Claudius, Mathias - Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten

Der DOM-Buchklub

Sie haben ein Buch gelesen, das Sie anderen Christen oder deren Kindern empfehlen können, oder vor dem Sie vielleicht warnen wollen? Senden Sie uns Ihre Kurzrezension per Mail, oder hinterlassen Sie einen Kommentar hier, falls es dazu schon eine Rezension gibt.

Buchkritiken – Wozu?

von Cornelia Hayes

Gründungsmitglied Cornelia Delkeskamp-Hayes

Ich gehöre zu den Leuten, die ihr ganzes Leben lang Bücher geerbt und gekauft haben. Jetzt bin ich alt und sehe mit Schrecken, dass meine Kinder auch schon volle Schränke führen. Wo soll das alles mal hin?

So kam die Idee, mit meinen Enkeln ein posthumes Gespräch zu beginnen, als orthodoxe Großmutter, mit deren Geschichten und Späßen sie alle aufgewachsen sind. Ich wünsche mir natürlich zuallererst, dass sie in der Kirche heimisch bleiben. Sie sollten sich aber zugleich, wie Vater Alexander Schmemann uns ermutigt, allem (wahrhaft) Schönen öffnen, denn auch darin zeige sich die Herrlichkeit Gottes.

Meine Empfehlungen (für jüngere und auch ältere Leser) nehmen also eine orthodoxe Perspektive ein. Die Anregung kommt vom Heiligen Basilius, der über den richtigen Gebrauch der griechischen Literatur einiges zu sagen hat: Er sieht sie als hilfreich zur Belehrung über die Tugenden, die auch im orthodoxen Leben wichtig sind,  und zur Einübung von Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Schein-Guten.

Diese Perspektive setzt mich in kritische Distanz zum literarischen Kanon, den ich als Germanistik-Student kennen und lieben lernte. Meine Ehrfurcht vor – zum Beispiel – Faust I und anderen berühmten Großwerken ist durch mein kirchliches Leben geschwunden. Gerade bei einem so großen Genie wie Goethe bin ich erstaunt, wie läppisch mir vieles vorkommt, insbesondere die Spielerei mit den griechischen Pseudogöttern. Andererseits fand ich einiges Abseitige, und ganz besonders seine (nicht absseitige) Dichtung und Wahrheit ungeheuer faszinierend und lohnend. Und so geht es mir mit vielen Büchern, die heute zum literarischen Schulprogramm gehören. Meine Enkel sind noch klein, aber ich hoffe, dass ich all die Gespräche noch werde mit ihnen führen können, für die ich passendes Lesefutter bereitstelle.

Eine Einschränkung ist mir wichtig: Ich habe zwar auch Gedichte ausgesucht, die mir lohnend schienen. Aber sowohl bei Lyrik und Prosa halte ich mich von allen Liebesdingen fern: Hier muss jeder für sich selbst und ganz privat das ihn Berührende erschließen, und da funkt eine alte Großmutter nicht dazwischen.

Nun möchte ich meine Überlegungen der DOM-Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Vielleicht regen sie auch andere zum Lesen und Kommentieren an, so das das erhoffte Gespräch weitere Kreise zieht. Wenn andere Gernleser mitmischen und eigene Werke auswählen – umso besser. Ich freue mich schon auf solche Mitarbeit.

Der Wandsbecker Bothe war die von Heinrich Carl von Schimmelmann in Wandsbeck (bis zum Jahre 1879 noch mit „ck“ geschrieben, heute: Wandsbek) herausgegebene Zeitung, die als Nachfolgerin des populären Wandsbecker Mercurius von 1770 bis 1775 von Matthias Claudius als einzigem Redakteur geschrieben wurde.  Wikipedia

Meinung

Cornelia meint (JG = für Jugendliche, KK = kleine Kinder, GK = Größere Kinder, HISS = geschichtlich relevant, OR = orthodox relevant,  ORD= orthodox tolerabel):

Erst dachte ich, oooch ätzend läppisch. Aber dann fand ich ab dem 3. Teil faszinierende Stücke, und zwar diese:

Über das Gebet an meinen Freund Andres

Völlig orthodox über das Vaterunser (vgl. aber auch seinen eigenen Aufsatz über das Vaterunser von S. 722)

ORD

Geschichte von Goliath und David in Reimen

KK

Eine Korrespondenz zwischen mir und meinem Vetter angehend die Orthodoxie und Religionsverbesserungen

Über Philosophie und Theologie

ORD

Bauernlied in Paul Erdmanns Fest

Alle gute Gabe, sehr schön von der Schöpfung zum Gotteslob

ORD, KK

Ernst und Kurzweil

Lustige Gleichnisse und Geschichten

KK

Schönheit und Unschuld

Eine moralische Ermahnung für Mädchen

GK

Lied hinterm Ofen

Der Winter ist ein rechter Mann

KK

Über einige Sprüche des Königs Salomo

Wunderschöne Einführung in Lebensweisheit

GK, ORD

Passe-Temps zwischen mir und meinem Vetter in der Schneiderstunde

Gespräch über äußere und innere Wahrnehmung als ein sokratischer Dialog über die Wahrheit und Glückseligkeit. Man muß aber viel klassisches Wissen erstmal reinfüttern. Eine schöne Übung im Philosophieren

JG

Briefe an Andres

Wunderschöne Auslegungen von Christus-Geschichten.

ORD

Über die Unsterblichkeit der Seele

Gut als Kontrastprogramm: ganz im Sinne der Aufklärung säkular argumentiert

GK

Urians Reise um die Welt

Gedicht einer scherzhaften Weltreise. Nett für Geographie

GK

Brief an Andres

Über Johannes den Täufer. Schön erzählt

JG+, ORD

Über die Neue Politik 1794, mit dem Rencontre

30 Seiten Kritik der Moderne, samt Menschenrechten. Christlich und konservativ im besten Sinne. Habe es nicht genau studiert, finde es aber sehr lohnend, sowohl für Jugendliche, als Zeitkritik, als auch im Blick auf orthodoxes Verständnis des Staats.

JG+, ORD

Eine Fabel

Gedicht über die Redefreiheit ohne Zensur: wie sie das Ärgste weckt. Nimmt twitter und all that vorweg.

JG

Eine Korrespondenz zwischen mir und meinem Vetter

Über Pädagogik mit Vernunftgründen versus Gehorsam. Verteidigt auch die Manipulation in guter Absicht. Und über Heiligkeit, die sich mit Vernunft nicht austüfteln läßt. Und über die Ratsamkeit eines Studiums der kritischen Philosophie.

Urians Nachricht von der neuen Aufklärung 1797

Eine schöne gedichtete Liedkritik der Aufklärung, nur ist mir unklar, wer da die Dänen sind, die den Refrain singen

JG

Briefe an Andres

Missionarische Argumente, aber höchst human vorgetragen

GK, ORD

Till der Holzhacker

Eine lustig absurde Reimgeschichte, bei der auf der Reise zum Mond die Leiter immer wieder umgedreht wird. Man müßte dazu zeichnen! Das Lustige ist: die Reise zum Mond klappt reibungslos, aber dann ist nach Mitternacht, und er fürchtet sich…

KK

Über den allgemeinen Eifer der Menschen für Religion und religiöse Handlungen

Gegen Aufklärung – ebenso wie man das heute gegen die Evolutions-Ideologie wenden kann – beobachtet er die Universalität der Andacht und Ehrfurcht, die nicht aus Menschlichem gekommen sein kann, weil sie Übermenschliches intendiert. Und selbst wenn das ein Betrug wäre, so hätte doch der Betrüger schon von wahrer Ehrfurcht wissen müssen, um eine falsche einzurichten. Auch heute aktuell.

Übrigens zeigt sich Claudius hier als ein im Sinne Dostojewskis ganz un-europäischer Europäer.

GK

Kron und Szepter 1792

Ein Gedicht an einen König, dem seine heilige Mission in Erinnerung gerufen wird. Man sollte das mit Bettina von Arnims Königsbuch vergleichen, um Monarchie zu verstehen.

HIST GK

An meinen Sohn Johannes 1799

Ein wunderbares Vermächtnis eines Vaters. Eine Fortschreibung der Sprüche Salomos – wenn auch viel zivilisierter. Aber der Geist ist derselbe. Fraglich bleibt mir immer: man soll jede Religion achten, weil sie was Verborgenes anzeigt. Hmja, aber sie sind auch dämonisch. Immer denke ich, daß das religiöse Ahnen, das dem Menschen als Erinnerung eingepflanzt ist an seine Berufung, vom Teufel mißbraucht wird, wenn es nicht auf Christus gerichtet ist. Aber darin unterscheidet sich dieses Ahnen nicht von allen anderen Leidenschaften und Bestrebungen.

GK

Ein gülden ABC, Ein silbern ABC

Lauter geistliche Lehren. Ob man das mit Kindern schon machen kann?

KK

Letztes Kapitel aus Bacons De dignitate

Voluntaristisch. Aber schon auch Raum für Vernunft. Aber unsere Vernunft hat keine absolute Autorität, sondern nur eine relative. Die Grundlagen liegen jenseits, nur die Folgerungen sollen vernünftig gezogen werden, genau wie in der Wissenschaft. Aber dann gibt es noch weitere Auslegungen, und das ist das Feld der Theologie, über die gestritten werden kann. Wobei man also die Vernunft einerseits damit begrenzt, daß die Grundlagen ihr entzogen bleiben, andererseits damit, daß die Theologoumena nicht absolut gelten. Dagegen sollte man eine vernünftige göttliche Dialektik als nützliches Opiat schreiben, damit die Theologen sich nicht die Augen auskratzen.

Hm. Das ist ein sehr westlicher Begriff der Theologie als Akademische Verwurstung der Offenbarung. Der Versuch, Streitigkeiten zu vermeiden, läuft genau darum nicht auf einen heutigen Ökumenismus hinaus, weil es um Theologumena geht: Und doch sehe ich auch eine Nicht-Bereitschaft, sich auf theologische Dogmen einzulassen, deren Bedeutung für das geistliche Leben man nicht mehr sieht.

Das ganze ist ein Lehrstück in Theologie-Philosophie. Die Schrift muß nach ihrem geistlichen Nutzen ausgelegt werden. Denn auch Jesus hat oft Antworten gegeben, die mit der Frage nix zu tun zu haben schienen. Das lag daran, daß er die wirklichen Fragen in den Herzen der Fragenden erkannte und auch für uns Spätere antwortete.

OR

Bacons Glaubensbekenntnis

Höchst merkwürdig unterstellt er Gott die Unmöglichkeit, am Werk Seiner Hände Gefallen zu haben, weshalb schon vor der Schöpfung das Lamm erwürgt werden mußte als Mittlern.

            Hä?

Immerhin ist Gott weiterhin aktiv. Und sehr richtig der Sündenfall beschrieben. Dann allerdings das Kreuz als Genugtuung Gottes.

OR

Einfältiger Hausvaterbericht über die christliche Religion an seine Kinder

Ein kompletter Religionsunterricht für die Kinder. Wunderbar.

GK ORD

Über die neue Theologie, an Andres

Gegen die Versuche, die Religion mit Vernunft aufzuschlüsseln

ORD

Valet an meine Leser

Daß jeder sich ein Ideal vorsetzen soll, eine Gestalt, um über das bloße Dasein hinauszukommen, so wie jeder das eigentlich will. Und dazu braucht man den Glauben.

All das ist  gegen die aufgeklärten Verächter der Religion gerichtet und darum auch ganz reliigous studies neutral.

Das heilige Abendmahl

Gegen jene, die das Abendmahl auf bloßes Gedenken reduzieren wollen. Vielmehr geht es um Erlösung von Tod und Sünde. Zitiert dazu viele Väter bis Luther. Aber Luther hat es mit seiner Heftigkeit vermasselt, und so gab es Streit unter den Reformierten. Aber vielleicht brauchte seine Zeit einen Kämpfer, damit was geschieht.

ORD

Auf O-lRs Grab und C bei dem Begräbnis ihres J

Schönes Gedicht über ein Grab

Vorrede zum 2. Band der Übersetzung von Fenelons Werken religiösen Inhalts

Lebensbeschreibung dieses heiligmäßigen Katholiken. Wunderschön. Er verteidigt das gegen protestantische Protestierer damit, daß es auch Wichtiges bei „den anderen“ gibt. Mir gefällt diese Einstellung

HS GK

Vom Vaterunser

Vergleich das mal mit Cyprians Schrift. Eine wunderbare Auslegung.

ORD

Morgengespräch zwischen A und dem Kandidaten Bertram

Glaube gegen Vernunft in einem unterhaltsamen Dialog. Claudius scheint die logoi-Theorie von Maximus zu kennen, obwohl er den nicht zitiert. Gleichzeitig gibt das auch Munition gegen den Evolutionismus, weil alles im Horizont der göttlichen Liebe gesehen wird. Eine Hamannsche Zeichentheorie der Welt, wo überall Ahnungen Gottes lauern. Aber dann wird doch alles nur durch Christus lesbar. Man müßte genauer prüfen. Und auch design oder Zufall spielt eine Rolle.

OR

Sterben und Auferstehn 1810

Ein wahres Gedicht darüber, daß wir nur über das Kreuz zum Leben kommen

ORD

Geburt und Wiedergeburt 1810

Zwar religions-weiter Ansatz, aber korrekt bei Christus beendet.

ORD

Brief an Andres

Über den Glauben, mit Beispielen aus dem Hauptmann von Kapernaum und dem Kanaanäischen Weib. Der Mensch muß richtig gesinnt sein, um glauben zu können.

Wie schon zu Claudius‘ Zeiten fehlt es heute genau an dieser Erkenntnis. Man kann den Glauben nicht für sich in sich prüfen wollen. Da kommt nie was bei raus. Man  muß zuerst wollen, dann die Glaubensgesinnung in sich pflegen – dann kommt der Glaube als Geschenk. Und dann braucht man seine Authentizität auch nicht dauernd durch Zweifel zu beglaubigen.

ORD GK
Brief des Pythagoräers  Lysias

Daß die Weisheitslehren ohne vorherige Herzensreinigung nicht zu haben sind.

ORD

Klage  1793

Gegen die Revolution. Ohne Gott.

HS

Sprüche des PythagoräersDemophilus

Ganz wie Bibel

ORD

Osterlied

Für deutsche Orthodoxe singbar – aber ist die Melodie von Lobt Gott Ihr Christen allzugleich nicht zu flott?

ORD

Vom Gewissen

Wunderbare Abhandlung über gutes und schlechtes, und die Vor- und Nachteile beider. Wunderbar auch die therapeutischen Ratschläge, wie man mit sich selbst umgehen soll, um sich nicht zu entmutigen. Ulkiger Gebrauch von „ein jeder ist sich selbst der nächste“ für „sorge für deine Seele und lass alle anderen Sorgen“.

ORD

Predigt eines Laienbruders zu Neujahr 1814

Über die Gottvergessenheit Deutschlands, und daß auf schlechtem Acker der Same nicht keimen kann. Und daß der Krieg insofern geholfen hat. (erinnert mich an Dostojewskis Tagebuch eines Schriftstellers, ganz am Ende. Durchaus Verwandtschaft.). Im Frieden dienen wir immerzu beiden Herren, um von beiden den Vorteil zu haben. Keine Entscheidung. Wie ungern der alte Adam stirbt. Und daß das Kriegselend von heute unseren Boden verbessert hat und eine chance ist. Auch die Vorstellung eines neuen Gottesreichs erinnert an Dostojewskis Hoffnungen. Für uns heute ist das absolut vorbei. Hat ja auch sein Gutes.

Und was Fürsten und Priester für dieses neue Gottesreich tun können, damit aus dem Elend eine neue Gläubigkeit wird.

ORD

Der Fromme Heide, Gedicht

Das heutige Argument, daß die Muslime viel frömmer sind, hier an Heiden vorgeführt.

GK

Kommentare

Kommentar Claudius, Mathias – Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten.

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