DOM-Mitglied Niklas Rack engagiert sich für die Verbreitung orthodoxer Inhalte, u. a. durch Videos auf dem Orthmedien-Kanal. Vorliegend ein Beitrag über die Missionsarbeit, den wir auf seinen Wunsch hier gern zur Diskussion stellen.

Einleitung

Es gibt eine Frage, die immer wieder auftaucht, wenn die moderne Welt auf die Orthodoxie trifft: Warum wirbt die orthodoxe Kirche keine Mitglieder an? Warum missioniert sie nicht so, wie andere es tun? In der Moderne können wir hier zwei extreme Spektren beobachten: Die einen, die behaupten, wir müssten gar nicht missionieren, und die anderen, die – kaum ein halbes Jahr als Katechumene, ohne Praktische Erfahrung als Orthodoxer Christ und ohne jeden Segen – in die weite Welt des Internets hinausziehen, um zu ‚missionieren‘. Beides erweist sich nach näherer Betrachtung als falsch.

Mittelteil

Reden wir zunächst über die weitverbreitete Position, die Kirche müsse nicht missionieren. Oft hört man das Argument: Die Menschen müssten zur Kirche kommen, nicht die Kirche zu den Menschen; die Kirche missioniere schließlich vor allem liturgisch. Doch wäre dies die ganze Wahrheit, hätten wir es heute nicht mit einer Weltkirche zu tun. Die Apostel wären in Jerusalem geblieben und hätten still gewartet, bis die jüdische Bevölkerung von selbst zu ihnen gekommen wäre. Doch das hätte nicht zur Verbreitung, sondern zum Ende der Mission geführt. Nicht umsonst lautet der Missionsbefehl: „Geht hinaus in alle Welt!“

Oft denken wir, das alles sei nicht nötig, wir seien doch der „Leib Christi“. Und ja, das sind wir. Der heilige Paulus benutzt hier keine bloße Metapher, wenn er sagt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied an ihm“ (1. Kor. 12,27). Doch bedeutet das etwa, dass der Leib nicht handelt? Im Gegenteil: Der heilige Johannes Chrysostomos beschreibt die Kirche als Krankenhaus. Wenn wir, liebe Geschwister, an einem schweren Fieber erkrankt wären und eine Medizin erhielten, die uns heilt – würden wir diese Hilfe nicht jedem anderen Kranken ebenso anbieten wollen? Wollen wir nicht, dass jeder im Leib Christi weilt, um von seinen Leidenschaften geheilt zu werden?

Oftmals wissen die Menschen gar nichts von ihrer Krankheit. Sie merken nicht, dass sie an ihrem

Hass, ihrem Egoismus, ihrer Unehrlichkeit oder ihrer Gier leiden. Ihr Nous – das Auge des Herzens – ist verwundet. Solange dieser nicht geheilt ist, bleibt die Wahrheit unsichtbar. Diese Heilung geschieht durch Umkehr (Metanoia), durch Gebet, Fasten und das sakramentale Leben.

Doch wie viele Menschen, die die Wahrheit noch nicht erblicken können, werden wirklich von sich aus kommen? Wie viele finden ohne Hilfe, ohne Wissen und ohne eine rettende Beziehung zur Orthodoxie? Wenn sich heute ein deutscher Sucher in eine Liturgie verirrt, bleibt er oft verwirrt stehen, weil er nichts versteht – weder die Symbolik und wenn es noch schlimmer kommt nicht einmal die Sprache. Wir müssen ehrlich sein: Es gibt Gemeinden, in denen kein Wort Deutsch gesprochen wird – weder vom Priester noch von der Gemeinde. Wie viele Menschen fühlen sich wohl motiviert, eine Kirche zu besuchen, deren Sprache sie gar nicht verstehen? Die Liturgie erfordert Hingabe, doch diese Hingabe muss im Menschen erst geweckt werden.

Der heilige Makarius (Newski) sagt treffend:

„Die Sache der Orthodoxie ist das Werk jedes Gläubigen. Jeder Sohn der Kirche muss nicht nur die orthodoxe Lehre in ihrer ganzen Reinheit bewahren, sondern auch darauf achten, dass der Glaube unter Ungläubigen verbreitet wird. Es ist die Pflicht aller Gläubigen, dazu mit den ihnen möglichen Mitteln beizutragen.“

Auch die Heilige Schrift betont diesen Auftrag immer wieder. Erinnern wir uns an die Geschichte des Zachäus: Er klettert auf den Baum und blickt zu Jesus, sagt aber kein Wort. Doch unser Herr ergreift die Initiative: „Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“

Es ist einfach und bequem zu sagen: „Die Menschen müssen eben zu uns kommen.“ Doch der einfache Weg ist selten der richtige. Realisieren wir endlich: Wir müssen und wir sollen mit den Menschen über unseren heiligen Orthodoxen glauben sprechen. Die Frage ist nun: Wie missionieren wir? Hier begegnen wir oft dem entgegengesetzten Extrem: Frische Katechumenen, die – kaum in der Kirche angekommen – ohne Segen im Internet den „Apologeten“ spielen und hitzige

Diskussionen führen. Oft stellen sie Inhalte online, die nie von einem Geistlichen geprüft wurden, und stempeln sie eigenmächtig als „orthodox“ ab.

Der heilige Ignatius der Gottträger mahnt uns hier zur Vorsicht:

„Tu nichts ohne Bischof und Priester. Denk nicht, dass aus dir etwas Lobenswertes herauskommt, wenn du es allein tust. […] Wer etwas ohne das Wissen des Bischofs tut, dient dem Teufel.“

Zudem neigen diese Internet-Christen oft dazu, in Extreme zu verfallen und Meinungen zu vertreten, die der kirchlichen Überlieferung widersprechen, sie der breiten Masse aber fatalerweise als „einzig orthodox“ verkaufen. Mit einer großen Prise Rationalität, aber wenig echtem geistlichem Leben, reduzieren sie die christliche Lehre auf die bloße Ratio. Sie versuchen, andere mit Argumenten zu „besiegen“ – doch wer besiegt hier eigentlich wen? Ist es am Ende nicht nur der eigene Hochmut, der siegt, während die Seele des anderen verloren geht?

Verstehen wir endlich: In einer Welt voller Erklärungen bietet die Orthodoxie das Mysterium. In einer Kultur der Oberflächlichkeit – zu der die reine Ratio zweifellos zählt – bietet sie die Tiefe.

Doch wie missionieren wir richtig? Zunächst ist die Erfahrung essenziell. Klar, Wissen ist gut – wir lesen Bücher, wir lernen die Dogmen, wir verstehen scheinbar die Theorie. Aber machen wir uns nichts vor: Theorie ersetzt niemals die Praxis! Sie kann niemals das ersetzen, was man selbst erfahrbar erlebt und bereits am eigenen Leib erfahren hat.

Schauen wir uns mal einen Katechumenen an, der vielleicht gerade einmal ein halbes Jahr in eine orthodoxe Kirche geht. Er ist voller Eifer, das ist schön. Aber er hat noch nicht gefastet, er ist noch nicht durch die Sakramente voll in die Orthodoxie aufgenommen worden. Und vor allem: Er hat seinen Nous, das Auge des Herzens, noch nicht gereinigt. Er steht, auch wenn er brennt, noch ganz am Anfang des Weges. Er sieht die Welt noch durch die Brille seiner eigenen Vorstellungen, nicht durch das reine Licht Gottes.

Bevor wir also rausgehen und anderen die Welt erklären wollen, sollten wir erstmal realisieren:

  • Mit was für Leidenschaften haben wir eigentlich noch täglich zu kämpfen?
  • Wie sehr ist unser eigener Nous noch beschmutzt von Stolz, Zorn oder weltlichen Gedanken?

Wir müssen erst einmal selbst Praktiker werden! Ein Praktiker ist jemand, der nicht nur über das Gebet redet, sondern der im Gebet ringt. Jemand, der nicht nur über das Fasten liest, sondern die Reinigung an sich selbst spürt.

Erst wenn wir diesen harten Weg der Selbstreinigung gehen und dadurch geistig ein Stück gewachsen sind, können wir anfangen, den Weg der Mitte zu wählen.

Weder in passive Trägheit verfallen, noch zu selbsternannten Oberflächlichen Apologeten werden. Die Grundlage für wahres Zeugnis ist Demut und Gehorsam.

Demut bedeutet nicht – wie manche fälschlicherweise glauben – das bloße Bekenntnis der eigenen Schlechtheit. Wahre Demut heißt, das eigene Ego und den eigenen Willen still zurückzunehmen, um Aufgaben einfach und gehorsam zu erfüllen, anstatt durch gespielte Bescheidenheit erst recht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und Gehorsam bedeutet, wie bereits angedeutet: Niemals etwas ohne Segen zu tun.

Verstehen wir: Wir sollen von Christus sprechen – aber voller Liebe, mit Eifer und unter der geistlichen Führung und Kontrolle des Priesters. Wir müssen im Gebet und in der Verbindung mit Gott bleiben.

Der heilige Nikolaus von Japan gibt uns dafür die goldene Regel mit auf den Weg:

„Ein Missionar soll mit jedem sanftmütig, vernünftig und aus Liebe sprechen, dann wird das Wort größtenteils eine gute Wirkung haben – oder zumindest nicht schaden. Aber wütend, stolz oder ungeduldig zu sprechen, macht das Wort faul. Die Menschen werden es ablehnen, und nichts Gutes wird daraus entstehen.“

Schlussteil

Wahre orthodoxe Mission ist ein Balanceakt zwischen zwei Irrwegen: der passiven Trägheit und dem stolzen Eigenmacht-Eifer. Die Kirche darf nicht bloß abwarten, denn als „Krankenhaus der Seelen“ ist sie verpflichtet, die heilende Medizin des Glaubens aktiv zu den Menschen zu tragen – so wie Christus aktiv auf Zachäus zuging. Wer schweigt, verkennt die Not derer, deren geistiges Auge verwundet ist und die ohne Hilfe keinen Zugang zur Wahrheit finden. Doch das Zeugnis darf niemals in selbsternannte Internet-Apologetik umschlagen, die ohne Segen, ohne kirchliche Anbindung, rein rational und vor allem ohne Erfahrung operiert. Wer versucht, andere lediglich mit Argumenten zu „besiegen“, füttert oft nur den eigenen Hochmut und verliert dabei das Mysterium der Tiefe. Richtiges Missionieren geschieht daher allein in Demut und Gehorsam: Es bedeutet, das eigene Ego zurückzunehmen und unter geistlicher Führung voller Liebe und Sanftmut zu sprechen. Nur ein Wort, das in Gebet und kirchlicher Einheit wurzelt, kann heilsam wirken, während ein stolzes Wort unfruchtbar bleibt.

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