Grundsätze zur Sexualität in der Orthodoxen Kirche -

von Dr. Bradley Nassif, Professor für biblische und theologische Studien an der North Park Universität in Chicago

Mit Genehmigung des Autors geben wir hier in deutscher Übersetzung Auszüge seines auf OrthoChristian.com erschienenen Artikels wieder. Übersetzung: P. Bradley



Dr. Bradley Nassif
Dr. Bradley Nassif

G. K. Chesterton sagte einmal, man solle keine Zäune einreißen, wenn man nicht weiß, wozu sie aufgestellt wurden. In diesem Artikel werde ich versuchen, einige der wichtigsten Gründe zu nennen, warum die Kirche gleichsam einen Zaun um ihre Lehre über Natur und Bestimmung menschlicher Sexualität errichtet hat. Diese Lehre selbst findet sich in einer „Erklärung über Ehe und Sexualität“ durch den Verband der Kanonischen Orthodoxen Bischöfe der Vereinigten Staaten zusammengefasst. Danach hat die christlich-orthodoxe Lehre über Ehe und Sexualität ihr festes Fundament in der Heiligen Schrift, zwei Jahrtausenden kirchlicher Tradition und im kanonischen Recht. Sie besagt, dass das Mysterium der Ehe aus der Vereinigung eines Mannes und einer Frau besteht und dass eine authentische Ehe die geheiligte Einheit wiederspiegelt, die zwischen Christus und Seiner Braut, der Kirche, besteht[i].

Leider habe ich in diesem Artikel, der sich mit den theologischen Grundlagen menschlicher Sexualität auseinandersetzt, nicht genügend Platz, um die damit verbundenen pastoralen Aspekte zu beschreiben. Dennoch möchte ich zu Liebe und Respekt denen gegenüber anregen, die mit meiner hier vorgestellten Analyse nicht übereinstimmen. Offen gesagt ist die heutige Kirche nicht besonders gut darin, Zielvorstellungen zu artikulieren oder sie mit pastoraler Fürsorge auf der Gemeindeebene zu verbinden. Um diesen Dienst voranzubringen, müssen Klerus und Laien zunächst die Normen des orthodoxen Glaubens verstehen, und dazu gehören auch die Gründe für diesen Glauben der Kirche.

Grundsätze zum Verständnis der menschlichen Sexualität

… Die Methoden, nach denen moralische Entscheidungen getroffen werden, haben Einfluss auf die Fragen, die gestellt werden und auf die Weisen, in denen man die christliche Tradition liest und interpretiert. Ein moralisches Urteil, das sich auf die Offenbarung Gottes in Christus stützt, sieht ganz anders aus als eines, das sich stattdessen an menschlicher Kultur orientiert. Die Normen, die für ein orthodoxes Verständnis der menschlichen Sexualität gelten, beruhen auf einem Mosaik biblischer, patristischer, liturgischer, kanonischer und ikonographischer Quellen. Letztlich hält die Orthodoxie die Schrift für das entscheidende Wort Gottes. Sie weiß aber auch, dass die Lehren der Kirchenväter hierzu die verlässlichste Auslegung bieten, auch wenn jeder von ihnen irren kann und es auch zuweilen tut.

Untersucht man die Heilige Schrift, so findet man trotz gegenteiliger Behauptungen weder im Alten noch im Neuen Testament irgendwelche Belege dafür, dass homosexuelle Handlungen ein Ausdruck göttlicher Liebe oder ein Mittel zur Vergöttlichung sein können. Im Gegenteil, viele biblischen Texte verbieten die Ausübung von Homosexualität und verurteilen sie moralisch:

  • „Und mit einem Mann sollst du nicht den Beischlaf einer Frau üben; es ist ja eine Scheußlichkeit.” (Lev 18,22)[ii]
  • “Ihre Frauen ersetzten die natürlichen Beziehungen durch unnatürliche, und ebenso gaben die Männer ihre natürlichen Beziehungen zu Frauen auf und wurden von der Leidenschaft zueinander verzehrt.” (Röm 1, 26-27)
  • 1 Kor 6, 9-10 sagt, dass zu denen, die das Königtum erben werden, weder “Ehebrecher noch sexuell Perverse” gehören.
  • In 1 Tim 1, 8-11 erklärt Paulus, dass das Mosaische Gesetz unter Anderem gegen “unmoralische Personen” und “Sodomiten” erlassen wurde.
  • “Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte … handelten unmoralisch und schwelgten in unnatürlicher Begierde” (Judas 7).

In den letzten Jahren wurde beträchtlicher Aufwand betrieben, um die offensichtliche Bedeutung dieser Texte in eine “schwule Lesart” der Schrift umzudeuten. Viel davon wurde jedoch von biblischen Gelehrten als Hineininterpretation verworfen, selbst von denen, die sich für eine Anerkennung der Homosexualität einsetzen. So gibt der bekannte römisch-katholische Gelehrte Luke Timothy Johnson offen zu:

Ich habe wenig Geduld mit Versuchen, die Schrift durch Appelle an linguistische oder kulturelle Feinheiten dazu zu bringen, etwas anderes zu sagen, als was sie sagt. Die exegetische Situation ist klar: Wir wissen, was der Text sagt… [Dennoch] müssen wir unsere Gründe angeben, weshalb wir uns gegen die klaren Aussagen der Schrift stellen … und uns lieber auf andere Autoritäten berufen, wenn wir gleichgeschlechtliche Verbindungen als heilig und gut anerkennen. Und was genau ist jene Autorität? Wir berufen uns explizit auf das Gewicht unserer eigenen Erfahrung und auf die Erfahrung, welche Tausende anderer bezeugten. Diese Erfahrung lehrt uns, dass sexuelle Orientierung als anerkennenswert einzufordern im Grunde bedeutet, uns anzunehmen, so wie Gott uns geschaffen hat.[iii]

Johnsons Ersetzung biblischer Autorität durch die Autorität einer eigenen persönlichen “Erfahrung” und der anderer Gleichgesinnter stellt ein mutiges und ehrliches Eingeständnis dar. Während die Orthodoxie das Zeugnis menschlicher Erfahrung als eines von mehreren Zeichen für den göttlichen Willen ansieht, kann sie nicht wie Johnson diese Erfahrung als einzige Quelle für die christliche Lehre ansehen. Es gäbe ja sonst ebenso viele Wahrheiten, wie es Erfahrungen gibt. Johnson hat recht, wenn er die biblische Lehre über die praktizierte Homosexualität anerkennt, obwohl er selbst mit dieser Lehre nicht übereinstimmt…Alle homosexuellen Handlungen sind sündhaft, da sie keinen zeugungsfähigen Wert haben (Gen 1, 28), sie stellen sich gegen den in der Natur sichtbaren anatomischen und zeugungs-bezogenen Beleg für die Zugeordnetheit von Mann und Frau aufeinander (Röm 1, 26-27), sie verletzen das “Abbild Gottes” in denen, die sie ausüben und in anderen (Gen 1, 27), und sie sind eine bloße Parodie der “Ein-Fleisch”-Vereinigung (Gen 2, 24; Mt 19, 5; Eph 5, 21). Damit ist nicht gesagt, dass bereits eine homosexuelle “Orientierung” ein Akt der Sünde sei, auch wenn sie ein Symptom menschlicher Gefallenheit darstellt, ebenso wie all jene anderen fleischlichen Leidenschaften, die alle Menschen peinigen (Gal 5, 19-21)[iv].

Unabhängig von menschlichen Erfahrungen als Autorität für den christlichen Glauben gilt es aber auch, die Bedeutung wissenschaftlicher Forschungen zu überprüfen, die unser Verständnis von Homosexualität gefördert haben. Viele von denjenigen, die sich für oder gegen sexuelle Vielfalt aussprechen, bekämpfen Feuer mit Feuer, indem sie eine wissenschaftliche Studie gegen eine andere Studie ausspielen, obwohl sich das, was als wissenschaftliches Dogma angesehen wird, ständig ändert. Ein Argument beruft sich auf Quantität als Geltungsgrund, indem es behauptet, dass die Zahl der Homosexuellen etwa 10% der Weltbevölkerung ausmacht. Ein Gegenargument weist darauf hin, dass die besten Studien nur einen Satz von etwa 2-3% homosexuell Orientierter nahelegen. Zahlenmäßige Argumente auf beiden Seiten sind jedoch weitgehend irrelevant. Ob etwas verbreitet oder selten ist, muss getrennt davon betrachtet werden, ob es richtig oder falsch ist. Manche Sünden sind verbreitet, wie Stolz, wohingegen andere selten sind, wie Kannibalismus.

Was sollen wir von der Homosexualität als psychischer Störung halten? Vor vierzig Jahren erklärten Organisationen für psychische Gesundheit, Homosexualität stelle keine psychische Störung mehr dar. Heute bezeichnen einige die Homosexualität als einen Ausdruck sexueller Vielfalt. Aber ob etwas als psychische Störung definiert wird oder nicht, hat wenig damit zu tun, ob es eine sündhafte Handlung ist oder nicht. Viele psychische Störungen, wie z.B. die Schizophrenie, sind an sich nicht sündhaft; andererseits werden viele sündhafte Verhaltensweisen, wie Gier, nicht als psychische Störung angesehen.

Ein weiterer Rechtfertigungsversuch für Homosexualität beruft sich auf bio-chemische Ursachen sexueller Anziehung und deren Wirkung auf die Unfähigkeit, Gefühle und Orientierung von Homosexuellen zu ändern. Sind aber biologische Ursachen gültige Argumente, um gegen die moralische Ablehnung gleichgeschlechtlicher Präferenzen zu argumentieren? Der wissenschaftliche Beweis ist umstritten. Wir wissen letztlich nicht, weshalb manche Menschen eine gleichgeschlechtliche Anziehung verspüren oder homosexuell orientiert sind. Die Einflussfaktoren können von Person zu Person verschieden sein. Ebenso umstritten ist auch die Möglichkeit, die Anziehung und Orientierung von homosexuell auf heterosexuell umzustellen.

Aber ganz unabhängig vom Ausgang solcher Debatten über Natur und Umwelt ändern die Ursachen gleichgeschlechtlicher Anziehung nichts an der Sexualethik des Christentums. Ein homosexuell geneigter Mann beispielsweise soll darum kämpfen, seine Anziehung zu einem anderen Mann zu überwinden, genauso wie ein heterosexueller Mann seine Lust auf eine [nicht mit ihm verheiratete, Anm. d. Übers.] Frau zügeln muss. Anziehung rechtfertigt nicht Ausübung. Alle, die Christus nachfolgen, müssen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, danach streben, der Morallehre der Schrift treu zu sein, und diese Lehre beruft uns dazu, so zu leben, wie Gott es als gut offenbart hat. Wir sollten uns mehr auf unser Verhalten konzentrieren als auf unsere Neigung oder Orientierung. In der Orthodoxen Spiritualität ist es eben dieser Kampf mit dem gefallenen Menschsein, der uns zur Vergöttlichung führt.

Ein Blick auf Statistiken und medizinische Wissenschaft kann aus pastoraler Sicht bedeutsam sein, um Christen dabei zu helfen, sich selbst und andere in deren Kämpfen um innere Reinheit zu verstehen. Aber diese Quellen haben kaum Bedeutung für Fragen darüber, ob etwas richtig oder falsch ist. Der christliche Glaube sollte sicherlich von der Wissenschaft lernen und sie weise in der pastoralen Fürsorge einsetzen. Dennoch ist der Glaube nicht auf medizinische Evidenz gegründet, sondern auf die höchste Offenbarung Gottes in Jesus Christus, der wir uns nun zuwenden.

Ein christologisches Verständnis des Person-Seins

Christus

Der Ausgangspunkt für ein christliches Verständnis von Sexualität und der Natur der menschlichen Person ist derselbe Ausgangspunkt wie für viele andere Fragen in der Orthodoxen Theologie, nämlich die Fleischwerdung des Wortes (Joh 1,14). Die Fleischwerdung ist das grundlegende Dogma aller Theologie. …

Die Offenbarung des verherrlichten, österlichen Menschseins des Herrn, und nicht des “alten Adam” von Gen 1-2, macht die Person des Christus, den “neuen Adam”, zum Mittelpunkt der kirchlichen Erklärungen über die menschliche Natur, weil Jesus die Erfüllung des schöpferischen Plans Gottes ist. Der alte Adam von Gen 1-2 war “ein Typus von Ihm [Christus], der kommen sollte” (Röm 5,14). Adam war ein geringerer Schatten des größeren Antitypus, der im menschlichen Sohn Gottes erfüllt wurde. Die Fleischwerdung stellt daher die Grundlage zum Verständnis dessen bereit, was es bedeutet, Mensch zu sein. Diese Grundlage beinhaltet die folgenden Grundsätze:

  • (a) die geschaffene Menschlichkeit (Körperlichkeit) ist gut;
  • (b) die menschliche Natur enthält Materielles und Immaterielles, wobei beides geheiligt werden kann;
  • (c) ….die körperlichen, männlichen Eigenschaften des österlichen Menschseins Christi blieben seinen Jüngern erkennbar. Geschlechtliche Identität ist ein wesentlicher Teil der Persönlichkeit Jesu, und die Persönlichkeit bleibt in der Auferstehung erhalten;
  • (d) menschliche Wesen sind theozentrische Geschöpfe.  Wir können nicht ganz Mensch sein, außer in der Vereinigung mit Gott. …

Daher ist die christologische Anthropologie teleologisch. …

Im Bild Gottes

Wir wollen den Menschen machen nach unserem Bild und nach (der) Ähnlichkeit… männlich und weiblich machte er sie (Gen 1:26-27).

In welchem Sinn steht “das Bild Gottes” in Beziehung zum Person-Sein und zur menschlichen Sexualität? Aus exegetischer Sicht scheint “im Bild Gottes” geschaffen zu sein zwei Gedanken zu verknüpfen: dass Menschen “repräsentative Agenten” Gottes im Verwalten seiner Welt sind, und dass ….  menschliche Sexualität unsere Natur als [in entferntem Sinne, Anm. des Übersetzers] ähnlich Gemeinschafts-bezogen ausweist, wie dies für die Heilige Dreiheit gilt. Für uns Menschen bedeutet dies: Wir begehren, uns selbst anderen hinzugeben und sie zu empfangen.

…Dabei sind sich die meisten griechischen Väter darin einig, die Begriffe “Bild“ und „Ähnlichkeit” auf verschiedene Aspekte der menschlichen Person zu beziehen: “Bild” wird auf die Seelenkräfte (wie z.B. den Intellekt) bezogen, und “Ähnlichkeit” auf das christologische Ziel der Vergöttlichung, dem wir uns allmählich durch unsere [unter anderem, Anm. des Übers.] moralischen Entscheidungen annähern. Das geschaffene Bild entsprach dem ungeschaffenen Sohn, der in seiner Menschwerdung das “Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene jeder Schöpfung” (Kol 1,15) ist .

Als  der Handelnde bei der Schöpfung (Joh 1, 3-4) formte der Sohn “den Menschen als Aufwurf von der Erde und blies in sein Angesicht Lebensatem” (Gen 2,7). Der Mensch ist darum wesensmäßig beseelter Leib und verleiblichte Seele. Seine persönliche Identität umfasst diese Verbindung. Der Leib ist der sichtbare, objektive Ausdruck des Lebens der Seele. Was dem Leib widerfährt, geschieht auch der Seele, und was der Seele widerfährt, geschieht auch dem Leib. Die Summe der menschlichen Erfahrung – eingeschlossen nicht nur die sexuelle Erfahrung, sondern auch Essen, Trinken, Freude, Trauer, Krankheit, Gesundheit und Tod – ist nicht nur Sache des Leibes. Vielmehr sind diese Erfahrungen die eines menschlichen Subjekts und daher auch der menschlichen Seele. Diese Verbundenheit von Leib und Seele leitet uns während unseres ganzen gegenwärtigen Lebens dazu an, in der Sexualität nach Ganzheit und Heil für uns selbst und für unseren Sexualpartner zu streben. … Der Bußkanon des Heiligen Andreas von Kreta bezeugt die heiligende Wirkung ehelicher Treue in der 9. Ode:

Ehemänner und Ehefrauen müssen einander treu sein, denn Christus hat sie durch seine Gegenwart bei der Hochzeit in Kana gesegnet … damit auch du, meine Seele, ebenso verwandelt werden mögest.

Unverheiratete und Mönche

So wie verheiratete Menschen dazu aufgerufen sind, die eheliche Treue zu bewahren, so sind ledige Menschen zur Enthaltsamkeit aufgerufen. Unverheiratete (oder auch geweihte Mönche) sind Personen mit geschlechtlicher Identität, die ihre Leiblichkeit ohne sexuelle Betätigung leben. Sie können jedoch Liebesbeziehungen in voller Reinheit im Rahmen von Freundschaften und familiären Beziehungen aufrechterhalten. Der Unverheiratete muss lernen, seine sexuelle Begierde umzulenken, anstatt sie zu unterdrücken. Die totale Enthaltung außerhalb der Ehe ist nicht leicht durchzuhalten, aber genau dies ist gefordert (1 Kor 6,12-20).

Mönche beim Gebet

Darum bedarf es der Unterstützung einer wohlwollenden Familie, Gemeinde oder monastischen Gemeinschaft, um die Herausforderungen, die ein Unverheirateter zu meistern hat, anzuerkennen und sie in ihrer Disziplin der Treue zu Christus an der Seite verheirateter Menschen zu unterstützen. … Diejenigen, die unverheiratet bleiben, helfen der Kirche dabei, Zeugnis dafür abzulegen, dass die Ausübung von Sexualität keine biologische Notwendigkeit ist, sondern dass ihr widerstanden werden kann und soll. Die Wüstenväter und -mütter erinnern uns ständig daran, dass unsere tiefsten menschlichen Sehnsüchte nur in Gott ihre Befriedigung finden können, nicht durch ein anderes menschliches Wesen.[v]

Das eheliche Mysterium: “Die zwei werden zu einem Fleisch”

Gott bestimmte sexuelle Handlungen für die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. Gen 1,27 wird in Gen 2,18 näher ausgeführt, wo Gott sagt: “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Wir wollen ihm einen Beistand machen, der ihm entspricht.” Genesis wendet dann das Beispiel von Adam und Eva auf alle Ehen an: “Deswegen wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen und die zwei werden zu einem Fleisch.” (Gen 2,24). Das “ein Fleisch” stellt das Muster dar für die sexuelle Vereinigung in der Ehe. Es ist nicht ein anderer Mann, sondern eine Frau, die das sexuelle Gegenüber des Mannes ist. In Mt 19,4-6 (und Mk 10,68) bekräftigt Jesus Gen 1,27 und 2,24 als das normative Muster, von dem Gott wünscht, dass alle Ehen ihm folgen:

Er antwortete und sprach zu ihnen:

Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an männlich und weiblich schuf und sprach: ‘Deswegen wird ein Mensch seinen Vater und <seine> Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden zu einem Fleisch’; demnach sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch? Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen.

Der unausgesprochen enthaltene Geschlechtsverkehr in Matthäus und Genesis ist klar auf die Beziehung zwischen einem Mann und seiner Frau festgelegt.

Eine gleichgeschlechtliche Verbindung ist unheilig hinsichtlich ihrer grundlegenden Struktur. Eine heilige sexuelle Bindung benötigt zwei und nur zwei unterschiedliche sexuelle Hälften (“ein Mann” und “seine Frau”), die zu einem sexuellen Ganzen zusammengebracht werden (“ein Fleisch”).[vi] …. Männlichkeit und Weiblichkeit sind adjektivisch, sie bezeichnen Weisen unserer Menschlichkeit. Also gibt es nur zwei Wege, um ganz Mensch zu sein: entweder als Mann oder als Frau. Jede andere Form ist ein Symptom der Verzerrung der menschlichen Natur, die als Ergebnis des Sündenfalls in die Welt kam. Zu dieser Verzerrung gehören dann auch die Fehlformen menschlicher Sexualität: Ehebruch (Ex 20,14; Mt 19,18), Unzucht (1.Kor 6,15-18), Homosexualität (Lev 18,22; Röm 1,26-27), Inzest (Lev 20,11-21), Zoophilie (Lev 18,23; 20,15-16) und die fehlgerichtete Begierde (Mt 5,28).[vii]

Paar am Strand

Orthodoxe Christen erkennen die “Ein-Fleisch”-Verbindung als ein tiefes Mysterium, welches die Liebe zwischen Christus und der Kirche abbildet (Eph 5,31-32)…. Der heilige Johannes Chrysostomos zeigt auf, wie diese eheliche Verbindung überdies selbst einen kirchlichen Charakter annimmt, die das christliche Heim zu “einer kleinen Kirche” macht.[viii]… Die weibliche Symbolik der Brautbeziehung der Kirche zu Christus, dem männlichen Bräutigam, wird in Epheser 5 verwendet, um das Mysterium der Errettung zu bekunden, wenn Paulus den Genesis-Text “die zwei werden ein Fleisch sein” zitiert. “Dieses Mysterium ist ein tiefes”, sagt Paulus, “und ich sage, dass es sich auf Christus und die Kirche bezieht” (Eph 5,29-32). Es gibt also eine soteriologische, ikonische Dimension der Ehe und menschlichen Sexualität, die im Lichte von Gottes Selbstoffenbarung in Christus (dem männlichen Bräutigam) und der Kirche (seiner weiblichen Braut) zu verstehen ist. Wie früher bemerkt, liegt das letztliche Ziel des menschlichen Umgangs mit seiner Sexualität, ob als ausgelebte in der Ehe oder als zurückgehaltene im Zölibat, im Hineinwachsen in die Theosis.

Fazit

In diesem Artikel hoffe ich, einen getreuen Bericht der Normen der orthodoxen Sexualethik gegeben und eine Reihe grundlegender Aspekte in der Vision der Kirche über menschliche Sexualität geklärt zu haben. Diese Aspekte bilden den Zaun der Kirche, welcher jene Vision umgibt. Der Zweck des Zaunes ist es nicht, diejenigen zu beschämen oder zu blamieren, die ihn missachten oder danach trachten ihn abzureißen; der Zaun ist vielmehr dazu da, um klar zu beschreiben, wo die Grenzen liegen, innerhalb derer der Weg zur Heiligkeit führen kann. Dieser Zaun bietet den Kontext, in dem der heilige Zweck der Sexualität durch die christliche Gemeinschaft bekräftigt und erfüllt werden kann, und auch durch alle anderen, die es wünschen mögen, in die himmlischen Pforten der heilenden Gnade Christi einzutreten.


[i]           “2013 Assembly Statement on Marriage and Sexuality”  http:// assemblyofbishops. org/about/ documents/2013assembly-statementon-marriage-andsexuality. Eine lange Liste von Büchern und Artikeln, welche die Ehe, Sexualität und das Geschlecht in der Orthodoxen Tradition bis 1998 untersuchen, gibt es in John Beck, The Sacred Gift of Life: Orthodox Christianity and Bioethics (Crestwood, NY: SVS Press, 1998), 60, n. 3.

[ii]             Die Mosaischen Gesetze, welche das menschliche sexuelle Verhalten betreffen, sind nicht auf derselben Ebene anzusiedeln wie die Gesetze über rituelle Unreinheit, Beschneidung oder Ernährung. Wie das Verbot des Inzests (Lev 18, 6 – 18) geht das Verbot homoerotischer Handlungen jedes Zeitalter an.

[iii]         Luke Timothy Johnson, “Homosexuality & the Church: Scripture & Experience,” Commonweal, June 11, 2007, https://www.commonwealmagazine.org/homosexuality-church-0.

[iv]         Die Unterscheidung zwischen homosexuellen “Handlungen” und “Orientierung” ist eine hilfreiche moderne Art, die der Betonung der biblischen Tradition auf bewusstes Verhalten fremd ist.

[v]          Eine allgemeinverständliche Einführung in die Tradition der Wüstenväter für Kirchengemeinden oder beginnende Theologiestudenten wird in Bradley Nassif, Bringing Jesus to the Desert (Grand Rapids: Zondervan, 2012) gegeben.

[vi]         In Titus 1,6 und in Tim 3,2 und 12 verlangt Paulus explizit eine monogame heterosexuelle Ehe für diejenigen, welche eine Führungsposition in der Kirche als Aufseher, Priester oder Diakone anstreben.

[vii]        Zu den kirchlichen Kanones, die Strafe und Wiedergutmachung für Ehebruch, Homosexualität oder das Betrachten unzüchtiger Bilder vorsehen, gehören u.a. der Apostolische Kanon 61, Kanon 20 des Konzils von Ancyra, Kanon 8 der Synode von Neocäserea, Kanon 7 des Heiligen Basilius (Erster kanonischer Brief), Kanones 58 und 62 (Dritter kanonischer Brief) und Kanon 100 des Konzils von Trullo.

[viii]       Johannes Chrysostomos, Homilien über Galater und Epheser 20, In Bd. 13 von The Nicene and Post-Nicene Fathers, Series 1, ed. Philip Schaff (Buffalo: Christian Literature Publishing Co., 1889).