Grundzüge der Militärethik aus der Sicht der christlichen Orthodoxie

Vr. Alexander Lapin, Orthodoxe Militärseelsorge

Vr. Alexander Lapin ist der erste orthodoxe Militärseelsorger des Österreichischen Bundesheeres

Einführung

Im Zusammenhang mit dem Begriff „Militärethik“ denkt man häufig an zwei ähnliche Begriffe: „militärische Disziplin“ und „militärische Moral“. Während sich die „militärische Disziplin“ auf das automatisierte Funktionieren innerhalb des hierarchisch gegliederten Verbandes der Armee bezieht und als solche grundsätzlich antrainierbar ist, betrifft die „militärische Moral“ vor allem die innere Einstellung der Truppe, ja jedes einzelnen Soldaten. Auch die „militärische Moral“ ist keine Konstante. Sie kann durch bestimmte Umstände verbessert werden, sie kann aber auch darniederliegen. Auf jeden Fall weist die „militärische Moral“ stets eine zukunftsbezogene Dimension auf. Ohne eine Perspektive gäbe es vermutlich keine „Moral“, wobei eine solche Perspektive auch nach dem allfälligen Tod eines Soldaten ihren Sinn haben soll. Beispielsweise wenn es sich um die Befreiung der eigenen Heimat handelt, in der später ein friedliches Leben der nachfolgenden Generationen möglich sein soll.

Ein solches eschatologisches[1] Bewusstsein ist ohne Spiritualität kaum denkbar. Spiritualität wiederum steht im Mittelpunkt jeder Religion, wobei die Religion den Angelpunkt jeder Kultur bildet, wenn es um ethische Werte oder einfach um moralische „Regeln“ geht, die den Lauf des täglichen Lebens einer Gesellschaft bestimmen. Man kann also sagen, dass die Religion, ohne auf die Frage der Religiosität einzugehen, letztendlich die Mentalität jedes Volkes bzw. jeder Kultur weitgehend bedingt.

Gerade in der heutigen Zeit, in der man vielen Kulturen begegnet, ist es sinnvoll, eine gewisse Kompetenz in solchen Situationen aufzuweisen. Zwar ist es nicht möglich, die Kompetenz für alle denkbaren Kulturen und Situationen im Voraus zu erwerben, doch es ist wichtig, ein grundsätzliches Interesse für eine derartige „transkulturelle“ Problematik aufzubringen. So soll auch dieses Referat Militärethik aus der geschichtlichen und theologischen Sicht des orthodoxen Christentums näherbringen, was möglicherweise eine unerwartete Sicht auf einen Teil der europäischen Geschichte eröffnet.

Die orthodoxen Christen

Spricht man von einer „orthodoxen“ Militärethik, also von Militärethik, die sich auf die Geschichte der Völker des östlichen Christentums bezieht, so sollte man einige grundlegende Aspekte in Erinnerung rufen.

Die „Orthodoxe Kirche“ setzt sich heute aus 14 sog. „autokephalen“ nationalen orthodoxen Kirchen zusammen, welche jeweils von einem eigenen Oberhaupt (Patriarchen oder Metropoliten) geleitet werden und administrativ völlig selbständig sind. Gemeinsam bilden sie jedoch eine einheitliche Konfession, die sich auf gemeinsame Lehre und Tradition beruft. Ihrem Verständnis nach leitet sich die Orthodoxe Kirche von dem Pfingstwunder ab, wobei auf die Einhaltung der nachfolgenden apostolischen Sukzession strikte geachtet wird. Zugleich ist die Geschichte der Orthodoxen Kirche bis zum „Großen Schisma“ im Jahre 1054, also bis zur Trennung von der westlichen Kirche Roms, identisch mit der Geschichte des gesamten Christentums. Charakteristisch an der orthodoxen Theologie ist ihre Orientierung an den Zeiten der alten Kirche, an der Heiligen Schrift sowie am Wirken der alten Kirchenväter. Auch die elf Jahrhunderte (324-1453) der byzantinischen Geschichte dienen hier vielfach als Vorbild, wenngleich nicht immer unreflektiert.

Der Große Bruch innerhalb des Christentums im Jahre 1054 erfolgte keineswegs abrupt, sondern war das Ergebnis eines allmählichen kulturellen Auseinanderlebens beider Hälften des Mittelmeerraumes. Während im Westen Rom als der Sitz eines kirchlichen Oberhauptes und für Christen in mehreren unterschiedlichen Staaten zuständig war, war die Situation im mediterranen Osten eine umgekehrte. Hier gab es mehrere bedeutende christlich-kulturelle Zentren wie Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Ephesos, aber nur einen Kaiser von Neu-Rom (Konstantinopel), der mit entsprechend gewichtigem politischen Einfluss ausgestattet war.

Das unterschiedliche kulturelle Erbe beeinflusste auch das jeweilige christlich-theologische Denken. Während sich der Westen aus der lateinischen Tradition des rational pragmatisch denkenden alten Roms entwickelte, lebte der Osten des Mittelmeeres aus dem Erbe verschiedener antiker Kulturen und Sprachen. Während man sich im Westen stets auf eine einigende Autorität berief, stand im Osten stets das allegorische, symbolische, ja mystische Denken im Vordergrund. So ist die „Meinung der Kirche“ im Osten weniger durch offizielle Hirtenbriefe und Enzykliken der Kirchenleitung repräsentiert als vielmehr durch ein „Mosaik“ aus verschiedenen, z. T. recht unterschiedlichen Ansichten diverser Kirchenväter und anderer charismatischer Persönlichkeiten. Die synodale Struktur, die aus vielen Patriarchaten und Metropolien besteht, stand also im deutlichen Gegensatz zur einigenden Institution des römischen Papstes, was letztlich zum unterschiedlichen Kirchenverständnis und damit zum gegenseitigen Unverständnis beigetragen hat.

Ein weiterer Aspekt der Unterschiedlichkeit ergab sich aus der differenten Entwicklung des Christentums nach der Großen Trennung. So hat sich die Zeit des Mittelalters in der Geschichte der Ostchristen anders als in Westeuropa dargestellt. Man kennt hier so gut wie nicht die Zeit der Inquisition, und auch die allzeit bestimmende Rolle der mittelalterlichen Kirche war im Osten als solche weit weniger ausgeprägt. Die Epochen der Renaissance, der Reformation und der Religionskriege sind hier gänzlich abwesend, ebenso wie die neuzeitige Aufklärung. Die Entdeckung der Neuen Welt und der anschließende Kolonialismus betrafen das Schicksal der östlichen Christen kaum wesentlich. Stattdessen wurde ihr Leben insbesondere in Nahost und in Südosteuropa durch Fremdherrschaft und von Andersgläubigen geprägt. Die Sorge ums Überleben, sei es nur im kulturellen Sinne, stand somit stets in Vordergrund.

Nicht anders war es auch in Bezug auf Russland, wo es lange geschichtliche Perioden der Wirren und Isolation gab. Die neuzeitige Geschichte der Ostchristen wiederum ist durch die Zeit des militanten Atheismus gekennzeichnet, dessen erklärtes Ziel die Überwindung jeglicher Religion war. In der Praxis bedeutete dies häufig eine gezielte neuzeitliche Verfolgung der Christen oder zumindest ihre bewusste Diskreditierung. Auch hier stand die Sorge ums Überleben im Vordergrund.

Es ist ein Paradoxon der Geschichte, dass es gerade jetzt, in unserer Zeit, zum Wiedererwachen der orthodoxen Christen kommt und dies oft außerhalb ihrer eigentlichen Heimatländer erfolgt. So gesehen, eröffnet die Tradition der orthodoxen Christen manchmal eine längst verloren geglaubte christliche Perspektive, die aber oft hohe Aktualität aufweisen kann. Die Betrachtung der „Orthodoxen Militärethik“ soll somit einen bemerkenswerten Blickwinkel auf die eigene, ja ur-europäische kulturelle Dimension eröffnen.

Ein Ereignis vor mehr als fünf Jahrhunderten zurück (1380)

Versetzen wir uns in das Osteuropa des 14. Jahrhunderts. Der Subkontinent ist in drei Einflusssphären eingeteilt. Der Osten wird von der „Goldenen Horde“ des tatarischen Kublaj Khan dominiert, die im Norden Osteuropas russische Fürstentümer als Vasallen beherrscht. Von Nordwesten breitet sich der katholisch geprägte großlitauische Staat aus. Es liegt in der Natur der Sache, dass es im Mittelpunkt dieser drei Gebiete bald zu einem Konflikt kommen musste. Es geht um die Stärkung des tatarischen Einflusses, die auf Kosten der Autonomie der russischen Fürstentümer erfolgen sollte. So werden tatarischen Truppen zum Leidwesen der eingesessenen christlichen Bevölkerung immer aktiver und immer bedrohlicher. Man befürchtet seitens der russischen Fürstentümer das, was heute als ethnische Säuberungen bezeichnet wird.

Unweit von Moskau stattet ein junger Fürst Dimitri einem alten Eremiten, Sergios von Radonesch, einen Besuch ab. In seiner verzweifelten Lage bittet er den heiligen Mann um einen Segen für die Schlacht gegen die verhassten Unterdrücker. Legenden berichten, dass es hier zu einem interessanten Dialog gekommen ist. „Hast du versucht, den Frieden mit den Tataren zu schließen?“, soll der Mönch Sergios den Fürsten Dimitri gefragt haben. “Hast du ihnen noch höhere Tributzahlungen angeboten?“ „Hast du versucht, ihnen eine freiwillige Unterwerfung deiner Leute vorzuschlagen“? „Denn ein Krieg, das weiß du ja, ist das Schlimmste, was es geben kann!“

Doch die Verzweiflung des jungen Fürsten Dimitri blieb unverändert. „All das haben wir schon versucht, ehrwürdiger Vater, doch das was jetzt kommt, läuft auf eine schlichte Vernichtung unseres Volkes zu, unserer Greise, Mütter und Kinder. Wir haben keine andere Wahl …“

Das, was nun folgte, ist historisch belegbar. Mönch Sergios erteilte Fürst Dimitri seinen Segen und die Schlacht am Feld zu Kulikowo sollte nun stattfinden. Um Blutvergießen möglichst zu vermeiden, wurde allerdings ausgemacht, dass nicht die Schlacht, sondern ein Duell zweier der stärksten Krieger die Auseinandersetzung entscheiden soll. Trotzdem kam es zur blutigen Schlacht. Sie brachte zum ersten Mal den Sieg der Christen über die Tataren. Aber es dauerte noch eineinhalb Jahrhunderte, bis die Fremdherrschaft überwunden werden konnte.

Aus dieser Schilderung ergeben sich nun einige Fragen:

  • Wie weit ist es legitim, dass ein Geistlicher einen Segen zu einer Schlacht gibt?
  • Kann Töten, wie auch immer, gerechtfertigt sein?
  • Wie ist es mit dem Heldentum der Soldaten aus christlich-orthodoxer Sicht?
  • Gibt es so etwas wie einen „gerechten Krieg“?
  • Inwieweit ist Pazifismus mit dem soldatischen Auftrag vereinbar?
  • Wie sehen diese Dinge aus der Sicht der orthodoxen Geschichte, Theologie und Tradition aus?

Friede im biblischen Kontext

Mit dem Thema „Orthodoxe Militärethik“ befassen sich u. a. zwei zeitgenössische orthodoxe Theologen: Alexej I. Osipov, Professor der Moskauer Theologischen Akademie, und Stanley Harakas, Priester und emeritierter Professor an der „Holy Cross“, der Griechisch-Orthodoxen Hochschule in Brookline bei Boston, im Bundesstaat Massachusetts. Beide Theologen beginnen ihre Abhandlung mit der sprachlichen Analyse des Begriffs „Frieden“ [2],[3] und stellen fest, dass dieser Begriff im Alten und im Neuen Testament eine gewisse sprachliche Nuancierung aufweist.

Das Wort „Frieden“, „Shalom“ שלום, kommt im Alten Testament verhältnismäßig oft vor, und zwar in vielen Bedeutungsvarianten, wie Unversehrtheit, Befreiung vom Unglück, Wohlbefinden, Sicherheit, aber auch als Heil, Gesundheit oder Prosperität.

„…meine Gnade wird nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, dein Erbarmer“ schreibt der Prophet Jesaja [Jes 54, 10]

 „Shalom“ kann auch als Geschenk Gottes verstanden werden. Etwa in einem Zitat aus dem gleichen Buch: „Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben auf dem Thron Davids!“ [Jes 9, 6].

Umgekehrt figuriert „Shalom“ auch als Gegenteil eines falschen Versprechens, wie beispielsweise im Buche Jeremias zu lesen ist „…Und sie heilen den Schaden der Tochter meines Volkes leichthin, indem sie sprechen: „»Friede, Friede!«, wo es doch keinen Frieden gibt. Schämen sollten sie sich, weil sie Gräuel verübt haben!“ [Jer 6, 14].

Der Begriff „Shalom“, wie er als Begriff für Frieden im Alten Testament vorkommt, ist hauptsächlich im gemeinschaftlichenund sozialenKontext zu verstehen, meinen beide zeitgenössischen orthodoxen Theologen, Professor A.I. Osipov und Vater Stanley Harakas übereinstimmend.[4], [5]

Auch im Neuen Testament kommt der Begriff „Friede“ vor. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass das Neue Testament in griechischer Sprache verfasst ist und hier für diesen Begriff das Wort „Eirene“, Eἰρήνη, verwendet wird. Gegenüber Shalom weist die Bedeutung von Eirene eine weitere Nuancierung auf. Eirene kann auch Liebe im Sinne der Abwesenheit von Zwist bedeuten. Eirene kann ebenso Eintracht bedeuten, ein positives Ideal und Ziel der zwischenmenschlichen Beziehung. Mit Eirene ist ein „Normativ“ der Mensch-Gott Beziehung gemeint, im Sinne des inneren Friedens, ja der letztendlichen Erlösung.

In seinen Briefen spricht der Heilige Apostel Paulus relativ häufig von Frieden – Eirene: „Der Gott des Friedens sei mit euch allen! …“ lesen wir in seinem Brief an die Römer[Röm 15, 33]. „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens“, steht quasi begründend im ersten Brief an die Korinther [1 Kor 14, 33], und der göttliche Bezug dieses Begriffes in dem Brief an die Hebräer zeigt: „»König der Gerechtigkeit«, dann aber auch als »König von Salem«, das heißt König des Friedens …“ [Hebr 7, 2].

Über „Eirene“ im Sinne der Heiligung und Erlösung lesen wir an anderen Stellen der Paulus-Briefe: „Trachtet nach dem Frieden mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird!“ [Hebr 12, 14], oder „Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes [Wesen], der Geist, die Seele und der Leib, möge untadelig bewahrt werden bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus!“ [1Thess 5,23].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Begriff „Friede/Eirene“ vor allem im Kontext des inneren Friedens der Seele erst nach der Schuldbefreiung von den Sünden erreicht werden kann.

Interessant ist auch die Frage nach dem Gegenteil des Begriffes Eirene. Meist ist damit im Neuen Testament Krieg, Zwist und zügellose Gewalt gemeint. So liest man im Evangelium nach Matthäus folgenden Satz: „Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Platz! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen! [Mt 26,52]

Die Verwendung des Schwerts ist abzulehnen, da sie offensichtlich den Anlass zu Gewalt und Krieg gibt, in dem die zügellose Gewalt und Wut das Böse gebären lässt.

Eine solche Verwendung des Schwerts kommt der Abkehr vom Willen Gottes gleich, dem Willen Gottes nach Frieden und Liebe. Eine derartige Abkehr gegenüber dem Wille Gottes kommt einer Sünde gleich.

In einer anderen Stelle des Evangeliums lesen wir aber einen scheinbar völlig konträren Satz: Ihr sollt nicht meinen, dass Ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert![Mt 10, 34].

Wie kann das „Schwert“, von dem hier die Rede ist, verstanden werden, da es scheinbar im Widerspruch zum Willen Gottes steht, der ja Frieden und Liebe in den Mittelpunkt stellt?

Die Präzisierung ergibt sich aus einer anderen Stelle des gleichen Evangeliums:

„Und Jesus ging in den Tempel Gottes hinein und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, und stieß die Tische der Wechsler um …“ [Mt 21,12].

Der Zorn des Erlösers, der hier beschrieben wird, ist keineswegs zügellos gewalttätig. Vielmehr handelt es sich um so etwas wie „gerechten Zorn“. Folgt man dem Gedanken des Evangeliums, so ist hier als Übel die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen gemeint. Die Menschen werden aufgerufen – sollten sie nun dem Christus folgen wollen – sich dem Bösen entgegenzustellen. Und dies mit aller Konsequenz! Zugleich aber soll die Gewalt nicht eskalieren, denn eine zügellose Gewalt, wie bereits gesagt, ist ein Übel.

Soldaten im Neuen Testament und in der frühchristlichen Zeit [6]

Im Neuen Testament werden die Angehörigen des soldatischen Berufsstandes gleich an mehreren „strategischen“ Stellen erwähnt.Eine Schlüsselszene, wo Soldaten vorkommen, spielt am Anfang des Evangeliums nach Lukas.

Als der Heilige Johannes der Täufer die Menschen zur Buße und zur Bekehrung ruft, kommen Soldaten zu ihm, wonach sich ein interessantes Gespräch entwickelt: „Es fragten ihn aber auch Kriegsleute und sprachen: Und was sollen wir tun? Und er sprach zu ihnen: Misshandelt niemand, erhebt keine falsche Anklage und seid zufrieden mit eurem Sold!“ [Lk 3, 14].

Mit den Worten der heutigen Zeit ausgedrückt, verlangt der Vorläufer Christi von den Soldaten nicht mehr und nicht weniger, als dass sie ihren „Job“ ordentlich machen. Er verlangt von ihnen nicht, dass sie abrüsten und sich pazifistisch geben, und er verlangt auch nicht, dass sie sich heldenhaft exponieren für Dinge, die zur gegebenen Zeit gar nicht relevant sind. Das, worum es hier geht, ist ihre persönliche Einstellung, die es gebietet, mit der ihnen anvertrauten Macht und Gewalt mit Vernunft und Mäßigung umzugehen, keine neue Ungerechtigkeit zu produzieren und vor allem mit sich selbst ins Reine zu kommen (seid zufrieden …).

Viel dramatischer wird die innere Einstellung, um die es in Bezug auf die Militärethik geht, durch die Worte des Hauptmanns aus der Stadt Kapernaum im Evangelium nach Matthäus: „Herr, ich bin nicht wert, dass Du unter mein Dach kommst, aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund werden! [Mt 8, 8]. An einer anderen Stelle sagt dieser Kommandant, der ja aus dem Volk der ausländischen Besatzer kommt, dass er gewohnt ist, seinen Untergebenen etwas nur zu sagen, und sie gehen und tun das, was ihnen befohlen wurde. So gesehen könnte dem Hauptmann das Schicksal jedes seiner Soldaten grundsätzlich gleichgültig sein. Es ist es aber nicht! Der Hauptmann sorgt sich um seinen kranken Soldaten letztlich wie ein Vater. Darüber hinaus ist er sich bewusst, welche Macht ein Wort haben kann. Noch dazu ein Wort vom Sohn Gottes!

Anders ausgedrückt: Auch wenn man gewohnt ist mit den Dingen auf logische Weise umzugehen – Glaube kann grundsätzlich stärker sein als manche Logik und objektive Erfahrung.

Der militärische Berufsstand wird auch an anderen Stellen des Evangeliums erwähnt, bisweilen im durchaus ehrenwerten und prominenten Kontext: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ [Mk 15,39], sagt ein römischer Offizier, als er dem Tod Jesu am Kreuz unmittelbar beiwohnen muss. Ein anderer Soldat namens Cornelius gilt als der erste Heide, der getauft wurde, und der später die Bischofsweihe empfangen hat [Apg 10, 10].

Heilige Merkurios (+250), Patron der Orthodoxen Militärseelsorge Byzantinisches Fresko um 1295, Ohrid
Heiliger Merkurios (+250), Patron der Orthodoxen Militärseelsorge Byzantinisches Fresko um 1295, Ohrid, MK (Wikipedia)

Die Tradition der positiven inneren Einstellung, man würde an dieser Stelle sagen – der positiven Moral im Sinne der christlichen Orthodoxie, setzt sich bei den sogenannten „Militärheiligen“ der frühchristlichen Zeit fort.[7] Es handelt sich dabei um Soldaten des Römischen Heeres, die auf ihrem Lebensweg mit dem Christentum in Berührung gekommen sind, dieses angenommen haben und ihr weiteres Leben nach den christlichen Grundsätzen zu gestalten versuchten. Meistens handelt es sich um sehr gute Soldaten und oft sind darunter beliebte Offiziere. Gemeinsam ist ihnen ihr christlicher Glaube, der sie unter anderem in Konfliktsituationen gebracht hat, als es darum ging, heidnische Gottheiten öffentlich verehren zu müssen. Diese an sich mit der militärischen Tätigkeit kaum in Zusammenhang zu bringende Geste war für sie prinzipiell unannehmbar. Das „Tanzen aus der Reihe“ durch das Festhalten auch am äußeren Ausdruck ihrer Überzeugung brachte ihnen Verspottung, Gewalt und Folterungen, und letztlich auch den Märtyrertod.

In der Ikonographie der Orthodoxen Kirche stellen die „Militärheiligen“ einen beliebten Typus dar. Meistens werden sie in voller Rüstung und mit gezückter Waffe abgebildet. Die Heiligen Demetrios, Artemios, Sergius, Florian, aber auch der Heilige Merkurios, ein beliebter römischer Offizier skythischer Herkunft,[8] der neuerlich zum Patron der österreichischen Militärseelsorge ausgewählt wurde.

Der bekannteste Militärheilige dürfte der Heilige Georg sein, oft auf dem weißen Ross reitend und mit der Lanze in rechter Hand den bösen Drachen tötend dargestellt. Man findet die Figur des Heiligen Georgs häufig in den Wappen von Staaten, Städten und Institutionen.

Ikone des hl. Georg vom Anfang des 13. Jahrhunderts
Ikone des hl. Georg (303) vom Anfang des 13. Jahrhunderts, mit Vita in Bildern, Katharinenkloster Ägypten

Bei aller martialischen Furcht haben die Waffen der Militärheiligen im Kontext der Ikonographie in erster Linie eine spirituelle Bedeutung. Auf manchen Ikonen sind um die Darstellung des Heiligen mehrere kleinere Bildchen angeordnet, die seine Vita erzählen. Beim Heiligen Georg ist es die Vita eines Märtyrers[9] (Abb.). Die Folterszenen sind grausam und stellen ausweglose Situationen dar, in denen sich der arme Heilige befindet. Geknebelt, ausgepeitscht, durchspießt und mit kochendem Wasser übergossen … Es ist sein standhafter Glaube, durch den ihm alle diese Torturen nichts anhaben können. Seine Perspektive ist gerichtet auf ein Reich hin, das nicht aus dieser Welt ist.

Krieg und Gewalt bei den Kirchenvätern

Die aktiven Verteidiger des Glaubens in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geschichte waren sog. Heilige Kirchenväter. Häufig besaßen diese, zumeist Männer, die notwendige Eloquenz und den Intellekt; sie waren daher auch als Theologen bedeutend. Doch in erster Linie zeichnete sich ihr Leben durch eine eigene asketische Erfahrung aus, die sie im Zuge ihres Lebens als einsame Eremiten in der Wüste gesammelt hatten. Hier, in der selbst gewählten Vereinsamung, waren sie zwar fern von den Gewalten und Intrigen der „Welt“, doch nicht weniger drückend war für sie ihr eigener Kampf gegen Versuchungen sowie um das eigene Überleben.

Nicht selten äußerten sich die Heiligen Väter auch zu Fragen der Gewalt und des Krieges, wobei diese Aussagen aus der historischen Sicht zwei Gruppen bilden.[10]

So lebten die ersten Kirchenväter noch in der Zeit des Römischen Reichs. Als deklarierte Christen mussten sie ständig mit der Verfolgung seitens der heidnischen Gesellschaft rechnen. Bemerkenswerterweise vertraten gerade diese Kirchenväter sehr radikale und geradezu pazifistische Ansichten.

So schrieb einer der frühesten Kirchenväter, der Heilige Justin der Philosoph (100-164): „Obwohl wir uns so gut auf Krieg, Mord und alles Böse verstanden hatten, haben wir alle auf der weiten Erde unsere Kriegswaffen umgetauscht, die Schwerter in Flugscharen, die Lanzen in Ackergeräte, und züchten Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Menschenfreundlichkeit, Glaube und Hoffnung, welche vom Vater selbst durch den Gekreuzigten gegeben ist.“[11]

Es ist ein Gedanke, der dem berühmten Prinzip des „zweiten-Backe-Hinhaltens“ [Lk 6,29] entspricht. Nicht nur das „Nicht-töten“ (Nicht-morden) ist generell anzustreben, schon das Zürnen ist im Grunde böse, da es leicht zu noch Böserem eskalieren kann. Besser ist es also, der Option eines Krieges radikal aus dem Weg zu gehen. Nicht der böse Mensch ist zu bekämpfen, sondern seine böse und damit eine abartige Einstellung!

Eine etwas differenziertere Ansicht vertritt der Heilige Hippolyt von Rom (170-235): „Der Christ soll nicht freiwillig, sondern von dem Anführer gezwungen Soldat werden. Er darf das Schwert führen, muss sich aber hüten, sich des Verbrechens des Blutvergießens schuldig zu machen. Wenn in Erfahrung gebracht wird, es sei von ihm Blut vergossen worden, so soll er sich der Teilnahme an den Mysterien (Sakramenten) enthalten …“[12] Hier wird über die Konsequenz der Gewaltausübung unter Berücksichtigung des „liturgischen Lebens“ der frühen Christen gesprochen. Etwas, was in der ersten christlichen Jahrhunderten von großer Bedeutung war.

Eine gänzlich pazifistische Position vertritt schließlich Origenes von Alexandria (185-254): „Über die Christen ist zu sagen … Da sie die Lehre empfangen hatten, sich nicht gegen ihre Feinde zu verteidigen, so hielten sie auch an dieser milden und menschenfreundlichen Gesetzgebung fest ...“[13]

Eine Zäsur in der Geschichte des frühen Christentums stellt das Mailänder Edikt dar, erlassen durch Kaiser Konstantin den Großen (272-337). Im Übrigen feiern wir heuer das 1.700-jährige Jubiläum dieses Ereignisses. Mit dem Mailänder Edikt wurde die jahrhundertelange Christenverfolgung beendet. Doch das Christentum wurde nicht nur legalisiert, es wurde zum zentralen Staatlichkeitsprinzip des Römischen Reiches erhoben. Von der „göttlichen Weisheit auf himmlischem Sitze“ ist im Text des Mailänder Dokuments zu lesen. [14] Ab nun sollte die Staatlichkeit des Römischen Reiches von zwei Autoritätsprinzipien bestimmt werden: von der Autorität des Kaisers und von der Autorität der Kirche. Diese beiden Prinzipien sollten sich im Sinne der sog. „Symphonia“ ergänzen – ein Symbol dafür ist seit dieser Zeit der „Doppeladler“ (Abb.)

Doppeladler, Symbol der „Symphonia“ weltlicher und geistlicher Macht (Wikipedia)

Gleichzeitig waren die Kompetenzen dieser beiden Staatlichkeitsprinzipien voneinander klar separiert. So lesen wir in den alten kirchlichen Gesetzen (Kanones) folgende Ausführung: „Wenn ein Bischof, Presbyter oder Diakon in der Armee dienen soll und sowohl die »römische Beauftragung«, als auch das priesterliche Amt behalten will, so soll er abgesetzt werden. Denn die Dinge des Cäsar gehören dem Cäsar, wie die von Gott dem Gott“ [Mt 22,21, Mk 12,17, Lk 20,25][15].

Auch wenn diese Vorgaben einen idealisierenden Charakter hatten und auch wenn es im späteren Byzanz, wie in jeder Gesellschaft, Machtintrigen gab, so bleibt es eine Tatsache, dass es in der Orthodoxen Kirche bis heute üblich ist, dass kein Bischof und auch kein Patriarch weltliche Macht besitzt oder ausübt. Das bedeutet, dass es in der Geschichte der Ostkirche keinerlei „Fürstbistümer“ oder ähnliche weltlich-kirchlichen Staatsgebilden gab.[16] Ebenso gab es keine kirchlichen exekutiven Institutionen, die der Inquisition vergleichbar wären.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass durch das Mailänder Edikt alle bisherigen Religionen und Kulte „unter Gewährung der freien Befugnis für alle übrigen“ toleriert werden sollten.

Da es evident ist, dass kein Staat ohne seine Exekutivorgane auskommen kann, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Kirchenväter der „nach-konstantinischen“ Zeit sich zu Fragen der militärischen Ethik differenzierter und pragmatischer äußerten, als es zuvor der Fall war.[17]

So meint der Heilige Athanasios der Große (298-373) in seinem Brief an den Einsiedler Amun zum Thema Töten im Krieg: “…so ist es nicht erlaubt zu töten; aber im Kriege die Gegner zu erschlagen ist nicht nur von dem Gesetze erlaubt, sondern auch lobenswürdig.“ „…Folglich ist eines und dasselbe gewissermaßen und zu einer gewissen Zeit nicht erlaubt, gewissermaßen aber und zu einer gewissen Zeit erlaubt und gestattet.[18]

Kaum eine halbe Generation später vertritt zum gleichen Problem der Heilige Basilius der Große (330-379) eine etwas andere Ansicht: „Die Tötung im Krieg rechneten unser Väter nicht unter den Mord. Meines Erachtens wollten sie dabei nachsichtig sein gegen die, die für Sitte und Glauben kämpften. Vielleicht empfiehlt sich aber der Rat, dass sie mit ihrer unreinen Hand drei Jahre wenigstens der Kommunion fernbleiben sollten.“[19]

Und sein Zeitgenosse, der Heilige Johannes Chrysostomos (349-407), präzisiert: „Am allerwenigsten ist es den Christen erlaubt, mit Gewalt die Fehler der Sünder bessern zu wollen. Allerdings die weltlichen Richter zeigen ihre volle Gewalt den Übeltätern gegenüber, sobald dieselben den Gesetzen verfallen sind, und hindern sie, auch wider ihren Willen, ihren bisherigen Lebenswandel weiterzuführen.“[20]

Beide Aussagen lassen sich als ein Appell an die Eigenverantwortung verstehen, vor allem als ein Appell an die Kämpfenden selbst. Ja gewiss, es gibt Situationen, wo die Gewalt, die einen tödlichen Ausgang zu Folge hat, letztlich nicht zu vermeiden ist. Doch das willkürliche Erlöschen eines Lebens für welche Zwecke auch immer ist und bleibt eine Sünde. Das muss dem Betreffenden klar sein.

Der „gerechte Krieg“

Anders stellte sich diese Frage im Westen dar. Erinnern wir uns: In diesem Teil der damaligen Welt wurde weit weniger allegorisch und symbolisch über die Theologie gesprochen. Vielmehr war hier die Argumentation stets logisch, rational und beinahe juridisch begründet.

Der selige Augustinus von Hippo (354-430), der als produktivster und einer der wichtigsten Kirchenväter des Westen gilt, schrieb zum Thema Krieg und Gewalt bemerkenswerte Worte:

„… Was, in der Tat, ist denn überhaupt so falsch am Krieg? Dass Menschen sterben, die ohnehin irgendwann sterben werden, damit jene, die überleben, Frieden finden können? Ein Feigling mag darüber jammern, aber gläubige Menschen nicht.“ Und weiter: Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen.“ „… Selbst wenn das Geben eines Befehls den Herrscher schuldig machen sollte, ist der Soldat, der ihm gehorcht, unschuldig. Wie viel unschuldiger muss da ein Mann sein, der einen Krieg führt, der von Gott befohlen wurde, der ja niemals etwas Falsches befehlen kann, wie jeder weiß, der ihm dient?“[21]

Die Werke und Thesen des Seligen Augustinus inspirierten in vielerlei Hinsicht die Theologie des westlichen Christentums, und zwar in gleichen Maße sowohl der katholischen als auch der evangelischen Seite. Während der Epoche der Scholastik (ab dem 11. Jahrhundert) wurden anhand augustinischer Thesen die Begriffe gerechter Krieg (bellum iustum) Recht zum Krieg (ius ad bellum), Recht im Krieg (ius in bello) entwickelt und theologisch begründet. Besonderes Augenmerk wurde diesen Begriffen in den Werken des Thomas von Aquin (1225-1274) geschenkt.[22],[23]

Nun, es mag sein, dass man mit diesen Thesen einverstanden sein kann – doch wer entscheidet letztlich darüber, ab wann ein Krieg gerecht ist und ab wann nicht mehr? Eine solche Einschätzung, zumindest aus theologischer Sicht, ist in der Tradition des westlichen Christentums die Angelegenheit der Theologen-Experten. In der römisch-katholischen Kirche spricht man in diesem Zusammenhang von dem „magisterium ecclesiae“, also vom kirchlichen Lehramt, die evangelischen Theologen stützen sich bei solchen Überlegungen vor allem auf die Heilige Schrift. Meist geht es in solchen Expertenkreisen um die Ausarbeitung von vorgefertigten Lösungen zu Standardsituationen und Fragen, die dann vom Volk mehr oder weniger zu rezipieren sind.

In Verlängerung dieser gedanklichen Parallele lassen sich verschiedene, auch neuzeitige Statements und Dokumente betrachten. Historisch prominent bezieht sich der Begriff „gerechter Krieg“ in erster Linie auf die Kreuzzüge. So ruft in seiner „Lobrede auf die Tempelritter“ Bernard de Clairvaux (1090-1153) zum religiösen Krieg auf. Unter der Sündenvergebung als Belohnung spricht er schließlich vom „gerechten Krieg“.

Pazifismus und Pragmatismus im Spät-Byzantinischen Reich  

In der Welt der östlichen Christen ist der „gerechte Krieg“ nach wie vor nicht denkbar, obwohl die Bedrohungen durch äußere Feinde hier nicht minder sind, ja möglicherweise sogar von grundsätzlicherer, existenzieller Natur, wie die spätere Geschichte schließlich zeigte. Der Vollständigkeit halber muss angemerkt werden, dass auch die byzantinische Geschichte einen „Befreiungszug im Namen Gottes“ kennt, also einen ähnlich begründeten Feldzug wie zur Zeit der Kreuzzüge des Westens, und zwar unter der Herrschaft von Kaiser Herakleios (574-641) gegen die Perser (Sassaniden) um das Jahr 622.

Typischer für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Byzantinischen Kaiserreich ist die Episode um den Kaiser Nikephoros II. Phokas (912-969) und sein Ansuchen an die kirchlichen Autoritäten, um verdiente gefallene Helden doch noch kanonisieren zu können. Die Antwort folgte prompt:

„Wie könnten als Märtyrer oder Märtyrergleiche diejenigen betrachtet werden, die andere töten oder selbst im Krieg umkommen, wenn ihnen die Heiligen Kanones (Regeln) ein dreijähriges Kommunionsverbot auferlegen?“[24]

Das was daraus folgt, lässt sich folgendermaßen ausdrücken:

  • Die Kirche im Osten hat den Krieg immer abgelehnt. Doch sie war tolerant zu jenen Christen, die den Dienst in der Armee versehen haben.
  • Der Krieg galt stets als das notwendige Übel. Aber es gab Situationen, wo es galt, die Unschuldigen vor einem noch größeren Übel zu bewahren.

Byzantinische Antwort auf das Fehlen des Begriffes „Gerechter Krieg“

Angesichts der „Symphonia“, die zwischen den zwei staatstragenden Prinzipien – der spirituellen und weltlichen Autorität – niedergeschrieben wurde, musste auf der militärischen Seite eine diesbezüglich veränderte, zugleich aber tragbare Berufsphilosophie erarbeitet werden.

So schrieb ein anonymer Stratege zur Zeit des Kaisers Justinian (527-565)[25]: „Ich weiß, dass der Krieg ein Übel ist, wohl das größte aller Übel … und weil es ganz notwendig ist, dass jeder sein eigenes Vaterland und seine Landsleute mit Worten, Schriften und Handlungen verteidigt, so haben wir beschlossen, über jene Strategie zu schreiben, durch die wir in der Lage sein würden, den Feind nicht nur zu bekämpfen, sondern ihn zu überwinden.“

Gemeint war damit die Taktik, wonach es besser wäre defensiv zu bleiben, List, Täuschung und Desinformation anzuwenden, ja lieber Tribut zu zahlen, als eine offene Schlacht zu riskieren. Denn das Töten eines Menschen ist und bleibt ja eine Sünde. Auf der anderen Seite dürfte diese Einstellung gar nicht so unrealistisch sein. Immerhin erfuhr das Byzantinische Reich unter dem Kaiser Justinian I. seine größte territoriale Ausdehnung.

Schließlich, kurze Zeit später, während der Regentschaft des Kaisers Maurikios (539-602), erscheint das umfangreiche militärische Werk von 12 Kapiteln namens „Strategikon“[26], in dem u. a. zu lesen ist: „… Besser ist es, dem Feind durch Täuschungen, Überfälle oder Hunger zu begegnen, als sich mit ihm auf eine offene Schlacht einzulassen. (…) Die Kunst des Krieges besteht im Besiegen und Zerstören der gegnerischen Macht und nicht im Abschlachten des Feindes. (…) Es ist sogar besser, auf das Einkreisen des Feindes zu verzichten und ihm lieber die Möglichkeit zur Flucht zu lassen.“

Diese so human anmutenden Grundsätze beinhalten freilich auch konkrete praktische Anweisungen, nach denen sich ein weiser Stratege(General) wie folgt verhalten soll:

  • „… er studiert zunächst sorgsam seinen Feind, seine Stärken, Schwächen:
  • … hat der Feind eine starke Kavallerie – zerstöre ihre Futterflächen!
  • … sind seine Truppen in Überzahl – schneide sie von ihren Vorräten ab!
  • … besteht seine Armee aus verschiedenen Völkernkorrumpiere sie mit Geschenken, Gefälligkeiten und Versprechen!
  • … gibt es Streit unter ihnen – verhandle mit deren Führer!“

Diese Grundsätze dürften auch aus der Sicht der osteuropäischen „Mentalität“ gar nicht als untypisch erscheinen. Nicht „trocken, aber genau denkend“, sondern eher „schlampig und unzuverlässig“ wirkend dürften auch die weiteren Anweisungen zu dieser Strategie erscheinen:

  • Greife sie stets unerwartet bei Nacht und Tag an. Nutze dabei das Gelände!“
  • Verzögere die Kriegshandlung, bis die Begeisterung seiner Truppen zermürbt ist.“
  • Lerne von den Feinden und wende deren Kriegskunst bei anderen Gelegenheiten an.“

Diplomatische Anwendungen der orthodoxen Militärethik

Eine der größten Bedrohungssituationen aus der Sicht des Ost-Römischen Reiches spielte sich im 9. Jahrhundert ab. Es war die Zeit des Aufstiegs des Fränkischen Reiches im Zuge dessen, dass Karl der Große (747-814) den Titel des Römischen Kaisers annahm. Die Expansion dieses Reiches erfolgte unter dem Vorwand der Christianisierung der Nachbarvölker, etwa der Sachsen und Westslawen.

Dazu kam der kirchliche Streit um die Jurisdiktion Bulgariens, eines unmittelbaren Nachbarn von Byzanz.

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, würde es aus der Sicht von Byzanz einer kaum realisierbaren Militärintervention bedürfen. Stattdessen setzte Kaiser Michael III. (842–867) auf Diplomatie.

Es waren zwei gelehrten Brüder Konstantin (Kyrill) und Method, die 863 nach Groß- Mähren, einem Nachbarstaat des Fränkischen Reiches, geschickt wurden. Ihre Mission sollte eine kulturelle Alternative zur westlichen lateinischen Christianisierung bilden. Die potenteste Waffe dabei war die Sprache.

Mit einer eigens entwickelten Schrift (Glagoliza) wurde die slawische Lokalbevölkerung gegenüber lateinischen Missionaren in eine unerwartete Vorteilsstellung gebracht. Aufgrund der raschen Alphabetisierung in der für sie verständlichen Sprache, aber auch im Sinne der griechischen Variante des Christentums, ist der ideelle Grund der fränkischen Expansion plötzlich überflüssig geworden.

 Auch wenn sich die Geschichte anders entwickelt hat, als es vielleicht der byzantinische Kaiser Michael III. ursprünglich gedacht hatte – die Folge dieser Mission ist die bis heute eminente ostmediterrane Inkulturation des osteuropäischen und balkanischen Raumes.

Heute würde diese Vorgangsweise als „Kulturimperialismus“ bezeichnet werden. Beispiele dafür gibt es insbesondere im Zusammenhang mit der amerikanischen und chinesischen Kultur. Produkte wie Coca-Cola, MacDonalds, aber auch i-Phone oder Chop Suey sollen hier nur illustrierend genannt werden.

„Byzantinische“ Strategie im russischen Raum

Wir begannen diese Abhandlung mit den Auszügen aus einer russischen Heiligenlegende. Mit einigen historischen Gegebenheiten wollen wir diese beenden.

Kaum drei Jahrzehnte später, als der 4. Kreuzzug die Stadt Konstantinopel eroberte und diese gründlich plünderte, war der Bruch zwischen der Kirche im Osten und im Westen vollendet. Das Byzantinische Reich hörte für einige Jahrzehnte auf zu existieren, und stattdessen entstanden im östlichen Mittelmeerraum “lateinische“ Fürstentümer mit den zugehörigen kirchlichen Strukturen. Spätestens ab dieser Zeit wurde aus dem einstigen Miteinander das nunmehrige Nebeneinander.

Im fernen Fürstentum Nowgorod, das zu jener Zeit eine Vasallen-Provinz der Tataren war, ergab sich für den damals nur 18-jährigen Fürst Alexander, später Newski genannt (1220-1263), eine bedrängende Situation. Seine nordwestlichen Nachbarn, die Deutschordensritter und die Schweden, drängten ihn, sich ihnen anzuschließen, um gemeinsam gegen die Tataren vorzugehen. Der Zusammenschluss war freilich auch im Sinne der christlichen Jurisdiktion gemeint, und damit auch konfessionell. In dieser Lage musste sich Alexander zwischen Anpassung und Unterwerfung im Sinne seiner Glaubensüberzeugung oder weiterer Existenz im Rahmen der religiösen Autonomie innerhalb des tatarischen Einflusses entscheiden. In diesem Falle war es aber notwendig, Verhandlungen mit dem Khanat einzugehen und, was schlimmer war, einen offenen Konflikt mit den westlichen Nachbarn zu riskieren.  

„Nicht in der Stärke ist Gott, sondern in der Wahrheit!“, soll Alexander gemeint haben, als er sich zu der zweiten Lösung seines Dilemmas durchgerungen hatte. Eine beschwerliche Reise zum Kaspischen Meer, eine Demutserklärung gegenüber dem Khan war notwendig, ehe es zur offenen Schlacht kam. Am Peipussee  besiegte Alexander 1240 schließlich seine Konkurrenten. Seine Standhaftigkeit und Treue im Glauben waren schließlich Grund genug für seine spätere Kanonisierung.

Ein neuzeitliches Beispiel der Strategie nach dem Muster des Werkes „Strategikon“ bietet die Geschichte des Russlandfeldzugs Kaiser Napoleons.

Bekanntlich stießen Napoleons Truppen rasch und recht tief in das Gebiet des Russischen Reiches vor.[27] Sie kamen schließlich bis nach Moskau. Doch diese Stadt war zuvor evakuiert und in Asche gelegt worden. Der angebrochene Winter, die Problematik der hunderte Kilometer langen Versorgung und des Nachschubs zwangen die französische Armee zum Rückzug, einem Rückzug auf dem gleichen Wege wie zuvor bei der Eroberung. Dazu kam die Strategie der kleinen Stiche. Dem anfangs unscheinbar wirkenden General M. I. Kutusow (1745-1813) gelang es, die Zivilbevölkerung zu mobilisieren. Man sprach schon damals vom „Großen Vaterländischen Krieg“[28], der sich in Zermürbungstaktik, ja in Partisanen-Einsätzen entfacht hat. Es gab dabei nur verhältnismäßig wenige Schlachten, und auch die große Schlacht von Borodino brachte keineswegs eine endgültige Entscheidung.

Schlusswort

Der auffälligste Unterschied zwischen der orthodoxen Militärethik und der Militärethik anderer christlicher Konfessionen besteht wohl darin, dass es bei den Orthodoxen den Begriff „Gerechter Krieg“ einfach nicht gibt. [29],[30],[31] Zwar gibt es in den Reihen der orthodoxen Gläubigen, ja bei manchen Kirchenvätern Meinungen, die unter bestimmten Voraussetzungen den Krieg rechtfertigen, doch eine „amtliche“ Meinung der Orthodoxen Kirche, die in generalisierter Weise hier eine Weisung geben würde, wird man vergebens suchen.

Die erklärte Aufgabe der Orthodoxen Kirche besteht weniger im Legalisieren oder Verbieten von bestimmten Sachverhalten, sondern im Anbieten einer Hilfestellung und Wegweisung für die Menschen, die willig sind ihre Sünden zu überwinden, um zur Erlösung zu kommen. Die asketische Erfahrung und Tradition der Kirchenväter ist dabei genauso wichtig wie die Grundlage der Heiligen Schrift. Nicht unwichtig ist dabei auch die geistige Führung im Sinne der spirituellen Festigung der Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden und auf das eigene Gewissen zu hören. Das ist das Ziel der pastoralen Mission der Kirche, die sich an alle Menschen wendet, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, Stand und Herkunft.

Dementsprechend legt die Orthodoxe Kirche ihren Schwerpunkt auf das liturgische Leben, auf den Aufruf, sich selbst zu verändern, im Gebet, im Fasten, auf das Bemühen, zur individuellen Begegnung mit Gott zu gelangen. Demnach steht auch die Bemühung um den Nächsten, unabhängig von seinem Stand und seiner Herkunft, auch wenn es um den Feind geht, im Vordergrund.

So gesehen steht im Zentrum des Lebens der Orthodoxen Kirche das liturgische Leben mit dem Gebet um Vergebung der Sünden – Sünden, die wissentlich und unwissentlich, willentlich und unwillentlich begangen wurden. Jeder einzelne Mensch hat sein Kreuz zu tragen, jeder einzelne Mensch soll sich besinnen.

Nur mit Rücksicht auf den Nächsten kann sich der Mensch und mit ihm die Gesellschaft besinnen und sich im größeren Ausmaß zum Gewaltverzicht bzw. zur Gewaltminderung motivieren. Das Bewusstsein, in dem Nächsten das Abbild des Gott-Schöpfers zu erkennen, wie es vor 2.000 Jahren das erste Mal bewusst gemacht wurde, hat den Humanismus in seiner Tiefe begründet und damit die Gesellschaft entsprechend verändert.  

Die orthodoxe Militärethik ist keine Doktrin. Es ist vielmehr ein Bestreben, eine Fähigkeit in jedem Menschen zu aktivieren – das Böse angesichts der Gewalt des Krieges rechtzeitig zu erkennen. Da nun jeder Mensch potentiell im Besitz von Herz und Gewissen ist, sollte jeder diese Fähigkeit nachvollziehen können.

Zum Schluss kehren wir in die Gegenwart zurück: Am 22. Oktober im Jahre 1999, zur Zeit der Bombardierung Jugoslawiens, sprach Seine Heiligkeit Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios I. in der Stadt Novi Sad, in der kurz zuvor die Brücke zwischen dem östlichen und dem westlichen Donauufer zerstört worden war, folgende Worte:

„… Krieg und Gewalt können niemals gottgewollte Mittel sein, um Ziele durchzusetzen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um des Teufels Machenschaften, die zum unrechten Übel führen.“

„»In den meisten Fällen«, denn es kann wenige außergewöhnliche Situationen geben, wo die Orthodoxe Kirche ihre Zustimmung zum Waffengebrauch gab, wenn es darum geht, Wehrlose vor der Willkür und Unterdrückung zu schützen.“

„Allerdings ist in der Regel eine friedliche Lösung eines Konflikts im gegenseitigen Einvernehmen stets Gott gefälliger und für die Menschen nützlicher.“


[1] Bewusstsein über die Dinge „danach“, nach dem Tod.

[2] Harakas S.S.: The Teaching on Peace in the Fathers. http://www.incommunion.org/2004/10/18/peace-in-the-fathers/ (20.02.2013)

[3] Osipov A.I.: Der Friede und das Schwert aus orthodoxer Sicht [Осипов А.И.: Мир и меч: православный взгляд]. http://pravbeseda.ru/library/index.php?page=book&id=222 (30.10.2013)

[4] Harakas S.S.: The Teaching on Peace in the Fathers.

[5] Osipov A.I.: Der Friede und das Schwert aus orthodoxen Sicht.

[6] Arlandson J.M.: Officers, soldier, and God. http://www.answering-islam.org/Authors/Arlandson/pacifism3.htm (14.03.2013)

[7] Forest J.: Orthodox Christians and Conscientious Objection. http://www.incommunion.org/2005/08/06/orthodox-christians-and-conscientious-objection (20.02.2013)

[8] Das nomadisierte und kämpferische Volk der Skythen galt im Römischen Reich als gefährlich. Dem Merkurios ist es gelungen, trotz seines Migrationshintergrunds eine ansehnliche Karriere als Offizier zu vollziehen. So gesehen kann er als ein gutes Vorbild auch für die heutige Zeit dienen.

[9] „Martyrios“ bedeutet auf griechisch der Zeuge.

[10] Forest J., 2005, ibid.

[11] Bibliothek der Kirchenväter, Justin der Märtyrer († um 165) – Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

[12] Bibliothek der Kirchenväter, Canones Hipp.13 Hippolytus von Rom († um 235) – Canones (Canones Hippolyti)

[13] Bibliothek der Kirchenväter, Origenes († 253/54) – Gegen Celsus (Contra Celsum), Drittes Buch

[14] http://www.unifr.ch/bkv/kapitel500-47.htm, Zugriff am 25.07.2013; „Das Edikt von Mailand Januar 313 (Oktober 2013)

[15] Bibliothek der Kirchenväter, Kirchenordnungen – Apostolische Konstitutionen und Kanones (Constitutiones Apostolorum), Die apostolischen Canonen, 2.74,

[16] eine gewisse Ausnahme bildet der einstige zypriotische Präsident, Erzbischof Makarios III. (1913-1977).

[17] McGuckin J.: St. Basil Guidance on War and Repentance. http://www.incommunion.org/2006/02/19/st-basil-on-war-and-repentance/ (20.02.2013)

[18] Bibliothek der Kirchenväter, Athanasius (295-373) Brief an den Einsiedler Amun. (Epistula ad Amun).

[19] Bibliothek der Kirchenväter, Basilius von Cäsarea († 379) – Ausgewählte Briefe LVIL. (Mauriner-Ausgabe Nr. 188) An Amphilochius über Kanones (Kanonischer Brief I), 13. Kanon.

[20] Bibliothek der Kirchenväter, Chrysostomus († 407) – Über das Priestertum (De sacerdotio libri I-VI), 2. Buch, Kapitel III.

[21] Early Church Texts: Augustine on the „Just War“, from Contra Faustum Manichaeum, book 22. 74, Deutsche Übersetzung In: http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechter_Krieg#cite_note-22 (04.11.2013)

[22] McGuckin J.: Nonviolence and Peace Traditions in Early & Eastern Christianity.

[23] Forest J.: Orthodox Christians and Conscientious Objections.

[24] Just war. http://orthodoxwiki.org/Just_war (20.02.2013)

[25] Kriegswissenschaft der Byzantiner, 4.2, In: Griechische Kriegsschriftsteller, H. Koechly, W. Rustow, Leipzig, 1855, Vol.2, p. 56. Aus: Harakas S.: The Teaching on Peace in the Fathers, ibid

[26] Petersen Ch. C.: The Strategikon, a Forgotten Military Classic. From: Military Review, August 1992, “Die Byzantiner Kriegswissenschaft“http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Strategikon_des_Maurikios&oldid=114570570 (21.03.2013)

[27] Petersen Ch. C., ibid.

[28] “Der Vaterländische Krieg”: dieser Begriff wurde später, während des 2. Weltkriegs wiederverwendet.

[29] Harakas S.: No Just War in the Fathers. http://www.incommunion.org/2005/08/02/no-just-war-in-the-fathers/ (20.02.2013)

[30] McGuckin J.: Nonviolence and Peace Traditions in Early & Eastern Christiantity. http://www.incommunion.org/2004/12/29/nonviolence-and-peace-traditions/ (20.02.2013)

[31] Hart D.: Ecumenical Council of War. http://www.touchstonemag.com/archives/article.php?id=17-09-040-f (21.03.2013)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.