Tschechow, Anton - Dramen - Deutschsprachige Orthodoxie

Der DOM-Buchklub

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Meinung

Cornelia meint:

Der Bär

Exaltierte Witwe will untreuen toten Ehemann bestrafen, indem sie treu um trauert. Diener versucht, sie ans Leben zu kriegen. Nachbar braucht vom Mann entliehenes Geld zurück, hat die Frauen dicke, ist grob und ein Bär. Trifft aber bei Popova auf einen Widerstand und einen Todesmut der Wut, der ihn begeistert. Kuß Schluß

Nuja. Wirklich nur Schwank. Nix.

Der Heiratsantrag

Das geht beinah daneben, weil Kandidat von seiner Wiese spricht, die die Erwählte als ihre bezeichnet. Immerfort fangen sie an zu streiten. Brautvater versöhnt, aber sofort geht es um den Hund. Bis die Erwählte merkt, daß sie geheiratet werden soll. Aber gleich geht es wieder los. Dazwischen schafft Vater den Kuß und die Verlobung. Der Streit wird zum Ehestreit.

Lustig für eine Hochzeit…

Die Möve

Naja, die ist ein Symbol der Befreiung aus der Gefangenschaft  Ninas in einer unmöglichen Familienkonstellation. Sie will also fliegen und versteift sich dann auf die Schauspielerei, wobei sie sich vom Konstantin, dem stets unerfolgreichen möchtegern Schriftsteller löst und dem berühmten Schriftsteller Trigorin zuwendet, um Schauspielerin zu werden. Wie in einer der Erzählungen über das Altwerden ist auch diese Frau bereit, den Höhenflug der Kunst zu wagen und endet mißbraucht und alleingelassen mit einem Kind und enttäuschten Ersatzhoffnungen. Sie also scheitert, was Konstantin prophetisch vorhersieht, indem er ihr anfangs eine Möwe schießt, blödeste Idee, muß man sagen. Trigorin läßt die MÖve  ausstopfen, weil verliebt, will aber später, nachdem er sie fallenließ, davon nie was gesagt haben.

Okay, eine Leiche am Weg der Männer, der schlimmen Familie, der eigenen Illusionen.

Überhaupt geht es hier um die Kusnt.

Arkadina ist die alte Diva, sehr berühmt, besteht aber nur aus Eitelkeit und ruiniert damit das Leben von Sohn Konstantin, von dem sie immer nur Anbetung für sich will, wobei sie seine eigenen Kunst- Bemühungen immer gleich kaputtmacht, also sein aufgeführtes Theaterstück lächerlich macht, bis er hinschmeißt.

Konstantin also sehnt sich nach Anerkennung, aber die Mascha-Tochter seines Gutsverwalters nimmt er so lange nicht wahr, bis dieselbe klugerweise den ungeliebten Lehrer heiratet, den sie dann aber unglücklich macht, indem sie sich um ihr Kindchen nicht kümmert sondern lieber bei den Eltern mitmischt, wo der Lehrer eh nie anerkannt wurde. Der ist das große Opfer, der einzig Liebende.

 JG-

Ivanov

Es geht um die Zweideutigkeit von allem und jedem.

Man kann das als halbvolles oder halbleeres Glas lesen

Halbleer: Er beschreibt eine Kultur, die durch die Orthodoxie geprägt ist-. Und er beschreibt ihr Verfallsstadium, denn die schönsten orthodoxen Sätze werden desavouiert durch die ärmlichen Menschen, die sie aussprechen, und die in keiner Weise diese Sätze selbst verkörpern. So kann die Wahrheit des orthodoxen Lebens schlechtgemacht, als bloße Fassade entlarvt werden. Wenn der Onkel es empörend findet, daß der Arzt allen ins Gesicht sagt, wie unsympathisch er sie findet, dann wird seine spätere Rede über die Manieren, den Respekt vor der Menschenwürde, durch seinen Menschenhass und sein Gegrantel widerlegt

Halbvoll, und das ist meine Sicht, daß in all diesem menschlichen Elend dennoch das Bekenntnis zur Berufung des Menschen lebendig bleibt, auch wenn man da kaum hinterherhecheln kann. Das Prinzip, daß Gutsbesitzer Kostgänger durchfüttern, also die Barmherzigkeit. Natürlich bricht sich das am Anspruchsdenken der Begünstigten und an der Mittelknappheit der Gönner. Ja, so kocht sich das runter in der gefallenen Welt. Aber immerhin, der Sinn für das, was sein soll, ist noch da. Diese Leute scheitern auf hohem Niveau. Auch der Onkel, der immerhin noch Manieren verinnerlicht hat. Der Anwesende immer ausnimmt von seiner Kritik.

Bemerkenswert das Thema der Langeweile, die ganz brutal überall angesprochen wird und eigentlich die Berechtigung dieser Art der Existenz der Besitzenden widerlegt. Wer sich so langweilt, täte besser dran zu arbeiten, so wie der Arzt. Stimmt. Erinnert mich bei Fontane an das ständige Bedürfnis nach Zerstreuung, besonders bei Effi Briest, und an den Schaden, den der Mangel an Zerstreuung anrichtet. Aber dort gibt es, wenigstens im Stechlin, immer noch Leute, die fähig sind, wirklich Kultur-schöpferisch die langen Abende zu füllen. Auch wenn da immer Wiederholungen sind und das ganze an einen rituellen Tanz erinnert. Aber ist es je anders? Man muß schon auf Reisen sein – siehe dieser Reisebericht von England nach Konstantinopel, den mir Theodor mal gab, um überall wie Biene den Nektar zu trinken.

Ein großes und ergreifendes Drama. Ivanov ist Gutsbesitzer und Richter. Früher hat er leidenschaftlich für das Gute gekämpft, aber ihm sind die Flügel gerupft worden und er hat resigniert. Am Ende sagt er, er hat sich zu viel aufgehalst weil er prahlen wollte, und ist dran zerbrochen. Jetzt ist ihm in seiner Haut unwohl, da ist kein Ich. Es geht um die Ambiguität seines Charakters. Er selbst sieht sich nur in seiner Depression als Opfer und edel. Leidet unter seiner Unleidlichkeit und bereut seine Bosheiten. Und seine Schuldgefühle. Übersensibel und schwach. Und ausgeliefert seiner Unfähigkeit, seine sterbende Frau noch zu lieben. Kann keinen Abend bei ihr ertragen – geht zu Besuch. Schätzt Ehrlichkeit, ist höflich. Und irgendwann dann doch hingerissen von Nachbars Tochter Sascha, die ihn retten will und neue Jugend verspricht. Sascha ist das Urbild jugendlicher Unversehrtheit und Feinfühligkeit. Die Lichtgestalt neben der Anna Ehefrau. Beide argumentieren gegen die Bosheit der Mitmenschen, beide langweilen sich zu Tode.

Aber zugleich ist Sascha Opfer des Egoismus ihrer eigenen Liebe.

Der Arzt seiner Frau konfrontiert ihn mit seinem Egoismus, seiner verbrecherischen Lieblosigkeit, konstruiert die frühere Liebe zu seiner Frau als Hoffnung auf das jüdische Erbe, die abkühlte, als jüdische Eltern Tochter wegen Konversion verstießen. Sascha haßt im Arzt Lvov den Ehrenfutzi, Anna versucht, ihn liebevoll davon abzubringen.

„Sie sind ein guter Mensch, doch Sie verstehen nichts“. Das ist das Zentrum der Weisheit in diesem Stück.

Der Onkel sieht im Arzt einen linken Ideologen. Zweideutigkeit der Ehrlichkeit: Ivanov schätzt Lvovs Rücksichtslosigkeit, Onkel findet das ungezogen und will auch Verbrechern gegenüber Würde respektiert sehen. Dieser Onkel ist sehr subtil.

Diese Zweideutigkeit, Unfestlegbarkeit wird niemals aufgelöst. Die moralische Integrität, der moralische Furor des Arztes, der jedem die Wahrheit aufdrückt und damit alle Katastrophen erst auslöst (die sonst vielleicht geschmort hätten) stellt die Lebbarkeit und Liebe-Verträglichkeit der Moral in Frage.

Zugleich aber auch von Chechows Seite eine ebenso schonungslose Diagnose über die besitzende Klasse und ihr entleertes Parasitendasein. Da gibt es wohl familiäre Kostgänger in jedem Haus (so Onkel Schabelskij), aber die werden so kurz gehalten, daß sie sich zu Tode langweilen, und zugleich gedemütigt. Family values hier mal in bitter. Da gibt es den Geiz der Reichen Sinaida, die alle beherrscht, auch ihren Mann. Dann Borkin, den Gutsverwalter, der ständig Ideen hätte, wie man das fehlende Geld beischaffen könnte, aber es sind alles Luftnummern, auch seine Pläne, Onkel mit einer Kaufmannswitwe zu verheiraten die gerne Gräfin wäre und reich ist. Nix wird jemals draus, obwohl das schon der kommende Kapitalismus ist, der alles  zu Geld macht.

Die jüdische Frau Anna ist rein die Liebe, und will Güte um sich. Nur sie entdeckt, daß der Onkel sich nach dem Grab seiner Frau sehnt. Hinter seiner Misanthropie liegen Treue und Trauer.

Es gibt bei all diesen Personen viel moralische Integrität im Sinne einer Sensibilität für die eigenen Unfähigkeiten, die durch die Orthodoxie gezüchtet ist. Das ist es, was dies lesenswert macht. Und auch, welchen Schaden der radikale Moralismus anrichtet.

Hinzu kommt: das Gut ist abgewirtschaftet und steht vor dem Ruin. Das ist eine Zeitdiagnose, die die Revolution willkommen hieß. Saschas Papa gibt Geld und will retten, will die neue Ehe, wenn erstmal Anna aus dem Weg sein wird. Wird aber nix draus.

Im Schlußmonolog scheint es, als ob Ivanov daran zugrunde gegangen wäre, daß er selbst seine Ziele nicht erreichte und sah, wie seine Frau ein Opfer brachte, das ihr zu hoch wurde, Verlust der Eltern. Und an dieser Spiegelung seines Scheiterns hörte seine Liebe auf. Er diagnostiziert seine Eigenliebe als Grundproblem wie der beste Orthodoxe. Am Ende versetzt des Arztes Bestätigung seiner moralischen Scheußlichkeit ihm den Todesstoß, denn er leidet eben daran ja selbst, – was der Arzt nicht sehen kann, da er nur seine sterbende Patientin sieht. Ivanov appelliert an die Selbstkritik des Arztes, die seine Selbstüberzeugtheit lindern könnte, aber beißt auf Felsen.

Und dann beschuldigt der Arzt Ivanov auch noch, ihm den Glauben an die Menschen geraubt zu haben. Und verrät er Anna, daß Sascha, die neue Liebe Ivanovs, im Haus war und versetzt ihr mit der von ihm stipulierten Wahrheit den Todesstoß, nimmt ihr die Liebe, ihr kostbarstes Gut. Und sie verletzt in ihrer Verletztheit wiederum  Ivanov so sehr (als treulosen Ehemann), daß er ihr verrät, was der Arzt ihr stets rücksichtsvoll vorenthielt: daß sie bald sterben wird. Neue Schuld.

Am Ende ist Anna tot und die Hochzeit Ivanov-Sascha ist anberaumt, aber der Arzt mit seiner Wahrheits-Sucht ruiniert alles, weil er es nicht ertragen kann, seine Sicht (daß Ivanov Anna mit umgebracht hat)  bestätigt zu sehen, und weil er dem Bösen das Handwerk legen will. Allerdings auch der Kostgänger bei Lebedevs hält Ivanov für einen Betrüger. Und Sascha selbst hat nach alledem keine Liebe mehr übrig. Die Gerüchte sind zu mächtig, und er benimmt sich so schräg. Sie will ihn aber unbedingt weiterhin  retten. Aber dann will Ivanov plötzlich nicht, weil er sich alt fühlt. Und zu stolz, sich retten und von anderen verdammen zu lassen. Und am Ende diagnostiziert auch er in Saschas Opferbereitschaft den Egoismus des Rettenwollens. Und Lvov hat allen Briefe geschrieben

-da erschießt sich Ivanov.

Also: Edelmut, Sensibilität, Schuldgefühle – die ganze moralische Kultur, die die Orthodoxie hat wachsen lassen, geht hier in Trümmer, sobald als Katalysator ein Moralist dazukommt. Oder vielleicht ist er nur der Auslöser.

Wir sehen hier, was vom Christentum bleibt, wenn man die Kirche rausnimmt und keiner mehr Gott erfahren kann. Dann fällt die Blütenwelt in sich zusammen.

 OR. JG-

Drei Schwestern

Schwer to make head or toes from it. Die Schwestern gehören zur alten Welt der Vornehmheit, des Edelmuts. Olga kann Grobheit nicht ertragen. Alle drei sagen nichts, als Bruder Andrej das gemeinsame Haus verspielt. Mascha ist mit einem Lehrer verheiratet, den sie nicht mehr achtet, und betrügt ihn mit einem Offizier – bis der weg muß. Dieser hat auch eine Frau, die sich laufend umbringt, um ihn zu erpressen, und 2 Töchter, aus erster Ehe, denen es nicht gut geht. Brr.

Andrej heiratet eine Natascha aus schlechterer Familie, die die alte Kinderfrau als unnütze Esserin rausgraulen will. Repräsentiert das kalte Herz der Besitzenden. Olga nimmt diese Anfisa zu sich ins Direktricenwohnung, weil sie inzwischen Leiterin der Schule wurde. Natascha hat auch ein Verhältnis mit dem chef ihres Mannes, was alle wissen.

Irina gibt endlich Baron Tussmann nach, der ein Leben der Arbeit will und darum den Militärdienst quittiert, die beiden wollen arbeiten, um dem Leben einen Sinn zu geben. Auch Olga sieht im Lehren einen Sinn: später werden die Schüler mehr Kultur in diese Provinz bringen. Es ist hart, aber die Zukünftigen werden ein paar gute Worte für ihr Opfer haben. Irina aber wird auch von einem bösen Leutnant geliebt, der ihren Bräutigam im Duell tötet. Sie will dann alleine wegfahren zum Lehren. Im Haus regiert nun Natascha.

Die ganze Zeit steht die Sehnsucht nach der Heimat Moskau und seiner Kultur den Schwestern und Bruder vor Augen. Er wollte Professor werden, alles stützten das. Aber da wird nie was draus. Die Garnison zieht ab, von jetzt an nur noch Langeweile.

Neben dem Blütentraum Moskau, der nur Illusion ist, der Hinblick auf die bessere Zukunft – oder wird sich alles immer gleichbleiben? Entweder man arbeitet, oder man verkommt im Trunk.

Bißchen arg Lebenssinn fokussed

Der Kirschgarten 1903

Abschiede. Das Gut mit dem Kirschgarten wird versteigert werden. Der Kaufmann bietet Hilfe dabei, das Land samt Kirschgarten zu verpachten für Ferienvillen. Das würde alle Probleme lösen. Aber unvorstellbar für jene, deren Leben an diesen Kirschbäumen hängt. Diese ganze alte Klasse ist korrupt, liebenswert, lebensuntüchtig, dabei menschliche und barmherzig. Die neue Klasse ist nichts dergleichen. Dann gibt es noch den Studenten mit seinem humanistischen Fortschrittstraum, den Vorläufer des Kommunismus, und wieder die junge Adelige, die das aus Liebe und Idealismus mitmacht.

Ich kann nicht glauben, daß die Russische Gesellschaft so verrottet war. Aber alle besseren Geister haben das so empfunden. Die neue Humanität, die aus dem Westen als Aufklärung herüberschwappte, ließ kein gutes Haar mehr an der guten alten Zeit. Schrecklich.

Das Ur-Übel ist die Unmoralität der Gutsbesitzerin, die in einem metaphysischen Sinn das Unheil anzog. Chechov parasitiert von diesem korrekten Schuldgefühl und Sündenstrafenbewußtsein.

Aber auch macht er alles schlecht. Die brave fromme Varja geht doch nicht ins Kloster, hätte zu gern den Kaufmann geheiratet, der irgendwie nicht den Rang dazu kriegt. Der hängt noch im Bauernstand, der jetzt über die einstigen Sklavenhalter gesiegt hat. Und warum heiratet er nicht? Er ist menschlich unfit – wie alle anderen. Nur er ist ökonomisch fit.

Seine Vision ist: Feriengäste die die Villen mieten und am Ende in ihren Gärten Gemüse pflanzen. Eigentlich sehr vernünftig bäuerlich gedacht. Wenn er nur nicht so unfähig zum Heiraten wäre. Andererseits Trophimof, der ewige Student und Prophet einer anderen Welt, – er schleppt Anja ab, und die beiden werden wohl Schiffbruch erleiden.

Wirklich schlimm wird die Ranjevskaja dargestellt, die total schwache, sentimentale, unverantwortliche Gutsbesitzerin. Die ist ein Dämon, die macht alles kaputt – und alle huldigen ihr, weil das sich so gehört.

Info

Erscheinungsjahr 1903 u.a.
Seiten 300

Kommentare

Kommentar Tschechow, Anton – Dramen.

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