Eine Rezension des ehemaligen DOM-Mitglieds Dr. Wolfgang Lindemann.

Buchtitel Rod Dreher Die Benedikt-Option

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Jede Generation kann mit einigem Recht sagen, jetzt sei es schlimmer als früher: Unsere Großeltern in den Weltkriegen und den Christenverfolgungen in „roten“ oder „braunen“ Diktaturen. Das 19. Jahrhundert mit den Folgekriegen der französischen Revolution und der Verelendung der Arbeiterschaft durch die industrielle Revolution – aber diesmal ist es wirklich NOCH schlimmer: Diesmal trifft es nicht die Gesamtgesellschaft, sondern die Christenheit und gerade in den freien „liberalen“ Demokratien. Und es kommt zu keinen starken geistlichen Erweckungsbewegungen wie im 20. und 19. Jahrhundert, weil das westliche Christentum eben durch diese liberalen Gesellschaften von außen UND von innen vernichtet wird: Seit fast 2 Generationen sind alle beobachtbaren Parameter christlichen Lebens (wie Gottesdienstbesuch) im freien Fall und entweder wie in Frankreich nahezu verschwunden oder wie in Deutschland kurz davor[1]. DAS gab es noch nie, und wir haben es noch nicht mal gemerkt – und wo wir es gemerkt haben, begreifen wir weder, wie es dazu kam noch was wir tun könnten, obwohl doch der Grund offenbar ist: die unermessliche Verführung durch die „Welt“ – die Massenmedien tragen überall überallhin alles nur nicht die Botschaft Jesu. Und weil dieselbe liberale Gesellschaft, weil sie liberal ist, für sie ganz natürlich auch theologische Ausbildungsstätten finanziert und wir uns gerne helfen lassen … aber sie damit zugleich Einfluss auf deren Lehrpersonal bekommt, das dann zwangsläufig auch nach „liberalen“ Kriterien ausgewählt wird. Und dann der neuen (Theologen)Generation Bibelkritik, Relativismus und schlimmeres beibringt.

Darum ist es Zeit, zu „erwachen“, wie der Untertitel der Einleitung des Buches „Die Benedikt-Option“ von Rod Dreher lautet, in den USA ein Verkaufsschlager, der derzeit in diverse Sprachen übersetzt wird und dessen deutsche Auflage auch im einzigen deutschsprachigen orthodoxen Buchverlag „Hagia Sophia“ vertrieben wird  – ist doch Rod Dreher einer von uns. Aufgewachsen in einer liberalen post-reformatorischen evangelischen Großkirche, hat er sich in seinen 20ern zum Katholizismus bekehrt, ein Erwachsenenleben als konservativer katholischer Intellektueller verbracht und hat etwa zeitgleich wie die Hagia-Sophia-Gründer zur Orthodoxie gefunden.

Im Einzelnen, aber mit der gebotenen Kürze sei erläutert, was der Buchtitel in einem Satz sagt. Zunächst: Wir Christen prägen nicht mehr die Gesellschaft, auch nicht in den USA, wo das noch vor kurzer Zeit anders war – im Gegenteil, wir sind gerade im ehedem freien Westen am Rande der offenen Verfolgung. Stichwort „Antidiskrimination“. Seit 2005 wird z.B. in Frankreich bestraft, wer öffentlich Homosexualität als der Heterosexualität moralisch unterlegen bezeichnet; oder wenn ich in meiner Praxis eine „ungewollt Schwangere“ überzeugen möchte, nicht abzutreiben, gar Hilfsadressen von Lebensschutzorganisationen gebe und die meldet das, dann bin ich vielleicht beim ersten Mal noch nicht meinen Beruf los, aber bekomme mindestens ein Jahr Berufsverbot. Und es wird schlimmer – in den USA ist es schon schlimmer, durch die Macht der 5 „GAFAM“ – Großkonzerne, die in der ganzen Welt mit ihren riesigen finanziellen Mittel massiv z.B. die LGBT Bewegung fördern, großen Politik- und Medieneinfluss haben…

Wir müssen also Strategien entwickeln, als Subkultur und Minderheit in einer feindlichen Mehrheitsgesellschaft zu überleben (womit ja gerade die Orthodoxie reichlich Erfahrung hat, von Nordafrika über Kleinasien bis zum Balkan …), denn schicksalhaft-unabwendbar ist der Niedergang nicht[2]:

Wir sollen unsere Kräfte nicht (mehr) zuerst in den politischen Kampf z.B. gegen Abtreibung stecken (Dreher schreibt für US-Verhältnisse), stattdessen den Reichtum unserer christlichen Tradition nicht nur wiederentdecken, sondern effizient weitergeben – durch christliche Schulen. Wir sollen möglichst enge Gemeinschaften bilden, über unsere Gemeinden – in „Ghettos“ werden wir nie abrutschen, dazu ist die Gesellschaft viel zu offen – , geistig, moralisch und selbst physisch: Zusammengehörigkeitsgefühl, gemeinsam beten, Bibel und Kirchenväter lesen…, aber auch bevorzugt bei christlichen Unternehmern einkaufen und vor allem, wenn irgend möglich, physisch nahe der Gemeindekirche wohnen. Je mehr wir so zusammen sind, desto einfacher ist es für uns. Dreher beschreibt seine eigene Erfahrung und zeigt, dass diese typisch war[3]. Unsere Gemeindepriester sollen nicht nach dem Prinzip verfahren „Reizthemen meiden, um so viele wie möglich noch zu halten“, sondern wie die Apostelbriefe und der Herr Selbst in den 7 Briefen an die Kirchen Kleinasiens das Gute loben, lehren, was unbekannt ist oder vergessen wurde, und öffentliche Sünde tadeln, ganz besonders im Bereich „Sexualität“. Enthaltsamkeit und Keuschheit bis zur und in der heiligen Ehe, und nicht nur wegen der massenhaften Trennungen und Alleinerziehenden als Armutsrisiko Nummer 1. Ich teile die Meinung Drehers – 10% des Buches widmet er dem  Thema – dass die 68er mit ihrer Enthemmung aller Triebe im allgemeinen und der Sexualität im Besonderen eine zentrale Rolle bei der Entchristlichung spielen, aber die Begründung sprengt hier den Rahmen. Wenn die Prediger nicht mehr sagen, dass und warum wir bis zur Ehe enthaltsam und vor wie in der Ehe keusch leben sollen (und dass Gott ALLES vergibt, wenn wir Ihn nur darum bitten), woher sollen wir Überzeugung und Mut zum Anderssein nehmen??

Didaktisch geschickt und geistlich angemessen – Ziel ist ein Leben in engster Verbindung mit dem Herrn Jesus – macht er sein „Maßnahmenpaket“ an der Klosterregel unseres orthodoxen Heiligen Benedikt fest – geordneter Wechsel von Arbeit, Gebet, Studium in stabilen kleinen Gemeinschaften, die sowohl Askese wie Gastfreundschaft üben, mit Bibliothek und Klosterschule, und auf die Umgebung eine Strahlkraft hatten und immer haben werden. So wurde schon einmal das heutige Abendland christianisiert, mag auch die Benediktsregel kein Idealtypos des echten orthodoxen (athonitischen) Klosterlebens sein (Stichwort: „Jesusgebet“ – fehlt der Regel). Für unsere Zwecke – wie ÜBERLEBEN wir als orthodoxe Christenheit = wie bleibt die nächste Generation Christen – genügt das Buch, und überhaupt schreibt Dreher so, dass er Christen aller vier „Konfessionen“ (katholisch, evangelisch-großkirchlich, evangelisch-freikirchlich und orthodox) anspricht. Dadurch die Hundertausende verkaufter Bücher mit der entsprechenden Breitenwirkung – die wir brauchen, um die Verfolgung, die beginnt, vielleicht noch abzuwenden – aber auch manche Kompromisse, sowie zwei grundsätzliche Probleme des Buches: Seine Erklärung, wie die Krise entstanden ist, halte ich für völlig falsch; Grund ist, dass er nicht wirklich so denkt, wie ein „erweckter“ oder „wiedergeborener“ Christ, um einen freikirchlichen Ausdruck zu nehmen, „gotttragend“ entspricht dem in etwa in der Orthodoxie – er war vielleicht zu lange Katholik („Glaube ist alles für wahr halten, was die Kirche zu glauben vorlegt“ ist die völlig falsche klassische vatikan-katholische Katechismusdefinition seit dem Tridentinum). Aus demselben Grunde ist auch sein Entwurf für christliche Schulen defizitär, gerade dieser Abschnitt ist noch der eines römischen Katholiken. In Kurzform: Für Dreher ist Glaube nicht zentral ALLES, die ganze Existenz, Jesus anzuvertrauen, zu Jesus zu sagen „Mein Herr und Gott“ statt ungläubig zu sein (z.B. Joh 20, 27f). Und auch darum versteht er nicht wirklich DIE zentrale Bedeutung von Bibelstudium, der GANZEN Bibel (Gesetz und Propheten, die Geschichte Gottes mit uns), weil und dass und warum die Bibel ein grundsätzlich anderes Buch ist als jedes andere Buch: wegen der Erhabenheit ihrer Botschaft, wegen ihrer inhaltlichen Einheit – trotz Dutzender Autoren über 1500 Jahre; wegen der Exaktheit ihrer historischen und archäologischen Informationen – und wegen der alleine in Jesus hunderten erfüllten Prophetien. Und weil diese Beweise für den göttlichen Ursprung der Bibel in ihr selber  enthalten sind, ist bibeltreues Christentum unzerstörbar, und die Orthodoxie – die Kirchenväter waren, was die liberale Gesellschaft heute höflich „unkritische Bibelfundamentalisten“ nennt – ist ebenso unzerstörbar, weil es wegen ihrer echten kollegialen Struktur einfach niemanden gibt und schon gar keinen „Stellvertreter Christi“, der die Orthodoxie von innen zerstören kann. Es wird immer wieder und immer mehr Schismen geben, ja, aber bibeltreues = orthodoxes Christentum ist von Gott selbst so abgesichert, dass es nicht zerstört werden kann, nicht insgesamt. Aber alleine schon weil biblische Texte kurz und dicht sind, über 2000 Jahre und ein Dutzend Hochkulturen umfassen, uns die Lebensweise der vorindustriellen Gesellschaft fremd geworden ist, kann die Bibel nur wirklich verstehen, wer weiß, was die Weisheit Ägyptens war, wer die Hethiter, Assyrer, Babylonier, Perser und erst am ganz Ende die Römer und Griechen waren – auf die Dreher sich als guter (Ex-)Katholik beschränkt, auch in seinem defizitären Entwurf für christliche Schulen.

Die eigentliche Botschaft des Buches aber ist freilich „Wie überleben wir“ und sie ist gut, erprobt und so zu empfehlen wie, mit den genannten Einschränkungen, das ganze Buch.


[1] Wie sich das in den USA dann für die Orthodoxie darstellt siehe 
http://www.pravmir.com/can-church-survive-usa/

[2] Mönche und Klöster leiten die Wende ein Siehe diese Dokumentation über Ephraim von Arizona

[3] Originär sind nicht so sehr seine Gedanken, als ihre summierte geschickte Darstellung als Buch. Vergleiche z.B. www.pravmir.com/why-do-sincere-long-time-believers-leave-the-church