
(1891 | 400 S.)
Meinung
Cornelia meint (KK = kleinere Kinder, GK = Größere, JG = Jugendliche, ORTH = orthodox relevant):
Diese Auswahl gehörte zu Omas Leder-Gebundenen, und so habe ich mir einen anerkannt mittelmäßigen Autor zugemutet. Ich wollte sicher sein, nicht irgendwas Wertvolles zu versäumen. Man erkennt seine Volks-bildende Wirkung im 18. Jahrhundert an. Er hat viel dafür getan, Menschen, die unter den Bedrängnissen des Lebens ächzen, in zugänglicher Weise den Sinn für die höhere Bestimmung des Menschen zu öffnen. Das ist eine gute Sache.
Ein Aufklärer und Christ, mit einer Religion der Tugend, aber auch des Herzens. Das ist schon viel. Blöd ist sein Frauenhaß. Aber Frauen kannte er auch nicht wirklich.
Fabeln und Erzählungen
Ganz amüsante moralische Lehren, und einiges habe ich mir angestrichen, um es mit den Enkeln zu lesen:
Die Geschichte von dem Hute – der erste, der mit kluger Hand
Über den menschlichen „Fortschritt“
GK
Ein Füllen, das die schwere Bürde
Über die Un-Weisheit des früh Erwachsen werden Wollens
GK
Der Kuckuck sprach mit einem Star
Gegen Ruhmsucht
KK
Die frömmste Frau in unsrer Stadt
Kritik heuchlerischer Religion
ORTH
Von ungefähr muß einen Blinden
Persiflage auf die Kirche
ORTH
Ja, ja, Prozesse müssen sein!
Gegen die Rechthaberei
GK
Einst machte durch sein ganzes Land
Kritik an den Christen, die immer nur planen, nie aber tun
GK
Philemon der bei großen Schätzen
Gegen die Habgier
GK
Sein künftig Schicksal zu erfahren
Über die Unweisheit, die wir heute bei der Gen-Prognose aushalten müssen
BIOE Jg
Mit Träumen, die uns schön betrügen
Kritik an der Aufklärung und ihrem Wahrheitsfanatismus
JG
Ein Wandrer bat den Gott der Götter
Daß man die Vorsehung annehmen sollte
GK
Das schönste Kind zu ihren Zeiten
Über die selbstkritische Bescheidenheit
GK Mädchen
Dass alle Tiere denken können
Gegen Lukrez Erklärung der Welt aus Zufall
GK
Ein guter dummer Bauerknabe
Dass man den Lügner am besten mit besseren Lügen besiegt
GK
Der Narr, dem oft weit minder Witz gefehlt
Über Till der beim Glück ans Unglück denkt und umgekehrt
GK
Amynt, der sich in großer Not befand
Über die unbedingte Wahrheitsliebe als Basis der Menschenwürde
GK
Freund, wer ein Laster liebt, der liebt die Laster alle
Die Geschichte von Herodias über die Gefahr, daß kleine Sünden die großen einladen
JG
Ihr, die ihr nach der Tugend strebet
Gegen den Freigeist, der das höhere Streben als Epikuräer verachtet: wenn der Tod kommt, steht der dumm da
JG
Ein Kandidat, der gern befördert werden wollte
Gegen die Bestechlichkeit
GK
Zwei Mädchen brachten ihre Tage
Man sollte die kleinen Übel ertragen, sonst kommen größere
GK
Ein junger Prinz, der sich des Oheims Gunst empfohlen
Über die Notwendigkeit der Freigiebigkeit
GK
Ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört
Wie ein Christ das Höchste anstreben soll, ohne sich dann doch wieder der Schwäche zu ergeben
GK
Ein Pferd, dem Geist und Mut recht aus den Augen sahn
Dass wer viel wagt, auch mehr Fehler machen darf
GK
Ein Knabe, der den fleißigen Papa
Bekenntnis, dass man die Schrift nur mit Vernunft verstehen kann
ORTH
Ein Bauer, der viel Geld und nur zween Söhne hatte
Über die Wichtigkeit der Bildung – und wie wenige Eltern das ernst nehmen
GK
Ein Spötter der Religion
Ohne Religion keine Moral
GK
Ein Held, der sich durch manche Schlacht
Über Demut und Stolz und Chancen der Erlösung
GK
Mein Vater geht ins Holz, wie ich gemerket habe
Wie kleine Mücken durch Geduld besiegt werden
GK
Moralische Gedichte
Wie selig lebt ein Mann, der seine Pflichten kennt
Christliche Aufklärung. Kritik an der Hochkultur-Kultur in Eichendorfs Ahnung und Gegenwart. Gegen die fromm Redenden, für die Tuenden. Aber auch gegen den Eifer ohne Unterscheidung
ORTH
Mensch, der du Christen schmähst, was ist in ihrer Lehre
Eine Apologie der Religion von Tugend und Herzenswärme mit Vernunft. Ein sehr langes Gedicht, aber lehrreich über Protestantismus des 18. JH.
ORTH
Geistliche Oden und Lieder
Finde ich ja im Ganzen alles gut und schön. Aber mich inspiriert nichts. Für Enkel fehlt der Biss. Wer mag, kann sich dran freuen, – mich hat es gelangweilt. Außer
An dir allein, an dir hab ich gesündigt
Weil es so wahr ist
ORTH
Ich hab in guten Stunden
Ein Vorbild-Gedicht für Kranke, ganz orthodox
BioE ORTH
Moralische Charaktere
Sind insgesamt langweilig, behandeln aber ganz schön das Thema der Lauwarmen, die zu gar nichts taugen, auch wenn sie ohne Laster sind
Aus den moralischen Vorlesungen
XXII Von den Pflichten der Erziehung, besonders in den ersten Jahren der Kinder
Über das elterliche Vorbild und deren bereits gefestigte moralische Gewohnheiten, Stillen, die Vorbildlichkeit des Landlebens, Unarten wie Eigensinn, Zorn, Habsucht und Rache schon bei den Kleinsten zu bekämpfen, keine Nachgiebigkeit bei Geschrei. Man soll unterscheiden Fehler, die von selbst verschwinden (Magdalens „Phasen“) von denen, die ohne Gegenmittel zu herrschenden Gewohnheiten werden, Leitung durch Liebe, kindgerechtes Unterrichten in Natur und an Kunstwerken, Bauklötze, Landkarten zu puzzles, Geschichten über Tugenden und Laster, Biblische Vorbilder (Jesus), Antike Literatur über Tugenden, die aber abgesetzt sein müssen von wahren religiösen Tugenden. Die Chinesen machen vieles richtig. Die Wissenschaften, Astronomie zur Bewunderung des Schöpfers, Dann das Feld der Geschichte durch Bossuet und Cramers, also moralisch betrachtet. Welche Literatur für Religion und Poesie gut sei. Mithilfe im Haus, Abhärtung, Taschengeld für Sparsamkeit und Freigebigkeit, , Training in Dankbarkeit, Treue, Deinstfertigkeit, Verschwiegenheit, Vertragsamkeit sind Tugenden der ersten Jahre. (Oje!) Vorsicht mit Belohnungen, die die Ehrbegierde fördern. Sie sollen das Gute um des guten Willen lieben, um Gottes Willen zu erfüllen.
Strafen sollte man sofort beim ersten Auftauchen eines Fehlers verteilen – das wirkt langfristiger. Fehler des Herzens sollten streng geahndet werden, anders als Fehler der Übereilung und der Torheit. Gehorsamsverweigerung früh ausrotten. (oi) Man soll aber den Kindern die größte Ehrerbietung schenken und sich in ihrer Gegenwart vorbildichst benehmen.
Päd
Lehren eines Vaters für seinen Sohn, den er auf die Akademie schickt
Ein sehr rührendes Stück. Was für Orthodoxe bemerkenswert ist: Jene Kritik an einer Trennung von Weltlichem und Religiösem, die ich bei Schmemann so eindrucksvoll fand, die gibt es schon hier bei diesem frommen Protestanten. Wir müssen in unserer Kritik an den Heterodoxen immer aufpassen, ob nicht irgendwo einer doch das Richtige herausgefunden hat. Zwar haben sie immer nicht die ganze Wahrheit. Aber man soll doch loben, wenn sie Bruchstücke richtig aufgefaßt haben.
Orth
Info
Erscheinungsjahr | 19. Jh., 2. Hälfte |
Seiten | 300-600 |
Autor | Gellert, Christian |
Kommentar zu: Gellert, Christian Fürchtegott – Dichtungen.