzelnen Handschriften.[2]

Der Kanon wird durch zwei Reihen von Gesängen ergänzt:

  • 16 Troparien der Makarismen, die zusammen mit dem Kanon verfasst wurden, und
  • 24 alphabetische Stichera (στιχηρὰ κατὰ ἀλφάβητον) – mit einem alphabetischen Akrostichon

  1. Prof. Karabinov, I.: Das Fastentriodion [Postnaja Triod‘]
  2. Der Große Kanon des heiligen Bischofs Andreas von Kreta. Kirchenwissenschaftliches Zentrum „Orthodoxe Enzyklopädie“ (Pravoslavnaja enciklopedija)

Der Artikel wurde aus Wikipedia (russ.) übersetzt und leicht angepasst. Er beruht auf dem Eintrag in der „Orthodoxen Enzyklopädie

Erzpriester Alexander Men (1935-1990) und Alexander Puschkin (1799-1837) über das Fastengebet des Heiligen Ephraim des Syrers

Das Fastengebet des Hl. Ephraim

Ephrem der Syrer, Heiliger - Mosaik

Über das Gebet des heiligen Ephraim des Syrers

Von Erzpriester Alexander Men. Aus einem Vortrag über die Große Fastenzeit am 1. April 1989

An jedem Tag der Großen Fastenzeit, außer Samstag und Sonntag, wird das Gebet gelesen: „Herr und Gebieter meines Lebens“. Dieses Gebet wurde der Überlieferung nach im 4. Jahrhundert in Syrien von dem Asketen Mor Aphrêm, oder, wie wir ihn zu nennen pflegen, Ephraim dem Syrer verfasst. Er war ein Mönch, ein Dichter, ein Theologe, … einer der glorreichen Söhne der syrischen Kirche, der als berühmter Schriftsteller in die Weltliteratur Aufnahme fand.

Die Worte des Gebets, die so auch in Versen von Alexander Sergejewitsch [Puschkin] wiedergegeben sind [siehe unten], klingen aus dem Syrischen auf Kirchenslawisch so:

Herr und Gebieter meines Lebens“ – das heißt: der Herr meines Lebens, Derjenige, Der mir das Leben gab, Derjenige, Der das Zentrum und der Mittelpunkt meines Lebens ist.

Gib mir nicht den Geist des Müßiggangs“ – das heißt, der Faulheit – nach einem alten Sprichwort Anfang aller Laster. Müßiggang scheint eine unschuldige Sache zu sein, aber er führt in viel Finsternis und Schwärze.

des Verzagens“ … Das Christentum ist eine freudige Lehre, und wer den Mut verliert, entfernt sich von ihm. Der heilige Serafim von Sarow, der große russische Heilige des frühen 19. Jahrhunderts, sagte: „Wir können nicht den Mut verlieren, denn Christus hat alle gerettet.“

Herrschsucht“ bedeutet Machtgier. Jeder hat sie; denken Sie nicht, dass es so etwas wie Personenkult nur in der Politik gibt: Es kann ihn in der Familie und in jeder kleinen Gemeinschaft geben. Jeder Mensch trägt den Keim solcher Bestrebungen in sich: den Willen des anderen zu unterdrücken, ihn zu erwürgen, ihn zu unterwerfen.

Geschwätzigkeit“ … Ich nehme hier die Kinder aus: Kinder haben das Recht zu schwatzen, aber höchstens bis zum Alter von 15-16 Jahren. Wenn Kinder sich unterhalten, lernen sie zu kommunizieren, sie üben ihre Sprache; aber wenn diese „Kinder“ schon mehr als zwanzig, manchmal auch mehr als vierzig Jahre alt sind … Es bedeutet: dem eigenen Leben gegenüber gnadenlos zu sein. Denken Sie darüber nach (seien wir ehrlich zu uns selbst): Wie lange haben wir alle noch zu leben? Sehr wenig. Deshalb müssen wir das Leben wertschätzen, das Geschenk, das Gott uns gegeben hat, lieben und uns daran erinnern, dass wir nur das in die Ewigkeit mitnehmen werden, was wir in unserem Herzen haben. Und leeres Gerede, Geschwätz – das ist ein schreckliches Wort, es bedeutet, die Zeit totzuschlagen …

Weiter im Gebet heißt es: „Den Geist der Keuschheit, der Gemut, Geduld und der Liebe schenke mir, Deinem Diener.“ Keuschheit ist die Reinheit der Beziehungen zur Welt und zu den Menschen, die Ganzheit der Seele, ohne Zwiespalt, ohne Leidenschaften, die von einem Besitz ergreifen.

Demut“ ist die Weisheit eines gesunden Menschen. Demut bedeutet hier, in diesem Fall, … zu wissen, was man vor dem Hintergrund der Ewigkeit wert ist. Blähen Sie sich nicht auf wie der Frosch in der Fabel von Krylow – der platzte schließlich. Es ist nicht nötig, sich aufzublasen, aber man muss seinen Wert kennen. Die Weisheit der Bescheidenheit ist außergewöhnlich, sie ist schön. Die Weisheit der Bescheidenheit ist nicht Selbstdemütigung über den Stolz, sondern sie ist Gesundheit der Seele. Hier ist ein Beispiel für Sie: Wenn ein Mensch anfängt, sich etwas über sich einzubilden, was gar nicht in ihm steckt, dann sind es nur ein paar Schritte bis zum Größenwahn. Größenwahn ist ein pathologischer Zustand des Stolzes. Nur der eine verkündet es laut, dass er der Premier oder Napoleon sei, und landet in der psychiatrischen Klinik, der andere schweigt und umgeht das Krankenhaus, aber in seinem Herzen denkt er, dass er über allen anderen steht.

Geduld und Liebe“ – was ist Geduld? Ich formuliere es kurz, damit Sie es sich merken. Geduld ist keineswegs der Zustand des Viehs, das alles erträgt. Siebedeutet nicht das Erniedrigen einer Person – ganz und gar nicht. Sie ist auch kein Kompromiss mit dem Bösen – auf keinen Fall. Geduld ist die Fähigkeit, den Gleichmut des Geistes unter jenen Umständen zu bewahren, die diesen Gleichmut behindern. Geduld ist die Fähigkeit, auf ein Ziel zuzugehen, auch wenn man auf dem Weg auf verschiedene Hindernisse stößt. Geduld ist die Fähigkeit, einen freudigen Geist zu bewahren, wenn es zu viel Traurigkeit gibt. Geduld ist Sieg und Überwindung, Geduld ist eine Form von Mut – das ist es, was wahre Geduld ausmacht.

Und schließlich die Liebe. Liebe ist das höchste Glück eines Menschen, sie ist die Fähigkeit unserer Seele, offen zu sein, immanent, wie die Philosophen sagen, innerlich offen für einen anderen Menschen. Wenn du in der Metro die Rolltreppe benutzt, überprüfe dich selbst, ob du in der Lage bist zu lieben oder nicht. Wenn du dir die ansiehst, die auf der anderen Seite fahren, und du angewidert bist, diese Gesichter zu sehen … – dann bedeutet das, dass alle Poren deiner Seele verstopft sind und das Gefühl deiner Liebe in einem embryonalen Zustand ist …

Aber die Kraft der Gnade Christi ist in der Lage, einen Menschen so zu verwandeln, dass er die Mitmenschen ganz anders sieht, so, dass seine erste Reaktion Wohlwollen ist, so dass er sofort das Schöne sieht – in einer schönen Frau oder einem schönen Mann, das Vergeistigte – auch dort, wo andere es nicht bemerken; so, dass er, wenn er ein leidendes Gesicht sieht, Mitleid empfindet, so, dass er offen ist. Ein solcher Mensch ist immer glücklich, weil er in Einheit mit den Menschen ist, weil er aus der Liebe lebt.

Und am Ende des Gebets heißt es: „O Herr, mein König, gewähre mir,
meine Sünden zu sehen und meinen Bruder nicht zu verurteilen.
“ Das verstehen Sie. Das beste Heilmittel gegen das Verurteilen besteht darin, sich selbst kritisieren zu können. Wir sind oft extrem aufmerksam, ich würde sagen, beobachtend, und ich würde auch sagen, psychologisch anspruchsvoll, wenn es um die Sünden eines Nächsten, die Sünden eines anderen Menschen geht. Hier zeigen wir ein Höchstmaß an Wissen über alle moralischen Gebote, alle Feinheiten. Aber wir handeln hier in der Gestalt eines strengen Richters, ohne das Recht dazu zu haben, denn worin wir andere Menschen verurteilen, darin liegt auch unsere Schuld.

Sie werden mich fragen: Vielleicht liegt darin ein Kuhhandel, ein Kompromiss mit dem Bösen? Auf keinen Fall, niemals. Wir müssen das Böse stets beim Namen nennen. Aber für einen Menschen, der in diese Sünde gefallen ist, müssen wir Mitgefühl haben.

Das ist die Essenz dieses Gebetes, das jeden Tag während der Großen Fastenzeit unter tiefen Verbeugungen gelesen wird. […]

Alexander Puschkin – Wüstenväter und lautere Frauen

Illustration Puschkins zu seinem Gedicht, zeigt einen Mönch in seiner Zelle

Quellen:

https://azbyka.ru/fiction/otcy-pustynniki-i-zheny-neporochny-pushkin-aleksandr
https://azbyka.ru/prakticheskoe-rukovodstvo-k-molitve#ch_0_7_5

Über die orthodoxe Große Fastenzeit

Eine Seite mit orthodoxen Texten und Gebeten als Einstimmung auf die jährliche orthodoxe Fastenzeit in den sechs Wochen vor Ostern, dem Fest der Auferstehung des Herrn.

Wie war denn die Zeit vor dem heutigen Tag? Es war eine Zeit der Irrwege. Die Seele verlor sich in allem, was ihr an Annehmlichkeiten in den Blick fiel – in Gesichtern als auch in Dingen und am allermeisten in sündigen Leidenschaften. Jeder hat seine eigenen Leidenschaften, denen er es in allem recht zu machen sucht. Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Erkenne ein jeder seine Delila, die ihn bindet und an die bösen Feinde verrät, und verlasse sie.

Mehr wird dir gegeben sein als dem Samson: Nicht nur die Haare – die guten Gedanken – werden nachwachsen, nicht nur die Kraft wird zurückkehren – die Stärke des Willens, sondern auch die Augen werden sich öffnen – deinem Geist, dem Nous, werden sich die Augen öffnen und er wird den Herrn sehen und sich selbst und was um dich herum ist im richtigen Licht.

Siehe, jetzt ist die Zeit günstig! Dies ist der Tag der Erlösung!

(Hl. Feofan der Klausner, Gedanken zu jedem Tag im Jahreskreis)

Wasser und Brot auf einem Tischtuch

Fasten heißt zuerst einmal, auf Sinnesgenüsse bewusst zu verzichten. So kann sich die Aufmerksamkeit des Geistes dem Dialog mit Gott und mit sich selbst (dem eigenen Gewissen) zuwenden.


Es kam die Fastenzeit, die Mutter der Keuschheit,
die Anklägerin der Sünde und Mahnerin zur Umkehr,
die Lebensweise der Engel und die Erlösung der Menschen.
Wir Gläubigen wollen ausrufen:
O Gott, erbarme Dich unser !

Apostich. (Ton 5) vom ersten Montag der großen Fastenzeit


Erzpriester Alexios v. Maltzew

Die Einsetzung dieser Fasten reicht bis in die apostolische Zeit, zur Erinnerung an das vierzigtägige Fasten des Moses (Ex 34), des Elias (3./1. Kön 19) und nach dem Beispiele Christi selbst; diese Zeit wird die große Fastenzeit genannt mit Rücksicht auf die Anzahl der Tage und auf die Wichtigkeit und Bedeutung derselben fiir den Christen, indem die Zeit der Fasten hauptsächlich eine Zeit der Buße, Beichte und Kommunion ist; demgemäß hat auch der Gottesdienst einen anderen Charakter als in der übrigen Zeit. So z. B. findet der feierlichste christliche Gottesdienst, die Liturgie, nur an den Sonnabenden und Sonntagen in den großen Fasten statt, mittwochs und freitags aber wird die Liturgie der „vorgeweihten Gaben“ gehalten.

Es findet das große Apodipnon statt (in der ersten Woche [Mo. – Do.] mit dem Bußkanon des hl. Andreas von Kreta), mehrfach wird das Gebet des hl. Ephraim von Syrien gelesen (bis zum Blumen-Freitag), das Lesen der Psalmen wird ebenfalls vermehrt, und überhaupt nimmt im Gottesdienste das Lesen einen größeren Raum ein als der Gesang, der mehr einen freudigen Zustand der Seele ausdrückt. Die Sonntage der großen Fastenzeit, sowie auch einige von den Wochentagen derselben haben besondere Eigentümlichkeiten. — So wird am Sonnabend der ersten Woche das Gedächtnis des hl. Groß-Martyrers Theodoros Tiron (gest. 17. Febr. 316) gefeiert, der die Christen vor dem Genusse solcher Speisen warnte, welche auf Befehl des Kaisers Julianos des Abtrünnigen durch Berührung mit dem Blute der Götzenopfer besudelt waren, und sie ermahnte, an deren Stelle mit Honig gekochtes Getreide zu essen. Zur Erinnerung hieran werden noch jetzt von der Kirche die Kolyba (mit Honig gekochte Weizenkörner) gesegnet.

Der erste Sonntag in der großen Fastenzeit heißt der Sonntag der Orthodoxie, zum Gedächtnis des Sieges der Kirche über alle Häresien, vornehmlich über die Bilderstürmer (842).

Am zweiten Sonntag gedenkt die Kirche dankbar der Wirksamkeit des hl. Gregorios Palama, Erzbischofs von Thessaloniki (1841), betreffend die Aufdeckung der Ketzereien des Barlaam und Akyndinos (welche die Lehre der Kirche nicht anerkannten, dass es möglich ist, geistige Erleuchtung durch Gebet und Fasten zu erlangen).

Im Gottesdienst des dritten Sonntags und der ganzen vierten Woche wird das hl. Kreuz nebst den Früchten des Kreuzestodes des Erlösers gefeiert, zur Stärkung der vom Fasten Ermatteten und zur Versüßung der Bitterkeit desselben.

Am vierten Sonntag zeigt uns die Kirche als ein hohes Beispiel der Askese den hl. Joannes Klimakos (6. Jahrh.), der die Entwicklungsstufen der geistlichen Vervollkommnung in seinem Buche „Leiter zum Paradiese“ geschildert hat.

In der fünften Woche hat die hl. Kirche den Donnerstag ausgezeichnet, in dessen Morgengottesdienst der ganze „Bußkanon des heiligen Andreas von Kreta“ und nach dem Kathisma das Leben der hl. Maria von Ägypten (gest. 580) vorgeführt wird. Am Sonnabend derselben Woche findet ein Bittgottesdienst statt, bei welchem der „Akathistos“ zur hochheiligen Gottesgebärerin gesungen wird. Am folgenden Sonntag aber wird das Gedächtnis der hl. Maria von Ägypten, der großen Büßerin, begangen.

Am Freitag der sechsten Woche beendigt die Kirche die vierzigtägige Fastenzeit, und bittet den Herrn, dass er uns würdigen möge, die Woche seines heiligen Leidens zu sehen. Der Sonnabend erinnert uns an die Auferweckung des Lazaros als Beweis der göttlichen Allmacht Jesu Christi und als Unterpfand der allgemeinen Auferstehung der Toten. — Den natürlichen Übergang zur Leidenswoche bildet die Feier des Einzuges des Herrn in Jerusalem am Palmsonntag.

Maltzew, A, Erzpriester: Fasten- und Blumentriodion, Berlin 1899, II S. 29

Dieses Gebet wird in der Großen Fastenzeit von allen orthodoxen Christen in der Kirche und zu Hause gebetet.

Herr und Gebieter meines Lebens,
Gib mir nicht den Geist des Müßiggangs, des Verzagens,
der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit.

Schenke vielmehr mir, Deinem Diener,
den Geist der Keuschheit, der Demut,
der Geduld und der Liebe.

Ja, Herr, mein König, gewähre mir,
meine Sünden zu sehen
und meinen Bruder nicht zu verurteilen,
denn gesegnet bist Du in alle Ewigkeit, Amen.

In der ersten Woche der orthodoxen Fastenzeit wird den orthodoxen Gemeinden der Bußkanon des heiligen Andreas von Kreta gelesen. Mehr dazu hier:

Der Große Kanon

Der Große Kanon des Hl. Andreas von Kreta ist ein zentraler liturgischer Text der Fastenzeit. Nur hier bei DOM dreisprachig und kommentiert zum Mitlesen und Nachschlagen der Schriftstellen.

Die Sicht der Kirchenväter

Hl. Bischof Ignatij (Brjantschaninow)

Nachfolgendes Kapitel „Über das Fasten“ ist ein Vorabdruck aus dem Band Vom Glauben, der mittlerweile im Verlag Edition Hagia Sophia erschienen ist. Mehr über den Verfasser HIER.

Über das Fasten

Das Gebet ist von allen Tugenden die Höchste, doch seine Grundlage ist das Fasten. Fasten bedeutet fortwährendes Maßhalten und kluge Auswahl in Bezug auf die Nahrung.

Stolzer Mensch! Du bildest dir so vieles und Hochtrabendes auf deinen Verstand ein, dabei ist er doch vollkommen und unauflöslich vom Magen abhängig.

Das Fastengesetz erscheint äußerlich als Vorschrift für den Leib, im Wesen aber ist es ein Gesetz für den Nous [den Geist bzw. die Geistkraft des Menschen – d. Üb.].

Der Nous, dieser Herrscher im Menschen, muss sich zunächst einmal dem Gesetz des Fastens unterwerfen, wenn er sein Recht auf Alleinherrschaft beanspruchen und bewahren will. Nur so wird er stets hell und wach sein. Allein in ununterbrochener Wachsamkeit kann er sich die Gebote des Evangeliums aneignen und sie befolgen. Grundlage der Tugenden ist also das Fasten.

Dem neu erschaffenen, in das Paradies gesetzten Menschen wurde ein einziges Gebot gegeben – ein Fastengebot. Natürlich erging dieses Gebot aus dem Grund als einziges, weil damit der Bewahrung des erstgeschaffenen Menschen vor Befleckung Genüge getan war.

Jenes Gebot sagte nichts über die Menge der Nahrung aus, es untersagte nur eine bestimmte Sorte. Mögen daher alle schweigen, die Fasten nur bezüglich der Nahrungsmenge anerkennen, nicht aber in Bezug auf deren Art. Wenn sie sich praktisch im Fasten üben, werden sie erkennen, wie wichtig die Auswahl der richtigen Nahrung ist.

Das dem Menschen von Gott im Paradies gegebene Fastengebot war so bedeutend, dass eine Strafandrohung für seine Missachtung damit einherging. Das Strafmaß war die Unterwerfung der Menschen unter den ewigen Tod.

Bis heute setzt der Sündentod sein Werk fort und ereilt jene, die das heilige Fastengebot brechen. Wer das Maß und die rechte Art seiner Speise nicht beachtet, wird sich weder Jungfräulichkeit noch Keuschheit bewahren noch seinen Zorn im Zaume halten. Er wird sich vielmehr Trägheit, Schwermut und Traurigkeit hingeben, wird zum Knecht der Ruhmsucht und zur Wohnstatt des Stolzes werden, hervorgerufen durch seinen fleischlichen Zustand, der wiederum oft in üppiger und reichlicher Ernährung wurzelt.

Das Fastengebot wird im Evangelium erneuert und bestätigt. Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren, spricht der Herr (Lk 21,34). Völlerei und Trunkenheit stumpfen nicht nur den Leib ab, sondern auch Nous und Herz, d. h. sie bringen sowohl Seele als auch Leib des Menschen in einen fleischlichen Zustand.

Das Fasten hingegen versetzt den Christen in eine geistliche Verfassung. Wer durch das Fasten gereinigt wurde, ist demütig im Geiste, keusch, bescheiden, schweigsam, empfindsam gegenüber seinen Herzensgefühlen und Gedanken, leicht im Körper, im Stande zu geistlichen Werken und Visionen, aufnahmefähig für die göttliche Gnade.

Der fleischliche Mensch ist ganz in sündigen Genuss vertieft. Er ist sowohl leiblich als auch seelisch und noetisch genusssüchtig. Daher ist er nicht nur unfähig zu geistigem Genuss und zur Aufnahme der göttlichen Gnade, sondern auch unfähig zur Reue. Er ist überhaupt zu geistlichen Werken unfähig – er ist an die Erde gebunden, in den materiellen Dingen versunken und bei lebendigem Leibe seelisch tot.

Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern (Lk 6,25). So ist der Spruch des Wortes Gottes an jene, die das Gebot des heiligen Fastens verletzen. Was wird euch in der Ewigkeit ernähren, habt ihr doch hier nur gelernt, euch mit weltlicher Kost und materiellen Genüssen satt zu machen, die es im Himmel nicht gibt? Wie werdet ihr die himmlischen Güter kosten und genießen können, habt ihr doch hier nicht Gefallen an ihnen, sondern nur Widerwillen erlangt?

Das tägliche Brot eines Christen ist Christus. In der unersättlichen Sättigung an diesem Brot besteht jene erlösende Sättigung und Erquickung, zu der alle Christen eingeladen sind.

Sättige dich unersättlich am Wort Gottes. Sättige dich unersättlich am Befolgen der Gebote Christi. Sättige dich unersättlich an dem Mahl, das vor den Augen deiner Feinde bereitet ist, und trinke vom übervollen Becher (Ps 22/23,5).

Womit, fragt der heilige Makarios der Große [der Ägypter], sollen wir beginnen, wenn wir uns noch nie zuvor der Erforschung unserer Herzen gewidmet haben? Solange wir Außenstehende sind, werden wir durch unser Beten und Fasten anklopfen, wie es auch der Herr geboten hat: Klopft an und es wird euch geöffnet (Mt 7,7).[1]

Dieses uns von einem der größten Lehrer des Mönchtums empfohlene asketische Werk war auch das Werk der heiligen Apostel. In ihrem asketischen Lebenswandel wurden sie für würdig befunden, die Verkündigung des Geistes zu hören, berichtet der Verfasser ihrer Geschichte: Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt Mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem Ich sie berufen habe! Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen (Apg 13,2-3). Im asketischen Lebenswandel, in dem sich Gebet und Fasten verbanden, konnte das Gebot des Geistes über die Berufung der Heiden zum Christentum Gehör finden.

Welch wunderbare Verbindung des Fastens mit dem Gebet! Das Gebet ist kraftlos, wenn es nicht auf dem Fasten gründet, und das Fasten fruchtlos, solange kein Gebet darauf errichtet wird.[2]

Das Fasten entfernt den Menschen von den Leidenschaften des Fleisches, das Gebet aber kämpft mit den Leidenschaften der Seele und durchdringt, wenn es gesiegt hat, das ganze Gebäude des Menschen und reinigt es; dann aber führt es in diesen gereinigten Tempel Gott hinein.

Wer die Saat ausbringt, ohne vorher den Boden zu bereiten, der vergeudet die Saat und wird anstelle des Weizens Disteln ernten. So werden auch wir, wenn wir den Samen unseres Gebets aussäen, ohne das Fleisch zu veredeln, die Früchte der Sünde tragen anstelle der Wahrheit. Das Gebet wird dann durch die verschiedensten eitlen und sündigen Gedanken und Vorstellungen zerstört, geplündert und von wollüstigen Empfindungen befleckt. Denn unser Leib ist aus Erde entstanden, und wenn er nicht ebenso wie der Boden zunächst vorbereitet wird, kann er nie und nimmer die Frucht der Wahrheit tragen.[3]

Wenn aber jemand umgekehrt den Boden mit großem Eifer und Mühe vorbereitet, ihn aber ohne Aussaat lässt, dann wird dort dichtes Unkraut wuchern. Dasselbe geschieht, wenn der Leib durch Fasten geschwächt, die Seele aber nicht durch Gebet, Lesung und Demut bestellt worden ist. Das Fasten wird dann eine Vielzahl von Unkraut hervorbringen, die seelischen Laster nämlich: Hochmut, Ruhmsucht und Verachtung.[4]

Worin besteht das Laster der Völlerei und Trunksucht? Zu diesem Laster kommt es, wenn der natürliche Wunsch nach Essen und Trinken seine Rechtschaffenheit verliert und viel größere Mengen und Vielfalt der Nahrung einfordert, als nötig wäre, um des Leibes Leben und Kräfte aufrechtzuerhalten. Im Übermaß stärkt Nahrung diese Kräfte nicht mehr, wie es ihr natürlicher Zweck wäre, sondern schadet ihnen, schwächt sie und richtet sie zugrunde.

Um das Verlangen nach Nahrung in geregelte Bahnen zu lenken, ist einfache Speise und Enthaltung von Übersättigung und kulinarischen Genüssen notwendig. Die Vermeidung von Übersättigung und Genuss steht am Anfang: So wird das Ernährungsbedürfnis kultiviert und geformt. Wenn dieses Verlangen erst angemessen in die Schranken gewiesen worden ist, wird es auch mit einfacher Nahrung zufrieden sein.

Wird das Verlangen nach Nahrung dagegen durch Übersättigung und Genuss befriedigt, stumpft es ab. Um es wieder anzuregen, greifen wir zu allerlei auserlesenen Speisen und Getränken. Das Verlangen wird dadurch scheinbar gestillt, doch im Weiteren wird es auf diese Weise immer anspruchsvoller. Zuletzt verwandelt es sich in ein krankhaftes Laster, das unablässig gestillt und gesättigt werden will, dabei aber stets unbefriedigt bleibt.

Wenn wir uns dem Dienst an Gott widmen wollen, werden wir dieser Aufgabe das Fasten zum Grundstein legen. Das wesentliche Merkmal jeglichen Grundsteins ist seine unerschütterliche Festigkeit: Anders kann darauf kein Gebäude Bestand haben, wie stabil es selbst auch sein mag. Erlauben wir uns daher niemals, auf keine Weise, unter keinen Umständen, das Fasten durch Übersättigung und insbesondere durch Trunkenheit zu verletzen.

Als vorzügliche Art des Fastens betrachten die Heiligen Väter eine einmalige tägliche Nahrungsaufnahme, bei der man sich nicht satt isst. Ein solches Fasten schwächt den Körper nicht durch übermäßig langen Speiseverzicht und beschwert ihn nicht durch überflüssige Nahrung, sondern erhält ihn fähig zu seelenrettenden Werken.

Diese Art des Fastens ist auch nichts allzu Ungewöhnliches, so dass der Fastende keinen Anlass zum Eigendünkel hat, zu dem der Mensch im Zusammenhang mit dieser Tugend so sehr neigt, besonders wenn sie stark hervorsticht.

Wer körperlich arbeitet oder an sich schon schwach von Statur ist, so dass er sich nicht mit einmaliger täglicher Nahrungsaufnahme begnügen kann, der soll zwei Mahlzeiten einnehmen. Das Fasten ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Fasten.

Bei jeglicher Nahrungsaufnahme jedoch, sei sie selten oder häufig, ist die Übersättigung streng untersagt: Sie macht den Menschen unfähig zu geistlichen Werken und öffnet weiteren fleischlichen Lastern die Tür.

Ein unangemessenes Fasten, d. h. eine langandauernde und übermäßige Enthaltung von Speise, wird von den Heiligen Vätern nicht gutgeheißen: Auch maßlose Enthaltsamkeit und die davon herrührende Schwäche machen einen Menschen zu geistlichen Werken unfähig. Oft verfällt er dann wieder dem übermäßigen Essen, oft auch der Leidenschaft des Stolzes und der Überhebung.

Die Art der Speise ist überaus wichtig. Obwohl die verbotene Frucht herrlich anzuschauen und wohlschmeckend war, wirkte sie auf die Seele verderbenbringend: Sie verlieh ihr die Erkenntnis von Gut und Böse und zerstörte so die Unbeflecktheit, in der unsere Urahnen erschaffen worden waren.

Die Nahrung wirkt auch heute intensiv auf die Seele, was ganz besonders beim Genuss von Wein spürbar wird. Diese Eigenschaft der Nahrung beruht auf ihrer unterschiedlichen Wirkung auf Fleisch und Blut und darauf, dass ihre Dämpfe und Gase aus dem Magen ins Gehirn aufsteigen und Einfluss auf den Nous haben.

Aus diesem Grund sind alle berauschenden Getränke, insbesondere jene auf Getreidebasis, für den Asketen untersagt. Sie rauben dem Nous die Wachsamkeit und dadurch auch den Sieg im geistigen Kampf. Wird der Nous besiegt, insbesondere durch leidenschaftliche Gedanken, an denen er sich ergötzt hat, so verliert er die geistliche Gnade; was durch viele und langwierige Werke gewonnen wurde, geht in wenigen Stunden, in wenigen Minuten verloren.

Der Mönch soll keinesfalls dem Wein zusprechen, sagte der ehrwürdige Poimen der Große.[5] Dieser Regel muss auch jeder fromme Christ folgen, der seine Reinheit und Keuschheit bewahren will. Die Heiligen Väter folgten dieser Regel, und falls sie Wein tranken, dann überaus selten und höchst maßvoll.

Erhitzende Speise, die fleischliche Gelüste entflammt, muss von der Tafel des Enthaltsamen verbannt werden. Von dieser Art sind Paprika, Ingwer und andere Gewürze.

Die natürlichste Nahrung ist jene, die dem Menschen vom Schöpfer unmittelbar nach der Erschaffung vorgegeben wurde – Nahrung aus dem Reich der Pflanzen. Gott sprach zu unseren Urahnen: Siehe, Ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen (Gen 1,29). Erst nach der Sintflut wurde die Verwendung von Fleisch zugelassen (Gen 9,3).

Pflanzliche Nahrung ist für den Asketen am besten. Sie erregt am wenigsten das Blut und beschwert am wenigsten den Leib. Dämpfe und Gase, die aus ihr austreten und in das Gehirn aufsteigen, haben dort nur geringe Wirkung. Letztlich ist diese Nahrung auch die gesündeste, da sie im Magen am wenigsten Schleim produziert. Aus diesen Gründen wird bei ihrer Verwendung besonders leicht die Reinheit und Wachsamkeit des Nous bewahrt, also auch seine Herrschaft über den Menschen insgesamt. Durch ihre Verwendung wird die Wirkung der Leidenschaften geschwächt und der Mensch besser dazu fähig, sich tugendhaften Werken zu widmen.

Speisen aus Fisch, besonders solche aus großen Meeresfischen, haben bereits ganz andere Eigenschaften: Sie wirken merklich mehr auf das Gehirn, beschweren den Leib, erhitzen das Blut und füllen den Magen mit schädlichem Schleim, besonders bei häufigem oder ständigem Verzehr.

Noch unvergleichlich stärker sind diese Wirkungen beim Verzehr von Fleischspeisen: Sie machen den Leib schwer und verleihen ihm eine besondere Empfindungslosigkeit, erhitzen das Blut und belasten durch ihre Dämpfe und Gase das Gehirn. Daher verzichten Mönche völlig darauf; solche Speisen sind Menschen vorbehalten, die inmitten der Welt leben und unablässig schwere körperliche Arbeit tun. Doch auch für sie ist der ständige Verzehr schädlich.

„Wie denn!“, rufen hier die eingebildeten Besserwisser, „Fleisch ist dem Menschen doch von Gott zum Verzehr erlaubt, ihr aber verbietet es ihnen?“ Hierauf antworten wir mit den Worten des Apostels: Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf (1 Kor 10,23). Wir lehnen die Verwendung von Fleisch nicht deswegen ab, weil wir es für unrein halten, sondern weil es in uns eine besondere allgemeine Empfindungsarmut verursacht, die dem geistlichen Wachstum hinderlich ist.

Die heilige Kirche, die in ihren weisen Regeln und Grundsätzen den in der Welt lebenden Christen Fleischverzehr erlaubt hat, ließ ihnen diesen gleichwohl nicht ununterbrochen zu, sondern unterteilte die Zeit in Zeiten des Fleischverzehrs und Zeiten des Fleischverzichts, in denen der Christ von seinem Fleischgenuss ausnüchtert. Diese Frucht der Fastenzeiten kann ein jeder an sich selbst verspüren, wenn er sich an sie hält.

Für monastisch Lebende ist Fleisch untersagt; in den Zeitabschnitten des Fleischverzehrs ist nur die Verwendung von Milchspeisen und Eiern zugelassen. Zu gewissen Zeiten und Tagen ist ihnen Fischspeise erlaubt. Den größten Teil ihrer Zeit aber dürfen sie nur pflanzliche Nahrung zu sich nehmen.

Die eifrigsten frommen Asketen, besonders wenn sie verspüren, dass der Heilige Geist in ihnen wandelt (2 Kor 6,16-17), verwenden aufgrund der weiter oben beschriebenen Vorzüge, und weil sie preiswert ist, fast ausschließlich pflanzliche Nahrung. Sie trinken ausschließlich Wasser und meiden nicht nur erhitzende und berauschende, sondern auch nahrhafte Getränke, wie es alle Getränke auf Getreidebasis sind.[6]

Die Fastenregeln wurden von der Kirche aufgestellt, um ihren Kindern zu helfen und die gesamte Christengemeinschaft anzuleiten. Dabei gilt für jeden, dass er sich mithilfe eines erfahrenen und besonnenen geistlichen Vaters selbst prüfen und keine die Kräfte übersteigende Fastenregel auf sich nehmen soll. Denn das Fasten ist, um es zu wiederholen, für den Menschen da und nicht der Mensch für das Fasten; der Leib darf durch die Nahrung, die zu seiner Erhaltung dient, nicht zugrunde gerichtet werden.

Wenn du den Leib zügelst, sprach der heilige Basileios der Große, dann gelangst du in das Paradies; zügelst du ihn nicht, wirst du Opfer des Todes.[7] Unter dem Begriff Paradies ist hier der gnadenhafte Gebetszustand zu verstehen, unter Tod der Zustand der Leidenschaftlichkeit. Der gnadenhafte Zustand des Menschen auf Erden dient als Gewähr seiner ewigen Seligkeit im himmlischen Eden. Der Fall unter die Macht der Sünde und in den Zustand des seelischen Todes ist dagegen die Gewähr für den Fall in den Abgrund des Hades, zur ewigen Qual. Amen.

 



[1] Fünfzig geistliche Homilien, Hom. 1, Kap. 4, dt.: Bibliothek der Kirchenväter [BKV] Reihe I, Bd. 10, Kempten/München 1913.

[2] Hl. Markos der Asket: Asketische Homilien, Hom. 8 Über das Fasten und die Demut. Russ. in: Mark Podvižnik, prepodobnyj: Asketičeskie tvorenija, Sergiev Posad 22013, hier Hom. 7.

[3] Ebenda.

[4] Ebenda.

[6] Die Himmelsleiter, Stufe 14,8 f. (russ.: 14,12).

[7] Hl. Nil von der Sora: Überlieferung, Wort 5. Der Gedanke an die Völlerei.

Gott schenkt uns in dieser Großen Fastenzeit unverhofft etwas Wertvolles: Zeit. Nutzen wir dieses Geschenk dankbar und heilbringend.

(Ein Beitrag aus Lockdown-Zeiten, der aber stets aktuell ist: Ist nicht jede Fastenzeit ein ganz persönlicher, freiwilliger Lockdown – zur Vermeidung von Ansteckung an den Lastern der Welt? Daher bleibt er online, auch als Zeitdokument.)

Psalter mit Gebetskette

Eine Übersicht aktueller Gebetstexte, zusammengestellt von Priester Alexej Veselov (ROK).

1.

Die erste Wahl für den Laien ist das Orthodoxe Gebetbuch. Dort sind die Morgen- und Abendgebete, Akathisten und Kanones zu finden.

Auch im Internet gibt es diese Gebete zum Lesen oder Ausdrucken (hier).

2.

Während der Großen Fastenzeit kann man nach eigenem Ermessen Gebete für die jeweilige Fastenwoche aus dem Triodion lesen:  www.orthodoxe-bibliothek.de

Diese Texte sind sehr tiefsinnig und wegweisend.  

Von Montag bis Freitag wird während des Fastens kein Neues Testament gelesen. Es sind alttestamentliche Lesungen vorgegeben, siehe Orthodoxer Kalender.

Falls Sie genug Zeit haben, können Sie neben den Morgen- und Abendgebeten, der Heiligen Schrift und den Texten des Triodions auch Psalter oder (Buß) Kanones beten. Es ist nicht üblich, während der Fastenzeit Akathisten zu lesen.

Den großen Bußkanon des Heiligen Andreas von Kreta sollte jeder Gläubige mindestens zweimal während der Fastenzeit beten. Es ist aber auch nicht untersagt, den Kanon öfter zu lesen.

Ebenso sollte das Gebet des Hl. Ephraim des Syrers nicht vergessen werden, welches an Wochentagen morgens und abends an die übliche Gebetsregel angehängt werden sollte.

In gedruckter Form gibt es die Gottesdienste der ersten und der letzten Woche der Großen Fastenzeit. Diese können Laien komplett beten. Besonders zu empfehlen sind die Gottesdienste der ersten Fastenwoche, da diese fast unverändert in jeder anderen Fastenwoche gelesen werden.

3.

Am Sonntag und an den Feiertagen sollten Sie zu Hause nicht die Liturgie selbstständig lesen. Statt der Liturgie können Sie das Stundengebet (Erste, Dritte und Sechste Stunde) sowie die Typika lesen. Diese finden Sie hier bzw. hier (jeweils nach unten scrollen).

4.

Gebet während einer verheerenden und tödlichen Seuche

Herr, unser Gott, schaue von der Höhe Deiner Heiligkeit auf die Gebete von uns Sündern, Deinen unwürdigen Knechten, die durch unsere Gesetzlosigkeiten Deine Güte erzürnt und Deine Barmherzigkeit verärgert haben; und gehe nicht ins Gericht, mit Deinen Knechten sondern wende ab Deinen furchtbaren Zorn, den Du zu Recht auf uns richtest, und nimm fort die verderbliche Verurteilung, wende ab Dein drohendes Schwert, das uns unsichtbar vorzeitig schlägt. Hab Erbarmen mit Deinen niedrigen und armen Knechten, und verschließ nicht im Tod unsere Seelen, die in Reue mit gebrochenem Herzen und mit Tränen zu Dir, unserem Barmherzigen, Gütigen und Wohlwollenden Gott kommen. Dir ist es ja eigen, sich zu erbarmen und uns zu retten, unser Gott, und Dir senden wir die Verherrlichung empor, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.

(Quelle: www.rokmp.de)


Gebet Seiner Heiligkeit des Patriarchen Daniel von Rumänien zur Beendigung der Epidemie:

Herr, unser Gott, der Du reich an Erbarmen bist und mit Deiner weisen Vorsehung unser Leben begleitest, erhöre unsere Gebete, empfange unsere Buße für die Sünden, gebiete dieser neuen Seuche Einhalt und beende sie, wie Du die Züchtigung deines Volkes zur Zeit Davids abgebrochen hast. Du bist der Arzt unserer Seelen und Leiber. Heile die Erkrankten, richte sie vom Schmerzenslager auf, damit sie Dich verherrlichen, barmherziger Erlöser, und schütze die Gesunden und bewahre sie vor aller Krankheit. Segne, stärke und beschütze, Herr mit Deiner Gnade alle, die sich mit großer Menschenliebe und Opferbereitschaft um die Kranken zu Hause oder in Krankenhäusern kümmern.
Vertreibe Krankheit und Leiden der Völker und lehre uns, Leben und Gesundheit als Deine Gaben zu schätzen.
Schenke, o Herr, deinen Frieden und erfülle unsere Herzen mit unerschütterlichem Glauben an Deinen Schutz, mit Hoffnung auf Deine Hilfe und mit Liebe zu Dir und zu den Nächsten.
Denn Dir ist es eigen, Dich zu erbarmen und uns zu erretten, unser Gott, und Dir senden wir Lobpreis empor, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.


Eine Übersicht über verschiedene orthodoxe Gebete und Gottesdienste, die es zu erwerben oder im Internet herunterzuladen gibt, finden sie unter: www.orthodoxie-in-deutschland.de